Vorreiter: Ministerpräsident David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer – hier 1966 im Speisesaal des Kibbuz Sde Boker – setzten sich auch gegen Widerstände in Politik und Gesellschaft in ihren Ländern für die deutsch-israelischen Beziehungen ein.

8.4.2015 | Von:
Martin Kloke

Wege zur diplomatischen Anerkennung

Als sich am 14. März 1960 in New York Ben Gurion und Adenauer das erste Mal begegneten, widersetzte sich der deutsche Kanzler erneut dem israelischen Wunsch nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Zugleich bezifferten beide Politiker den Umfang der deutschen Waffenlieferungen auf 200 Millionen DM. Außerdem stellte Adenauer eine zehnjährige deutsche Anleihe in Höhe von jährlich 50 Millionen US-Dollar in Aussicht, vor allem zwecks wirtschaftlicher und infrastruktureller Erschließung der Negev-Wüste.

Gleichwohl blieben diese Vorboten der Entspannung nicht ohne Krisen: Der Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann, den Leiter des "Judenreferats" im NS-Reichssicherheitshauptamt, führte 1960/61 der Weltöffentlichkeit das Ausmaß der deutschen Schuld vor Augen. Er dokumentierte auch die Unzulänglichkeit der deutschen Bemühungen, NS-Täter vor Gericht zu stellen. Auf der anderen Seite wurde in Deutschland die systematische Ermordung der Juden erstmals breit in den Medien thematisiert. So paradox es klingen mag: Der Eichmann-Prozess hat Deutsche und Israelis einander nähergebracht.

1960 setzte in der Bundesrepublik eine endlos anmutende Debatte um die drohende juristische Verjährung von NS-Verbrechen ein, die in der israelischen Öffentlichkeit als Zeichen einer stillschweigenden Rehabilitierung nazistischer Umtriebe gedeutet wurde. Erst 1979 hob der Deutsche Bundestag die Verjährbarkeit von Mord endgültig auf und ermöglichte damit eine weitere Verfolgung von NS-Verbrechen – sofern die Täter noch lebten.

1962 wurde bekannt, dass eine Reihe hochkarätiger deutscher Techniker an der Entwicklung eines ägyptischen Raketenprogramms beteiligt war. Diese Nachricht schreckte Israels Öffentlichkeit, aber auch Teile der bundesdeutschen Gesellschaft in doppelter Hinsicht auf – erstens, weil bundesdeutsche Behörden die "private" Tätigkeit der deutschen Experten geduldet hatten, zweitens, weil damit die Sicherheit Israels bedroht wurde. Die Jerusalemer Regierung forderte Bonn zur Rückführung jener schon dem NS-Regime dienstbar gewesenen Wissenschaftler auf. Doch die Bundesregierung beschränkte sich 1964 auf Worte des Bedauerns und stellte materielle Anreize zur Abwerbung der Raketenspezialisten in Aussicht. Gleichwohl nahm hierzulande die Kritik an der als halbherzig gewerteten Aufarbeitung der Vergangenheit zu; die Weigerung, diplomatische Beziehungen zu Israel aufzunehmen, begriffen viele Deutsche zusehends als Skandal.

Quellentext

DDR und Israel – ein Nichtverhältnis?

Beeinflusst von Stalins "Säuberungswellen" in der Sowjetunion begann auch die SED-Führung Anfang der 1950er-Jahre damit, Schau- und Geheimprozesse gegen innerparteiliche Gegner zu führen. Die Verfolgungen richteten sich gegen vermeintliche "zionistische Agenten" in Diensten des "US-Imperialismus" und "jüdischer Kapitalisten". In Wahrheit brauchte die DDR-Regierung Sündenböcke für die gesellschaftlichen Missstände in Ostdeutschland. Der Höhepunkt der Kampagne richtete sich gegen das Politbüro-Mitglied Paul Merker, dessen einziges "Vergehen" darin bestanden hatte, sich frühzeitig für eine kollektive Entschädigung der Juden einzusetzen. Merker wurde 1950 aus dem Politbüro ausgeschlossen und 1952 verhaftet, weil er die "Verschiebung deutschen Volksvermögens" an "jüdische Kapitalisten" geplant habe. Erst im Zuge der Entstalinisierung von 1956 verbesserte sich die Situation wieder.

