World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Jannis Panagiotidis
Robert Kindler
René Kreichauf
Laura Sūna
Gesine Wallem
Anna Flack
Kornelius Ens
Viktor Krieger
Natalja Salnikova
Rita Sanders

(Spät-)Aussiedler aus den postsowjetischen Staaten

Ankunft und Integration in Deutschland

Jannis Panagiotidis

Als die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler ab den späten 1980er-Jahren in größerer Zahl in der Bundesrepublik Deutschland ankamen, gab es zur Förderung ihrer Integration bereits einige Maßnahmen, insbesondere Sprachkurse. Denn wie sich bald herausstellte, waren die Kenntnisse des Deutschen unter den (Spät-)Aussiedlern stark rückläufig, vor allem bei den Angehörigen der jüngeren Generationen. Trotzdem wurden Sprachförderung und andere Integrationsmaßnahmen in der Folgezeit schrittweise gekürzt. Die umfangreichen Zuwanderungsbewegungen nicht nur von (Spät-)Aussiedlern, sondern auch von Asylsuchenden aus dem globalen Süden und Kriegsflüchtlingen aus Jugoslawien sowie die parallel zu bewältigenden Kosten der deutschen Wiedervereinigung setzten in diesem Zeitabschnitt die Staatskassen stark unter Druck.

Aufgrund der oft unzureichenden Sprachkenntnisse, aber auch wegen der mit dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt nicht kompatiblen Qualifikationen, der komplizierten Anerkennung von mitgebrachten Abschlüssen und der zu jener Zeit insgesamt schwierigen Arbeitsmarktlage, gestaltete sich die sozioökonomische Integration der (Spät-)Aussiedler problematischer als erwartet. In den 1990er-Jahren galten die Russlanddeutschen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als ausgemachte Problemgruppe. Besonders Phänomene von (medial zum Teil skandalisierter) "Ghettobildung", Jugendkriminalität, Arbeitslosigkeit und sozialer Deklassierung standen dabei im Mittelpunkt. Aus Sicht vieler Aussiedler war es wiederum belastend, in Deutschland als "Russen" wahrgenommen zu werden, während sie in Russland beziehungsweise der Sowjetunion eindeutig (und oft in diskriminierender Absicht) als "Deutsche" identifiziert worden waren.

Seitdem hat sich viel verändert. Als das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sich dem Ende zuneigte, zeigten erste Studien, dass sich die Integration der (Spät-)Aussiedler insgesamt positiv entwickelte. Der 2013 erschienene Forschungsbericht "(Spät-)Aussiedler" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verstärkte diesen Eindruck. Die dort ausgewerteten Studien verorteten die (Spät-)Aussiedler in einer Mittelposition zwischen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund und anderen Migrantengruppen.

Allerdings sagen Statistiken über die Gesamtgruppe der (Spät-)Aussiedler nur bedingt etwas über die Russlanddeutschen und ihre Angehörigen aus. (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion machen zwar die Mehrzahl der Gesamtgruppe aus (knapp über 50 Prozent aller Aussiedler seit 1950 und über 60 Prozent der Aussiedler seit 1970). Sie befinden sich aber in derselben statistischen Kategorie wie über eine Million Aussiedler aus Polen und Rumänien, die schon in den 1970er- und 1980er-Jahren in die Bundesrepublik eingewandert waren. Entsprechend hatten jene mehr Zeit, sich im Land zu etablieren, und im Falle der Rumäniendeutschen brachten sie auch noch deutlich bessere deutsche Sprachkenntnisse mit. Angesichts der sich daraus ergebenden Verzerrungen bedarf die sozioökonomische Integration der Russlanddeutschen also der besonderen Untersuchung.

Statistische Aussagen über die (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind aber schwer zu erheben. Aus dem Mikrozensus, Deutschlands wichtigster jährlicher Erhebung von Sozialdaten, lassen sie sich nicht unmittelbar entnehmen. Um zu aussagekräftigen Zahlen zu kommen, ist also etwas Kreativität vonnöten: Im Folgenden werden die Daten für kasachstanstämmige Migranten als Näherungswert für die Gruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler genommen – zwar kommen Letztere nicht alle aus Kasachstan, aber fast alle kasachstanstämmigen Menschen in Deutschland sind russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler. Sie bilden somit quasi eine statistisch "reine" Stichprobe, die auch deswegen aussagekräftig für die Gesamtgruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler ist, weil nicht von systematischen Unterschieden zwischen (Spät-)Aussiedlern aus Kasachstan und solchen aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auszugehen ist.

Diese Daten werden hier in Beziehung gesetzt zu drei wichtigen Vergleichsgruppen: 1) zur Gesamtheit der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion (russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler, Kontingentflüchtlinge und andere), von denen russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler über 80 Prozent ausmachen; 2) zur Gruppe aller (Spät-)Aussiedler, unabhängig von ihren Herkunftsgebieten; und 3) zur Gruppe der Personen "ohne Migrationshintergrund (MH)", die hier der Einfachheit halber auch als "Einheimische" bezeichnet werden. Alle diese Stichproben beziehen sich ausschließlich auf die erste Generation von Zuwanderern, da nur für diese die Daten vollständig sind. Aus diesen Zahlen lässt sich der Stand der sozioökonomischen Integration der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler wie auch der (Spät-)Aussiedler insgesamt ablesen.

