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Dossierbild Informationen zur politischen Bildung: Polen

2.8.2011 | Von:
Sonja Steier

Bildung, Wissenschaft und Hochschulen

Hochschulen und Wissenschaften

Staatliches Hochschulwesen

Nach dem Abitur können die Absolventen der weiterführenden Schulen ein Studium an einer der zahlreichen polnischen Hochschulen oder Fachhochschulen beginnen. Dabei haben sie die Wahl zwischen einer staatlichen oder privaten Einrichtung. Das akademische Jahr besteht aus zwei Semestern und beginnt in der Regel zum Wintersemester, jeweils am 1. Oktober, und endet Anfang bis Mitte Februar. Das Sommersemester beginnt schon im Februar und endet im Juni.

Die Universitäten und Hochschulen bieten drei- und/oder vierjährige Studiengänge an. Sie schließen neuerdings mit dem Bachelor ab und können gegebenenfalls mit einem zweijährigen Masterstudiengang fortgesetzt werden. Parallel dazu gibt es aber weiterhin noch das einheitliche fünfjährige Magisterstudium. Daran kann sich auf der dritten Stufe des Hochschulstudiums eine Promotion anschließen. Die polnischen Fachhochschulen vergeben dagegen in der Regel nach drei Studienjahren den Abschluss Lizentiat (licencjat) oder auch den Titel Ingenieur. Das Studium ist in der Regel gebührenfrei. Die formale (strukturell-organisatorische) Hauptform des Studiums bildet das Tages- oder Präsenzstudium. Allerdings erfreut sich vor allem das Fern- und Abendstudium, das für viele Studienrichtungen angeboten wird, in Polen einer besonderen Beliebtheit. Mehr als die Hälfte aller Studenten absolviert ein gebührenpflichtiges Fernstudium. Fast 20 Prozent aller Hochschuleinnahmen speisen sich aus den Gebühren für didaktische Tätigkeit, vor allem aus den Fernstudien. Die Frage der Studiengebühren bleibt im polnischen Hochschulwesen weiterhin umstritten und sorgt immer wieder für lebhafte Auseinandersetzungen. So gibt es (Kompromiss-)Pläne, das bisher gebührenfreie Studium (Tages- und Präsenzstudium) für Langzeitstudenten (nach dem 12. Fachsemester) und Multi-Studenten (mehrere Fachrichtungen parallel) zu begrenzen.

Die tertiäre Ebene des polnischen Bildungssystems unterscheidet drei Hochschultypen:

1. akademische Hochschulen mit dem Recht zur Verleihung des Doktortitels und mit Habilitationsrecht (= Universitäten),

2. nicht-akademische Hochschulen ohne solche Berechtigung, in der Regel viele nicht-staatliche Hochschulen, und 3. Fachhochschulen (wy?sze szkoly zawodowe). Neben der renommierten Jagiellonen-Universität in Krakau (gegr. 1364) hat sich vor allem die Katholische Universität Lublin in besonders prestigeträchtiger Weise der polnischen Öffentlichkeit ins Gedächtnis eingeschrieben. Sie wurde 1918 im Gründungsjahr der Republik Polen errichtet. Die Universität war in der Zeit der Volksrepublik die einzige nicht-staatliche Hochschule im gesamten "Ostblock", die – vom sozialistischen Staat unter Beobachtung stehend und, je nach politischer Großwetterlage, mal mehr, mal weniger schikaniert – geduldet wurde. Einige weitere klassische Universitäten und spezialisierte Hochschulen in Krakau, Warschau, Posen, Thorn oder Breslau genießen einen besonders guten Ruf. Seit 1997 gibt es, ähnlich wie in Deutschland, eine Reihe von Fachhochschulen. Sie bilden die zweite Säule des polnischen Hochschulsystems. Ihre Gründung erfolgte zumeist in kleineren Städten und in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen. Davon versprach man sich mehr wirtschaftliche Prosperität und hoffte zugleich, bildungsfernen Schichten einen besseren und leichteren Zugang zur höheren Bildung zu eröffnen. Diese Erwartungen haben sich nur teilweise erfüllt.

