izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern

Arbeitswelt



"Erfolgreich in der Schule – diskriminiert im Beruf" – dieser plakative Titel eines Aufsatzes von Hannelore Faulstich-Wieland und anderen aus dem Jahr 1984 weist mit Nachdruck darauf hin, dass sich bessere Bildungschancen der Frauen nicht angemessen in bessere Berufschancen umsetzen lassen. Auch heute noch sind die Männerprivilegien in der Arbeitswelt erheblich widerstandsfähiger als im Bildungssystem.
Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten in allen entwickelten Gesellschaften immer stärker in den Arbeitsmarkt vorgedrungen. Die Erwerbstätigkeit gehört inzwischen zum Lebensentwurf der modernen Frau. In den alten Bundesländern stieg die Erwerbsquote der Frauen im Alter von 15 bis 65 Jahren von 46 Prozent im Jahr 1970 auf 71 Prozent im Jahr 2012 an. In Ostdeutschland, wo die Berufstätigkeit aller Frauen zu DDR-Zeiten eine Selbstverständlichkeit (und Pflicht) war, liegt sie mit 76 Prozent weiterhin etwas höher. Trotz der Arbeitsmarktkrise hat sie den Stand von 1991 (77 Prozent) fast gehalten.

Der Anstieg der Erwerbsquote ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass verheiratete Frauen und Mütter immer häufiger einer bezahlten Arbeit nachgehen bzw. nach der Familienphase (Kinderbetreuung) wieder in den Beruf zurückkehren. Mütter mit Kindern von über zwölf Jahren arbeiten heute genauso häufig wie kinderlose Frauen. Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West bestehen in der Zahl der absolvierten Wochenstunden. Von den westdeutschen Müttern arbeitete 2010 jeweils ein knappes Viertel Vollzeit bzw. weniger als 15 Stunden pro Woche. Bei den ostdeutschen Müttern dagegen haben mehr als die Hälfte eine Vollzeitstelle, und nur 6 Prozent sind geringfügig beschäftigt. Und auch Teilzeitarbeit verrichten in den neuen Bundesländern viele lediglich der Not gehorchend, weil Vollzeitstellen nicht zur Verfügung stehen.

Obwohl Frauen zunehmend in die bezahlten Arbeitsprozesse einbezogen werden, haben sich in der Arbeitswelt markante Ungleichheiten zu ihrem Nachteil erhalten. Zum einen existieren geschlechtsspezifisch geteilte Arbeitsmärkte, die für Frauen tendenziell schlechtere Arbeitsbedingungen, niedrigere Einkommen, ein niedrigeres Sozialprestige sowie höhere Armuts- und zum Teil auch Arbeitsplatzrisiken mit sich bringen. Zum anderen stoßen Frauen auf erhebliche Hindernisse beim Aufstieg in die höheren Etagen der Berufshierarchien. Diese Benachteiligung der Frauen in der Arbeitswelt soll im Folgenden durch einige ausgewählte Daten dokumentiert werden.

Verdienste von Männern und FrauenVerdienste von Männern und Frauen (© Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2014, S. 384 (Datenquelle: Statistisches Bundesamt))
Der Einkommensabstand (bei Vollerwerbstätigkeit) zu den Männern hat sich zwar im letzten halben Jahrhundert langsam und kontinuierlich verringert, aber auch heute verdienen Männer noch erheblich mehr Geld. Westdeutsche Frauen erzielten 1990 als vollbeschäftigte Angestellte nur 65 Prozent und als Arbeiterinnen 73 Prozent der Bruttoverdienste ihrer männlichen Kollegen. In der DDR sah es für Frauen etwas besser aus; vollbeschäftigte Frauen kamen 1989 auf 76 Prozent der Männerverdienste. Der "Gender Pay Gap", wie die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern heute häufig genannt wird, hat sich in den zwei vergangenen Jahrzehnten in beiden Teilen Deutschlands weiter geschlossen. In Westdeutschland lag er 2011 bei 19 bzw. 20 Prozent, in den neuen Bundesländern ist er im produzierenden Gewerbe mit 16 Prozent etwas kleiner, und im Dienstleistungsbereich verdienen vollzeitbeschäftigte ostdeutsche Frauen hier inzwischen fast dasselbe wie Männer.

