World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Gwénola Sebaux

(Spät-)Aussiedler aus Rumänien

Die Aussiedlung – Ursachen, Hintergründe, Merkmale

Der rumänische Nachkriegskontext
Nach der staatlich verordneten Agrarreform zur Neuordnung der landwirtschaftlichen Produktion im März 1945 erfolgte die Totalenteignung der Großgrundbesitzer. Dies traf die wohlhabenden deutschen Bauern mit voller Wucht. Von 1946 bis 1950 wurde den Mitgliedern der deutschen Minderheit das Wahlrecht entzogen. Die Aberkennung der politischen Rechte und die Verstaatlichung des deutschen Schulwesens – allerdings mit Beibehaltung des muttersprachlichen Unterrichts – stellten einen drastischen Einschnitt in die Lebenswelt der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben dar. Dadurch wurden sie zu "Fremden in der Heimat".

Diese repressiven Maßnahmen des kommunistischen Regimes trafen zwar auch die rumänische Mehrheitsbevölkerung und andere nationale Minderheiten (besonders die Ungarn), sie wurden aber gegenüber den Deutschen besonders radikal durchgeführt und demzufolge subjektiv als rein ethnisch motivierter Racheakt empfunden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit nahmen ohnehin die ethnischen Spannungen zu: Die deutschen "Faschisten" und "Hitleristen" wurden kollektiv für den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen haftbar gemacht. Die Auseinandersetzungen zwischen den Ethnien wirkten bis in die 1950er-Jahre hinein.

Ab Mitte 1945 wurden außerdem auf sowjetische Anordnung rund 75.000 Zivilistinnen und Zivilisten sowie zurückgekehrte Wehrmacht-Soldaten – Frauen zwischen 18 und 30 Jahren sowie Männer zwischen 17 und 45 Jahren – zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion geschickt. Schwerkranke wurden aus den Sowjetlagern direkt nach Ostdeutschland abgeschoben. Die illegal nach Rumänien Zurückgekommenen wurden verhaftet und saßen jahrelang in rumänischen Gefängnissen. Im sowjetischen Archipel GUPVI, dem Lagersystem für Kriegsgefangene und Internierte, lag die Sterberate schätzungsweise bei über 25 Prozent.

Nach der Rückkehr im Jahr 1949 fanden die Deutschen ihre Häuser und Höfe von rumänischen "Kolonisten" besiedelt und mussten als Tagelöhner in den Kolchosen – verstaatlichten landwirtschaftlichen Großbetrieben – arbeiten. Die Sowjetdeportation wurde jahrzehntelang verdrängt und weitgehend tabuisiert. Im offiziellen Diskurs wurden die sowjetisierten "Heimkehrer" als vorbildhafte Sowjetmenschen dargestellt. Das im Zuge der Deportation erfahrene Leid wurde erst nach der Wende Ende der 1980er-Jahre in der Öffentlichkeit breit thematisiert.

Das Deutsche Antifaschistische Komitee (DAK) in der Rumänischen Volksrepublik wurde Anfang 1949 vom ersten kommunistischen Generalsekretär Gheorghe Gheorghiu-Dej geschaffen. Bis zu seiner Auflösung Anfang 1953 sorgte es für die politische "Umerziehung" der deutschen "Hitleristen" und "Imperialisten". Erklärtes Ziel war das "Zersprengen" der "Isolation" der deutschen Gemeinschaften sowie die Durchsetzung des Stalinismus.

1951 wurden die Deutschen zusammen mit anderen "unzuverlässigen" Ethnien entlang der Grenze zu Jugoslawien ins Ba˘ra˘gan (nordöstlich von Bukarest) verschleppt. Schätzungsweise 10.000 von ihnen starben in der fünfjährigen Verschleppungszeit. Diese zweite Deportation prägte sich tief ins kollektive Bewusstsein ein. Erst 1956 wurde die Diskriminierung stufenweise gelockert. Die Deutschen durften in ihre Wohnhäuser zurückkehren. Das Vertrauen in das Regime war aber nachhaltig erschüttert.

Quellentext

Deportation in die Bărăgan-Steppe

Die Banater Schwaben waren Opfer zweier Deportationen: im Januar 1945 in die Sowjetunion und im Juni 1951 in die Bărăgan-Steppe. 40.000 Deutsche, Serben, Mazedo-Rumänen, Bessarabien-Rumänen und Ungarn wurden in den Bărăgan umgesiedelt. Dort wurden 18 neue Kollektiv-Dorfer von den Deportierten gegründet.

Die Deportation geschah in der Zeit, als das Verhältnis zwischen Jugoslawien und der UdSSR abkühlte. 1948 entschied sich Stalin, Jugoslawien, das von Iosip Broz Tito geführt wurde, von dem Kommunistischen Auskunftsbüro zu entfernen. Tito wurde also des Ungehorsams gegenüber der UdSSR beschuldigt. Rumänien wollte der Sowjetunion gegenüber Loyalität zeigen und legte ein Programm fest, durch welches sich die Bevölkerung aus dem Banat, die auf einer Entfernung von 25 km von der Grenze zu Jugoslawien lebte, einer Zwangsumsiedlung unterworfen werden sollte.