Doch noch jahrzehntelang betrachteten die Funktionäre des SED-Regimes den jüdischen Staat als den Gegner aller "progressiven" Kreise – als ein Land, das von der "kleinbürgerlichen Ideologie" des Zionismus beherrscht werde und trotz "formaldemokratischer" Verhältnisse die "Speerspitze des imperialistischen Lagers" bilde. Entschädigungszahlungen an Israel lehnten die DDR-Regierungen ab: "Wahre" Wiedergutmachung, so hieß es, habe die DDR mit der Errichtung eines "antifaschistischen Arbeiter-und-Bauern-Staates" geleistet; die neuen gesellschaftlichen Strukturen in der DDR hätten zur "Ausrottung von Faschismus und Revanchismus" geführt.

Vor dem Hintergrund dieses Weltbildes zeigte auch die israelische Seite kein Interesse, offizielle Kontakte zum ostdeutschen Staat aufzunehmen: Achselzuckend mussten die Israelis zur Kenntnis nehmen, dass die DDR als Teil des realsozialistischen Lagers einseitig Partei für die arabisch-palästinensische Seite ergriff. Doch wurde auch registriert, dass die DDR ihren verbliebenen Spielraum nicht zur verbalen Mäßigung nutzte; vielmehr verlieh sie ihrer antiisraelischen Agitation eine besondere Schärfe und unterstützte die PLO über viele Jahre politisch, materiell und personell – bis hin zur Durchführung von Trainingsprogrammen für palästinensische Kämpfer.

Andererseits nahm die DDR die Existenz Israels stillschweigend hin. Davon zeugen Kontakte und wechselseitige Parteitagsbesuche zwischen der SED und ihrer kommunistischen "Bruderpartei" in Israel. 1984 nahm eine SED-Delegation während einer Israelreise sogar Gespräche mit linkszionistischen Vertretern auf. Kurioserweise unterhielten beide Länder zwischen 1949 und 1990 kontinuierlich Handelsbeziehungen – selbst in den konfliktträchtigsten Jahren. Diese Kontakte bewegten sich abseits offizieller Vereinbarungen und auf sehr niedrigem Niveau – selten überschritt der jährliche Gesamtwert der Handelsgüter mehr als eine Million US-Dollar.

Spätestens mit der Maueröffnung im November 1989 war in der DDR der Weg frei für eine kritische Aufarbeitung ihrer Israel-Feindschaft: Die frei gewählte Volkskammer bekannte im April 1990 die "Mitverantwortung" der Deutschen in der DDR für "Demütigung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder" und bekundete die Absicht, zur "gerechten Entschädigung materieller Verluste" beitragen zu wollen. Im politischen "Schuldbekenntnis" heißt es: "Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande." Zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen ist es nicht mehr gekommen – mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im Oktober 1990 war eine derartige Maßnahme selbst in symbolischer Form nicht mehr möglich.

Ende der Doppelstrategie

Die Hallstein-Doktrin hatte bewirkt, dass die arabischen Staaten die diplomatische Anerkennung der DDR hinauszögerten, solange sie sicher sein konnten, dass die Bonner Regierung keine offiziellen Beziehungen zu Israel unterhielt. Diesen Zusammenhang mochte ein wachsender Teil der westdeutschen Öffentlichkeit nicht länger hinnehmen: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) startete im Oktober 1964 eine Unterschriften-Kampagne für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Als kurz darauf die deutschen Waffenlieferungen an Israel aufgedeckt wurden, empörten sich auch andere zivilgesellschaftliche Initiativen über die ihrer Ansicht nach unwürdige Kompensation für die diplomatische Missachtung des jüdischen Staates.

Auch der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser reagierte auf die deutsche Militärhilfe für Israel und empfing im Februar 1965 den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zu einem Staatsbesuch in Kairo. Spätestens jetzt war der westdeutsche Alleinvertretungsanspruch auf dem diplomatischen Parkett nicht mehr haltbar. Die Bundesregierung sah sich zum Einlenken und zur Aufgabe ihrer Rechtsposition gezwungen. Damit war der Weg für eine diplomatische "Normalisierung" frei. Am 12. Mai 1965 vereinbarten Bundeskanzler Ludwig Erhard und Ministerpräsident Levi Eshkol den Austausch von Botschaftern. Zehn von 13 arabischen Staaten brachen vorübergehend ihre diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik ab, wagten es aber noch nicht, die DDR anzuerkennen.

Israel berief den in Wien geborenen Diplomaten Asher Ben-Nathan zu seinem ersten Botschafter in Deutschland; die Bundesrepublik entsandte den Karrierediplomaten Rolf Pauls nach Israel. Trotz anfänglich heftiger Proteste links- und rechtsgerichteter Israelis gegen einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier als deutschen Botschafter entwickelten sich die deutsch-israelischen Beziehungen bald in bemerkenswerter Weise.