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Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen
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21.12.2017 | Von:
Heribert Dieter

Vor- und Nachteile offenen Welthandels

Warenhandel bezeichnet den Austausch von Gütern zwischen Menschen. Wenn dabei eine Landesgrenze überquert wird, spricht man von internationalem Handel. Dieser wirkt in unterschiedlichen Feldern auf Gesellschaften ein. Er hat Auswirkungen auf Beschäftigung und Konsum, aber auch auf Politik und Umwelt.
Ein mit sechs Containerreihen beladenes Frachtschiff neben Ladekränen am Ufer im Hafenbecken Hamburg-Alsterwerder.Container, genormte Frachtbehälter, die gleichermaßen per Schiff, Eisenbahn oder LKW transportiert werden können, haben die Globalisierung des Warenhandels entscheidend befördert, aber die Zahl der Arbeitsplätze in den Häfen reduziert. Einer der weltweit größten vollautomatisierten Containerhäfen befindet sich in Hamburg-Altenwerder. (© Reuters / Christian Charisius)

Blick in die Geschichte

Grenzüberschreitender Handel ist kein eigentlich neues Phänomen. Menschen aus unterschiedlichen Volkswirtschaften treiben seit Jahrhunderten Handel miteinander und zwar umso mehr, je näher sie sich geografisch und kulturell stehen. Seit der Wiederbelebung der Seidenstraße durch die Mongolenherrscher ab dem 12./13. Jahrhundert gab es immer wieder Phasen intensiver Handelsbeziehungen, aber häufig haben sich Staaten auch vom grenzüberschreitenden Handel abgewendet und auf eine binnenwirtschaftliche Entwicklung gesetzt. Die Geschichte der Hanse im Nord- und Ostseeraum des frühen Mittelalters zeigt ebenfalls diese unterschiedlichen Phasen. Ein tiefgreifender Einschnitt war die Große Depression Anfang der 1930er-Jahre, als der Handel um ganze zwei Drittel zurückging. Die Geschichte der Handelspolitik zeigt also keine lineare Entwicklung hin zu einer offenen Weltwirtschaft, in der Grenzen und Barrieren zwischen Staaten weitgehend abgebaut sind und Freihandel herrscht.

Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit

Am Anfang steht daher eine scheinbar triviale Frage: Warum tauschen Menschen Waren und Dienstleistungen überhaupt mit Menschen anderer Volkswirtschaften? Häufig herrscht die Annahme, der internationale Handel unterscheide sich vom Warenhandel innerhalb eines Staates, oder gar die Ansicht, der internationale Handel gefährde den Wohlstand von Volkswirtschaften. Aus Phasen staatlicher Abgrenzung rührt die Idee, der internationale Handel sei ein notwendiges Übel, erhöhe jedoch nicht den Wohlstand in einer Gesellschaft. Dies ist nicht zutreffend: Handel wird von Individuen getätigt und erhöht – grundsätzlich betrachtet – den Wohlstand. Die Motive der Käufer und Verkäufer unterscheiden sich nicht – gleichgültig, ob sie innerhalb eines Landes oder grenzüberschreitend miteinander Handel treiben.

Wiederholt hat es politische Strömungen gegeben, die auf die Erzeugung nahezu aller Güter im Inland setzten. Im amerikanischen Wahlkampf des Jahres 2016 gab es heftige Debatten über die Effekte der offenen Handelspolitik der USA. Der Wahlsieger Donald Trump versprach den Amerikanern, er werde dafür sorgen, dass sie künftig weniger Nachteile aus dem grenzüberschreitenden Handel in Kauf nehmen müssten, und kritisierte in diesem Zusammenhang unter anderem die hohen Exportüberschüsse Deutschlands. Das wirft die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit auf, die auf verschiedenen Wegen erreicht werden kann.

Quellentext

Internationale Arbeitsteilung und die Theorie komparativer Kostenvorteile

Zentral für das Verständnis der internationalen Wirtschafts­beziehungen ist die Theorie komparativer Kostenvorteile.

Die zugrundeliegende Annahme ist recht einfach: In Volkswirtschaften profitieren alle von Arbeitsteilung und Spezialisierung. Der Nutzen, so die Idee, ist für alle größer, wenn sich Menschen und Unternehmen in ihren wirtschaft­lichen Aktivitäten darauf konzentrieren, was sie am besten können. Dabei wird vorausgesetzt, dass jeder Mensch eine begrenzte Zeit zur Verfügung hat und diese Zeit am effek­tivsten nutzen sollte.

Ein Beispiel: Wir betrachten eine Rechtsanwältin und ihren Bürogehilfen. Beide verfügen über juristische Kennt­nisse. Die Anwältin entwirft juristische Schriftsätze, für die sie pro Schriftsatz durchschnittlich 60 Minuten Zeit benö­tigt. Weitere zehn Minuten kostet es sie, um einen Schrift­satz abzutippen.

Der Bürogehilfe braucht für die Formulierung eines Schriftsatzes etwa 180 Minuten und 20 Minuten, um einen Schriftsatz zu tippen. Für das Verfassen eines Schriftsatzes braucht der Gehilfe dreimal so lange wie die Rechtsanwäl­tin, für das Abtippen nur doppelt so lang, ist darin also vergleichsweise gut.

Absolut gesehen wäre es also am effizientesten, wenn die Rechtsanwältin beide Tätigkeiten übernähme. Sie schafft das in 70 Minuten, während der Gehilfe für beide Tätigkei­ten 200 Minuten benötigt. Die Rechtsanwältin kann ihre Effizienz aber steigern, wenn sie sich auf das konzentriert, was sie im Vergleich zu ihrem Bürogehilfen am besten kann, und darauf verzichtet, beide Arbeitsschritte selbst zu erledigen.

Sie verständigt sich mit dem Gehilfen auf eine Arbeitstei­lung, beschränkt sich auf die juristische Tätigkeit und kauft die Dienste der Schreibkraft ein. Von der Arbeitsteilung pro­fitieren beide: Die Rechtsanwältin, da sie beim Verfassen von Schriftsätzen einen noch größeren Vorteil hat als beim Schreibmaschineschreiben; der Gehilfe, indem er ebenfalls das tut, was er vergleichsweise gut leisten kann.

Der englische Ökonom David Ricardo (1772-1823) hat dieses· Grundprinzip der Arbeitsteilung· auf den Handel zwischen. Volkswirtschaften übertragen. Volkswirtschaften sollten sich darauf konzentrieren, was sie am besten können, weil sie davon, so Ricardo, beide profitieren.

Ricardo zeigte, dass die Arbeitsteilung und Spezialisierung auch dann Vorteile für beide Volkswirtschaften hat, wenn eine davon sämtliche Produkte preiswerter anbieten kann als die andere. Ricardo schlug vor, dass sich das teurer produzierende Land auf das Produkt konzentriert, bei dem es die geringe­ren Kostennachteile hat; weil es dort einen "komparativen Vorteil" habe.

Ricardos Überlegungen stellten einen radikalen Bruch mit dem Außenwirtschaftsmodell des Merkantilismus dar, der noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts speziell im absolutistischen Frankreich vertreten wurde: Dort galt es als erstre­benswert, möglichst wenig zu importieren und große Über­schüsse an Gold und Silber zu erwirtschaften.

Ein wichtiger Faktor für den internationalen Handel sind die von Land zu Land sehr unterschiedlichen Lohnkosten. Damit einher geht ein Zwang zu hoher Produktivität. Denn konkurrenzfähig bleiben Firmen nur dann, wenn in einer Arbeitsstunde eine hohe Wertschöpfung erwirtschaftet wird. Ausschlaggebend für die preisliche Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens sind daher nicht allein die Löhne, sondern die sogenannten Lohnstückkosten, die spiegeln, wie viel in einer Arbeitsstunde produziert wird. Bei hoher Produktivität können Unternehmen auch relativ hohe Löhne zahlen, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Diese Wettbewerbsfähigkeit wird gesteigert, wenn es Firmen gelingt, vor allem durch Innovationen zeitweilige Monopolgewinne zu erzielen, wenn sie also hochspezialisierte Produkte anbieten, bei denen die preisliche Wettbewerbsfähigkeit eine untergeordnete Rolle spielt: Die Produkte werden vom Ausland gekauft, weil sie besonders gut, nicht, weil sie besonders billig sind.

Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe in ausgewählten Industrieländern 2015Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe in ausgewählten Industrieländern 2015 (© Institut der deutschen Wirtschaft Köln)
Deutschland weist im internationalen Vergleich hohe Arbeitskosten auf. In Europa liegen zwar noch einige Länder vor Deutschland, aber abgesehen von den Spitzenreitern Schweiz und Norwegen ist der Abstand Deutschlands zu den anderen Hochlohnländern Belgien, Dänemark und Schweden nicht gravierend. In der verarbeitenden Industrie der Länder im Süden Europas werden wesentlich niedrigere Löhne gezahlt. In Griechenland belaufen sich die Arbeitskosten auf 14,91 Euro und in Portugal auf 11,15 Euro. Der Vorwurf, Deutschland verschaffe sich durch Lohndumping im internationalen Wettbewerb Vorteile, hält einer genauen Überprüfung nicht stand. Auch in den USA und in Japan liegen die Löhne deutlich niedriger als in Deutschland. Allerdings haben die Beschäftigten in Deutschland von den hohen Produktivitätssteigerungen der letzten 15 Jahre weniger stark profitiert, als dies möglich gewesen wäre: Die Löhne stiegen langsamer als die Produktivität, und dadurch sanken die Lohnstückkosten (siehe unten).