Bildung
Eine für den Integrationsverlauf prinzipiell wichtige Voraussetzung sind die mitgebrachten Bildungsabschlüsse. Während die postsowjetischen Migranten insgesamt ein ähnliches formales Bildungsniveau aufweisen wie die "einheimische" Bevölkerung, fällt auf, dass die Zuwanderer aus Kasachstan deutlich seltener Abitur oder Fachabitur haben als diese beiden Gruppen oder auch die Gruppe der (Spät-)Aussiedler insgesamt, dafür umso häufiger das Äquivalent von Real- oder Hauptschulabschluss.
Bildungsabschlüsse (© bpb)

Dass die Gesamtgruppe der postsowjetischen Migranten hier trotzdem so gut abschneidet, dürfte vor allem dem hohen Bildungsniveau der jüdischen Kontingentflüchtlinge geschuldet sein (bei den ukrainestämmigen Migranten, unter denen die Kontingentflüchtlinge stärker repräsentiert sind, liegt der (Fach-)Abiturientenanteil bei über 50 Prozent).

Arbeit und Einkommen
Jedoch übersetzt sich ein höheres Bildungsniveau nicht automatisch in größeren Arbeitsmarkterfolg. Im Gegenteil: Die vergleichsweise weniger hoch gebildeten Kasachstanstämmigen sind seltener erwerbslos und von Transferleistungen abhängig als die Gesamtgruppe der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten – allerdings häufiger als die Gesamtgruppe der (Spät-)Aussiedler.
Erwerbslosenquote und Abhängigkeit von Transferleistungen (© bpb)

Hier bildet sich das oft beklagte Problem ab, dass Zuwanderer mit höherer Qualifikation lange Zeit Schwierigkeiten hatten, ihre Abschlüsse anerkannt zu bekommen und entsprechend weniger leicht in Arbeit kamen. Menschen mit mittlerem Bildungsabschluss kamen hingegen eher in weniger qualifizierten Berufen des Produktionssektors (Sekundärer Sektor) und des Dienstleistungssektors (Tertiärer Sektor) unter, zum Teil unter Inkaufnahme eines relativen beruflichen Abstiegs. Die hohe Quote von Sozialhilfeempfängern unter den postsowjetischen Migranten sticht besonders hervor. Hier spiegelt sich die Problematik der wachsenden Altersarmut unter Kontingentflüchtlingen sowie unter denjenigen (Spät-)Aussiedlern wider, die ihre Arbeitsjahre in der ehemaligen Sowjetunion nicht oder nicht in vollem Umfang angerechnet bekamen und daher im Rentenalter in die Grundsicherung rutschen. Dieses Problem wird sich auf absehbare Zeit noch verschärfen – ein Umstand, der inzwischen auch in der Bundespolitik diskutiert wird.
Arten von Beschäftigung in Prozent. Zahlen gemäß Mikrozensus 2017 (© bpb)

Unter denjenigen, die sich in Arbeit befinden, fällt die überdurchschnittliche Konzentration insbesondere kasachstanstämmiger Männer im Sekundären Sektor (produzierendes Gewerbe, Baugewerbe) auf. Dies lässt sich als Ergebnis ihrer oben geschilderten mittleren Bildungsstruktur wie auch der teilweisen Entwertung vorhandener beruflicher Fähigkeiten (Dequalifizierung) höher qualifizierter Spätaussiedler interpretieren. Sowjetunion- und kasachstanstämmige Frauen hingegen arbeiten zu ähnlichen Anteilen wie "einheimische" Frauen im Tertiären Sektor (Dienstleistungsbereich). Bei ihnen fällt wiederum der hohe Anteil von ausschließlich geringfügig Beschäftigten auf – überdurchschnittlich viele russlanddeutsche Frauen arbeiten also in Minijobs, beispielsweise an der Supermarktkasse. Niedrig ist hingegen der Anteil der Selbstständigen, insbesondere bei den Kasachstanstämmigen, aber auch bei den (Spät-)Aussiedlern insgesamt. Ihr Anteil liegt deutlich niedriger als die Quote der "einheimischen" Bevölkerung, aber auch niedriger als etwa bei den hier nicht gesondert aufgeführten türkeistämmigen Migranten (9,7 Prozent), für die Selbstständigkeit in Handel oder Gastronomie einen häufig gewählten Ausweg aus der Arbeitslosigkeit darstellt.

Haushaltseinkommen, monatlich, netto, in Euro (© bpb)
Ein Vergleich der durchschnittlichen Haushaltseinkommen zeigt nur geringe Differenzen zwischen Haushalten mit mindestens einem postsowjetischen beziehungsweise kasachstanstämmigen Mitglied und Haushalten von Menschen ohne Migrationshintergrund (zu Haushalten mit (Spät-)Aussiedlern gibt es leider keine Zahlen). Während sie beim Gesamteinkommen um die 90 Prozent (kasachstanstämmige sogar 95 Prozent) des "einheimischen" Niveaus erreichen, zeigen sich jedoch deutlichere Unterschiede bei den Haushaltseinkommen pro Kopf, wo die entsprechenden Werte nur bei um die 70 Prozent liegen.