Die polnischen Hochschulen und die studentischen Milieus waren zwar Trägerinnen der Transformation und der damit einhergehenden progressiven Veränderungen, inzwischen ist die studentische Jugend jedoch nicht mehr so politisch aktiv wie vor 20 oder 30 Jahren. Auch hier greifen, wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen, starke Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen.

Entwicklungen und Kritik

Jung-AkademikerJung-Akademiker
Die Entwicklungen im Hochschulwesen zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Expansionsdynamik aus. Zu Beginn der Transformation, im Jahr 1990/91, gab es insgesamt 112 Hochschulen. Inzwischen hat sich ihre Zahl vervierfacht. Im Studienjahr 2009/10 gab es insgesamt 454 Hochschulen (davon 18 Universitäten), von denen 131 staatlich sind, mit insgesamt 1,9 Millionen Studierenden, davon 58,2 Prozent Studentinnen. Insgesamt 40 Prozent aller Studierenden belegen vor allem Gesellschaftswissenschaften, Handel und Recht (der OECD-Durchschnitt liegt bei 30 Prozent). Diese Entwicklungen werden inzwischen immer mehr zum Anlass genommen, über einen allgemeinen Konsolidierungskurs nachzudenken, um die Anzahl der Hochschulen zu reduzieren und die Qualität der Hochschulbildung zu verbessern.

Auch die ungebremste Steigerung der Studentenzahlen und das Studienwahlverhalten zugunsten der Geisteswissenschaften bieten häufig Anlass zur Kritik. Schon der OECD-Bericht aus dem Jahre 2007 mahnte an, die Studentenströme stärker in wenig ausgelastete Studienrichtungen wie Medizin oder Ingenieurwissenschaften zu lenken. Denn nur knapp ein Fünftel der Studenten sind in den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächern vertreten. Ihnen kommt jedoch nach Meinung der führenden polnischen Hochschulakteure eine Schlüsselfunktion beim Aufbau einer "wissensbasierten Wirtschaft" zu. Durch eine engere Einbindung der Wirtschaft in die Ausbildung soll das Hochschulwesen deshalb gezielter auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes hin orientiert werden. Vor allem Technische Hochschulen werden ermuntert, spezielle Auftragsstudiengänge einzurichten, um für den Bedarf der Unternehmen auszubilden. Zudem wird bemängelt, dass das allgemeine Niveau der Hochschulabsolventen sinkt. Dies wird teilweise vielen Hochschulneugründungen angelastet und auch der Tatsache, dass inzwischen 51 Prozent eines Abiturientenjahrgangs studieren (Deutschland 2009: 43,3 Prozent). Die sogenannte Vermassung der Hochschulbildung, so der Tenor der Kritik, habe bisher keine weitreichenden Effekte auf Polens Wirtschaft und Arbeitsmarkt (Erfindungen, Patente, Gebrauchsmuster, Hightech-Produkte für den Export, Zitationsindex oder Nobelpreise) gezeigt. Im Gegenteil, die Kritiker befürchten, dass sich die Situation mit den geburtenschwachen Jahrgängen weiter zuspitzen könnte. Ihren pessimistischen Pro-gnosen zur Folge könnten die Hochschulen im Wettkampf um die abnehmenden Studentenzahlen die Standards weiter senken.

Aktuelle Hochschulpolitik

Ein breit angelegtes Grundstudium war bis zur Bologna-Reform das besondere Merkmal des polnischen Studiums, das nun durch die angestrebte konsekutive Studienstruktur (Bachelor- und darauf aufbauende Masterabschlüsse) und kürzere Studiendauer zu verschwinden droht. Ansonsten scheint die organisatorische Umstellung der Studiengänge infolge von Bologna viel reibungsloser verlaufen zu sein als in Deutschland, was möglicherweise mit der ohnehin stärker verschulten Studienform und dem insgesamt straffer organisierten Studentenleben zu tun hat. Generell zielen, ähnlich wie in den anderen europäischen Staaten, auch in Polen die hochschulischen Veränderungen auf Internationalisierung und Ökonomisierung des Hochschul- und Wissenschaftssystems ab. Darunter werden zuvorderst Effizienzsteigerung, Abschöpfung des intellektuellen Kapitals und Wettbewerb zwischen den Hochschulen verstanden. Diese Entwicklungen, die dem Vorbild angelsächsischer Hochschul- und Wissenschaftskultur folgen, werden allerdings in den Hochschulkreisen mit viel Skepsis betrachtet und sind keinesfalls unumstritten. Regierungsinitiativen im Wissenschaftsbereich, unter anderem das Hochschulgesetz und das Akademiegesetz, deuten jedoch an, dass auch in Zukunft weitere Reformen im Hochschul- und Wissenschaftsbereich zu erwarten sein werden.