Die absolute Lohnhöhe sagt, für sich genommen, sehr wenig über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in den einzelnen Ländern aus. So weist die Schweiz extrem hohe Löhne auf, aber die Schweizer Wirtschaft schafft es dennoch, viel zu exportieren. Im Jahr 2015 betrug der Wert der Schweizer Waren- und Dienstleistungsexporte 50400 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung, während der Vergleichswert für Deutschland mit 19.500 US-Dollar bei weniger als der Hälfte lag. (Wert der Exporte in laufenden US-Dollar in Relation zur Einwohnerzahl. Daten der Weltbank )

Ausschlaggebend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ist die Lohnhöhe im Verhältnis zur Produktivität. Die Lohnstückkosten drücken aus, wie viel Lohn oder Gehalt einschließlich der Lohnnebenkosten für ein Produkt oder eine Dienstleistungseinheit bezahlt werden muss. Die absolute Lohnhöhe ist für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens oder einer Volkswirtschaft also nicht entscheidend, sondern das Verhältnis von Lohnhöhe zur Produktivität. Dabei zeigt sich, dass seit 1998 die Lohnstückkosten in Deutschland gesunken sind, während sie etwa in China stark anstiegen. In die Sprache von Wechselkursen übersetzt heißt das, dass Deutschland real abgewertet und China aufgewertet hat, denn der reale Wechselkurs wird an der Preisentwicklung des unbeweglichen (im Land verbleibenden) Faktors gemessen, und das ist der Faktor Arbeit.

1998 und 2015 (2010 = 100)1998 und 2015 (2010 = 100) (© OECD, Economic Outlook 99, Annex Tables, Tabelle 52, im Internet unter http://www.oecd.org/economy/outlook
/economic-outlook-annex-tables.htm
)
Trotz zum Teil deutlicher Lohnsenkungen im Zuge der landesweiten Wirtschaftskrise liegen die Lohnstückkosten in Griechenland noch immer über dem Wert von 1998. Gleiches gilt für Italien. Während die Lohnstückkosten in Deutschland, Irland und den USA moderat gefallen sind, haben sie sich in China zwischen 1998 und heute mehr als verdoppelt.

Die stark gestiegenen Löhne in China könnten sich in den kommenden Jahren insbesondere für die Beschäftigten in den USA als nützlich erweisen. Denn wenn es wegen der höheren Lohnkosten nicht mehr so attraktiv ist, in China für den US-Markt zu produzieren, könnten Unternehmen geneigt sein, Produktionslinien wieder in die USA zurückzuverlegen (Re-Industrialisierung). Voraussetzung dafür ist allerdings ein stabiler Wechselkurs. Wertet der Dollar dagegen gegenüber der chinesischen Währung auf, und ließe sich ein US-Dollar gegen relativ mehr Renminbi tauschen, bliebe diese Wirkung aus.

Handel als Wohlstandsfaktor

Nutznießer des internationalen Handels sind aber keineswegs nur die Hersteller von Waren. Einen großen Vorteil aus dem internationalen Handel haben in gleichem Maße die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Auswirkungen auf die Beschäftigung

Bei näherer Betrachtung stellt sich das Bild so dar: Die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung nutzt im Inland den Unternehmen und den Beschäftigten, die für den Export produzieren. Von ihr profitieren sowohl inländische Unternehmen, die aus dem Ausland kostengünstig Vorprodukte importieren und damit die Konkurrenzfähigkeit des Endproduktes steigern können, wie ausländische Unternehmen und deren Beschäftigte, die Waren für den Export nach Deutschland herstellen.

Eine große Gruppe der Nutznießer stellen schließlich die inländischen Verbraucher dar, denn sie treffen auf ein vielfältiges Produktangebot. Dabei treten importierte und heimische Waren in einen Wettbewerb, der sich auch in günstigeren Preisen niederschlägt.

Negativ betroffen sind diejenigen im Inland, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil ausländische Anbieter das gleiche Produkt billiger anbieten. Dies betrifft im Gegenzug auch ausländische Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil deutsche Anbieter hochwertigere oder preiswertere Produkte anbieten.

Einige Beispiele verdeutlichen die Wirkungsketten. Der ökonomische Nutzen der heutigen liberalen Handelsordnung für die Aktionäre und Beschäftigten der deutschen Automobilindustrie ist offensichtlich: Die Produktion für den Export schafft in Deutschland Arbeitsplätze und beschert den Aktionären Gewinne. Ebenso klar ist, dass der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung und die dort Beschäftigten vom Export nach Deutschland einen wirtschaftlichen Nutzen haben.

Auswirkungen auf die Kaufkraft

Ein wenig komplexer ist der Nutzen für inländische Verbraucher. Durch den Import von preisgünstigen Waren aus dem Ausland erhöht sich zwar nicht das Einkommen der Bürgerinnen und Bürger, aber deren Kaufkraft. Bei gleichem Einkommen können sie sich beispielsweise den Kauf eines Fernsehgerätes erlauben, das aus deutscher Produktion sehr viel teurer wäre. Im Ergebnis können Menschen durch preiswerte Importe bei gleichem Einkommen also mehr konsumieren. Die Perspektive der Benachteiligten wird ab Seite 16 im Detail betrachtet.

Aufstieg asiatischer Schwellenländer

Der bemerkenswerte Aufstieg einiger Länder aus großer Armut zu relativem Wohlstand ist auch darauf zurückzuführen, dass sie Zugang zu den Märkten anderer Länder hatten, auf denen sie ihre Produkte verkaufen konnten.

China ist das wohl bekannteste Beispiel dafür. Das kommunistische Land war von 1949 bis Ende der 1970er-Jahre eine strikte Planwirtschaft mit gering ausgeprägten internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Die Industrieproduktion und der Export von industriell hergestellten Gütern waren kaum entwickelt. Als sich das Land im Jahr 1980 öffnete, wurden beispielsweise gerade einmal 220.000 Fahrzeuge pro Jahr in China hergestellt.

Im Jahr 2015 war China bereits das Land mit der größten Automobilproduktion weltweit und stellte 24,5 Millionen Fahrzeuge her, das 110-fache der Produktion im Jahr 1980. Die Menschen in China haben von diesem Aufschwung enorm profitiert. Sie sind wohlhabender, und sie leben länger. Weltweit ist die Lebenserwartung der Menschen seit 1960 um durchschnittlich 19 Jahre gestiegen, aber in China stieg die Lebenserwartung sogar um 30 auf heute 75 Jahre (Sharma 2016, S. 38 f).

Ein anderes Land, das auch dank des Handels mit der Welt Wohlstand erlangen konnte, ist Südkorea. Von 1910 bis 1945 war Korea japanische Kolonie und ging aus dem Koreakrieg (1950 – 1953) als geteiltes Land hervor. Zu Beginn seiner Entwicklung war Koreas Wirtschaft ganz auf die Interessen der japanischen Kolonialherren ausgerichtet.

Trotz dieser schlechten Ausgangslage ist Südkorea zu einer der weltweit führenden Industrienationen aufgestiegen. Die Wirtschaftsleistung des Landes lag nach Angaben der Weltbank ( Bruttoinlandsprodukt 2016) 2016 bei 1.411 Milliarden US-Dollar und damit über derjenigen Russlands, Spaniens oder der Türkei. Pro Kopf der Bevölkerung lag die Wirtschaftsleistung in Südkorea nach Angaben des CIA-Factbook im Jahr 2016 bei 37.700 US-Dollar und damit nur wenig unter dem Mittelwert für die Europäische Union, der im gleichen Jahr 39.200 US-Dollar betrug.

Auch in Südkorea hat sich die Automobilproduktion stark erhöht und stieg von 123.000 Fahrzeugen im Jahr 1980 auf 4,5 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2015. Kein Land in Europa, mit Ausnahme Deutschlands, produzierte 2015 so viele Fahrzeuge wie das frühere Entwicklungsland Südkorea.

Deutschland als Nutznießer der Globalisierung

Zu den Nutznießern der Globalisierung gehört auch Deutschland. Selbst wenn man nur eine Dimension des Handels, nämlich die Exporte von Gütern und Dienstleistungen, betrachtet, wird die Dynamik der Entwicklung deutlich. Die Exporte Deutschlands betrugen im Jahr 2015 fast 1.573 Milliarden US-Dollar und lagen damit auf Rekordniveau. In diesem Jahrhundert hat sich die Intensität des deutschen Außenhandels deutlich erhöht. Im Jahr 2000 erreichten die gesamten Exporte Deutschlands mit 600 Milliarden US-Dollar weniger als die Hälfte des Wertes von 2015. Weitere 15 Jahre zurück, im Jahr 1985, exportierte Deutschland lediglich Waren im Wert von 207,3 Milliarden US-Dollar.
1950-2016, in Mrd. Euro1950-2016, in Mrd. Euro (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 389147 )

2016, in Mrd. Euro2016, in Mrd. Euro (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 389 204 )

Der Nutzen von Exporten hängt auch von der Finanzierung ab

Die meisten Beobachter nehmen an, dass die Exporte den Wohlstand in Deutschland mehren. Das kann, muss aber nicht so sein. Denn das hängt von der Finanzierung der Exporte ab.
In einem einfachen Fall verkauft ein Autohersteller einen PKW an einen Kunden ins Ausland, der den Wagen aus vorhandenem Vermögen bezahlt. Der Autohersteller wird bezahlt, ebenso dessen Beschäftigte.
Anders gelagert ist der Fall, wenn ein PKW zum Beispiel in die USA verkauft wird und der dortige Kunde bei seiner Bank einen Kredit zur Bezahlung des Wagens aufnimmt. Diese Bank gibt den Kredit an eine Investmentbank weiter. Dort werden Tausende von Krediten in ein Wertpapier gebündelt, eine "asset backed security". Solche Wertpapiere können, anders als ein einzelner Kredit, an Börsen gehandelt werden.
Im vorliegenden fiktiven Fall wird das von der Investmentbank geschaffene Papier an eine deutsche Bank verkauft, die den Kaufpreis für das Wertpapier in die USA überweist. Per Saldo fließt das Kapital zur Finanzierung des PKWs von Deutschland in die USA. Geht die Investmentbank in Konkurs, verlieren die Forderungen des deutschen Bankhauses stark an Wert. Die Bank wird insolvent und muss mit Steuergeldern gerettet werden.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht wurde der PKW verschenkt, weil er mit einem wertlosen Papier bezahlt wurde. Betriebswirtschaftlich sieht das anders aus: Die Aktionäre und Beschäftigten des Autoherstellers sind gleichwohl zufrieden, weil sie von der Bank des amerikanischen Kunden eine Zahlung erhalten haben. Den Nachteil hat der Steuerzahler, auf dessen Kosten die insolvente deutsche Bank gerettet werden musste. Das gleiche gilt auch im Binnenhandel: Wenn ein Kreditnehmer seine Schulden nicht begleicht, sind Zahlungsausfälle zu verbuchen. Bemerkenswert ist aber, dass die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahren auf Forderungen an das Ausland hohe Abschreibungen vornehmen, also Verluste verbuchen musste. Im Ergebnis heißt dies, dass nicht immer alle Einwohner Deutschlands vom Export profitieren, sondern manchmal nur einige.