Dies hat mit der Haushaltsgröße zu tun: Postsowjetische Haushalte sind mit 2,43 Personen im Schnitt größer als die der "Einheimischen", die bei 1,89 Personen liegen, und haben im Schnitt mehr Kinder (0,57 gegenüber 0,26 bei Haushalten ohne Mitglied mit Migrationshintergrund). Haushalte von Kasachstanstämmigen bestehen durchschnittlich sogar aus 2,67 Personen (0,7 Kinder im Schnitt). Entsprechend müssen in diesen Haushalten von einem ähnlich hohen Einkommen mehr Personen ernährt werden. Zugleich verweist dieser Umstand auf das erfolgreiche Zusammenlegen mehrerer relativ niedriger individueller Einkommen zu einem ausreichenden Haushaltseinkommen (pooling). So lassen sich auch die erwähnten hohen Anteile ausschließlich geringfügig beschäftigter Frauen erklären, deren Minijobs für sich genommen nicht zum Leben reichen, die aber einen wichtigen Beitrag zum Familienbudget leisten.

Streuung der Haushaltseinkommen, monatlich, netto, in Prozent. (© bpb)
An der Streuung der absoluten Haushaltseinkommen über verschiedene Einkommenssegmente lässt sich schließlich sowohl die ökonomische Integration der Russlanddeutschen und der postsowjetischen Migranten als auch ihre fortgeschrittene Binnendifferenzierung ablesen. Die postsowjetische Bevölkerung weist grundsätzlich eine ähnliche Streuung auf wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Auffällig sind allerdings gewisse Verschiebungen: Sowjetunionstämmige und kasachstanstämmige Haushalte sind beide im hohen Einkommenssegment über 4500 Euro unterrepräsentiert. Doch während sich die Differenz bei den Kasachstanstämmigen im Segment direkt darunter (2600 bis 4500 Euro) ausgeglichen wird, sind die Sowjetunionstämmigen insgesamt vor allem in den beiden niedrigsten Segmenten bis 1500 Euro, also am Existenzminimum, überrepräsentiert.

Die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler sind also in höherem Maße in der Mittelschicht angekommen als andere postsowjetische Migranten und sind in den niedrigsten Einkommenssegmenten sogar weniger stark repräsentiert als die "einheimische" Bevölkerung. Zugleich wird deutlich, dass es eine breite Streuung von Lebenslagen gibt, die allzu pauschalisierende Aussagen über die Situation "der" Russlanddeutschen nicht zulassen.

Sprachgebrauch
Der Mikrozensus 2017 fragte erstmals auch nach dem vorwiegenden Sprachgebrauch im Haushalt. Dabei zeigte sich, dass in 527.000 bundesdeutschen Haushalten überwiegend Russisch gesprochen wird. In gut 400.000 dieser Haushalte ist mindestens ein Teil der Mitglieder deutsch. In gut 30 Prozent der insgesamt gut 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem postsowjetischen Mitglied wird also überwiegend Russisch gesprochen. Derselbe Anteil ergibt sich bei russlanddeutschen (kasachstanstämmigen) Haushalten (190.000 von 632.000). Bei Haushalten mit mindestens einem Mitglied aus der Russischen Föderation bzw. der Ukraine liegt der Anteil sogar bei jeweils gut 37 Prozent. Bei einer durchschnittlichen postsowjetischen Haushaltsgröße von 2,43 Personen ergibt dies gut 1,27 Millionen Bewohner der Bundesrepublik, deren vorwiegende Umgangssprache zu Hause Russisch ist. Umgekehrt zeigt der Mikrozensus allerdings auch, dass in gut 60 Prozent der postsowjetischen Haushalte überwiegend Deutsch gesprochen wird, in kasachstanstämmigen Haushalten sogar zu zwei Dritteln.

Solche Erhebungen sind insofern mit Vorsicht zu genießen, da sie Eindeutigkeit suggerieren, wo die Realität meist gemischt ist. Eine 2016 durchgeführte Befragung von postsowjetischen Bewohnerinnen und Bewohnern der Bundesrepublik durch die Boris Nemtsov-Stiftung ergab, dass 42 Prozent der Befragten zu Hause Russisch sprechen, 24 Prozent Deutsch, 32 Prozent aber beides. Diese Zahlen legen nahe, dass diejenigen, die zu Hause beide Sprachen sprechen, sich im Mikrozensus für das Deutsche entschieden.

Von den in der Nemtsov-Studie Befragten bezeichneten sich 61 Prozent als russische Muttersprachler, 27 Prozent gaben fließende Kenntnisse an. Deutsche Muttersprachler waren nur 21 Prozent, 43 Prozent sprachen nach eigenen Angaben fließend, 28 Prozent hingegen nur auf mittlerem Niveau. Allerdings konsumieren sie Medien wie Internet, TV und Zeitungen überwiegend auf Deutsch.