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Dossierbild Informationen zur politischen Bildung: Polen

2.8.2011 | Von:
Wolfgang Schlott

Kultur und Kulturpolitik in Polen nach 1989

Kulturelle Infrastruktur

Die Transformation des staatlich gelenkten Kultursektors erfolgte zwischen 1989 und 1993 in einer Reihe durchgreifender Maßnahmen. Das staatliche Verlagswesen wurde grundlegend privatisiert, die Anzahl der rasch entstandenen privaten Buch- und Zeitungsverlage übertraf bereits Anfang 1990 die der ehemaligen Staatsverlage. Viele der entstandenen Miniverlage, die auch aus den Reihen der ehemaligen Untergrundverlage stammten, konnten sich trotz anfänglicher Erfolge nicht halten. Das polnische Film- und Kinowesen erlebte tief greifende Veränderungen, die sich in der Gründung neuer Institutionen (z. B. Institut für Filmkunst), neuer Filmförderungsmethoden (staatliches, gesellschaftliches Stiftungs- und ausländisches Kapital) wie auch der Privatisierung des Filmvertriebs niederschlugen.

Im Galerie- und Museumsbereich war die finanzielle Situation zum Zeitpunkt des politischen Umbruchs besonders schwierig. Die bereits Mitte der 1980er Jahre entstandenen privaten Galerien erhielten hohe steuerliche Auflagen, die sie in der ersten Hälfte der 1990er Jahre, nicht zuletzt aufgrund fehlender Käufer, oft zur Geschäftsaufgabe zwangen. Die miserable finanzielle Lage der staatlichen Museen verhinderte den Aufkauf zeitgenössischer Kunst wie auch die Förderung des Kunstbetriebs. Trotz dieser Hindernisse entstanden Anfang der 1990er Jahre einige renommierte Auktionshäuser, wie in Warschau "Rempex", "Unicum" oder "Agra-Art".

Mit einer ebenso schwierigen Situation waren die Schauspielhäuser, Kindertheater und Musiktheater konfrontiert. Aufgrund der bis 1995 abnehmenden staatlichen Subventionen waren die meisten gezwungen, sich mit Hilfe von Kommerzialisierungsstrategien (Vermietung von Räumen, Gaststättenbetrieb, Werbeagenturen) und radikaler Senkung der laufenden Kosten (beispielsweise Einschränkung des Personalbestandes, Minimierung der Ausgaben für die Infrastruktur, Nutzung von Förderungsanträgen bei Stiftungen) über Wasser zu halten. Auch der phonographische Markt entwickelte sich nach 1990 unter schwierigen Bedingungen. Weil kein Schutz von Urheberrechten durchgesetzt wurde, eroberte der Piratenmarkt bis zum Jahr 1992 einen Anteil von 95 Prozent im Musikbereich. Bis 1997 sank dieser Anteil auf etwa zwölf Prozent. Internationale Musikkonzerne hatten zu diesem Zeitpunkt bereits 49 Prozent der Marktanteile erobert, während die einheimischen privaten Musik-Agenturen noch 39 Prozent des Marktes abdeckten.

Schwerwiegende Einschnitte ihres Bestandes erlebte die Kinobranche. 1980 hatte sie noch über 2228 Abspielstätten verfügt, 1990 nur noch über 1589, um innerhalb von rund 20 Jahren ihren Bestand auf 492 (2008) Kinotheater herunter zu fahren. Dieser quantitative Verlust war vor allem auf die Entstehung von Multiplex-Kinoketten in Groß- und mittleren Städten bei gleichzeitiger Schließung von mehr als 1000 veralteten Lichtspielhäusern zurückzuführen. Trotz dieses Verlustes an kultureller Substanz stieg die Zahl der Kinobesucher zwischen 1995 (22,6 Millionen) und 2006 (32,3 Millionen) um fast zehn Millionen. Diese überraschende Bilanz war vor allem dem erfolgreichen Vertrieb amerikanischer und westeuropäischer Spielfilme, der wachsenden Begeisterung Jugendlicher für Animations- und Zeichentrickfilme und der Anziehungskraft der modernen Kinoketten zuzuschreiben. Weitaus weniger Zulauf erlebten die polnischen Spiel- und Dokumentationsfilme, die – mit wenigen Ausnahmen – meist nur in Programmkinos liefen.

Eine Aufwärtstendenz verzeichnete der Bestand an Sprech- und Musiktheatern: von 143 Spielstätten im Jahr 1990 auf 187 im Jahr 2008. Die Steigerungsrate um mehr als 25 Prozent war vor allem auf die Etablierung von Musik- und Varietétheatern zurückzuführen, um den wachsenden Bedarf an allen Ausdrucksformen von Rockmusik und Musicals für ein breites, nicht nur jugendliches Publikum zu befriedigen. Eine ähnlich positive Bilanz konnte die Museumssparte nach 1989 aufweisen. Der sich seit Mitte der 1990er Jahre entwickelnde Kunstmarkt und die trotz steuerlicher Belastungen florierenden Galerien erweckten das Interesse vor allem an Kunst aus westeuropäischen Ländern. Die Gründung historischer Museen folgte dem Ziel, pluralistische Deutungen der polnischen Geschichte zu ermöglichen, die bis 1989 unterdrückt wurden. Zwischen 1990 und 2009 entstanden in Polen mehr als 140, zum großen Teil modern ausgestattete Museen.