Quellentext

Gründe für den Exportüberschuss

Was [...] sind die wichtigsten Gründe für den hohen Außenbeitrag Deutschlands? Ein Überblick.

Wettbewerbsfähigkeit: […] Dass Deutschland im internationalen Kräftemessen stark ist, zeigen Indikatoren wie beispielsweise der Global Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums, in dem Deutschland den fünften Platz belegt; verglichen werden 140 Länder. Harte Standortfaktoren wie die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Qualität der Infrastruktur und die Innovationskraft der Unternehmen spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. […]

Weltkonjunktur: Für geraume Zeit war die schwache Weltkonjunktur ein Bremsklotz für deutsche Exporteure. Sie litten darunter, dass große Schwellenländer wie China und Brasilien nicht so viele Waren "made in Germany" nachfragten wie erhofft. Doch […] der IWF […] erhöhte seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft [2017][…] auf 3,5 Prozent, nach einem Anstieg von 3,1 Prozent 2016. Für 2018 erwarten die Experten des Fonds ein Plus von 3,6 Prozent. Davon profitieren auch deutsche Exporteure.

Sie dürften sich auch über die geldpolitisch stimulierte Konjunkturerhöhung im Euro-Raum freuen, die dazu beigetragen hat, dass die Nachfrage aus dieser Region zunimmt. Damit nimmt allerdings auch der Anteil der Euro-Staaten am deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu. Anders gesagt: Das Defizit der Euro-Mitglieder im Handel mit Deutschland wächst.

Rohstoffpreise: Der starke Verfall der Rohstoffpreise seit Mitte 2014 hat zusätzlich geholfen, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr einen neuen Rekordstand erreichte. […] Denn es musste weniger Geld für Importe ausgegeben werden. Da Deutschland selbst kaum Bodenschätze besitzt, ist die Industrienation auf den Import von Rohstoffen angewiesen.

Löhne: Die relativ schwach steigenden Löhne in Deutschland haben dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren der Anteil der Haushaltseinkommen am verfügbaren Einkommen der Gesamtwirtschaft kontinuierlich gesunken ist. Dies hat sich in einer merklich gefallenen Konsumquote niedergeschlagen. […] Hierin liegt eine weitere Ursache für den steigenden deutschen Leistungsbilanzüberschuss, denn ein schwacher Konsum bedeutet auch schwache Importe. […]

Investitionen: "Der Leistungsbilanzüberschuss spiegelt auch die schwache Investitionstätigkeit in Deutschland wider", sagt Carsten Hefeker, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Siegen. Viele Unternehmen ziehen es vor, im Ausland zu investieren, weil sie dort näher an ihren Kunden sind und oftmals günstigere Lohnkosten vorfinden als in Deutschland.

Catherine Hoffmann, "Gründe für den Überschuss", in: Süddeutsche Zeitung vom 20. April 2017

Quellentext

Überlegungen zu seiner Eindämmung

[…] Wie lässt sich der Leistungsbilanzüberschuss reduzieren, ohne dass dabei andere Schäden entstehen? Die Löhne stiegen in der Bundesrepublik nach der Jahrtausendwende nach Meinung mancher zu langsam, was deutsche Firmen besonders wettbewerbsfähig werden und ihre Exportübermacht entstehen ließ. Daraus ergibt sich die Forderung nach höheren Löhnen. Die verteuern die Exporte und lassen Importe günstiger werden – der Überschuss schnurrt zusammen. Doch […] Ökonomen wie Clemens Fuest warnen vor Nachteilen. Die Lohnzurückhaltung in den Nullerjahren habe dazu geführt, dass in Deutschland die rekordhohe Arbeitslosigkeit zurückging. "Wenn die Löhne so stark erhöht worden wären wie gefordert, wären in Deutschland weniger Arbeitsplätze entstanden."

Der […] Ökonom [Gustav] Horn [Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts] widerspricht. […] "Stärker steigende Löhne können die Ungleichheit in Deutschland verringern, ohne Wachstum und Beschäftigung zu gefährden", sagt er. Beides nehme sogar leicht zu. Bemerkenswerterweise stimmt Horn aber mit Fuest in einem überein: Höhere Löhne helfen nur eingeschränkt, um den Leistungsbilanzüberschuss zu reduzieren. Denn die Wettbewerbsfähigkeit sei gar nicht so entscheidend dafür, dass Deutschland zum Exportmeister wurde. Steigen die Lohnstückkosten um ein Prozent, sinkt die Exportmenge nur um ein Fünftel davon. Gleichzeitig nehmen die Exporteure mehr ein, wenn sie ihre Waren wegen der höheren Löhne verteuern. Das kompensiert die geringeren Verkäufe teilweise sogar über. Die Überschüsse bleiben hoch.

Horn schlägt daher vor, Deutschland solle höhere Löhne mit staatlichen Mehrausgaben für Straßen, Schulen oder Wohnungsbau kombinieren. Seine Berechnungen legen nahe: Höhere Löhne erhöhen Wachstum und Beschäftigung und damit die Steuern. Investiert der Staat diese Mehreinnahmen, so gibt es einen doppelten Effekt auf die Leistungsbilanz. Sowohl höhere Löhne wie auch höhere Investitionen reduzieren den Überschuss.

Allerdings reicht das noch nicht aus, um den Leistungsbilanzüberhang von aktuell fast neun Prozent auf sechs Prozent zu drücken, wie es die EU-Kommission fordert, um Ungleichgewichte zwischen den EU-Ländern zu vermeiden. Um das zu schaffen, müsste der deutsche Staat noch mehr ausgeben. Ifo-Präsident Fuest fürchtet in diesem Fall allerdings Verschwendung. Deutschland brauche zwar Investitionen in die Infrastruktur, aber weniger, als manchmal unterstellt. "Wir reden da im Verkehr über zehn Milliarden Euro. Der Leistungsbilanzüberschuss würde durch öffentliche Investitionen, die sinnvoll sind, nur wenig sinken."

Fuest favorisiert deshalb, dass der Staat die Rahmenbedingungen für mehr private Investitionen schafft – durch Marktöffnung bei Dienstleistung, beschleunigte Abschreibungen oder Gutschriften für Unternehmen, die mehr forschen. Sein Fazit: Die Überschüsse in der Leistungsbilanz sind ein Problem, das die Deutschen gar nicht alleine lösen können. "Wieso können sich ausländische Haushalte viel Geld leihen, um sich deutsche Produkte zu kaufen? Wenn die Finanzmärkte so reguliert wären, dass Verschuldung weniger leicht ist, wäre der Überschuss niedriger", sagt er.

Alexander Hagelüken, "Einfach die Löhne erhöhen? Das allein hilft nicht", in, Süddeutsche Zeitung vom 20. April 2017

Anteil des Welthandels an der Weltproduktion

Innerhalb von 30 Jahren haben sich also die Exporte von Waren und Dienstleistungen aus Deutschland fast verachtfacht. Noch dynamischer wuchs der Handel aller Volkswirtschaften mit Waren und Dienstleistungen. Der Welthandel stieg von 1985 bis 2015 um 930 Prozent, von 2.310 Milliarden auf 21.447 Milliarden US-Dollar. (Eigene Berechnungen nach Daten der Weltbank)
Im Jahr 2016 ist der Welthandel allerdings langsamer gewachsen als die Weltproduktion. Angedeutet hat sich eine Wende bereits 2015, als der Anteil des Welthandels an der Weltproduktion erstmals leicht sank (siehe Schaubild).
1960 bis 2015, in Prozent1960 bis 2015, in Prozent (© Weltbank, World Development Indicators, extrahiert am 14. November 2016)

Reale Entwicklung (Index 1950 = 100)Reale Entwicklung (Index 1950 = 100) (© picture alliance / dpa-infografik, Globus 11324)

Beitrag des Welthandels zur Armutsreduzierung

*Kaufkraftbereinigt, in US-Dollar des Jahres 2011*Kaufkraftbereinigt, in US-Dollar des Jahres 2011 (© Weltbank, World Developrnent Indicators, im Internet unter https://goo.gl/H5wTCv)
Parallel zur Steigerung des Welthandels gelang es, die weltweite Armut deutlich zu senken. Innerhalb von etwas mehr als 30 Jahren sank der Anteil der sehr Armen an der Weltbevölkerung um rund 75 Prozent, wobei nahezu die Hälfte der Armutsreduktion in China erfolgte.

