izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Facetten der modernen Sozialstruktur

Jenseits von Klasse und Schicht?



In der deutschen Sozialstrukturforschung wird seit den 1980er-Jahren kontrovers darüber diskutiert, ob sich die Klassen und Schichten im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft auflösen oder bereits aufgelöst haben. Anhänger der Auflösungsthese – in der wissenschaftlichen Literatur wird sie häufig "Entstrukturierungsthese" genannt – sind unter anderem Ulrich Beck ("Risikogesellschaft", 1986) und Gerhard Schulze ("Die Erlebnisgesellschaft", 1993). Zu ihren Kritikern gehören zum Beispiel Michael Vester ("Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel", 1993/2001) und Rainer Geißler ("Die Sozialstruktur Deutschlands", 1992/2014).

Die Auflösungstheoretiker dominierten den Mainstream der deutschen Sozialstrukturforschung seit den ausgehenden 1980er-Jahren fast zwei Jahrzehnte lang. Sie heben insbesondere die folgenden sozialstrukturellen Entwicklungstendenzen hervor:
  • Steigender Wohlstand und Massenkonsum lassen – begünstigt durch staatliche Umverteilung – auch die unteren Schichten zunehmend an den Privilegien der mittleren und oberen Schichten teilhaben (komfortable Wohnungen, Autos, Farbfernseher, Urlaubsreisen etc.). Frühere Statussymbole haben ihre unterscheidende Kraft verloren, weil sie heute allen zugänglich sind.
  • Auch die neuen Risiken der "Risikogesellschaft", wie sie Ulrich Beck nennt, kennen keine Schichtgrenzen, sie sind "demokratisiert": Von Massenarbeitslosigkeit, Umweltgefährdungen oder atomarer Bedrohung sind alle Gruppen der Gesellschaft bedroht.
  • Schichttypische Milieus mit entsprechenden schichttypischen Mentalitäten, Einstellungen und Verhaltensweisen haben sich nach und nach aufgelöst. Dieser Entwicklung liegen zwei zentrale Ursachen zugrunde: Zum einen werden die Lebensbedingungen und Soziallagen immer differenzierter und vielfältiger (Differenzierung und Diversifizierung der Sozialstruktur); zum anderen hat der ökonomische, soziale und kulturelle Wandel einen starken Individualisierungsschub ausgelöst, der die Menschen aus ihren bisherigen Bindungen löst und ihre Verhaltensspielräume erheblich erweitert. Steigender Wohlstand lockert die materiellen Bindungen, der moderne Sozialstaat löst traditionelle Solidaritäten auf, zunehmende Freizeit lockert die zeitlichen Bindungen, zunehmende Mobilität die sozialen und räumlichen Bindungen und das höhere Bildungsniveau schließlich die psychosozialen Bindungen, da es mehr Nachdenklichkeit und Selbstfindung ermöglicht und fordert.
  • Die Schichten werden im Alltag immer weniger wahrgenommen und bestimmen immer weniger die alltäglichen Handlungen und Beziehungen. Menschen identifizieren sich nicht mehr mit bestimmten Schichten.
  • Die zunehmende soziale Mobilität wirbelt die Lebenswege und Lebenslagen der Individuen durcheinander und verhindert die Herausbildung schichttypischer Milieus.
Auch die Gegner der Auflösungsthese sehen den Anstieg des Lebensstandards, die zunehmende Vielfalt der Lebensbedingungen, den Individualisierungsschub und die zunehmende Mobilität als wichtige Entwicklungstendenzen in der modernen Sozialstruktur an. Aber sie halten die entstrukturierenden Auswirkungen dieses Wandels auf das Schichtungssystem, wie sie die Auflösungstheoretiker beschreiben, für stark überzeichnet. Die Schichtstruktur der modernen Gesellschaft – so ihre These – ist nicht verschwunden, sondern sie ist dynamischer, mobiler und pluraler geworden. Kennzeichen einer modernen Gesellschaft ist nicht die Auflösung der sozialen Schichtung, sondern ein dynamisches, pluralisiertes Schichtgefüge, das wegen seiner Vielfalt auch unübersichtlicher und auf den ersten Blick schwerer erkennbar geworden ist. Die Schichtungstheoretiker führen die folgenden, empirisch belegten Argumente ins Feld:
