Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen

10.11.2017 | Von:
Heribert Dieter

Die internationale Finanzordnung

Gibt es Alternativen zu unbeschränktem Kapitalverkehr

Die herrschende Lehre vor allem in den OECD-Ländern hat den unbeschränkten internationalen Kapitalverkehr lange als unverzichtbar bezeichnet. Es gibt aber alternative Ansätze, die darauf abzielen, die Regeln für den internationalen Kapitalverkehr zu verändern und ihn zu beschränken. Dies kann durch staatliche Genehmigungspflichten, aber auch durch Besteuerung erfolgen.

Eine Dämpfung des Kapitalverkehrs würde wahrscheinlich die Stabilität des internationalen Finanzsystems steigern, aber für Kapitaleigner eine deutliche Reduzierung ihrer Gewinnmöglichkeiten bedeuten.

Unbeschränkter Kapitalverkehr wiederum kann im schlimmsten Fall zur Folge haben, dass viele Bürgerinnen und Bürger die Kosten von staatlichen Maßnahmen zur Rettung einzelner Banken oder gar gesamter Finanzsysteme tragen müssen.
Die Theorie vom Trilemma des WechselkursesDie Theorie vom Trilemma des Wechselkurses (© Economist.com)

Quellentext

Die Theorie vom Trilemma des Wechselkurses

Der kanadische Ökonom Robert Mundell hat Anfang der 1960er-Jahre herausgefunden, dass drei geldpolitische Ziele, die Notenbanken gemeinhin anstreben, grundsätzlich miteinander unvereinbar sind: Stabile Wechselkurse, unbeschränkter Kapitalverkehr und geldpolitische Autonomie (also im Falle einer Krise die Zinsen senken und im Falle einer Überhitzung die Zinsen anheben zu können) lassen sich nicht gleichzeitig verwirklichen.

Mundell stellte fest, dass nur maximal zwei der drei Ziele zu erreichen sind. Entweder die Kombination aus unbeschränktem Kapitalverkehr und festen Wechselkursen, so wie sie der Goldstandard vor 1914 bot. Die Notenbanken verfügten damals nicht über geldpolitische Unabhängigkeit, sondern passten bei unbeschränktem Kapitalverkehr ihre Zinspolitik so an, dass der Wechselkurs stabil blieb.

Die zweite Variante verkörperte das System von Bretton Woods. Hier waren die Wechselkurse stabil und die Geldpolitik konnte bei konjunkturellen Schwankungen eingreifen. Dies ging aber zu Lasten des unbeschränkten Kapitalverkehrs.

Die dritte Variante bildet das heutige System ab: Die meisten Notenbanken sind geldpolitisch handlungsfähig und heben und senken Zinsen je nach konjunktureller Entwicklung. Der Kapitalverkehr ist unbeschränkt. Nicht erreicht wird das Ziel stabiler Wechselkurse.

Aus der Theorie Mundells, die in der Volkswirtschaftslehre breite Akzeptanz gefunden hat, resultiert eine einfache politische Schlussfolgerung. Wenn man die geldpolitische Autonomie der Notenbanken, also ihre Fähigkeit, auf Schwankungen der Wirtschaftslage mit der eigenen Geldpolitik zu reagieren, als unverzichtbar betrachtet, muss man entweder den Kapitalverkehr beschränken oder (mitunter stark) schwankende Wechselkurse in Kauf nehmen.

Doch mit welchen Maßnahmen lässt sich der internationale Kapitalverkehr dämpfen, um solche unliebsamen Folgewirkungen zu vermeiden? Ein Instrument könnte eine Steuer auf grenzüberschreitenden Kapitalverkehr sein. Der amerikanische Ökonom James Tobin hat in den 1970er-Jahren, nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods, eine solche Steuer vorgeschlagen, um die Wechselkurse zu stabilisieren und die Spekulation auf Wechselkursveränderungen einzudämmen.

Gegenwärtig hätte eine Steuer auf grenzüberschreitenden Kapitalverkehr wohl eher das Ziel, die geldpolitische Autonomie von Volkswirtschaften im Hinblick auf die Finanzmarktregulierung zu stärken, die Wirksamkeit geld- und finanzpolitischer Maßnahmen zu erhöhen und Banken daran zu hindern, diese Maßnahmen durch Verlagerung ihrer Geschäftstätigkeit auf weniger regulierte Finanzplätze zu umgehen.

Kritiker der Steuer auf grenzüberschreitenden Kapitalverkehr wenden zutreffenderweise ein, dass diese die Kreditaufnahme im Ausland verteuert. Befürworter der Steuer sehen wiederum genau diesen Effekt als nützlich an. Aus ihrer Sicht ist die Steuer ein geeignetes Instrument, um den gar nicht oder zu spät erkannten Kreditblasen (stark ansteigenden Kreditvolumina) entgegenzuwirken, die sich seit der Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs immer wieder gebildet haben und nach Erkenntnissen einiger Wirtschaftshistoriker recht zuverlässig eine bevorstehende Finanzkrise signalisieren. Eine Besteuerung des Kapitalverkehrs könnte also der Vorbeugung vor Finanzkrisen dienen, indem sie den Kapitalverkehr lenkt und dämpft, und zusätzlich Steuereinnahmen für den erhebenden Staat generiert.