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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Migration und Integration

Soziale Integration



Regelmäßige Kontakte zwischen Migranten und Einheimischen gehören inzwischen auch im privaten Bereich zur alltäglichen Normalität. Viele Migrantinnen und Migranten, insbesondere unter den Jüngeren, zählen auch Einheimische zu ihren drei engsten Freunden. Bei türkischen und griechischen Migranten ist der Anteil derjenigen, die enge Freundschaften ausschließlich zu Angehörigen der eigenen ethnischen Gruppe pflegen, besonders hoch.

Im Heiratsverhalten gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern und unterschiedlichen Herkunftskulturen. Am häufigsten sind Italiener mit einheimischen deutschen Frauen verheiratet (34 Prozent). Bei den Frauen ist der Anteil derjenigen, die sich für einen einheimischen deutschen Ehemann entschieden haben, unter den Polinnen am größten (29 Prozent). Von den Türkinnen haben lediglich 3 Prozent einen einheimischen Deutschen als Ehepartner.

In der breiten Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung hat die Akzeptanz der Migranten seit den 1980er-Jahren über zwei Jahrzehnte langsam, aber nahezu kontinuierlich zugenommen. Nach dem Integrationsbarometer des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) gaben 2010 gut zwei Drittel der Migrantinnen und Migranten an, keinerlei Benachteiligungen in Schule und Ausbildung, bei der Arbeitssuche und am Arbeitsplatz sowie bei Behörden und Ämtern erfahren zu haben; mehr als drei Viertel berichten dasselbe über ihre Nachbarschaft. Von sehr starken oder eher starken Diskriminierungen berichten 10 bis 11 Prozent in Hinblick auf die erstgenannten Bereiche und 5 Prozent in Hinblick auf die Nachbarschaft, am häufigsten die Einwanderer aus der Türkei und deren Nachkommen. Fast alle fühlen sich in Deutschland sehr wohl (60 Prozent) oder eher wohl (35 Prozent) – damit übertreffen sie sogar noch geringfügig die Einheimischen (93 Prozent).

Eine Minderheit der Deutschen hat weiterhin deutliche Vorbehalte gegenüber Migrantinnen und Migranten. Nach einer Langzeitstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung ist der Anteil der "Ausländerfeinde" in Westdeutschland zwischen 2002 und 2012 geringfügig von 24 auf 22 Prozent zurückgegangen. In Ostdeutschland ist er allerdings von 30 auf 38 Prozent gestiegen. Besonders drastisch sind die Ost-West-Unterschiede am rechten gewalttätigen Rand. Es kommt nicht von ungefähr, dass der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) in Thüringen entstanden ist und die Mörder als "Zwickauer Terrorzelle" mit einer Heimstatt in Sachsen bekannt geworden sind. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Hälfte der etwa 10.000 gewaltbereiten Rechtsextremisten in den neuen Ländern lebt. Zwischen 2001 und 2008 wurden vom Verfassungsschutz in Deutschland 880 Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund pro Jahr registriert. Pro 100.000 Einwohner liegt die Zahl in Ostdeutschland um das 3,4-Fache über der westdeutschen, pro 100.000 Ausländer sogar um fast das 14-Fache (Glaab/Weidenfeld/Weigl 2010).

Politische Integration



In den 1990er-Jahren beginnt allmählich auch die politische Integration der Migrantinnen und Migranten. Die uneingeschränkten politischen Teilhaberechte – das aktive und passive Wahlrecht – werden nur den Einwanderern mit deutscher Staatsbürgerschaft gewährt. Bei der Bundestagswahl 2013 hatten gut 9 Prozent der Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund. Dazu gehören alle Aussiedler; sie stellen damit die größte Gruppe.

