IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Michael Brenner

Eine Bewegung schafft sich ihren Staat: der Zionismus

Theodor Herzl und die Anfänge des Zionismus

Dieses Verdienst kommt unumstritten dem in Budapest aufgewachsenen und in Wien lebenden Journalisten Theodor Herzl (1860–1904) zu, war ihm jedoch gewiss nicht in die Wiege gelegt worden. Er wuchs in einem Elternhaus auf, das sich bewusst für einen Weg heraus aus dem traditionellen Judentum und hinein in die deutschsprachige Gesellschaft entschieden hatte. So war Herzl mit der hebräischen Sprache nicht vertraut und die jüdischen Gebete blieben ihm zeitlebens fremd.

Herzl war in Wien kein Unbekannter. Bereits mit 30 Jahren war er Feuilletonredakteur der wichtigsten liberalen Tageszeitung "Neue Freie Presse", seine Stücke wurden im Burgtheater aufgeführt und er wurde als Korrespondent nach Paris ent­sandt. Hier wurde er Zeuge des Dreyfus-Prozesses mit seinen antisemitischen Begleiterscheinungen. Herzl war sich wohl bewusst, dass die Juden auch in seiner Geburtsstadt Budapest und in seiner Wahlheimat Wien angefeindet wurden. Aber wenn selbst in Frankreich, wo sie seit über 100 Jahren gleichberechtigte Bürger waren, auf der Straße gegen sie gehetzt wurde, dann gab es nach seiner Ansicht keine Hoffnung mehr für die Juden, irgendwo in Europa frei von Ressentiments zu leben.

Pläne

Einen Schlüssel zur Lösung des Problems sah Herzl zunächst in einem Massenübertritt der Wiener Juden zum katholischen Glauben. Sehr bald erkannte er jedoch, dass sie damit zwar der traditionellen, religiös motivierten Judenfeindschaft ausweichen konnten, nicht aber dem neuen, "rassisch" begründeten Antisemitismus. Als Ausweg blieb nur die Auswanderung aus Europa. 1896 veröffentlichte Herzl eine kleine Broschüre mit dem programmatischen Titel "Der Judenstaat". Darin hielt er fest, dass sein Projekt eines Judenstaates unzweifelhaft aus der Zurückweisung durch die europäische Umgebung geboren wurde: "Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten. (…) Wenn man uns in Ruhe ließe. (…) Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen." (Theodor Herzl, Der Judenstaat, Leipzig 1896, S. 11 f.)

Wo der neue Judenstaat liegen sollte, war ihm noch nicht klar: Neben Palästina erörterte er auch die Möglichkeit, ihn in Argentinien zu begründen, wo der in Paris lebende Philanthrop Baron Maurice de Hirsch (1831–1896) in seinen landwirtschaftlichen Projekten bereits Tausende russischer Juden angesiedelt hatte. Später sollte Herzl auch andere mögliche Territorien für seinen Judenstaat in Betracht ziehen, darunter einen ihm von den Briten in Aussicht gestellten Landstreifen in Ostafrika. Dieser sogenannte Uganda-Plan wie auch die früheren Argentinien-Pläne stießen allerdings unter Herzls Anhängern – vor allem denjenigen aus Osteuropa – auf wenig Gegenliebe: Aus ihrer Sicht hatten ihre Vorfahren nicht drei Mal täglich für die Rückkehr nach Zion gebetet, um dann einen Staat in Afrika oder Südamerika zu begründen.

Widerstände

Herzl stieß von Anfang an auf Widerstand in der jüdischen Gemeinschaft. Den orthodoxen (also frommen) Juden aus Osteuropa passte nicht, dass ein säkularer (also weltlich ausgerichteter) Jude aus Wien sich an die Spitze einer Bewegung stellte, die nach ihrem Dafürhalten einzig dem Messias vorbehalten sein sollte, dem Erlöser, dessen Kommen die alten Weissagungen prophezeiten. Die assimilierten, also ihrer jeweiligen Umwelt angepassten Juden hatten ein anderes Problem: Sie fühlten sich als deutsche, österreichische oder französische Staatsbürger jüdischen Glaubens und warfen Herzl vor, den Antisemiten Argumente zu liefern, wenn er behauptete, die Juden seien ein Volk und wie jedes Volk benötigten auch sie ihr eigenes Land. So verweigerten wohlhabende Juden, wie die Barone Rothschild und Hirsch in Paris, Herzl ebenso die Unterstützung wie die Rabbiner, um die er sich bemühte.

Herzl ließ sich von den zahlreichen Widerständen nicht aufhalten. Als der deutsche Rabbinerverband und die Israelitische Kultusgemeinde in München seinen Plan, den ersten Zionistenkongress in der bayerischen Hauptstadt abzuhalten, verhinderten, organisierte er diesen im Sommer 1897 in Basel. Anstelle der Rothschilds und Hirschs kamen die notleidenden Juden aus dem Zarenreich.

Doch er erhielt durchaus auch Respektsbezeugungen durch europäische Fürsten: Der König von Bulgarien empfing ihn ebenso wie der Großherzog von Baden. Er traf Kaiser Wilhelm II. auf dessen Visite im Heiligen Land, und er wurde vom Sultan Abdulhamid II. in Istanbul empfangen. Als Herzl 1904 im Alter von nur 44 Jahren verstarb, hatte er allerdings keinerlei konkrete Zusagen erhalten. Die zionistische Bewegung, die er aufgebaut hatte, lebte jedoch weiter und konnte sich trotz mancher Rückschläge im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg konsolidieren.