Internationaler Vergleich

Die polnischen Hochschulen werden im internationalen Vergleich kaum wahrgenommen. Im sogenannten Shanghai Ranking der 500 bekanntesten Universitäten weltweit (Academic Ranking of World Universities 2010) finden sich lediglich die Universitäten Krakau und Warschau (auf den Rängen 301–400), wobei die erstere auch in der deutschen Öffentlichkeit ein positives Ansehen genießt.

Auch die polnische Hochschulpolitik widmet neuerdings der Internationalisierung zunehmend ihre Aufmerksamkeit, vor allem der Anwerbung ausländischer Studenten. Die Zahl ausländischer Studenten an polnischen Hochschulen wächst zwar allmählich, insgesamt betrachtet ist sie jedoch marginal. Im Studienjahr 2009/10 betrug sie lediglich 17 000 Studierende. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Studierenden im Studienjahr 2008/09 lag bei 0,5 Prozent und ist im internationalen Vergleich sehr niedrig (OECD-Durchschnitt: 7,1 Prozent, deutscher Durchschnitt: 8,4 Prozent). Die meisten von ihnen kommen aus der Ukraine (2831) und Weißrussland (1902), gefolgt von Norwegen (1169), Tschechien (900), Schweden (830) und Litauen (528). Mit 500 deutschen Studierenden, darunter 135 polnischer Herkunft, kommt Deutschland unter den europäischen Ländern auf Rang sieben.

Polnische Studenten nehmen ebenfalls zunehmend ein Auslandsstudium wahr. Die meisten von ihnen werden durch staatliche Mittel oder aus EU-Programmen gefördert; das Erasmus-Programm etwa nehmen 13000 polnische Studenten in Anspruch, um ins europäische Ausland zu gehen. Bevorzugte Zielländer junger Polen waren Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Vor allem Kinder von Akademikern studieren gerne an britischen Elite-Schmieden, bevorzugt an der London School of Economics. Ein beliebter Studienort polnischer Studenten in Deutschland ist neben der Humboldt-Universität zu Berlin vor allem die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), auch wenn die Studentenzahlen dort gegenüber den Anfangsjahren sinken. Im Sommersemester 2010 machten polnische Studenten lediglich 13,5 Prozent (= 813) aller Studierenden der Viadrina aus. Die rückläufige Tendenz hängt möglicherweise mit der Öffnung des Landes nach dem EU-Beitritt sowie dem damit einhergehenden Abbau von Mobilitätsschranken zusammen, der vielen jungen Polen andere attraktive ausländische Hochschulstandorte eröffnet. Dennoch ist die Viadrina seit ihrer Gründung 1992 das Vorzeigeobjekt der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in einer Grenzregion. Gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität Posen wird auf der polnischen Seite zudem eine wissenschaftliche Einrichtung, nämlich das Collegium Polonicum, unterhalten. Es setzt sich für die grenzüberschreitende Kooperation in Forschung und Lehre sowie für die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen ein.

Eine zentrale und zugleich international angesehene, außer-universitäre Forschungseinrichtung ist die Polnische Akademie der Wissenschaften (Polska Akademia Nauk, PAN) mit 350 ordentlichen und korrespondierenden sowie ausländischen Mitgliedern. Sie hat, wie viele andere Forschungseinrichtungen, etwa die polnische Nationalbibliothek, ihren Sitz in Warschau. Die Akademie unterhält zahlreiche Außenstellen und Institute an vielen Orten des Landes sowie Filialen im Ausland. Im Jahr 2006 nahm in Deutschland beispielsweise das Zentrum für Historische Forschung Berlin der PAN seine Tätigkeit auf.