Eine leichte Aufwärtstendenz zeichnete sich bei Kulturhäusern und Vereinsheimen ab. Dieser bis 1989 hoch subventionierte Bereich der Massenkulturförderung (Film- und Musikveranstaltungen, Freizeitgestaltung) hat sich auch im demokratischen Polen mit einer Anzahl von rund 4100 Einrichtungen (2008) bewährt. Starke Impulse für die Belebung der Freizeitkultur und für die Förderung individueller Interessen gehen seit Beginn der 1990er Jahre auch von den mehr als 1000 gemeinnützigen Vereinen und Kulturgesellschaften aus.

Abgebaut wurde hingegen der Bestand der Bibliotheken. Der Verlust von 1780 Institutionen zwischen 1990 (10 200) und 2008 (8420) ist sowohl auf fehlende finanzielle Ressourcen als auch auf den rapiden Wandel der Lesegewohnheiten zurückzuführen. Dieser Abwärtstrend widerspricht der nach 1990 rasant gestiegenen Produktion von Bücher- und Broschürentiteln: von 10 200 Titeln im Jahr 1990 auf 28 248 im Jahr 2008 bei zugleich sinkender Auflage von 115 Millionen auf rund 80 Millionen Exemplare. Auch auf dem Zeitungsmarkt fand in diesem Zeitraum eine starke Ausdifferenzierung statt: Die Zahl der 1990 existierenden 130 Titel sank auf 58 (2008), während die Zeitschriftentitel auf 7171 im gleichen Zeitraum anstiegen (alle Angaben: Statistisches Jahrbuch Polen, 2009).

Künstlerisches Schaffen in der Marktwirtschaft

Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen in der kulturellen Infrastruktur auf den Prozess der ästhetischen Wertschöpfung? Wie in allen ehemaligen sozialistischen Ländern hat sich auch in Polen der Stellenwert künstlerischer Produkte im gesellschaftlichen Kontext stark verändert. Nicht mehr das staatliche Mäzenatentum mit ideologisch-politischen Auflagen, sondern die Marktmechanismen bestimmen meist über den Erfolg neuer Produkte in den einzelnen Kunstbereichen. Auch ästhetisch innovative, religiöse und andere kulturhistorische Inhalte sind vertreten und können unterschiedlichen Konsumentengruppen angeboten werden – wenngleich dies unter dem Druck ökonomischer Erwartungen zum Teil nur durch Subventionen gelingt.

Auch in der polnischen Bevölkerung zeichnet sich, in Abhängigkeit von dem gestiegenen Bildungsniveau, ein starker Wandel im kulturellen Wertesystem ab. Konsumenten älterer Jahrgänge schätzen tradierte und wieder gewonnene kulturhistorische Güter, während die Generation der 20- bis 40-Jährigen einem tief greifenden Wandel ihrer kulturellen Werte ausgesetzt ist. Sie reagieren auf innovative Kultur- und Kunstproduktionen mit dem vergleichenden Blick auf andere Welten, mit denen sie aufgrund von Arbeitsmigration, neuer Ausbildungsinhalte und medialer Erfassung fremder Kulturen in den vergangenen 20 Jahren konfrontiert wurden.

Für die Architekten der neuen Kulturpolitik bedeutet diese Aufspaltung in der Wahrnehmung und Verarbeitung kultureller Werte im Massenbewusstsein eine doppelte Herausforderung: Zum einen sollen alle Produktionen gefördert werden, die die polnische kulturelle Identität stärken, und anerkannte polnische Werke sollen einem internationalen Publikum so präsentiert werden, dass sie einen markanten Platz in der globalen Kulturgesellschaft finden – wie zum Beispiel die Veranstaltungen im polnischen Pavillon auf der EXPO in Shanghai (Juni 2010), wo die Besucher polnische Folklore in Kombination mit der Musik von Frédéric Chopin in raffinierter medialer Aufbereitung begeistert aufnahmen. Zum anderen sollen neben der Pflege nationaler kultureller Werte, etwa auf Buchmessen oder transnationalen Kunstausstellungen, auch die experimentellen Theater- und Kunstszenen gefördert werden, die den Ruf der polnischen Kultur auch über die Grenzen Europas hinaus gestärkt haben. Erfolgreich kann eine vielseitige Kulturpolitik nur dann sein, wenn nicht nur die Werke bedeutender Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Czeslaw Milosz oder Wislawa Szymborska, Künstlerinnen und Künstler wie Tadeusz Kantor und Magdalena Abakanowicz oder Filmregisseure wie Andrzej Wajda oder Krzysztof Kieslowski vermarktet werden, sondern auch die schöpferische Schubkraft der jungen Künstler und Literaten.


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