Aktion der Berliner Bürgerplattformen für bezahlbaren Wohnungsbau
am 7. Juli 2017 auf dem Gelände des ehemaligen Betonwerks
Berlin

19.10.2017 | Von:
Elena Frank
Ralf Vandamme

Was ist eine Kommune? Zur Bedeutung von Kommunalpolitik heute

Global City oder sterbende Kulisse? Kommunale Lagen

Stadt ist nicht gleich Stadt, "Land" nicht gleich "Land" und infolgedessen Kommunalpolitik nicht gleich Kommunalpolitik. Die Rahmenbedingungen für die Führung einer Kommune sind in Deutschland höchst unterschiedlich, sodass die vom Grundgesetz vorgesehene Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse (Artikel 72 Absatz 2 GG) in der Realität schwer durchzusetzen ist. Die Versorgung etwa mit Schulen, Krankenhäusern, Schwimmbädern, Bibliotheken, Kindergartenplätzen, aber auch mit Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie kulturellen Angeboten ist in boomenden Regionen deutlich besser als in schrumpfenden. Dies macht sie zusätzlich attraktiv für den Zuzug vieler Bevölkerungsgruppen und stellt Kommunalpolitik vor völlig unterschiedliche Herausforderungen.

Dies gilt, obwohl sich paradoxerweise die Lebensformen in Stadt und "Land" in vieler Hinsicht angleichen: Durch das Internet sind heute viele Berufstätigkeiten räumlich ungebunden. Ob eine Übersetzung oder ein Gutachten in einem städtischen Büro erstellt werden oder in einem Wohnzimmer auf dem Lande, macht qualitativ keinen Unterschied. Einige Berufstätigkeiten werden nur noch über das Internet vermittelt (cloud-working).

Dadurch ist die Ausübung von Berufen, die früher an städtische Räume gebunden waren, heute auch auf dem Land möglich. Dabei geben die Betroffenen in der Regel bestimmte städtische Verhaltensweisen – wie etwa hohen Konsum, wenig Selbstversorgung, geringe Vorratshaltung – nicht auf. Durch die Globalisierung und die Konzentration des Handels sind gleiche oder ähnliche Waren überall verfügbar. Bestehende Versorgungslücken werden durch Bestellungen über das Internet geschlossen.

Städte dehnen sich aus, gemeinden dabei ehemalige Dörfer ein und überformen diese. In den neuen Stadtteilen existieren dann oftmals städtische und ländliche Merkmale nebeneinander, also neben historischen Ortskernen anonyme Wohnblocks. Umgekehrt ziehen auch ländliche Aspekte in die Stadt: Im Rahmen von Urban Gardening brechen interessierte Anwohnerinnen und Anwohner versiegelte oder ungenutzte Flächen auf und gärtnern dort fortan öffentlich.

Wildtiere kehren in die Städte zurück. Im Sommer 2016 fütterten Badegäste über Wochen liebevoll einen Fuchs, der sich in ein Berliner Schwimmbad verlaufen hatte, bis ihn schließlich Jäger zur Strecke brachten. Auch Wildschweine und Waschbären entdecken zunehmend städtische Grünzüge und Mülltonnen als ihr Territorium. Imker produzieren Honig in der Stadt, weil ihre Bienen dort während der gesamten Saison Blüten finden, während sie inmitten von großflächigen Monokulturen auf dem Land in Schwierigkeiten geraten.

Die Lebensformen in "Stadt" und "Land" haben sich also in mancher Hinsicht angeglichen – die Chancen einzelner Quartiere, Orte oder Regionen aber differenzieren sich immer weiter aus. Benachteiligte Quartiere sind nur sehr schwer wieder aufzuwerten, strukturschwache Regionen verlieren Einwohner und insbesondere Einwohnerinnen, denn junge Frauen sind oftmals schneller bereit, den Wohnort zu wechseln, als Männer, was die Chancen der Verbliebenen weiter reduziert. Benachteiligte Regionen verlieren Arbeitsplätze und Infrastruktur, wie Busverbindungen, Ärzte und Apotheken. Zurück bleiben häufig ältere Menschen und eine gewisse Hoffnungslosigkeit, die einen Nährboden für politische Radikalisierung bilden kann.

Boomende Regionen und Städte sind geprägt von Zuzug, Wirtschaftswachstum und einer Vielzahl kultureller Angebote, aber auch sie produzieren eigene Probleme: Durch die Überteuerung von Wohnraum in den Innenstädten – durch große Nachfrage, aber auch, weil Immobilien als Spekulationsobjekte gehandelt werden – ist es für manche Global Citys (Städte von internationaler Bedeutung) inzwischen schwer, offene Stellen in bestimmten Berufen zu besetzen, wie etwa in Kindertageseinrichtungen oder bei Rettungsdiensten. Wo sie können, zahlen finanzkräftige Städte daher höhere Löhne, doch reicht dies häufig nicht, um sich die Mieten dort leisten zu können, sodass die offenen Stellen vielfach trotzdem nicht besetzt werden können.