  • Wichtige Lebenschancen – wie Bildungs- und Aufstiegschancen, Chancen auf eine hohe Erbschaft, auf politische Teilhabe, auf angenehme und qualifizierte Arbeit – und wichtige Lebensrisiken – wie Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Kriminalisierung – sind auch heute noch "schichttypisch" verteilt.
  • Auch viele Wertorientierungen, Lebensstile und Verhaltensweisen – einige davon mit abgrenzendem (distinktivem) Charakter – variieren weiterhin von Schicht zu Schicht. Dazu gehören unter anderem die Erziehungsziele, die Nutzung der Massenmedien, der hochkulturellen Angebote (Theater, Opern, Konzerte, Museen) und des Internets, die sportlichen Aktivitäten oder die Partnerwahl. So sind zum Beispiel nur 1,5 Prozent der Frauen mit Hauptschulabschluss mit einem Akademiker verheiratet, und von den Männern mit Hauptschulabschluss hat nur jeder dreihundertste eine Ehepartnerin mit Universitätsabschluss. Mehrere Studien belegen, dass sich die Heiratskreise über die Generationen hinweg nicht sozial geöffnet, sondern weiter sozial geschlossen haben. Auch die zu sozialen Milieus zusammengefassten Lebensauffassungen und Lebensweisen sind im oberen Bereich des Schichtgefüges anders ausgeprägt als in der Mitte und dort wiederum anders als in den unteren Ebenen. Und auch für die soziale Selbsteinstufung spielt die Schichtungshierarchie weiterhin eine wichtige Rolle.
  • Die oft erwähnten Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse erfassen nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleichmäßig, sondern vollziehen sich in höheren Schichten intensiver; denn mit höherem Wohlstand ist auch eine Befreiung aus materiellen Zwängen und mit höherem Bildungsniveau ein höheres Maß an Selbstreflexion und eine weitgehendere Lösung aus traditionellen Bindungen verknüpft.
  • Auch im Alltagsbewusstsein sind die Schichten weiterhin präsent. Umfragen unter Studierenden und unter Arbeitern und Angestellten von Industriebetrieben belegen, dass fast alle von einer fortbestehenden Schichtstruktur (einige auch von einer fortbestehenden Klassenstruktur) ausgehen. Nach einer empirischen Studie von Rainer Geißler und Sonja Weber-Menges sind lediglich 3 Prozent der Studierenden und 6 Prozent der industriellen Arbeitnehmer (von den Ungelernten bis zu den leitenden Angestellten) der Ansicht, dass es heute keine Schichten oder Klassen mehr gibt.
  • Schließlich spiegelt sich der traditionelle "Klassengegensatz" zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern auch heute noch in der Wahrnehmung von Konflikten durch die Bevölkerung wider, wie eine Repräsentativumfrage im Jahr 2010 zutage gefördert hat. Zusammen mit den Konflikten zwischen Arm und Reich sowie zwischen Deutschen und Ausländern wird der Gegensatz zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern als dominante Konfliktlinie wahrgenommen, während der "Generationenkonflikt" zwischen jung und alt oder der "Geschlechterkampf" lediglich als zweit- bzw. drittrangig eingestuft werden.
Seit einigen Jahren ist es um die Auflösungsthese stiller geworden; die Schichten-Klassen-Gesellschaft kehrt in die Köpfe des Mainstreams der deutschen Sozialstrukturforscher zurück – in der sozialen Wirklichkeit und in den Köpfen der Bevölkerung war sie nie verschwunden. Für dieses Umdenken lassen sich mehrere Ursachen ausmachen: die öffentlichen Diskussionen um die zunehmende Polarisierung des Wohlstands, um die Ausbreitung von Armut und Prekarität und um die schrumpfende Mittelschicht sowie nicht zuletzt die durch PISA wiederbelebte Debatte um die deutsche Altlast der schichttypischen Bildungsungleichheit.