Nach dem Beginn der Gastarbeiterphase dauerte es vier Jahrzehnte, bis 1994 die ersten beiden Abgeordneten aus Einwandererfamilien – Cem Özdemir für Bündnis 90/Die Grünen und Leyla Onur für die SPD – in den Bundestag gewählt wurden. 2013 hatten nach den Recherchen des Mediendienstes Integration 37 Abgeordnete des neu gewählten Bundestages einen Migrationshintergrund, sie stellen 5,9 Prozent aller Parlamentarier. 13 von ihnen gehören der SPD an, jeweils 8 der CDU und den Linken, 7 den Grünen und einer der CSU. Im vorangehenden Bundestag waren die Migrantinnen und Migranten nur mit 21 Abgeordneten (3,4 Prozent) vertreten.

In den Landesparlamenten sieht es deutlich ungünstiger aus: Von den 1825 Abgeordneten der 16 Landesparlamente stammten 2009 lediglich 39 (2,1 Prozent) aus eingewanderten Familien. Auch in den 77 deutschen Großstädten mit mindestens 100.000 Einwohnern, in denen im Durchschnitt circa ein Viertel der Einwohner einen Migrationshintergrund hat, stellten die Migrantinnen und Migranten im Jahr 2011 lediglich 198 von 4670 Ratsmitgliedern (4,2 Prozent); 2006 waren es erst 116. In einigen Städten mit großen Migrantenanteilen wie zum Beispiel Mannheim oder Hagen – Hagen hat den höchsten Migrantenanteil in ganz Nordrhein-Westfalen – sind die Einwanderer bisher nicht im Stadtrat vertreten.

Die zunehmende Zahl der Wählerinnen und Wähler mit Migrationshintergrund sowie die steigenden politischen Aktivitäten der Migranten – insbesondere der zweiten Generation – dürften einen Beitrag dazu geliefert haben, dass sich die politischen Eliten Deutschlands im letzten Jahrzehnt zunehmend der lange Zeit vernachlässigten Integration der Migrantinnen und Migranten geöffnet haben.