Quellentext

Schwarmstädte und Landleben

[…] "Die Zahl der Hochschulstandorte ist mittlerweile so groß, dass kaum jemand für eine höhere Bildung seine Heimatregion verlassen müsste", heißt es in dem bemerkenswerten Report "Schwarmstädte in Deutschland", den das Berliner Forschungsinstitut Empirica Ende 2015 im Auftrag des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen erarbeitet hat.
Ein Ergebnis: Wenn den jungen Gebildeten ihre Stadt oder ihre Region nicht gefällt, wandern sie weiter, ganz gleich, wie das Bildungsangebot in der Nähe ist. Spätestens nach dem Studium zieht es sie in eine Stadt: dorthin, wo andere junge Gebildete wohnen, wo etwas los und wo es schön ist. […] [D]iese neuartige Binnenwanderung [hat] […] nichts mit der klassischen Landflucht früherer Jahre zu tun. Denn die Stadt per se ist gar nicht das Ziel. Dreißig besonders attraktive Schwarmstädte haben die Autoren der Studie herausgefiltert: München gehört dazu, Leipzig und Frankfurt, aber auch Bonn, Regensburg und Trier.
"Praktisch das ganze Ruhrgebiet" hingegen verliere Menschen an die sehr viel kleinere Stadt Münster. Die Alten schwärmen dann in andere Richtungen aus, an die Nord- und Ostseeküste, nach Garmisch, Baden-Baden, Landshut oder Weimar. […] Diese Binnenflucht ist auch deshalb so bemerkenswert, weil sie nicht mehr nur dem klassischen Muster folgt: Menschen gehen nicht mehr nur dorthin, wo es Arbeitsplätze gibt. Schlicht gesagt, das müssen sie aktuell nicht. Der Wirtschaft in Deutschland geht es gut, es gibt in der Regel genug Arbeitsplätze – auch in der Provinz. Das Wirtschaftswachstum ist in vielen Regionen sogar stärker als in den Städten. Den Schwärmern geht es gut, und sie leisten sich diese wirtschaftlich eigentlich unsinnige Wanderung. "Geldverdienen müssen" hat in der Erbengeneration an Bedeutung verloren. Natürlich bleibt es wesentlich, aber andere Ziele spielen eine stärkere Rolle. Für ein glückliches Leben etwa, was immer man darunter versteht, nehmen viele Jüngere finanzielle Einbußen in Kauf. So kommt es, dass viele Menschen heute in teuren, aber attraktiven Schwarmstädten wohnen und zum Arbeiten in die Provinz pendeln. Arbeiten in Wolfsburg, wohnen in Berlin, selbst das ist keine Seltenheit. Früher sind die Menschen vom Land in die Stadt gefahren, um zu arbeiten. Heute ist es umgekehrt. Deshalb hilft es auch nur bedingt, auf dem Land Arbeitsplätze zu schaffen, um diese Bewegung zu stoppen: "Neue Arbeitsplätze im Donnersbergkreis oder in Merseburg bringen zunächst Mainz und Leipzig zusätzliche Einwohner, nicht aber dem Donnersbergkreis oder Merseburg selbst", heißt es in dem Report. Was die Attraktivität der Schwarmstädte ausmacht, darüber herrscht Rätselraten: Letztlich zeichneten sie sich dadurch aus, dass sie eine angenehme Atmosphäre hätten. […] Schon heute ist zu sehen, dass diese Binnenwanderung teils fundamentale Veränderungen mit sich bringt. Das Leben in den Schwarmstädten wird teurer, Wohnungen werden knapp. Es ist paradox: In einem Land, dessen Bevölkerung schrumpft, gibt es in Teilen wieder Wohnungsnot. Hinzu kommt: Weil die Lebenshaltungskosten steigen, wird es auch mehr Verlierer geben in diesen Städten. Das hat gerade das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln herausgefunden: "Auch scheinbar wohlhabende Städte weisen nach der Preisbereinigung ein hohes Armutsrisiko auf." […]
Die Frage ist, wie sich die nach Glück Suchenden und gut Gebildeten aus der Provinz mit den Armen in der Stadt arrangieren und wie man diesen sozialen Sprengstoff entschärft. Viele Zuzügler würden ohnehin am liebsten in der Stadt leben, aber ihr Dorfleben behalten. Vor zwei Jahren hat das Institut für Demoskopie Allensbach festgestellt, dass der ländliche Raum für viele Deutsche "auf einer psychologischen Ebene" sogar attraktiver geworden sei. "Wo haben die Menschen ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?" Auf diese Frage antworteten 1956 noch 59 Prozent der Menschen mit Stadt. Heute sagt nur noch jeder Fünfte, in der Stadt lebten Menschen besser. Das Landleben trage noch immer Züge eines Idealbildes, in den Büchern der Stadtkinder seien Bauernhöfe abgebildet, die es seit Jahrzehnten allenfalls noch in Freilichtmuseen gebe, schreibt Autor Thomas Petersen.
"Je mehr Menschen in der Stadt leben, je weniger Kontakt sie zum tatsächlichen Landleben haben, desto mehr wird das Land zu einer Projektionsfläche ihrer Phantasien." […]
Tatsächlich ist in manchen Stadtteilen schon heute zu beobachten, wie die neuen Bewohner versuchen, ein ländliches Idyll zu erschaffen mit "Urban Gardening", Bioläden und Bouleplätzen wie in der französischen Provinz. Glaubt man den Empirica-Autoren, dann werden die meisten Maßnahmen gegen die neue Binnenwanderung scheitern. Billige Grundstücke für Familien, Lockangebote für junge Ärzte werden ein Dorf schwächen, das andere stärken und nur zu einem letztlich aussichtslosen Verteilungskampf innerhalb einer Verliererregion führen. Besser wäre es demnach, in jeder Region die Kräfte zu bündeln und ein Zentrum zu stärken. Dass damit Konflikte aufkämen, sei keine Frage. Aber eine andere Lösung dürfte es kaum geben. Die Autoren wählen einen drastischen Vergleich: "Zwei halbtote Städte werten die Region nicht auf, eine lebendige und eine tote hingegen schon."