Nicht-staatliche Hochschulen

In den 1990er Jahren wurden überwiegend private Hochschulen gegründet, was als Antwort auf das jahrzehntelange Monopol des Staates zu interpretieren ist. Der Ausbau des nicht-staatlichen Hochschulsektors geht auf das Recht zur Gründung nicht-staatlicher Hochschulen (1991) zurück. Die Zahl der nicht-staatlichen Hochschulen stieg von anfangs zwölf auf 325. Viele von ihnen sind in kleineren Städten gegründet worden, weil dort die Unterhaltungskosten relativ niedrig sind. 34 Prozent der 1,9 Millionen Studierenden in Polen studieren an privaten Hochschulen. Damit ist Polen OECD-Spitzenreiter, gefolgt von den USA mit 26 und Portugal mit 25 Prozent (2008). In Deutschland studiert hingegen weniger als ein Prozent der Studierenden an privaten Einrichtungen (2008). Diese relativ hohen Studentenquoten gehen auch auf die bisher gängige Praxis staatlicher Hochschulen zurück, Aufnahmeprüfungen durchzuführen. Auch wenn nun mit dem Zentralabitur die Aufnahmeprüfungen der staatlichen Hochschulen weitgehend entfallen, gibt es eine hohe Anzahl von Fächern mit Numerus clausus, die einen ähnlichen Effekt erzeugen. Die nicht-staatlichen Hochschulen hingegen haben von Anfang an auf Aufnahmeprüfungen verzichtet. Die Dynamik hängt auch mit der gesellschaftlichen Vorstellung zusammen, dass Hochschulbildung besser vor Arbeitslosigkeit schütze. Die steigende gesellschaftliche Nachfrage nach entsprechenden Abschlüssen konnte von den staatlichen Hochschulen allein nicht befriedigt werden.

Die nicht-staatlichen Hochschulen bieten ihre Studienangebote häufig in Modulen an, und zwar in vielen für polnische Studenten immer noch attraktiven Bereichen wie Marketing, Management oder Finanzen oder auch in besonders "exotischen" Studienrichtungen wie Militärwissenschaft oder öffentliche Gesundheit. In der Regel dominieren Wirtschaftshochschulen, die meisten von ihnen befinden sich in der Hauptstadt. An den nicht-staatlichen Hochschulen werden einige Studiengänge in Englisch angeboten, so an der 1994 gegründeten und recht angesehenen Polnisch-Japanischen Hochschule für Informatik mit Sitz in Warschau. Das Studium an den nicht-staatlichen Hochschulen ist kostenpflichtig und kann von 4000 bis 13 000 Zloty (1000–3250 Euro) pro Studienjahr betragen. In den neuesten Reformplänen des Hochschulministeriums wird erwogen, Studierenden dieser Hochschulen in Präsenzstudiengängen finanzielle Unterstützung zu den Studiengebühren zu gewähren. In dem Zusammenhang wird generell über neue Hochschulfinanzierungsmodelle für staatliche und nicht-staatliche Hochschulen beraten, die nach messbaren Kriterien um Haushaltsmittel konkurrieren sollen. Viele der privaten Einrichtungen sind relativ klein, verfügen über kein Stammpersonal, manche kämpfen gar mit Personalproblemen, und sie haben auch kein Promotionsrecht. Sie sind reine, zumeist fachlich eng spezialisierte Lehranstalten, und ihre Ausbildungsprogramme basieren nicht auf Forschung. So sind auch die Qualität dieser Hochschulen und ihr öffentliches Ansehen recht differenziert. Weiterhin führen abwechselnd die beiden staatlichen Universitäten Krakau und Warschau das polnische Hochschulranking an.

Ausblick

Das polnische Bildungssystem wird seit zwei Jahrzehnten von einer "rollenden Reform" begleitet, die vor allem seit dem Beitritt Polens in die EU 2004 im Zeichen des Wettbewerbs, der Qualitätssteigerung, der Leistungsorientierung und der Internationalisierung steht. Im Vergleich zu Deutschland zeigt sich vor allem im Schulbereich eine hohe Reformbereitschaft. Der Hochschul- und Wissenschaftsbereich soll hingegen noch enger an die zukünftige nationale Modernisierungsstrategie des Landes gekoppelt werden.


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