Quellentext

Mehr Gelassenheit beim Thema Einwanderung

[…] Deutschland verzeichnet seit vier Jahren eine kontinuierlich und rasch steigende Nettoeinwanderung, wie sie das Land seit zwanzig Jahren nicht erlebt hat. Während noch 2009 mehr Menschen Deutschland verließen als einwanderten, kamen 2010 127.000 mehr Menschen nach Deutschland als abwanderten. 2011 betrug der Einwanderungssaldo bereits 279.000, 2012 369.000, 2013 bereits am Ende des dritten Quartals 343.000. […]
Die Grundhaltung der Bevölkerung zur Einwanderung ist schon seit längerem in Bewegung. Vor zehn Jahren waren noch 42 Prozent der Bürger der Meinung, Deutschland könne keine Einwanderung mehr verkraften. 2010 vertraten noch 28 Prozent diese Auffassung, zurzeit 18 Prozent. Diese Veränderung geht in hohem Maße auf die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes zurück, durch die Einwanderer weniger als Konkurrenten, sondern zunehmend als wichtige Ressource für die deutsche Wirtschaft gesehen werden. Vor zehn Jahren waren noch 59 Prozent überzeugt, dass Deutschland aufgrund der Lage auf dem Arbeitsmarkt keine Einwanderung braucht; das glauben heute nur noch 34 Prozent.
Dagegen setzte sich immer mehr die Einschätzung durch, dass Deutschland aufgrund seiner robusten Konjunktur und auch aufgrund seiner demographischen Entwicklung auf Einwanderer angewiesen ist. 2003 sahen lediglich 16 Prozent in der demographischen Entwicklung ein starkes Argument zugunsten von mehr Einwanderung, heute 40 Prozent. Die Überzeugung, dass Einwanderung notwendig ist, um den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft zu decken, hat im selben Zeitraum von 13 auf 39 Prozent zugenommen. So stabil sich diese Trends entwickelt haben, müssen sie allerdings auch als Warnung interpretiert werden, dass ein längerer Konjunktureinbruch hier zu einer Trendwende führen könnte.
Solange der Arbeitsmarkt in einer guten Verfassung ist, sieht die Mehrheit in Einwanderung kein Problem – vorausgesetzt, dass Struktur und Qualifikation zu dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt passen. 59 Prozent der Bevölkerung vertreten diese Auffassung; gleichzeitig sprechen sich 53 Prozent dafür aus, Maßnahmen gegen Einwanderung in die sozialen Sicherungssysteme zu treffen. Die Mehrheit glaubt, dass viele Einwanderer von dem sozialen Netz angezogen werden. Auch diese Einschätzung ist in den vergangenen Monaten signifikant schwächer geworden: Im Frühjahr 2013 waren davon noch 67 Prozent überzeugt, jetzt 57 Prozent. Die Einschätzung, dass dies eher Ausnahmen sind, hat sich binnen weniger Monate von 14 auf 32 Prozent erhöht.
Die Gründe für die zunehmende Gelassenheit sind neben der Verfassung des Arbeitsmarktes und der intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema persönliche Beobachtungen der Bürger. Die Mehrheit zieht die Bilanz, dass in der eigenen Region nur wenig oder kaum etwas von Einwanderung zu spüren ist. 31 Prozent berichten von einem erheblichen Zuzug; dies sind ähnlich viele wie vor einem Jahr. 23 Prozent haben den Eindruck, dass die Einwanderung in ihrer Region Probleme verursacht hat, vor knapp einem Jahr waren es 26 Prozent. […].
Die zunehmende Gelassenheit in Deutschland spiegelt sich auch in der Bilanz des Zusammenlebens von Deutschen und hier lebenden Ausländern. 45 Prozent ziehen hier eine positive Bilanz, 39 Prozent eine kritische, wobei lediglich 5 Prozent den Eindruck haben, das Zusammenleben funktioniere überhaupt nicht gut. Vor knapp einem Jahr überwogen noch die kritischen Stimmen. Damals bewerteten 43 Prozent das Zusammenleben positiv, 47 Prozent negativ. Die Integrationserfolge hält jedoch die überwältigende Mehrheit für unbefriedigend. Gut zwei Drittel bezweifeln, dass die hier lebenden Ausländer integriert sind, wobei die Gründe oft eher in der unzureichenden Integrationsbereitschaft einzelner Einwanderergruppen als in unzureichenden Integrationsbemühungen des eigenen Landes verortet werden. Gleichzeitig rangieren verstärkte Bemühungen um Integration jedoch in der politischen Agenda der Bürger immer auf den letzten Plätzen. […]

Prof. Dr. Renate Köcher, Institut für Demoskopie Allensbach, "Mehr Gelassenheit beim Thema Zuwanderung", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Februar 2014

Resümee und Perspektiven



Zusammenfassend lässt sich zur Entwicklung von Migration und Integration festhalten: Deutschland ist auf dem schwierigen Weg von einem Gastarbeiterland über ein Zuwanderungsland wider Willen zu einem modernen Einwanderungsland ein erhebliches Stück vorangekommen.

Es ist sicher, dass die Anteile der Menschen mit Migrationshintergrund weiter zunehmen werden. Bereits die jüngere Altersstruktur der hier lebenden Migrantinnen und Migranten macht diese Zunahme vorhersehbar. Hinzu kommen weitere Zusammenhänge der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung: Deutschland ist wegen der niedrigen Geburtenraten, der Alterung seiner Bevölkerung und dem damit zusammenhängenden Schrumpfen seines Arbeitskräftepotenzials aus ökonomischen Gründen auf weitere zusätzliche Einwanderer angewiesen. Die meisten Schätzungen und Berechnungen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten etwa 200.000 weitere Einwanderer pro Jahr erforderlich sind. Die deutsche Politik, aber auch die deutsche Gesellschaft sowie die Migranten und ihre Organisationen stehen also vor der Aufgabe, die Integration der Einwanderer weiter voranzutreiben und den eingeschlagenen Weg zu einer angemessenen Teilhabe der Menschen mit Migrationshintergrund am wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Leben fortzusetzen.