9. November 1918, Berlin. Philipp Scheidemann (mit erhobenem Arm) ruft auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Möglicherweise wurde diese Szene nach dem Ereignis für die Fotografen nachgestellt. Erstveröffentlichung: Berliner Illustrirte Zeitung vom 24. November 1918

24.8.2018 | Von:
Ernst Piper

Deutsche Revolution

Zwischen Januar 1918 und Januar 1919 gab es mehrere Versuche einer Demokratisierung im Deutschen Kaiserreich. Höhepunkt war die Novemberrevolution, die zur Abdankung des Kaisers führte.

Januar 1918, Hamburg. Truppen und Geschütze auf den Straßen von St. PauliJanuar 1918, Hamburg. Truppen und Geschütze auf den Straßen von St. Pauli. (© akg-images / Sammlung Berliner Verlag / Archiv)

Januarstreik 1918
Im Rahmen der Burgfriedenspolitik hatte die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands sich am 2. August 1914 bereit erklärt, solange der Krieg andauerte, auf Lohnkämpfe und Streiks zu verzichten. Waren 1913 im Deutschen Reich noch über vier Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren gegangen, betrug die Zahl 1915 weniger als 5000. Doch je mehr der Krieg sich in die Länge zog, desto brüchiger wurde der Burgfrieden. Nach dem "Steckrübenwinter" 1916/17 hatte es im Frühjahr 1917 in verschiedenen Orten Streiks und Demonstrationen wegen der schlechten Lebensmittelversorgung gegeben. Im Januar 1918 erreichten die Streiks eine neue Qualität. Nach der Oktoberrevolution und dem deutsch-russischen Waffenstillstand war das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg absehbar und das beflügelte die Hoffnung, dass es endlich Frieden geben würde. Die Kriegsmüdigkeit bei der durch Hungersnöte geschwächten Bevölkerung war außerordentlich groß.

Quellentext

Am Montag, den 28. Januar, beginnt der Massenstreik!

Arbeiterinnen und Arbeiter auf zum Massenstreik! Auf zum Kampf! […] Unser Massenstreik soll kein kraftloser "Protest" und kein von vornherein auf eine bestimmte Frist beschränkter hohler Demonstrationsstreik, sondern ein Machtkampf sein. Wir kämpfen so lange, bis unsere Mindestforderungen unverkürzt verwirklicht worden sind: Aufhebung des Belagerungszustandes, der Zensur, aller Beschränkungen der Koalitions-, Streik-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Freilassung aller politisch Inhaftierten – dies sind die Bedingungen, die uns notwendig sind, um unseren Kampf um die Macht, um die Volksrepublik in Deutschland und einen sofortigen allgemeinen Frieden frei zu entfalten.
Jeder Separatfriede führt nur zur Verlängerung und Verschärfung des Völkermordens. Es gilt um jeden Preis, den Separatfrieden in einen allgemeinen Frieden zu verwandeln. Dies ist unser Ziel. […] Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! Hoch der Massenstreik!

Streikaufruf des Spartakusbundes, in: Günter Hillmann (Hg.), Die Rätebewegung, Bd. 1, Rowohlt Verlag, Reinbek 1971, S. 14 f.


Am Montag, den 28. Januar 1918, traten in Berlin rund 400.000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Metall verarbeitenden Industrie in den Streik. Am Nachmittag trafen sich die 414 Delegierten der Streikenden im großen Saal des Berliner Gewerkschaftshauses. Sie wählten, in Anlehnung an das russische Beispiel, einen elfköpfigen "Arbeiterrat", der als Streikleitung fungierte. Den Vorsitz übernahm Richard Müller, der innerhalb des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) Branchenleiter der Dreher war.