Unterschiedliche Zielvorstellungen: politisches oder kulturelles Zentrum?

Herzl war aber auch innerhalb der jungen zionistischen Bewegung nicht unumstritten. Um den russischen Zionisten Achad Ha’am (hebr.: Einer aus dem Volk, eigentlich Ascher Ginsberg, 1856–1927) scharten sich jene Zionisten, deren Motiv zur Rückkehr nach Palästina nicht so sehr der Antisemitismus war wie die Angst um den Untergang des Judentums als Folge der zunehmenden Assimilation. Sie wollten ein geistiges und kulturelles jüdisches Zentrum schaffen, darin die hebräische Sprache als Alltagssprache wiederbeleben, und mit einer neuen, säkularen, jüdischen Kultur auch den in der Diaspora (Zerstreuung) verbleibenden Juden das Festhalten an ihrer jüdischen Identität ermöglichen.

Als Herzl im Jahre 1902 seinen utopischen Roman "Altneuland" veröffentlichte, der die zukünftige jüdische Gesellschaft in Palästina wie ein idealisiertes Europa darstellte, wo man englische Internate, französische Opernhäuser und natürlich Wiener Kaffeehäuser hätte und wo europäische Sprachen gesprochen würden, reagierte Achad Ha’am mit scharfer Kritik. Was Herzl hier projiziere, sei doch nichts anderes als eine Assimilation der Juden auf kollektiver Ebene. Sie retteten zwar ihre physische Existenz in den Orient, doch sie lebten weiter, als ob sie in Europa wären. Ihm fehlte in Herzls Phantasiegebilde die jüdische Kultur. Und in einem weiteren Punkt hielt Achad Ha’am Herzl für naiv: In Herzls Vision hießen die einheimischen Araber die jüdischen Einwanderer willkommen, da diese die Errungenschaften der modernen Zivilisation Europas mit sich brachten und das Land aufbauten. Achad Ha’am dagegen prognostizierte den Konflikt der beiden Bevölkerungsgruppen. Ihm zufolge würden sich die Araber gegen die jüdische Besiedlung des Landes wehren.

Quellentext

Klein-Europa oder Hebräerland?

[…] Sechs Jahre nach dem Erscheinen des "Judenstaats" legte Herzl […] in seinem utopischen Roman "Altneuland" die plastisch beschriebene Vision seiner Erfüllung vor. Die meisten Darstellungen Herzls zeigen ein statisches Bild vom zukünftigen Judenstaat. Sie übersehen, dass Herzl in diesen sechs Jahren seine Meinungen entscheidend weiterentwickelt […] hat. Anstatt einer "Society of Jews" gibt es jetzt nur noch eine allgemeine "Neue Gesellschaft" […].

"Altneuland" erzählt von einem Wiener Juden und einem preußischen Adligen, die aus der europäischen Gesellschaft aussteigen und in die Südsee reisen. Bei einem kurzen Zwischenstopp in Palästina sind sie über den in jeder Hinsicht deprimierenden Zustand des Landes entsetzt. Als sie zwanzig Jahre später, im Jahre 1923, nach Europa zurückkehren wollen, erkennen sie bei einem erneuten Halt in Palästina das Land nicht mehr wieder. Die inzwischen gegründete "Neue Gesellschaft" hat eine blühende Infrastruktur mit kulturellen Höchstleistungen und einer funktionierenden Demokratie geschaffen. […] Getragen wird die "Neue Gesellschaft" selbstverständlich vor allem (allerdings nicht ausschließlich) von Juden, doch stellt sie ein kleines kosmopolitisches [toleranteres, verjüngtes, technisch und sozial modernisiertes] Europa im Nahen Osten dar. Juden und Araber leben friedlich miteinander, es kommt kaum zu politischen Konflikten. […]

Für westeuropäische Leser mochte dies attraktiv sein, für die meisten Juden Osteuropas dagegen las sich der Roman wie eine schlechte Parodie auf den Judenstaat, den sie sich vorstellten. Es war einem von ihnen, Achad Ha’am, […] vorbehalten, seiner Verwunderung Ausdruck zu geben. […]

Für Achad Ha’am […] sollte die Aufgabe des Zionismus vor allem darin bestehen, für die in der Diaspora verbleibende Mehrheit ein geistiges Zentrum aufzubauen. Im Westen brauche man den Zionismus nur wegen des Antisemitismus, im Osten dagegen suche man auch Antworten auf die drohende Assimilation. Während Herzl nur das Problem der Juden zu lösen suche, wollte Achad Ha’am auch das Problem des Judentums lösen. […]

In den Personen Herzls und Achad Ha’ams standen sich innerhalb des zionistischen Projekts zwei grundsätzliche Konzepte der Normalisierung der Juden gegenüber[:] die Grundpositionen eines universalistischen Modells, dem es um die Verbesserung der Welt ging, und eines partikularistischen Modells, dem es um die Weiterentwicklung des Judentums ging. […] [Letzteres] […] forderte viel drastischere Maßnahmen als eine Umsiedlung der Juden. Dazu gehörten die Wiederbelebung ihrer hebräischen Kultur, die radikale Neustrukturierung ihrer Berufe und letztlich sogar ihre physische Umgestaltung. Kurz gesagt, ein "neuer jüdischer Mensch", der "hebräische Mensch", sollte geschaffen werden. […]

Michael Brenner, Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates, Verlag C. H. Beck, München 2016, S. 63 ff.