izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Facetten der modernen Sozialstruktur

Soziale Lagen



Schichtmodelle berücksichtigen im Wesentlichen "vertikale" Ungleichheiten zwischen oben und unten. Sie sind weitgehend blind für "horizontale" Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, alt und jung, verschiedenen Generationen oder auch Regionen, Verheirateten und Ledigen, Kinderreichen und Kinderlosen. Um die Vielgestaltigkeit und Vieldimensionalität der Ungleichheitsstruktur besser zu erfassen, wurden gegen Ende der 1980er-Jahre Modelle der "sozialen Lagen" entwickelt. Sie berücksichtigen neben den vertikalen zugleich auch horizontale Ungleichheiten.

Die Wohlfahrtsforschung untersucht, wie materielle Ressourcen ("objektive Wohlfahrt") und "Lebenszufriedenheit" ("subjektive Wohlfahrt") über die Bevölkerung verteilt sind und verwendet dazu auch das feine Raster des Lagenmodells. So werden zum Beispiel für ein am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) benutztes Modell neben dem "vertikalen" Kriterium Berufsposition die "horizontalen" Kriterien Geschlecht, Alter (unter/über 60 Jahre) und Region (Ost/West) herangezogen. Aus der Kombination dieser vier Merkmale entstehen 64 Soziallagen, die einen relativ differenzierten Einblick in die Verteilung der materiellen Ressourcen und die Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden der Bevölkerung vermitteln.

So lassen sich etwa Arbeitslose sowie Un- und Angelernte als Problemgruppen mit geringen Ressourcen, niedriger Selbsteinstufung, vielen Sorgen und einem hohen Grad an Unzufriedenheit identifizieren. Die Defizite der Un- und Angelernten sind in den neuen Bundesländern gravierender als in den alten. Den Gegenpol dazu bilden die leitenden Angestellten und höheren Beamten in Westdeutschland: Mit guten materiellen Ressourcen können sie ein relativ sorgenfreies und zufriedenes Leben führen, und sie stufen sich auf der Oben-unten-Skala mit Abstand am höchsten ein.

Das beispielhaft angeführte Lagenmodell macht aber auch deutlich, dass der Versuch, die Vielgestaltigkeit der Ungleichheitsstruktur gesamthaft in einem Modell einzufangen, schnell an Grenzen stößt. Obwohl in den 64 Soziallagen wichtige Ungleichheitskriterien wie Unterschiede zwischen Stadt und Land, Nationalität, Familienstand und Generation unberücksichtigt bleiben, mutet es bereits recht unübersichtlich an.

Soziale Milieus



Neben dem Soziallagenansatz gehört die Milieuforschung zu den wichtigen neueren Ansätzen der deutschen Sozialstrukturanalyse. Sie wurde in den 1980er-Jahren vom Sinus-Institut für die Markt- und Wahlforschung entwickelt und dort seitdem sehr erfolgreich eingesetzt. Man kann sie als "subjektivistischen" oder "kulturalistischen" Ansatz der Sozialstrukturanalyse bezeichnen: Während die Schichtanalyse eine Bevölkerung zunächst nach ähnlichen "objektiven Lebensbedingungen" oder "objektiven Soziallagen" untergliedert und dann untersucht, welche Mentalitäten, Einstellungen, Verhaltensweisen und Lebenschancen mit diesen unterschiedlichen Lebensumständen typischerweise verknüpft sind, gruppiert der Milieuansatz die Menschen zunächst nach "subkulturellen Einheiten", nach Unterschieden in ihren Wertorientierungen und Lebensstilen.

Das Sinus-Institut definiert den zentralen Milieu-Begriff wie folgt: "Soziale Milieus fassen, um es vereinfacht auszudrücken, Menschen zusammen, die sich in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln, die also gleichsam ,subkulturelle‘ Einheiten innerhalb der Gesellschaften bilden." Die Bevölkerung wird nach ihren Wertorientierungen und Lebenszielen, ihren Einstellungen zu Arbeit, Freizeit und Konsum, Familie und Partnerschaft, ihren Zukunftsperspektiven, politischen Grundüberzeugungen und Lebensstilen befragt und dann nach diesen Merkmalen zu "sozialen Milieus" bzw. ",subkulturellen‘ Einheiten" zusammengefasst. Die Abgrenzungen zwischen den sozialen Milieus ähneln den Grenzlinien in den Schichtmodellen: Sie markieren keine scharfen "realen" Grenzen; Milieus sind wie Schichten keine klar voneinander abgrenzbaren Gruppen, sondern es gibt fließende Übergänge, Zwischenformen und Überschneidungen.

