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4.5.2017 | Von:
Hans Vorländer

Strukturunterschiede und Herausforderungen

Quellentext

Gefährden Social Bots die Demokratie?

[…] Wie funktionieren Social Bots genau? Festzuhalten ist zunächst, dass diese Programme nicht grundsätzlich schlecht sind. Sie können für die verschiedensten Zwecke eingesetzt werden, beispielsweise um journalistische Artikel von Zeitungen auf Twitter oder Facebook anzukündigen, sobald sie online erschienen sind. Oder um für Unternehmen in Form von Online-Chatprogrammen einfache Dialoge mit Kunden zu übernehmen.

In der Diskussion stehen nur solche Bots, übrigens eine Kurzform für das englische Wort Robots, also Roboter, die gezielt zur Meinungsmache eingesetzt werden. Dabei gibt es verschiedene technische Varianten. Manche Bots antworten auf Tweets zu bestimmten Themen automatisch mit Gegenargumenten. Andere verbreiten Äußerungen weiter, die eine gewünschte Meinung unterstützen.

Letzteres war vor dem Brexit-Referendum zu beobachten. Die Wissenschaftler Philip Howard und Bence Kollanyi von den Universitäten Oxford und Corvinus konnten zeigen, dass ein beachtlicher Anteil aller Tweets zu der Abstimmung durch Bots verbreitet wurde. Dazu untersuchten sie mehr als 1,5 Millionen Tweets und definierten die Verfasser dann als automatisierte Programme, wenn sie mehr als 50 Statements am Tag veröffentlichten. Die jeweils aktivsten Einzelaccounts beider Seiten, @ivoteleave und @ivotestay, waren Bots. Sie setzten keine eigenen Statements ab, sonders retweeteten jene von der Seite, die sie unterstützten.

[…] Wie groß der Einfluss der neuen Meinungsmacher tatsächlich ist und ob sie entscheidend für deren Ausgang waren, ist nach wie vor nicht klar. Auch die Auswirkungen auf das Ergebnis des Brexit-Referendums sind nicht belegt. Ein zweiter Punkt: Die Autoren weisen mehrfach darauf hin, dass es keinerlei Belege dafür gebe, dass im amerikanischen Wahlkampf die Teams von Clinton und Trump hinter den Bots steckten.

Vieles ist also noch vage im Zusammenhang mit den Bots, was den Umgang mit den von ihnen verbreiteten Botschaften nicht erleichtert. Zumal die Accounts immer schwerer von echten Menschen zu unterscheiden sind. Hinweise gibt es zwar, etwa wenn sie die gleiche Antwort auf viele verschiedene Tweets geben oder schneller reagieren, als man eine Nachricht überhaupt lesen kann. Doch fehlende Profilbilder beispielsweise – zunächst noch ein ziemlich gutes Indiz – werden seltener. Politikwissenschaftler befürchten deshalb, dass die Nutzer bald nicht mehr unterscheiden können zwischen Wahrheit und Lüge und Fakten ignoriert werden.

Ist also die Demokratie in Gefahr? Die Frage taucht immer häufiger auf, doch noch spricht nach Ansicht von Beobachtern viel dafür, dass Social Bots und Falschmeldungen die öffentliche Meinungsbildung nicht entscheidend beeinflussen können. So zeigen Untersuchungen, dass die meisten Nutzer ihre Meinung nicht nur aufgrund von Facebook oder Twitter ändern. Auch müssten Politiker damit rechnen, dass die Wähler sie abstrafen, wenn sie auf solche Mittel setzen. Und schließlich haben die sozialen Netzwerke einen großen Einfluss darauf, welche Inhalte ihre Nutzer sehen. Facebook und Google haben schon angekündigt, dass Falschmeldungen künftig nicht mehr beworben werden sollen. Twitter wiede­rum hat offenbar die Accounts einiger Mitglieder einer ultrarechten Gruppierung geschlossen. Ob das ausreicht, um des Problems Herr zu werden, muss sich noch zeigen.

Britta Beeger, "Der Bot macht Meinung" in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Januar 2017
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Quellentext

Psycho-Targeting – personalisierte Wähleransprache

Eines der Nachbeben der Wahl in den USA fuhr vielen […] in die Knochen: […] Besonders die unentschlossenen Wähler sollen aufgrund ihres gesammelten Verhaltens im Netz, ihrer Präferenzen und Neigungen mit individuell abgestimmten Inhalten bombardiert worden sein. Die Methoden kommen aus der digitalen Werbewirtschaft, man spricht von Mikro- und Psycho-Targeting.

[…] Die Verbindungen von allem, was unser digitales und digital dokumentiertes Alltagsleben ausmacht […], mit der sonst entrückten Sphäre der Politiker und dem geradezu archaisch realen Gang ins Wahllokal: Es ist diese perfide erscheinende Verknüpfung der Sphären mit den Mitteln maschineller Intelligenz, diese neue Bedeutung von "Das Private ist politisch", die nervös macht. […] Man verbringt möglichst viel Zeit mit kostenlosen oder billigen (und nicht notwendig wertvollen) Inhalten und Kommunikationsleistungen und bekommt dafür möglichst viele Inserate zu sehen […], bloß dass wir uns den Werbenden sehr viel persönlicher zu erkennen geben als früher.

Genau da liegt aber auch der fundamentale Unterschied zur Massenpsychologie der klassischen Werbung, auch der politischen: Es wird nicht mehr eine Botschaft an viele gesendet, sondern jedem seine eigene, aufgrund seines preisgegebenen Netzverhaltens. Da noch niemand ganz begreift, welche Auswirkungen diese Umkehrung in den nächsten Jahren haben wird, wäre es sehr voreilig, alle Bedenken gegen die Übertragung jener neuen Marketingmethoden auf die demokratische Politik jetzt schon für naiv oder übertrieben zu halten.