Nicht nur der Anteil der sehr armen Menschen an der Weltbevölkerung, sondern auch deren absolute Zahl sank: von 1.926 Millionen im Jahr 1990 auf 836 Millionen im Jahr 2015. Dies ist ein enormer Erfolg, der aber häufig auf Unkenntnis stößt. In einer Umfrage des Jahres 2016 wurden 26.000 Menschen in 24 Ländern zur Armutsbekämpfung befragt. Nur den wenigsten war klar, dass die Armut weltweit in den letzten 20 Jahren um mehr als die Hälfte reduziert werden konnte. Lediglich ein Prozent der Befragten kannte die richtige Antwort, während 87 Prozent der Befragten glaubten, die Armut sei entweder gestiegen (69 Prozent) oder gleich geblieben (18 Prozent). Weitere zwölf Prozent waren der Ansicht, die weltweite Armut sei etwas gesunken. Allerdings meinte etwa die Hälfte der in China Befragten, die extreme Armut habe in den letzten 20 Jahren abgenommen, während dies in Deutschland oder den USA nur acht Prozent glaubten. (Glocalities: Global poverty survey, im Internet unter http://www.glocalities.com/news/poverty.html)
Kosten des internationalen Handels

Unbestritten ist der internationale Handel teurer als der Handel innerhalb einer Volkswirtschaft. Es gibt kostenträchtige geografische, kulturelle und währungsbedingte Barrieren. Dabei sind Importzölle, also staatliche Abgaben auf Einfuhren aus anderen Ländern, keineswegs der wichtigste Kostenfaktor. Eine groß angelegte Untersuchung von sogenannten Handelskosten hat ergeben, dass diese im Mittel 74 Prozent des Warenwertes ausmachen. Dieser Wert unterteilt sich in Transportkosten (21 Prozent) und weitere 44 Prozent, die anfallen, wenn die Grenze einer Volkswirtschaft überquert wird und Waren oder Dienstleistungen im Ausland verkauft werden. An diesen 44 Prozent haben unter anderem Zölle und andere Beschränkungen einen Anteil von acht Prozent, die Überwindung von Sprachbarrieren immerhin sieben Prozent und Währungstransaktionen 14 Prozent. Sechs Prozent dienen zur Bewältigung von Informationsbarrieren und drei Prozent müssen für Vertragskosten aufgewendet werden. Im Ergebnis ermittelte die Untersuchung, dass die Kosten des grenzüberschreitenden Handels deutlich über denen des Binnenhandels liegen und dass Zölle heute nur eine untergeordnete Rolle spielen. (Harms 2016, S. 160).

Aus diesen Untersuchungsergebnissen lassen sich Ansatzpunkte für die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung ableiten. Ein bedeutender Faktor bei den Handelskosten sind die Transportkosten. Um sie zu senken und sich erfolgreich in die Weltwirtschaft zu integrieren, bemühen sich viele Entwicklungsländer, ihre Transportinfrastruktur zu verbessern. Ohne leistungsfähige Häfen und Flughäfen sowie deren Anbindung an die internationalen Schifffahrts- und Lufttransportwege ist es schwer, erfolgreich am Welthandel teilzunehmen.

Ärmere Länder leiden unter diesem Strukturproblem, das auch eine ineffiziente Grenzabfertigung von Gütern umfasst.

Das Ergebnis guter Infrastruktur und effizienter Verwaltung ist messbar: Die Weltbank hat berechnet, wie lange es dauert, bis eine bereits hergestellte Ware exportiert werden kann. Sehr effiziente Länder wie Singapur oder Estland schaffen das in sechs Tagen, während der gleiche Vorgang in ärmeren Ländern ohne effiziente Infrastruktur und Verwaltung sehr lange dauern kann: 80 Tage im Irak, 56 Tage in Niger und 71 Tage in Tadschikistan. Deutschland ist mit neun Tagen in der Spitzengruppe. Die Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) stellt sich diesem Problem mit einem globalen Abkommen über sogenannte Handelserleichterung, das die infrastrukturellen und institutionellen Engpässe in den Häfen dieser Länder überwinden soll.

Nachteile weltweiter Arbeitsteilung in Industrieländern

Die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung schafft vielen Menschen Nutzen, beschert anderen aber auch Verluste. Wird etwa eine Fabrik zur Herstellung von Mobiltelefonen von Deutschland nach Rumänien verlagert, profitieren zwei Gruppen: erstens die Arbeitskräfte, die in Rumänien einen Arbeitsplatz bekommen und zuvor keinen hatten, und zweitens die Konsumenten, denen preiswertere Mobiltelefone angeboten werden.

Quellentext

In der Nische der Globalisierung

Jahrzehntelang brauchte man im bayerischen Treffelstein, wenn man das Ende der Welt sehen wollte, nur aus dem Fenster zu blicken. Der Eiserne Vorhang lag in Sichtweite. Heute ist die Grenze zur Tschechischen Republik offen. Doch näher an die großen Städte und wichtigen Verkehrsadern ist der kleine Ort [im Dreiwäldereck zwischen dem Oberpfälzer Wald, dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald] dadurch nicht herangerückt. […]

Wie in anderen benachteiligten Regionen versuchte man auch hier lange Zeit, sich mit der Fertigung von Textilien über Wasser zu halten.[…] Aus der Region wurden in den Jahrzehnten nach dem Krieg große Anbieter, wie Karstadt, Schiesser oder Schickedanz beliefert.

[Das Treffelsteiner Unternehmen] Tavo stellte Frottierware in großem Stil her.[…] Rund 160 Menschen waren im Unternehmen beschäftigt. Doch dann brach die Globalisierung herein. Gerade in der Textilindustrie setzte sich ein Treck in Bewegung, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Seine bisherigen Stationen: Billig, noch billiger und obszön billig.

Hans-Werner Voith [der einstige Chef des Unternehmens] erinnert sich, wie diese Entwicklung in den achtziger Jahren Fahrt aufnahm. "Es ging los, als die Türkei mit Unterstützung der Weltbank an gute Maschinen kam." Anfang der Neunziger zog die Branche weiter nach Asien. Und weil nun in Asien die Löhne steigen, werde die Produktion zunehmend nach Afrika verlagert, berichtet Voith. […]

Tavo blieb in Bayern. Ein radikaler Abbau von Arbeitsplätzen war aber unausweichlich. Das Unternehmen hat heute noch 32 Mitarbeiter in Treffelstein und weitere zehn in der nahen Tschechischen Republik. Kleine Reste eines einst bedeutenden Wirtschaftszweigs in der Region. […]

Seit dem großen Einbruch ist Tavo damit beschäftigt, Produkte ausfindig zu machen, deren Herstellung sich weiterhin lohnt. Schon früh kam man in Treffelstein darauf, dass die Leute insbesondere für Baby-Ausstattung mehr Geld auszugeben bereit sind als für die eigenen Anziehsachen. Hans-Werner Voith setzte vor allem auf hochwertige Daunenschlafsäcke für Neugeborene, die das Unternehmen […] seither verkauft.

[…] Heute wird das Unternehmen von Elfi und Genoveva Burwinkel geleitet, einem Mutter-Tochter-Gespann. Sie müssen sich in einem mittlerweile fast vollends durchglobalisierten Geschäftsfeld behaupten, das sich ständig verändert und in dem mit harten Bandagen gekämpft wird.[…] Globalisierung und technischer Fortschritt haben zu einer enormen Beschleunigung geführt. [Genoveva] Burwinkel berichtet, dass einige große Textilanbieter viele Dutzend Design-Scouts in Europa ausschwärmen ließen: "Die kommen in den Laden, machen ein Foto und schicken es an die Zentrale. Das wird dann in Fernost gefertigt und ist rasend schnell auf dem Markt." […]

Der Globalisierung ganz entziehen kann sich aber auch Tavo nicht. Die von der Firma verwendeten Öko-Stoffe werden in Österreich, der Schweiz und Portugal gewebt, erklärt Genoveva Burwinkel. Für das Design beschäftige man eine freiberufliche Italienerin. Das Unternehmen aus Treffelstein versucht sich aber auch an eigenen Vertriebskanälen und sucht den direkten Weg zum Endkunden. […] [Es] gibt mittlerweile auch einen kleinen Shop im Internet. Die Firma aus dem hintersten Winkel Deutschlands scheint ihre Nische in der Globalisierung gefunden zu haben.

Reinhard Bingener, "Made in Treffelstein", in: Frankfurter Allgemeine Woche 22/2017, S. 20 ff.
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Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Nachteile haben diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil die Fabrik in Deutschland geschlossen wird. Dieser Strukturwandel wird zwar nicht vom internationalen Handel verursacht, aber beschleunigt.

Hier zeigt sich sehr deutlich die Problematik für die Politik: Die Verlagerung der Produktion ist zwar ökonomisch effizient und erzielt einen volkswirtschaftlichen Wohlstandsgewinn, aber nicht alle Menschen der betroffenen Länder haben daran teil. Die Vorteile für Rumänien sind in diesem Fall deutlich zu benennen, aber der Nutzen in Deutschland macht sich nur indirekt bemerkbar, indem die importierten Mobiltelefone preiswerter werden.

Die sozialen Kosten in Deutschland sind dagegen eindeutig und klar zu beziffern: Die zuvor in der Fabrik Beschäftigten sind arbeitslos geworden und beziehen, wenn sie keinen Anschlussjob finden, Arbeitslosenunterstützung. In diesem Fall verlieren sie über die rein materiellen Folgen hinaus auch die Teilhabe am Erwerbsleben mit möglicherweise negativen Folgen für ihr Selbstwertgefühl.

Quellentext

Nicht immer sinken die Preise

Eine Säule der Argumentation für eine liberale Handelspolitik sind deren positive Auswirkungen für Verbraucher. Die Verlagerung von Produktion aus teuren Industrieländern in Entwicklungs- und Schwellenländer mit einem niedrigeren Lohnniveau nutze den Konsumenten, weil sie preiswertere Produkte kaufen können. Aber lässt sich diese Theorie in der Praxis überprüfen und bestätigen?

Drei britische Ökonomen sind dieser Frage nachgegangen und haben in einem konkreten Fall die Preisentwicklung nach der Schließung einer Fabrik verfolgt.

Im Jahr 2002 schloss der Jeanshersteller Levi Strauss seine letzten beiden Fabriken in Schottland mit der Begründung, die Produktionskosten hätten dort um 60 Prozent über denen anderer europäischer Länder gelegen.

Nach der Produktionsverlagerung hätten die Preise eigentlich sinken müssen, aber sie blieben auf dem alten Niveau und mehrten allein die Gewinne von Levi Strauss. Zudem untersagte der Europäische Gerichtshof der britischen Einzelhandelskette Tesco, in den USA oder Mexiko hergestellte Levi’s Jeans zu importieren und damit die hohen Preise auf dem britischen Markt zu unterbieten. Dazu wäre die Genehmigung von Levi Strauss vonnöten gewesen, die jedoch nicht erteilt wurde.