Bernd Freytag, "Alle auf einen Haufen", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. August 2016; © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Kommunalpolitik muss versuchen, zu große Segregation (Entmischung) von Bevölkerungsgruppen zu verhindern, also sowohl das Entstehen von Gettos oder Slums, als auch das Entstehen von Gated Communities, von Quartieren also, in die nur eine reiche Oberschicht Zutritt hat. Denn beide Formen der Entmischung sind mit Folgekosten für die Kommunen verbunden. Weder abgehängte noch "abgehobene" Quartiere inspirieren dazu, sich aktiv in das kommunalpolitische Geschehen einzubringen und zum Beispiel ein Mandat in der Kommunalvertretung anzustreben. Ebenso ist auch das Entstehen abgehängter Regionen zu verhindern oder rückgängig zu machen. Eine Aufgabe, die die Kommunen alleine nicht bewältigen können.

Quellentext

Unterschiedliche Voraussetzungen für kommunale Steuerung: Frankfurt-Frankfurt

Die Städte Frankfurt am Main und Frankfurt (Oder) haben den gleichen Namen, sind aber sehr unterschiedlich. Das hat den Kabarettisten Rainald Grebe dazu veranlasst, ein Theaterstück zu schreiben, in welchem er beide Städte beschreibt. "Ist Frankfurt noch zu retten? Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es Frankfurt in 100 Jahren nicht mehr geben. Denn die jungen Frankfurter ziehen weg und die alten Frankfurter sterben" – heißt es über Frankfurt (Oder).

Frankfurt (Oder) ist eine traditionsreiche Stadt in Brandenburg an der polnischen Grenze. Durch die Nähe zur Hauptstadt Berlin und die Nähe zu Polen ist Frankfurt (Oder) theoretisch ein interessanter Wirtschaftsstandort. Doch die Heimatstadt des Schriftstellers Heinrich von Kleist (1777 – 1811) wurde im Zweiten Weltkrieg zur Ruinenstadt.

In der DDR wurde Frankfurt (Oder) einer der 15 Verwaltungsbezirke. Heute schrumpfen seit Jahren die Bevölkerungszahlen. Im Jahr 2000 wohnten dort 72.131 Personen, im Jahr 2014 nur noch 57.649. Besonders der Anteil junger Menschen nimmt ab. Die kreisfreie Stadt Frankfurt (Oder) hat ein Haushaltsvolumen von circa 200 Millionen Euro.

Im Gegensatz zu Frankfurt (Oder) wuchs Frankfurt am Main von 646.550 Einwohnern im Jahr 2000 auf 717.624 im Jahr 2014 an. Somit ist die kreisfreie Stadt Frankfurt am Main eine Großstadt. Ihre Größe ermöglicht und erfordert auch ein entsprechend größeres Haushaltsvolumen von circa drei Milliarden Euro (ohne Berücksichtigung der 371 Eigenbetriebe in den Bereichen Wirtschaft, Verkehr, Entsorgung, Wohnungsbau, Kultur, Freizeit und Sozialwesen).

Die größte Stadt Hessens und fünftgrößte Stadt Deutschlands ist für ihren internationalen Flughafen, das Bankenwesen und die Skyline der Hochhäuser bekannt. Viele Menschen leben dort auf engem Raum, und es werden tendenziell immer mehr. Tagsüber sind es weit über 1,5 Millionen Menschen, da viele zum Arbeiten nach Frankfurt am Main pendeln.

Trotz des Bankenwesens und des hohen Bruttoinlandsprodukts pro Erwerbstätigen sind die öffentlichen Schulden der Großstadt Frankfurt am Main viel höher als die des kleineren Frankfurt (Oder). Dieses konnte in den vergangen Jahren Schulden abbauen, während sie in Frankfurt am Main gestiegen sind.

Elena Frank

Die Städte im ZahlenvergleichDie Städte im Zahlenvergleich