Sinus gruppiert die deutsche Bevölkerung 2012 zu zehn Milieus, die auf einer waagerechten Achse nach ihren Grundorientierungen drei verschiedenen Modernisierungsphasen zugeteilt sind. Die senkrechte Achse stellt den Zusammenhang der Milieustruktur mit einer dreistufigen Schichtstruktur her und zeigt, in welchen Schichten die verschiedenen Milieus verankert sind. Dabei wird dreierlei deutlich:
  • Im oberen Bereich der Schichtungshierarchie haben sich andere Milieus herausgebildet als in der Mitte und in der Mitte andere als in der unteren Ebene.
  • Die meisten Milieus sind in zwei Schichten verankert.
  • Auf denselben Ebenen des Schichtgefüges haben sich unterschiedliche Milieus entwickelt, wobei die "kulturelle Pluralisierung" in der gesellschaftlichen Mitte deutlich weiter vorangeschritten ist als oben und unten – ein Phänomen, das Theodor Geiger bereits in der deutschen Sozialstruktur der 1920er-Jahre diagnostizierte.
Die Sinus-Milieus in Deutschland 2014Die Sinus-Milieus in Deutschland 2014 (© SINUS-INSTITUT 2014)
Die Größe und die inhaltliche Ausprägung der Milieus sind ständigen Veränderungen unterworfen. Ein Vergleich der heutigen Situation mit der Milieustruktur von 1982 zeigt den Bedeutungsverlust traditioneller zugunsten moderner Orientierungen sowie eine weitere Differenzierung der Milieustruktur in der Mitte. So haben sich die traditionellen Milieus des Kleinbürgertums und der Arbeiterschaft vom Umfang her mehr als halbiert und sind heute zu den "Traditionellen" zusammengefasst. Seit 1991 ist zu den acht Milieus der 1980er-Jahre das "Neue Arbeitermilieu" als neuntes Milieu hinzugekommen, heute umbenannt in "Adaptiv-Pragmatische". Bei der Aktualisierung im Jahr 2000 entstand am modernen Rand der gesellschaftlichen Mitte eine zehnte Gruppierung, das "postmoderne Milieu"; heute wird dieses mit der Bezeichnung "Performer" den "sozial gehobenen Milieus" zugeordnet.
Einen interessanten Ansatz der Milieuanalyse hat die Hannoveraner Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung (agis) in Anlehnung an das klassische Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1979) entwickelt. Dieser hatte Lebensstilforschung und Klassentheorie eng miteinander verzahnt.

Soziale Milieus in WestdeutschlandSoziale Milieus in Westdeutschland (© Michael Vester (Konzept) / Daniel Gardemin (Grafik), Leibniz Universität Hannover, 2004/2012)
Michael Vester u. a. (2001) verknüpfen die Sinus-Milieus mit der Klassenanalyse und den sozialkritischen Fragestellungen der traditionellen Ungleichheitsforschung. Milieus werden als "Nachfahren der früheren Stände, Klassen und Schichten" angesehen. Im Zentrum der Analyse stehen sowohl horizontale Differenzierungen als auch vertikale Ungleichheiten. Horizontal werden die Klassen nach der beruflichen Spezialisierung in "Klassenfraktionen" untergliedert, die unterschiedliche Mentalitäten entwickelt haben. Sie verdeutlichen die fortschreitende Dynamik der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die vertikale Einteilung arbeitet vertikale Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Milieus heraus – Herrschaftsbeziehungen, Distinktion (Ab- und Ausgrenzung), soziale Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten. Vertikal wird die Grobstruktur der Gesellschaft dreigeteilt: Etwa ein Fünftel der Bevölkerung gehört zu den fünf "oberen bürgerlichen Milieus" mit Privilegien bei Macht, Besitz und Bildung. Die "Trennlinie der Distinktion" grenzt sie von der großen Mehrheit (ca. 70 Prozent) der sechs "respektablen Volks- und Arbeitnehmermilieus" ab. Deren soziale Stellung ist durch Statussicherheit ("Respektabilität") gekennzeichnet, die in den modernen Milieus stärker ausgeprägt ist als in den traditionellen. Abgedrängt nach unten und jenseits der "Trennlinie der Respektabilität" leben die "unterprivilegierten Volksmilieus". Es sind "traditionslose Arbeitnehmer" mit in der Regel niedrigen Qualifikationen. Zu ihnen gehören "Resignierte" und "Unangepasste", aber auch "Statusorientierte" ohne Erfolg. Sie umfassen gut ein Zehntel der Bevölkerung.