Dieser Fall zeigt, dass die Liberalisierung des Handels für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger nicht immer vorteilhaft sein muss. Die Preise für Jeans blieben auf dem hohen britischen Niveau – auch weil die Konsumenten Levi’s Kleidung weiterhin gegenüber preiswerteren Konkurrenzprodukten bevorzugten – und sanken nicht auf das niedrigere Niveau des Weltmarktes. Einige Briten verloren ihre Arbeitsplätze, aber die nun von Levi Strauss im Ausland produzierte und importierte Kleidung wurde nicht preiswerter.

nach Kevin Albertson u. a. 2015

Auswirkungen auf die Haushaltseinkommen

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der Nutzen durch die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung recht ungleich verteilt wird. In einer Untersuchung von 25 Industrieländern stellte das Forschungsinstitut der Unternehmensberatung McKinsey 2016 fest, dass zwei Drittel aller Haushalte in diesen Ländern zwischen 2005 und 2014 stagnierende oder fallende Markteinkommen verzeichneten.

Quellentext

Marktkonzentration und ihr Beitrag zur wachsenden Ungleichheit

[…] Die Macht der Konzerne wächst. Die Wissenschaftler sehen darin eine wichtige Ursache für die sich verschärfende Ungleichheit in vielen Industrieländern. Denn die Super-Firmen [wie Microsoft oder Amazon] erzielen dank hervorragender Produkte oder dank ihrer marktbeherrschenden Stellung – oder beidem – hohe Gewinne und ermöglichen ihren Besitzern unerhörte Vermögenszuwächse.

"Wir wollten wissen, warum sich die Verteilung des volkswirtschaftlichen Einkommens deutlich zugunsten der Kapitalbesitzer wie [Bill] Gates und [Jeff] Bezos und zulasten der Arbeitnehmer verschoben hat", sagt David Dorn, Professor für internationalen Handel und Arbeitsmärkte an der Universität Zürich. Die Tatsache, dass die Lohnquote in den USA, den meisten europäischen Ländern und sogar in China seit Langem rückläufig ist, hat die Ökonomen überrascht. Also untersuchte Dorn das Phänomen gemeinsam mit einem prominenten Forscherteam aus den USA. Für ihre empirische Studie ("The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms") konnten sie auf einen gewaltigen Datenschatz des US-Zensusbüros zugreifen, der die wirtschaftliche Entwicklung bis in die Filialen der Firmen hinein aufschlüsselt.

So entdeckten die Forscher, dass in den USA die Marktkonzentration in allen großen Wirtschaftszweigen deutlich zugenommen hat. Das bedeutet, dass die größten Firmen einer Branche ihren Marktanteil, gemessen an den Umsätzen dieser Branche, ausdehnen. Dabei zeigte sich, dass große Unternehmen schneller wachsen. Und weil Großunternehmen in der Regel kleine Lohnquoten haben, ist klar, dass der Anteil, den die Arbeitnehmer am Volkseinkommen haben, im Lauf der Jahrzehnte sinkt, während der Gewinnanteil der Unternehmen steigt. "Vom Erstarken der Super-Firmen profitieren in erster Linie die Aktionäre und nicht die Arbeitnehmer", sagt Dorn.

[…] Die Konzentration ist mittlerweile so weit vorangeschritten, dass sie den Wettbewerb schwächt, der Wirtschaft schadet und die Gesellschaft in eine ernsthafte Schieflage bringt. […]

Das Phänomen der Super-Firmen reicht weit über den amerikanischen Technologiesektor hinaus. Es ist in vielen Branchen der USA anzutreffen, in der Industrie, dem Einzel- und Großhandel, bei Dienstleistungen und Finanzen, Versorgern und Transportunternehmen. Überall haben die vier größten Unternehmen eines Wirtschaftszweigs heute einen deutlich größeren Marktanteil als vor 30 Jahren. So verdoppelte sich etwa im US-Einzelhandel der Marktanteil der größten vier Anbieter in den vergangenen drei Jahrzehnten von 15 auf 30 Prozent, zeigen Dorn und Kollegen. In der Industrie, bei Energie-, Transport- und Finanzunternehmen vereinigen die größten Firmen sogar noch höhere Marktanteile auf sich. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in vielen europäischen Ländern, auch in Deutschland.

Offen ist, ob die starke Konzentration entsteht, weil in einem harten Wettbewerb nur die Besten überleben, also jene Unternehmen, die besonders gut darin sind, die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Oder – weit weniger erfreulich – ob sie entsteht, weil größere Unternehmen den Marktzugang für Wettbewerber erschweren und monopolartige Strukturen etablieren, so dass sie besonders hohe Preise verlangen können, obwohl ihre Produkte nicht einmal besonders gut sind. […]

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn die besten Unternehmen im globalen Wettbewerb größer werden: Die Konsumenten dürfen sich dann über hochwertige Produkte und günstige Preise freuen. Ein gutes Beispiel ist Microsoft: Das Unternehmen war zu Beginn seiner Erfolgsgeschichte außerordentlich innovativ und stiftete seinen Kunden einen großen Nutzen. Als der IT-Konzern dann groß und größer wurde, missbrauchte er allerdings seine Macht, um kleinere Unternehmen auszusperren, und wurde in kartellrechtlichen Prozessen verurteilt. Das Erstarken der Super-Firmen birgt also auch Gefahren: Kartellabsprachen auf Kosten der Verbraucher, mangelnder Wettbewerb, Druck auf die Arbeitnehmer und rückläufige Investitionsquoten. […]

Über die Ursachen der zunehmenden Konzentration gibt es bislang viele Vermutungen, aber erst wenige gefestigte Erkenntnisse. Digitalisierung und Globalisierung dürften den Trend zum Großunternehmen beschleunigt haben. Eine bedeutende Rolle spielen auch Netzwerkeffekte. In Reinkultur sind sie bei den Internetunternehmen zu sehen. Nutzer gehen dahin, wo schon viele Nutzer sind – und verbessern dadurch das Angebot. Googles Suchmaschine lernt mit jeder gestellten Frage dazu, und Facebooks Gemeinschaft wird mit jedem Mitglied wertvoller. Größe ist also automatisch anziehend und schafft mehr Größe.
Die Wettbewerbspolitik konnte dem bisher wenig entgegensetzen. Das ist ein Problem: Je mehr Marktmacht die Super-Konzerne entfalten, desto größer wird die Gefahr, dass sie diese ausnutzen auf Kosten von Konsumenten und Arbeitnehmern. Genau hier wäre auch der Hebel anzusetzen. Die Staaten müssen dem Wettbewerb wieder zu seinem Recht verhelfen und sich allzu machtvollen Konzernen entgegenstellen. Mutige Kartellwächter können den Trend zu Riesen-Unternehmen stoppen. Es wäre im Interesse der Arbeitnehmer und Verbraucher.

Catherine Hoffmann, "Die Super-Firmen", in: Süddeutsche Zeitung vom 2./3. September 2017

Der Begriff Markteinkommen entspricht dem Bruttoeinkommen, das verfügbare Einkommen oder Realeinkommen entspricht dem Haushaltsnettoeinkommen einschließlich von Sozialleistungen, wie etwa Kindergeld.

In absoluten Zahlen waren zwischen 540 und 580 Millionen Menschen in den 25 Ländern von stagnierenden oder fallenden Realeinkommen betroffen. Zuvor, zwischen 1993 und 2005, war eine solche Entwicklung die Ausnahme. In jener Phase ließen sich nur bei zwei Prozent der Haushalte, etwa zehn Millionen Menschen, in den untersuchten 25 Ländern stagnierende oder fallende Markteinkommen feststellen.
Besonders gravierend stellt sich die Lage der Haushalte in Italien dar. Dort stiegen die Markteinkommen zwischen 2005 und 2014 lediglich bei drei Prozent der Haushalte. Auch in den USA (19 Prozent der Haushalte), Großbritannien (30 Prozent), Niederlande (30 Prozent) und Frankreich (37 Prozent) erwirtschaftete nur eine Minderheit der Haushalte einen Einkommenszuwachs. Dass diese Entwicklung aber kein Naturgesetz ist, zeigt Schweden, wo 80 Prozent der Haushalte zwischen 2005 und 2014 steigende Markteinkommen verzeichnen konnten.

Zu bedenken ist allerdings, dass nach der Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen die Zahl der Haushalte mit stagnierenden oder sinkenden verfügbaren Einkommen insgesamt deutlich niedriger ist und sich auf einem Wert zwischen 20 und 25 Prozent bewegt. In den USA sind die Markteinkommen von Arbeitern in den letzten 25 Jahren gesunken, am stärksten bei weißen Männern mit einem Abschluss an einer Oberschule oder einem geringerem Bildungsabschluss.

Kritiker des liberalen Handels argumentieren häufig, dass vor allem die Wohlhabenden von ihm profitieren. Betrachtet man die Importe, trifft diese Einschätzung nicht zu. Würde der Warenhandel beschränkt, träfe das weniger die Wohlhabenden, sondern vor allem die Armen. Dies belegt eine im Jahr 2016 veröffentlichte Studie der US-Wirtschaftswissenschaftler Pablo D. Fajgelbaum und Amit Kumar Khandelwal. Anhand von 20 Ländern zeigt sie, dass bei einer Beendigung des internationalen Handels die reichsten zehn Prozent der Verbraucher 28 Prozent ihrer Kaufkraft einbüßen würden, die ärmsten zehn Prozent der Verbraucher verlören hingegen 63 Prozent, also nahezu zwei Drittel ihrer Kaufkraft.

Sozialpolitische Umverteilung

In der Debatte über die Folgen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen wird zugleich häufig über das Thema Ungleichheit in Industrieländern gesprochen. Zwar hat dies nur indirekt mit den internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen zu tun, aber viele Bürgerinnen und Bürger stellen sich doch die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen internationaler Arbeitsteilung und Ungleichheit gibt.