Vielen Kritikern reicht es ja schon, dass Parteien solche Methoden aufgrund psychografischer Internet-Profile überhaupt ausprobieren, selbst wenn ihre Wirkung auf die einzelne Wahl­entscheidung, was in der Natur der Sache liegt, nicht nachweisbar ist. […]

[D]ie Adressaten selbst der perfidesten Onlinewerbung und Fake News sind immer noch autonome Bürgerinnen und Bürger, die erst mit ihren eigenen Beschäftigungen und Daten die Botschaften anlocken. Und die natürlich auch selbst ihre Wahlentscheidung treffen. Das heißt nicht, dass Radikalisierung und Internetgebrauch nicht zusammenhingen. Aber [Michal Kosinski, ein Forscher, der mit seinen Studien Rüstzeug fürs Psycho-Targeting liefert] […] glaubt deswegen auch nicht an die fremdbestimmte "Echokammer" oder "Filter­blase": "Sie wird von uns geschaffen, nicht allein von der Technologie. Es stimmt, wir lieben es, Dinge anzuschauen, die unsere Sichtweise bestätigen. Aber man ist immer einen Klick entfernt von völlig entgegengesetzten Meinungen."

Wenn Wahlentscheidungen sich immer weiter Konsumoptionen angleichen, stecken darin politische Risiken, kein Zweifel. Aber gerade die multioptionalen Bedingungen der pluralistischen Gesellschaft könnten auch die Grenzen der politischen Manipulation sein. Einfacher gesagt: Wir kaufen ja auch sonst nicht alles, was uns Anzeigen anbieten.

Johann Schloemann, "Griff in den Kopf", in: Süddeutsche Zeitung vom 10./11. Dezember 2016

Erschwernisse demokratischen Regierens


Ein demokratisches Regierungssystem hat zwei Funktionen zu erfüllen.
  • Effizienz: Es soll Probleme lösen und allgemein verbindliche Entscheidungen fällen.
  • Legitimität: Es soll den Willen des Volkes berücksichtigen und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger gewährleisten.
Optimale Problemlösung, die Berücksichtigung möglichst vieler Interessen (institutionelle Responsivität) und bürgerschaftliche Partizipation befinden sich, wie die Praxis zeigt, allerdings nicht selten in einem Spannungsverhältnis.

Da ist zunächst das Problem der Überforderung. In Konkurrenz um die demokratische Macht überbieten sich Parteien, Gruppierungen oder einzelne Personen bei Wahlen zuweilen gegenseitig mit Versprechungen, um die Stimmen der Wählerschaft zu gewinnen. Doch gelingt es den Wahlsiegern, einmal im Amt, kaum noch, alle Versprechen einzulösen, weil die Zwänge der Realität es nicht zulassen.

Gleichzeitig scheuen sich demokratische Politiker, die Erwartungen ihrer Wählerinnen und Wähler zu enttäuschen und ihre Versprechungen zu korrigieren, weil sie den Machtverlust bei nachfolgenden Wahlen fürchten. Die Demokratie steht so immer in der Gefahr, sich selbst zu überfordern, die Bürgerinnen und Bürger zu enttäuschen und deshalb Vertrauen und Zustimmung zu verlieren.

Hinzu tritt das Effizienzproblem. Der Prozess demokratischer Beratung und Entscheidung braucht Zeit. Einerseits wollen die vielen unterschiedlichen Meinungen und Interessen der Einzelpersonen und Verbände gehört und möglichst auch berücksichtigt werden. Andererseits ist gerade der formale Entscheidungsprozess in einer föderal organisierten, gewaltenteiligen Demokratie so komplex, so mit Hürden und Blockaden versehen, dass schnelle Entscheidungen eher die Ausnahme als die Regel sind.

Demokratie und BeteiligungDemokratie und Beteiligung (© Gerhard Mester / Baaske Cartoons)
Weil demokratische Entscheidungsprozesse zu ihrer Legitimierung auf der Beteiligung möglichst vieler Individuen, Gruppen und Parteien beruhen, ähneln sie nach einem Vergleich des deutschen Soziologen und Nationalökonomen Max Weber (1864 – 1920) dem "beharrlichen Bohren dicker Bretter". Das "Politik machen" in der Demokratie bedarf daher neben der Leidenschaft ganz besonders auch des Augenmaßes und der Geduld.

Da die Demokratie Probleme, seien es wirtschaftliche, soziale oder andere, nicht immer schnell und effizient zu lösen in der Lage ist, wird die Frage nach politischer Führung bedeutsam. Auch eine Demokratie ist, besonders in Krisen- und Umbruchzeiten, ohne politische Führung nicht funktionsfähig. Deshalb kommt es entscheidend auf die Auswahl des politischen Führungspersonals an. Wichtig ist aber auch, dass die Institutionen der Demokratie, wo es notwendig ist, Führung und Entscheidungsfähigkeit des politischen Systems zulassen.

Konkurrenzdemokratien, die auf klaren Alternativen zwischen politischen Parteien und auf Mehrheitswahlrecht basieren, tun sich hier leichter. Konkordanzdemokratien, auch ausgeprägt föderalistische Demokratien – wie beispielsweise die deutsche – sind entschieden schwerfälliger. Das eine muss nicht schlechter als das andere sein, die Unterschiede müssen nur für die Entscheidungsprozesse und ihre Beurteilung, nicht zuletzt durch Medien, Bürgerinnen und Bürger, beachtet und in Rechnung gestellt werden.