Die Lohnungleichheit hat sehr vielfältige Ursachen. Am stärksten schlägt die "indirekte Benachteiligung" durch die Struktur der geschlechtstypischen Aufteilung des Arbeitsmarktes zu Buche. Teile der Differenz sind zurückzuführen auf weniger Überstunden, kürzere Wochenarbeitszeiten, längere Familienpausen, weniger übertarifliche Zulagen (z. B. für Schichtarbeit oder andere Arbeitserschwernisse), Beschäftigung in kleineren Betrieben mit weniger Aufstiegsmöglichkeiten, seltenere Forderungen der Frauen nach mehr Gehalt und stärkere Zurückhaltung beim Auftreten in Gehaltsverhandlungen; in Westdeutschland auch auf weniger Berufsjahre und kürzere Betriebszugehörigkeiten. Wichtig ist auch ein anderer Ursachenkomplex: Frauen sind häufiger in schlechter bezahlten Berufspositionen, Lohngruppen und Branchen tätig. Ab und zu offenbart der Gender Pay Gap skurrile Verwerfungen: So wird die Pflege von Tieren als "Männerberuf" besser bezahlt als die Pflege von Menschen – ein typischer "Frauenberuf".

Auch unter den Selbstständigen ist der Frauenanteil in den drei vergangenen Jahrzehnten gestiegen – zwischen 1991 und 2011 in Westdeutschland von 25 auf 31 Prozent und in Ostdeutschland von 28 auf 33 Prozent. Zugenommen haben insbesondere die Kleinstbetriebe: 2008 arbeiteten zwei Drittel der Frauen ohne Mitarbeiterinnen, waren also Solo-Selbstständige. Die Situation der weiblichen Selbstständigen ist häufiger unsicher, instabil und von kurzer Dauer, unter den "Ich-AGs" sind Frauen überproportional vertreten. Der "Gender Income Gap" ist bei den Selbstständigen mit 35 Prozent deutlich größer als bei den Arbeitnehmerinnen.

Frauen haben es erheblich schwerer als Männer, beruflich Karriere zu machen. Zwar rücken sie inzwischen zunehmend in die höheren Ebenen der Berufswelt vor, dennoch vollzieht sich beim Aufstieg in die leitenden Positionen eine deutliche Auslese nach Geschlecht. Es gilt weiterhin die Regel von der nach oben hin zunehmenden Männerdominanz: je höher die Ebene der beruflichen Hierarchie, umso kleiner der Anteil der Frauen und umso ausgeprägter die Dominanz der Männer. Die Chefetagen der Berufswelt sind inzwischen keine "frauenfreien Zonen" mehr; immer häufiger gelingt Frauen der Aufstieg bis in die Spitzenpositionen. Aber auch heute bilden sie dort nur kleine Minderheiten, wie die folgenden Beispiele aus verschiedenen Bereichen zeigen.

Hochschulen

Frauenanteile in der HochschulhierarchieFrauenanteile in der Hochschulhierarchie (© Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2014, S. 388)
Das Schaubild zum Frauenanteil an den Hochschulen zeigt wichtige Veränderungen zugunsten der Frauen in den beiden letzten Jahrzehnten, macht aber zugleich auch das "Frauensterben" auf dem Weg nach oben drastisch sichtbar. Die deutsche Professorenschaft ist eine männerdominierte Gesellschaft geblieben. Von den Professuren war 2011 nur jede fünfte durch eine Frau besetzt, von denjenigen mit der besten Besoldung und Ausstattung, den C4-Professuren, ist es lediglich gut jede zehnte.

Gesundheitswesen

Auch in den Führungspositionen des "weiblichen Berufsfeldes" Gesundheitswesen dominieren die Männer. 2010 waren mehr als drei Viertel der Studienanfänger für den Arztberuf weiblich, aber die Führungspositionen des Gesundheitssektors – die Lehrstühle und Chefarztsessel – waren 2012 weiterhin zu über 90 Prozent von Männern besetzt.