Dabei wird häufig übersehen, dass die europäischen Wohlfahrtsstaaten erfolgreich Korrekturen an der Verteilung der Einkommen vornehmen. Dies zeigt ein Vergleich Dänemarks, Deutschlands und Frankreichs mit den angelsächsisch geprägten Ländern Großbritannien und USA anhand des Gini-Koeffizienten, der die Ungleichheit misst. Verglichen werden zwei Indikatoren: zum einen das Markteinkommen vor Steuerzahlung und Sozialleistungen, zum anderen die Einkommensverteilung nach Steuern und Sozialtransfers.

Verteilung von Einkommen (Gini-Koeffizient) in ausgewählten OECD-Ländern 2014Verteilung von Einkommen (Gini-Koeffizient) in ausgewählten OECD-Ländern 2014 (© OECD iLibrary, unter https://goo.gl/TqeGwo)
Die Daten der Tabelle zeigen sehr deutlich die Ungleichheit der Verteilung von Einkommen in den OECD-Ländern vor Steuern und Transfers. Dabei gilt es zu bedenken, dass der Gini-Koeffizient zwischen 0 und 1 liegt und ein höherer Wert eine größere Ungleichheit zeigt. Vor Steuern und Transfers liegt lediglich Dänemark unter dem Wert von 0,50.

Doch ungleich entscheidender, weil relevanter, ist, wie sich die Einkommensverteilung nach Steuern und Transfers darstellt: Wie viel steht den Menschen netto zur Verfügung und wie ungleich ist die Verteilung von Einkommen nach Steuerzahlung? Aus dieser Perspektive wird klar, dass sowohl in Deutschland als auch in Frankreich massiv umverteilt wird. Die Einkommensverteilung in Dänemark ist mit einem Gini-Koeffizienten von 0,25 am wenigsten ungleich. In den USA ist der Unterschied zwischen beiden Verteilungen am geringsten und auch nach Steuern und Transfers bleiben die Einkommen relativ ungleich verteilt.

Die Befürworter des liberalen Handels erwarten, dass Freihandel für Wohlstandsgewinne sorgt. Aus ihrer Sicht kann es innerhalb von Volkswirtschaften zwar Benachteiligte geben, nicht aber zwischen ganzen Ökonomien. Um negative Folgen der Liberalisierung abzufedern, sollen sozialpolitische Maßnahmen angewendet werden. Hier hat der Abbau von sozialpolitischen Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren zum Beispiel in Deutschland die Staatsverschuldung mindern und für Anreize zur (Wieder-)Aufnahme einer Beschäftigung sorgen sollten, für gesellschaftspolitischen Zündstoff gesorgt. Auch Arbeitslose im strukturschwachen Norden Englands oder in den alten Industrieregionen der USA fanden nach dem Verlust von Arbeitsplätzen häufig keine neue Beschäftigung und mussten zugleich einen deutlichen sozialen Abstieg bis hin zur Verarmung hinnehmen.

Es zeigt sich, dass die internationale Arbeitsteilung nützlich sein kann, aber dass es politischer Maßnahmen bedarf, um Fehlentwicklungen zu korrigieren. Dazu gehören in erster Linie Marktzutrittschancen für Menschen ohne Arbeit, Anreize um die berufliche Qualifikation zu verbessern, Umverteilung von Markteinkommen durch Steuern und Sozialleistungen sowie die Beseitigung verkrusteter Wirtschaftsstrukturen. Dies gelingt in vielen kontinentaleuropäischen Staaten bislang augenscheinlich besser als in Großbritannien und den USA.

Doch auch fehlende wirtschaftliche Dynamik führt in einzelnen Volkswirtschaften, etwa Italien, zu einer zunehmend negativen Wahrnehmung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Ohne Wirtschaftswachstum und ohne die Bereitschaft, gegebenenfalls einen sektoralen Strukturwandel vorzunehmen, also alte Wirtschaftszweige zugunsten neuer aufzugeben, fällt es schwer, Umverteilung politisch akzeptabel zu organisieren.

In Deutschland gelingt derzeit eine Umverteilung, ohne dass es große Widerstände bei denen gibt, die durch Zahlung von Steuern und Sozialleistungen die weniger Begüterten unterstützen. Das robuste Wirtschaftswachstum in Deutschland, ermöglicht durch sektoralen Strukturwandel und die Internationalisierung der Wirtschaft, hat in den vergangenen Jahren diese Entwicklung unterstützt.

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Die Gestaltungsmacht weltweiter Produktionsnetze

[…] brand eins: Professor Baldwin, lässt sich die Globalisierung aufhalten?

Richard Baldwin: Nein, keineswegs. […] Die Länder sind heute mehr miteinander verflochten als früher. […] Seit den Neunzigerjahren erleben wir eine zweite Welle der Globalisierung. Bis dahin bedeutete Globalisierung, dass Waren weltweit verkauft wurden: Ein Unternehmen stellte in einem Land eine Ware her und verkaufte sie in einem anderen Land. Die zweite Welle wird von der Informationstechnik begünstigt. Dinge werden nicht mehr allein deshalb um die Welt transportiert, um sie an ihrem Bestimmungsort zu verkaufen. Sondern auch, um damit dort Waren zu produzieren. Das hat zur Folge, dass wir auch Wissen exportieren. Und der Austausch von Wissen ist viel schwieriger zu kontrollieren als der von Waren.

brand eins: Warum sollte eine Regierung keine Maßnahmen treffen können, um dies zu verhindern?

Richard Baldwin: Wir haben zwei Methoden, um Märkte zu schützen: Quoten und Zölle. Beides greift nicht mehr, weil man keine Mauern in einer Fabrik errichten kann. Der Protektionismus der alten Welt beruhte darauf, dass man in Form von Zöllen oder Quoten Mauern zwischen Fabriken baute. Das können Sie heute nicht mehr, weil die Welt in gewisser Weise eine Fabrik ist: Sie können nicht exportieren, ohne zu importieren. Nehmen Sie zum Beispiel die Automobilindustrie: Die Stoßdämpfer kommen aus Kanada, die Fensterheber aus Mexiko, das Getriebe aus Tschechien, und montiert wird das Fahrzeug in Detroit. Wenn Sie dieses weltweite Produktionsnetz schädigen, schaffen Sie damit mehr Probleme, als Sie zu lösen vorgeben. […]

brand eins: Regierungen haben also heutzutage keine Möglichkeit mehr, ihren einheimischen Markt zu schützen?

Richard Baldwin: So pauschal kann man das nicht sagen. Bei Endprodukten funktioniert das sehr wohl. Also bei Stahl oder bei Agrarerzeugnissen. Aber bei Maschinenbau, Mechanik, Elektroartikeln, Kleidung, Pharmaprodukten oder Chemieerzeugnissen verhält es sich anders. Das ist der Unterschied zu früher. In den Achtzigerjahren litt die US-Autoindustrie unter der Konkurrenz aus Japan. Die japanischen Hersteller bauten gute, preiswerte Wagen. Sie wurden komplett in Japan gefertigt und dann nach Kalifornien verschifft. Damals hat US-Präsident Ronald Reagan reagiert und Importquoten erlassen. Diese Quoten haben in der Tat amerikanische Fabriken und Arbeitsplätze geschützt. Heute ist das aber anders. Die Unternehmen sind längst anders aufgestellt. Daimler produziert in den USA, und General Motors produziert in Deutschland – und beide brauchen Teile aus der ganzen Welt. […].

brand eins: Donald Trump will amerikanische Arbeiter vor Importen schützen. Was brächte es, wenn er die Einfuhr von Produkten aus China, Japan oder Deutschland erschwerte?

Richard Baldwin: Es brächte kaum etwas. Die Frage ist doch, ob Einfuhrbeschränkungen dazu führen, dass die Fabriken wieder als Einheit zurück in die USA kommen. In der Tat glaube ich, dass einige das tun werden, damit sie in den USA ihre Produkte verkaufen können. Aber das würde die USA zu einem sehr teuren Produktionsstandort machen. Die Fertigung von Fensterhebern für Autos wurde doch deshalb ausgelagert, weil sie in Mexiko billiger herzustellen sind. Diese Produkte in den USA zu produzieren käme ungleich teurer. Mit der Folge, dass in den USA Produkte für den US-Markt hergestellt würden. Aber Produkte für andere Märkte würden niemals dort gefertigt werden, weil sie zu teuer wären. All das würde keine Arbeitsplätze schaffen. Wenn man Jobs, die von Geringqualifizierten ausgeführt werden, in ein Hochlohnland holt, werden diese Tätigkeiten dort von Robotern übernommen. Wenn Fabriken zurück in die USA verlagert würden, hätte das also zur Folge, dass Jobs für Roboter geschaffen würden, aber nicht für Arbeiter.
[…] Die amerikanischen, aber auch die deutschen Arbeiter konkurrieren mit China im Ausland und mit Robotern zu Hause. Wenn man den Wettbewerb mit China aushebelt, bleiben immer noch die Roboter. Wir müssen ganz klar sagen, dass viele abgewanderte Jobs für Geringqualifizierte nicht mehr zurückkommen werden. Im Übrigen sind auch Jobs von Hochqualifizierten betroffen, da ganze Abteilungen ausgegliedert werden.

brand eins: Wie kann man das Problem lösen [...]?

Richard Baldwin: Die Lasten und Gewinne der Globalisierung müssen gerechter geteilt werden. Man muss den Menschen helfen, etwa mit Umschulungsprogrammen, mit Sozialhilfe, mit Wohngeld, man muss Beihilfen für den Umzug geben, wenn es woanders Jobs gibt. Man sollte die Menschen unterstützen […].

brand eins: Mehr geht nicht, Umverteilung und Sozialhilfe?