Müller spielte eine führende Rolle bei den Revolutionären Obleuten, die innerhalb der Gewerkschaftsstrukturen in verschiedenen Industriebetrieben ein unabhängiges Netzwerk frei gewählter Vertrauensleute gebildet hatten. Sie lehnten die Burgfriedenspolitik ab, bildeten eine betrieblich organisierte Arbeiteropposition und waren mit der aus der SPD hervorgegangenen USPD verbunden. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) hatte sich im April 1917 von der SPD abgespalten, die damals häufig als Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) bezeichnet wurde, offiziell aber immer den Namen SPD beibehielt. Besonders stark waren die Revolutionären Obleute in den Berliner Rüstungsbetrieben vertreten, weswegen das falsche Gerücht aufkam, der Januarstreik sei ausschließlich ein Streik der Rüstungsarbeiter gewesen.

Quellentext

Forderungen der Revolutionären Obleute, Berlin, 28. Januar 1918

1. Schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker entsprechend den Ausführungsbestimmungen, die dafür von den russischen Volksbeauftragten in Brest-Litowsk formuliert wurden.
2. Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen.
3. Ausgiebigere Nahrungsversorgung durch Erfassung der Lebensmittelbestände in den Produktionsbetrieben wie in den Handelslagern zwecks gleichmäßiger Zuführung an alle Bevölkerungskreise.
4. Der Belagerungszustand ist aufzuheben. Das Vereinsrecht tritt vollständig wieder in Kraft, ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung in der Presse und in Versammlungen. […]
5. Die Militarisierung der Betriebe ist gleichfalls aufzuheben.
6. Alle wegen politischer Handlungen Verurteilte und Verhaftete sind sofort freizulassen.
7. Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland, und zwar zunächst die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 20 Jahren für den preußischen Landtag.

Wilhelm Dittmann, Erinnerungen, Bd. 2, Campus Verlag, Frankfurt / M. 1995, S. 526 f.


Gestreikt wurde Ende Januar 1918 nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, Kiel, Nürnberg, Leipzig, Braunschweig, Köln, Breslau, München, Magdeburg, Halle, Bochum, Dortmund und anderen Städten. Insgesamt waren mehr als eine Million Menschen im Ausstand. Diese reichsweiten Januarstreiks wurden wesentlich von den Revolutionären Obleuten organisiert. Inspiriert waren sie nicht zuletzt durch den Erfolg der russischen Oktoberrevolution, vor allem aber durch den auf Initiative der Bolschewiki zustande gekommenen deutsch-russischen Waffenstillstand und die damit verbundenen Hoffnungen auf Friedensverhandlungen. Das galt auch für den "Jännerstreik". Er fand vom 3. bis 25. Januar im Habsburger Reich statt, über 700.000 Arbeiter nahmen daran teil. Die Streiks richteten sich vor allem gegen die territorialen Forderungen, die die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn in den Friedensverhandlungen mit Sowjetrussland in Brest-Litowsk erhoben.

Der Januarstreik war eine erste Machtprobe, aber nach einer Woche musste er abgebrochen werden. Die Militärbehörde verhängte den verschärften Belagerungszustand, verbot Streikversammlungen und Sitzungen des Arbeiterrates, verhaftete streikende Arbeiter und zog andere zum Militärdienst ein. Außerdem wurden die kriegswichtigen Rüstungsbetriebe militärischer Leitung unterstellt. Der Streik war aber nicht nur für das Wilhelminische Kaiserreich eine Herausforderung, sondern auch für die oppositionelle SPD. Für sie war es sehr gefährlich, wenn der Eindruck entstand, dass die große Mehrheit der traditionell sozialdemokratischen Arbeiterschaft gar nicht mehr hinter ihr stand. Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert trat deshalb in die Streikleitung ein, obwohl er den Streik ablehnte. Er wollte daran mitwirken, dass er sich nicht ausweitete und zu einem baldigen Ende kam. Auf der einen Seite lehnte die Streikleitung die von der SPD vorgeschlagene Vermittlung der Generalkommission der Gewerkschaften bei der Regierung ab. Auf der anderen Seite wäre eine Weiterführung des Streiks auf einen offenen Kampf gegen das Militär hinausgelaufen. Deshalb musste er abgebrochen werden. Trotz dieses Scheiterns trugen die Erfahrungen des Januarstreiks dazu bei, dass der DMV sich 1919 als einzige deutsche Gewerkschaft zu den Ideen der Räterepublik bekannte.