Medien

In den einflussreichen Massenmedien wiederholt sich dieses Muster. In den Redaktionen des ZDF waren 1999 bereits 42 Prozent Frauen tätig. Die Spitzen der zwölf öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die zusammen die ARD bilden, waren allerdings bis 2002 "frauenfreie Zonen", alle Intendanten waren Männer. 2003 eroberte mit Dagmar Reim erstmals eine Frau eine Intendantenposition beim neu geschaffenen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Von 2007 bis 2013 wurde auch der große Westdeutsche Rundfunk und seit 2011 der Mitteldeutsche Rundfunk von einer Frau geleitet – der WDR von Monika Piel, der MDR von Karola Wille.

Wirtschaft

Auch in den Chefetagen der größten Wirtschaftsunternehmen sind Frauen weiterhin Ausnahmeerscheinungen geblieben. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) waren Anfang 2010 von den Vorständen der größten 200 Unternehmen (ohne Finanzsektor) nur 2,5 Prozent weiblichen Geschlechts, lediglich ein Unternehmen wurde von einer Chefin geführt. In den Aufsichtsräten lag der Frauenanteil bei knapp 10 Prozent. Der Sprung in den Vorsitz eines Aufsichtsrates gelang lediglich zwei Frauen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch in der CDU die umstrittene Frauenquote kein Tabuthema mehr ist: Die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen schlug 2011 eine verbindliche Quote von 30 Prozent für Vorstände und Aufsichtsräte vor. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wurde 2013 vereinbart, dass Aufsichtsräte in voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Unternehmen, die ab 2016 neu besetzt werden, eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent aufweisen müssen.

Die Ursachen für die Schwierigkeiten der Frauen beim beruflichen Aufstieg sind vielschichtig. Das wichtigste Hindernis ist die traditionelle geschlechtstypische Rollenaufteilung in der Familie, die den Frauen die Hauptlast bei der Kindererziehung und privaten Haushaltsführung aufbürdet. Aber auch geschlechtstypische Sozialisationsprozesse sowie Vorurteile gegenüber Frauen in der Arbeitswelt spielen eine Rolle. So beklagten 74 Prozent der westdeutschen und 75 Prozent der ostdeutschen Frauen im Jahr 2010, dass sie mehr leisten müssten als Männer, um akzeptiert zu werden.

Männer beobachten die aufstiegsmotivierte Frau offenbar häufig mit einem besonders kritischen Blick und zweifeln an ihrer Kompetenz, Belastbarkeit und Führungstätigkeit. Dazu kommen unter Umständen noch geschlechtstypische Vorbehalte nach dem Muster "Wenn der Chef mit der Faust auf den Tisch haut, ist er dynamisch; wenn die Chefin mit der Faust auf den Tisch haut, ist sie hysterisch." Da die wichtigen formellen und informellen Netzwerke in den höheren Bereichen der Berufswelt von Männern beherrscht werden und in der Regel Männer über den beruflichen Aufstieg von Frauen entscheiden, können die geschilderten Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Frauen reale Wirkung entfalten.

Mehrere neue Studien belegen, dass die Vorbehalte gegenüber Frauen in Führungspositionen einer empirischen Untersuchung nicht standhalten. Dorothea Assig und Andrea Beck brachten diese Ergebnisse schon 1998 auf die Formel: "Sie bewältigt insgesamt die modernen Management-Anforderungen besser als er." Managerinnen sind demnach nicht nur kommunikativer und integrativer, teambewusster, ehrlicher und offener, sondern auch entscheidungsfreudiger, innovativer, die besseren Planer und wirtschaftlich erfolgreicher. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1996 über 22.000 französische Unternehmen hat gezeigt, dass von Frauen geleitete Betriebe doppelt so schnell wuchsen und doppelt so rentabel waren wie Unternehmen, die von Männern geführt wurden.

In der neueren Forschung sind die skizzierten Thesen allerdings nicht unumstritten. Bei einer Befragung von Führungskräften der deutschen Wirtschaft im Jahr 2010 stimmte jedoch eine klare Mehrheit der Männer (West 75 Prozent, Ost 74 Prozent) und insbesondere der Frauen (West 86 Prozent, Ost 83 Prozent) der Einschätzung zu, dass die Beteiligung von Frauen im gehobenen Management den ökonomischen Erfolg eines Unternehmens erhöht.