Richard Baldwin: Man muss die Realität akzeptieren. Und wir brauchen ein System, in dem Gewinner und Verlierer Gewinne und Verluste teilen. Das gilt nicht nur für den Prozess der Globalisierung. Das gilt auch für die Folgen des technischen Fortschritts, die Alterung der Gesellschaft, den Klimawandel. Alle diese Themen bringen Veränderungen mit sich. Der nordeuropäische Wohlfahrtsstaat wäre ein gutes Modell. Dort gibt es auch Verlierer, aber sie wissen: Der Staat kümmert sich um uns.

"Die Welt ist eine Fabrik", Interview mit dem Ökonomen Richard Baldwin, geführt von Ingo Malcher, in: Brand Eins 01/17, S. 86 ff.

Deutschlands Beteiligung am Welthandel

Mitverantwortlich für die positiven Wachstumsdaten sind die deutschen Erfolge auf den internationalen Wachstumsmärkten. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker spezialisiert, was sich in der Exportstatistik des Landes deutlich niederschlägt.

Der Fahrzeugbau, die chemische Industrie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik sind für 69,7 Prozent der Ausfuhren Deutschlands verantwortlich, während die Textil- oder Möbelindustrie von vergleichsweise geringerer Bedeutung sind. Auch Nahrungs- und Genussmittel exportiert Deutschland in nennenswertem Umfang. Im Jahr 2015 wurden Waren im Wert von über 62 Milliarden Euro in dieser Warengruppe exportiert.

Bei den Einfuhren dominieren chemische Erzeugnisse und Fahrzeuge. Vergleichsweise niedrig ist der Anteil der Energieimporte, was unter anderem an den im Jahr 2015 niedrigen Preisen für Erdöl lag. Immerhin gut zehn Prozent der Einfuhren machen Computer und Smartphones aus.
2015, in Prozent der Gesamtausfuhren2015, in Prozent der Gesamtausfuhren (© Statistisches Bundesamt, Außenhandel nach Güterabteilungen)
2015, in Prozent der Gesamtausfuhren2015, in Prozent der Gesamtausfuhren (© Statistisches Bundesamt, Außenhandel nach Güterabteilungen)

Internationale Arbeitsteilung aus Sicht von Entwicklungsländern

Nach einer weit verbreiteten Einschätzung zählen Entwicklungsländer zu den Verlierern der Globalisierung, und deshalb wird davon ausgegangen, dass deren einheimische Bevölkerung der Globalisierung gegenüber kritisch eingestellt ist. Diese Einschätzung beruht auf früheren entwicklungspolitischen Theorien, die von einer Ausbeutung der damals "Dritte Welt" genannten Länder ausgingen.

Selbstverständlich gibt es viele Gründe, die heutige Weltwirtschaftsordnung und die Rolle der Entwicklungsländer in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen kritisch zu bewerten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen häufig nur sehr niedrige Löhne, Umweltschutzstandards sind sehr viel niedriger als in Industrieländern, und Kinderarbeit ist in vielen armen Ländern üblich. In den betroffenen Ländern ist die Wahrnehmung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen dennoch überraschend positiv.

Schon die diskutierten Erfolge beim Kampf gegen die Armut entwerfen ein differenzierteres, tendenziell positives Bild. Gemäß einer im November 2016 veröffentlichten Umfrage von Yougov sehen viele Menschen in Entwicklungsländern die internationale Arbeitsteilung in positiverem Licht als dies in Industrieländern geschieht. Es besteht eine Relation zwischen Armut und Erwartung an Globalisierung: Je ärmer das Land, desto positiver ist die Wahrnehmung der Globalisierung. Gemäß dieser Untersuchung erhoffen sich speziell viele Menschen in Asien von einer Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung eine Besserung ihrer Lebensumstände. Für die Menschen in Ländern wie Indien und Vietnam ist die Globalisierung vielversprechend.
*Die Frage lautete: Globalisierung ist der Begriff, um die wachsende Bewegung von Gütern, Ideen, Geld, Arbeitsplätzen, Kultur und Menschen um die Welt zu beschreiben. Hat diese Globalisierung eine positive Wirkung?*Die Frage lautete: Globalisierung ist der Begriff, um die wachsende Bewegung von Gütern, Ideen, Geld, Arbeitsplätzen, Kultur und Menschen um die Welt zu beschreiben. Hat diese Globalisierung eine positive Wirkung? (© YouGov Survey, November 2016, im Internet unter http://bit.ly/2lDDMVo)
Die zitierte Yougov-Umfrage hat die Perspektiven afrikanischer und lateinamerikanischer Bürgerinnen und Bürger nicht berücksichtigt. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in vielen afrikanischen Ländern drängt sich die Frage auf, ob dort die internationalen Wirtschaftsbeziehungen kritischer bewertet werden.

Das verblüffende Ergebnis einer früheren Umfrage des Pew Research Center aus dem Jahr 2014 ist aber, dass sich Afrikanerinnen und Afrikaner mehr als alle anderen Menschen vom Handel und der Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen versprechen. Auf die Frage, ob wachsende Handels- und Wirtschaftsbeziehungen für das eigene Land nützlich seien, sprachen sich sogar mehr Afrikaner als Asiaten für wachsenden Handel aus, nämlich 87 zu 86 Prozent. Lateinamerikaner bewerteten in der Pew-Umfrage liberale Wirtschaftsbeziehungen deutlich positiver als US-Amerikaner, die im weltweiten Vergleich die niedrigsten Zustimmungswerte zur Liberalisierung des Handels zeigten: Nur 68 Prozent der befragten Amerikaner sahen in der Ausweitung des Handels Vorteile.

In den alten Industrieländern ist generell eine größere Skepsis zu beobachten. Der Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union und der Erfolg des globalisierungskritischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump lassen sich auch auf diese Skepsis zurückführen.

Entwicklungen und Diskussion grenzüberschreitender Arbeitsmigration

Bei der Diskussion um die weitere Entwicklung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen wird immer wieder davon gesprochen, dass nicht nur der Waren- und Dienstleistungshandel, sondern auch der Kapitalverkehr und Wanderungsbewegungen von Menschen uneingeschränkt möglich sein müssten. Dies gilt insbesondere für die Europäische Union: Dort werden die sogenannten vier Freiheiten (Güter, Dienstleistungen, Kapital, Personen) als nicht verhandelbar bezeichnet. Insbesondere im künftigen Verhältnis zum Vereinigten Königreich spielt diese Frage eine zentrale Rolle.

Außerhalb der EU gibt es sehr unterschiedliche Formen der Migration. In Staaten mit kleiner Bevölkerungszahl, aber hoher Wirtschaftsleistung, etwa den ölexportierenden Ländern am Persischen Golf, werden häufig Arbeitsmigranten angeworben, die dann einen großen Teil ihrer Einkünfte an die Familien daheim überweisen. Die USA sind geprägt von der legalen Einwanderung Hochqualifizierter, etwa aus Indien oder Deutschland, und von irregulärer Zuwanderung meist aus den Staaten Mittel- und Südamerikas. Aber wie wichtig ist die Freizügigkeit von Personen für die wirtschaftliche Entwicklung sowohl des Heimat- als auch des Ziellandes? Welche Antworten gibt die Wirtschaftswissenschaft auf diese Frage?

Arbeit in Theorie und historischer Praxis

Arbeit ist zunächst ein Produktionsfaktor wie Kapital. Sind die Preise für Arbeit in einem Land sehr hoch, in einem anderen sehr niedrig, wird es bei offenen Grenzen einen Ausgleich geben. So verlief die Entwicklung im 19. Jahrhundert. Menschen verließen Europa und suchten ihr Glück in den damaligen Auswanderungsländern, vor allem in den USA, aber auch in Argentinien und Australien. Den Anreiz lieferten unter anderem die Erwartungen an bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und damit an höhere Löhne in den Zielländern. Durch die Einwanderung stieg dort das Arbeitskräfteangebot und die Löhne sanken. In den Herkunftsländern verhielt es sich umgekehrt: Dort sank das Arbeitskräfteangebot und die Löhne stiegen.

Das Gleiche passiert, wenn Kapital in einem Land knapp, im zweiten reichlich vorhanden ist. Das Kapital wird dahin strömen, wo wenig Kapital vorhanden ist und sich gute Renditemöglichkeiten ergeben. Im 19. Jahrhundert etwa floss sehr viel Geld aus Großbritannien in die Neue Welt und finanzierte dort unter anderem den Bau von Eisenbahnen. Aber beide Modelle erfordern, dass die Mobilität der Produktionsfaktoren nicht begrenzt wird. Die Mobilität käme dann zum Stillstand, wenn sich das Angebot sowie die Preise für Arbeit und Kapital zwischen den Ländern angeglichen hätten. Aber wie verhält es sich, wenn die Wanderungsbewegungen von Menschen eingeschränkt sind?

Die Handelstheorie sagt hier, dass freier Handel die Arbeitsmigration von Menschen ersetzen kann. Die Preise des Produktionsfaktors Arbeit werden sich bei freiem Handel angleichen, ohne dass Menschen umsiedeln müssen. Dies ist das Faktorpreisausgleichstheorem. Sind die Löhne in Land A hoch, in Land B niedrig, ist es ökonomisch sinnvoll, arbeitsintensive Güter in Land B zu produzieren. Dies führt dazu, dass die Nachfrage nach Arbeit in Land B steigt und damit auch die Löhne. Der freie Handel führt also langfristig zu einer Angleichung der Löhne in allen Ländern, die freien Handel zulassen. Arbeitsmigration ist aus ökonomischer Sicht zur Angleichung der Lebensverhältnisse über Ländergrenzen hinweg also keineswegs der einzig mögliche Weg.

Gegen diese Überlegungen lässt sich einwenden, dass dieser Angleichungsprozess sehr lange dauert. Dies trifft zu. Angleichungsprozesse finden statt, aber sie brauchen Zeit. Ein deutliches Beispiel für die Angleichung der Löhne durch Integration in die Weltwirtschaft ist China. Dort stiegen die Reallöhne 2002 bis 2013 um 350 Prozent.

Etwas anders gelagert war die Angleichung der Lohnhöhen in der ersten Phase der Globalisierung vor 1914. Damals gab es sowohl vergleichsweise liberalen Handel als auch eine nahezu unbeschränkte Migration. In den gut 40 Jahren von 1870 bis 1913 stiegen die Löhne in Europa stärker als in der Neuen Welt. Auswandern war mit dem Anstieg der Löhne in Europa nicht mehr so attraktiv wie zuvor.
* Reallöhne in Großbritannien im Jahr 1905 = 100* Reallöhne in Großbritannien im Jahr 1905 = 100 (© O'Rourke/Williamson 1999, S. 19 )
Die beiden Wirtschaftshistoriker Kevin O’Rourke und Jeffrey Williamson haben die internationalen Wirtschaftsbeziehungen vor dem Ersten Weltkrieg untersucht und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Sie verglichen die Lohnhöhen in den Auswanderungsländern mit denen von Einwanderungsländern. Den Maßstab bildeten die britischen Reallöhne im Jahr 1905, die im Index den Wert 100 bekamen. Die Löhne in den anderen Ländern wurden dann in Bezug gesetzt zu diesem Ausgangswert. Beispielsweise lagen im Jahr 1870 die Löhne in den USA 15 Prozent über den Reallöhnen in Großbritannien im Jahr 1905. In den USA wurden also schon 1870 Löhne gezahlt, die deutlich höher waren als die in Großbritannien 35 Jahre später.

Es fällt auf, dass einige der heute wohlhabenden skandinavischen Länder 1870 noch sehr arm waren, sich dann aber innerhalb weniger Jahrzehnte sehr dynamisch entwickelten und zu den Spitzenreitern in Europa aufschlossen. In Italien dagegen lag trotz einer Verdopplung der Reallöhne das 1913 erreichte Niveau immer noch weit unterhalb der nordeuropäischen Länder. Ein wichtiges Motiv für die Auswanderung im 19. Jahrhundert boten die hohen Löhne in den Volkswirtschaften der Neuen Welt. 1870 waren die Spitzenreiter Australien und die USA, und wer 1870 aus Schweden oder Italien in die USA auswanderte, hatte die Chance, sein Einkommen mehr als zu vervierfachen.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg artikulierten sich auch zuwanderungskritische gesellschaftliche Interessen. In Australien etwa forderten die Gewerkschaften Ende des 19. Jahrhunderts einen Stopp der Einwanderung, weil sie den Produktionsfaktor Arbeit knapp und damit teuer halten wollten. Eine vergleichbare Entwicklung gab es in den USA, wo nach dem Ersten Weltkrieg die Einwanderung massiv begrenzt und erst deutlich nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1965, wieder liberalisiert wurde. Die USA ließen von 1924 bis 1965 nur noch wenige Zuwanderer ins Land, sodass ihre Zahl von knapp neun Millionen Menschen in der Dekade 1901 bis 1910 auf etwas mehr als eine halbe Million von 1931 bis 1940 zurückging.

Aktuelle Befunde zur Arbeitsmigration

Die USA sind erwartungsgemäß das wichtigste Zielland für Zuwandernde. Doch auch die arabischen Länder verzeichnen hohe Zuwanderungsraten, und in einzelnen Ländern machen Arbeitsmigranten einen großen Teil der Bevölkerung aus. In Katar etwa waren im Jahr 2013 über 90 Prozent seiner Einwohner Zugewanderte, gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten (88,5 Prozent). Deutschland belegt den dritten Platz und hat nach der jüngsten Zuwanderungswelle zu Saudi-Arabien aufgeschlossen. Das bevölkerungsreichste Land der Welt, China, taucht unter den 30 wichtigsten Zielländern nicht auf.
2013, in Millionen Menschen2013, in Millionen Menschen (© Weltbank. 2016 )
2013, in Millionen Menschen2013, in Millionen Menschen (© Weltbank. 2016 )

Sehr viele Inder verlassen ihr Heimatland, aber in Relation zur Gesamtbevölkerung ist die Auswanderungsquote Indiens recht niedrig. Das Verhältnis beträgt dort 1,1 Prozent, deutlich weniger als in Deutschland (5,1 Prozent), Großbritannien (8,1 Prozent) oder Afghanistan (16,8 Prozent).

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Chinas Arbeitskräfte zieht es hinaus

Der 34-jährige Wang Qilin fährt einen Bagger. Als Kanalbauer buddelt er Gräben für Abwasserrohre. Wang verdient damit etwas über tausend Euro im Monat. Heute ist er auf dem Weg von seinem Arbeitsplatz zurück nach Hause: In einem Riesen-Airbus der Fluggesellschaft Emirates mit der Flugnummer EK304 in Richtung Shanghai-Pudong. Wang arbeitet auf einer Baustelle in Ghana und darf nur jedes Jahr einmal in die Heimat zurückfliegen. In der Nähe der Hauptstadt Accra baut sein Arbeitgeber, eine chinesische Baufirma, einen kleinen Stadtteil samt Straßenanbindung. "Mein Chef setzt lieber chinesische Arbeiter ein, da ist der Schulungsbedarf geringer", sagt Wang. "Ich vermisse zwar meine Frau, aber es gibt im Frühjahr dafür einen dicken Bonus." […]

Nachdem China in den ersten drei Jahrzehnten seiner Öffnung die Welt zunächst in die eigenen Grenzen hineingelassen hat, geht es nun selbst in die Welt hinaus – und schickt sich an, das globale Geschehen mitzuprägen. Seit der selbst auferlegten Isolation erst in der Kaiserzeit, dann in der Volksrepublik unter Mao Zedong, ist das Land weit gekommen. Vom "Langen Marsch ins Ausland", spricht die britische Zeitschrift "Economist". […]

China ist wie Deutschland einer der größten Treiber und Profiteure der Globalisierung. Doch im bevölkerungsreichsten Land der Welt liegt das Durchschnittseinkommen auf dem Lande immer noch lediglich bei 1700 Euro – im Jahr. Im Kielwasser der wirtschaftlichen Integration folgen auch die kleinen Geschäftsleute und Arbeiter dem Sog der Verdienstmöglichkeiten im Ausland. Chinesische Einwanderer gelten dabei als vergleichsweise erfolgreich: Die konfuzianische Kultur betont Bildung, Bildung, Bildung. Auch wenn die Eltern die Landessprache nur schlecht beherrschen, bestehen sie darauf, dass ihre Kids immer alle Hausaufgaben erledigen und gute Noten nach Hause bringen. Eine Studie in Australien hat ergeben, dass die Kinder ostasiatischer Einwanderer im Pisa-Test im Schnitt 102 Punkte besser abschnitten als die der alteingesessenen Bewohner. […]

Die Mehrheit der Chinesen, die heute neu nach Deutschland kommen, ist […] bereits bestens ausgebildet. Der 35-jährige Zhang Bo beispielsweise hat an der Universität Freiburg studiert und gleich im Anschluss einen Job bei einer PR-Agentur in der Region gefunden. Heute arbeitet er für einen Automobilzulieferer im Südwesten Deutschlands. "Ich wollte unbedingt die Welt sehen", sagt Zhang. "Vorher kannte ich nur meine Heimatprovinz Hunan." Deutschland genieße in China einen guten Ruf. Den Ausschlag für die Wahl seines neuen Heimatlandes haben aber die niedrigen Kosten fürs Studium gegeben.

Einen zusätzlichen Schub erhält die Auswanderung derzeit auch durch die neue Seidenstraße. Die neue Eisenbahnstrecke durch das bitterarme Laos haben chinesische Arbeiter gebaut. Im Grenzland zu Kasachstan kommen bereits 80 Prozent der Waren auf den örtlichen Märkten aus China – verkauft von chinesischen Händlern vor Ort. Afrika, das nach chinesischer Vorstellung an der "Meeres-Seidenstraße" liegt, ist ebenfalls inzwischen ein logisches Ziel der chinesischen Auswanderung.

Kanalbauer Wang ist der Ansicht, dass seine Firma den Ghanaern Glück bringt. "Vorher ist da doch nichts fertiggeworden. Wir bauen in Afrika Flughäfen und so weiter", sagt er. Besonders stolz ist er auf die Leistung seiner eigenen Truppe von Arbeitern: "Wir verlegen die ersten brauchbaren Abwasseranlagen weit und breit." Afrika könne froh sein, an solche Wohltäter wie die Chinesen geraten zu sein.

Es gibt jedoch auch andere Stimmen. Die Arbeitslosenquote in Ghana erreicht nach offizieller Statistik zwölf Prozent. Der Weltbank zufolge hat sogar knapp die Hälfte der jungen Ghanaer keinen Job. Da stellt sich die Frage, ob der Import von Arbeitskräften nachhaltig ist. Und vor vier Jahren hat Ghana 168 Chinesen verhaftet, die dort illegal Gold abgebaut haben – bei enormer Verpestung der Umwelt.

Finn Mayer-Kuckuk, "Der lange Marsch ins Ausland", in: Frankfurter Rundschau vom 8. September 2017. Alle Rechte vorbehalten. Finn Mayer-Kuckuck

Bis heute gibt es kein umfassendes internationales Regelwerk für die Organisation von Migration. In kaum einem Politikfeld achten Staaten so sehr auf die Kontrolle ihrer Autonomie wie bei der Frage der Zuwanderung. Denn sie gehen davon aus, dass von der Kontrolle der Migrationsbewegungen die politische Akzeptanz von Zuwanderung abhängt.
In anderen Politikfeldern haben Staaten dagegen Regelwerke geschaffen, mittels derer grenzüberschreitende Aktivitäten erleichtert und geregelt werden sollen. Ganz besonders gilt dies für den internationalen Handel mit Gütern und Dienstleistungen. Letztere sind mit Migration durch eine Form des Dienstleistungshandels verbunden, indem Menschen in ein anderes Land reisen, um dort eine Dienstleistung zu erbringen. Dies von anderen Formen der Migration abzugrenzen, ist ein ständiger Zankapfel in internationalen Verhandlungen.
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