Das Ministerium für innere Angelegenheiten wurde ermächtigt, die Umsiedlung jedwelcher Person aus überbevölkerten Gebieten sowie die Umsiedlung von Personen, die gegen den Aufbau des Sozialismus in der rumänischen Volksrepublik waren, zu approbieren. Man wollte also jede "Bedrohung" aus der Grenzzone entfernen. Den Umgesiedelten wurde Zwangsaufenthalt verordnet. […]
www.deutsche-gesellschaft-ev.de/images/pdf/2016-kg-sommerakademie/Denisa-Cosma.pdf

"Ich war noch keine zehn Jahre alt, als am 18. Juni 1951, dem zweiten Pfingsttag, ein Soldat um vier Uhr morgens an unserem Tor erschien – es war noch dunkel draußen – und uns sagte, dass wir in wenigen Stunden unsere Sachen packen sollten. Sie nahmen die Ausweise der Eltern mit. Die Eltern begannen mit Tränen in den Augen zu packen. Sie packten alles, was in einen Wagen passte. Dann fuhren wir, von der Wache begleitet, zum Bahnhof. Dort mussten wir bleiben, bis die Kuhwaggons ankamen. Jede Familie wurde in einen Waggon geladen mit all ihren Sachen: Tiere, Vögel, Kinder. Kranke waren dabei, Schwangere, kleine Kinder – alle zusammen. Sie luden uns ein und fuhren uns durchs Land. Wir wussten nicht wohin. Von Ort zu Ort, von Bahnhof zu Bahnhof. Das Rote Kreuz spendierte Milchpulver oder Kekse für die Kinder. Ich weiß nicht, wie wir überlebt haben. So fuhren wir eine Woche lang durchs Land und gelangten schließlich in den Bahnhof Lunca Duna˘rii – nahe der Donau …", schreibt Larisa Cazacu. […]

"Das Wasser in der Bărăgansteppe war bei 35 Meter Tiefe", erzählt Alexandrina Fundeanu, "deshalb konnten wir es nicht anbohren. Wasser wurde uns in Motorenöl-Zisternen abgefüllt. Wenn wir Durst hatten, mussten wir erst das Öl abschöpfen, um Wasser trinken zu können …". Das größte Problem war die Wassernot. Wasser wurde in Zisternen gebracht und war auch für die Kühe gedacht. Deswegen fingen die Kühe an zu brüllen, wenn sie die Zisternen kommen sahen, so dass man sie kaum mehr im Zaun halten konnte. Sie liefen los, dem Wasser entgegen, so Martin Bolovedea. Eine andere Deportierte erzählt, dass sie das Wasser aus der entfernten Donau mühsam mit Eimern anschleppten. Auf dem Weg dahin trafen sie immer wieder tote Kühe in der Steppe, die dort verwesten. Das Wasser war verschmutzt, und die ganze Familie erkrankte an einem Fieber (febra aftoasa˘ – Maul und Klauenseuche), so Larisa Cazacu. […] Holz gab es nicht; so gingen die Männer und suchten Weidenbäume am Uferrand, die sie abholzten und nach Hause trugen. So konnten sie den ersten Winter im Ba˘ra˘gan überleben, erzählte Angela Călărăsanu. Das tägliche Essen bestand aus einer Suppe aus "vârfuri de lucerna˘" [Suppe aus Kleeblättern, Anm. d. Red.]. "Mutter entfernte die Spitzen der Luzerne (eine Kleefutterart), die etwas weicher waren, und kochte uns eine Suppe daraus. Danach gab es Suppe mit Öl, die uns sehr gut schmeckte. Manchmal gab es auch mămăliga˘ [Maisbrei, Anm. d. Red.] dazu", erinnert sich Gheorghe Cotorbai. Aurel Soculescu aus dem Dorf Corceva erzählt, dass es verboten war, mit den Menschen aus den Nachbardörfern Kontakt aufzunehmen. So erinnert er sich, dass zu Pfingsten eine Generalversammlung im Dorf Pelicani stattfand, wo man den Leuten mitteilte, dass sie zu den Arbeitern aus dem Nachbardorf keinen Kontakt aufnehmen dürfen. […]
www.banater-schwaben.org/nachrichten/kultur/details/681-raub-der-freiheit-und-der-menschenwuerde/

Nach einer kurzen Entstalinisierungsphase mit relativer Liberalisierung des politischen Klimas kehrte die rumänische Führung zu stalinistischen Diskursen und Praktiken zurück. Zahlreiche deutsche Schulen wurden nun zu deutschen Abteilungen gemischtsprachiger Schulen. Ziel war die kulturelle Rumänisierung der "mitwohnenden Nationalitäten". Ende der 1950er-Jahre wurde der "sozialistische Aufbau" wieder aktiv vorangetrieben. 1962 war die Kollektivierung der Landwirtschaft weitgehend abgeschlossen.

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre trat nach Nicolae Ceaușescu Machtantritt ein "kulturelles Tauwetter" ein. Die Haltung der rumänischen Regierung gegenüber der deutschen Minderheit wurde liberaler. Der 1968 entstandene "Rat der Werktätigen deutscher Nationalität" sollte den nationalen sozialistischen Zusammenhalt fördern. Auch verbesserten sich die deutsch-rumänischen Beziehungen. Dieser kurzen liberalen Phase folgte schon Anfang der 1970er-Jahre eine starke Re-Ideologisierung. Der zunehmende Staatsterror richtete sich unter anderem gegen politisch Andersdenkende und oppositionelle Intellektuelle – auch aus der deutschen Minderheit, wie etwa dem jungen, von dem rumäniendeutschen Schriftsteller Richard Wagner geleiteten Literaturkreis "Aktionsgruppe Banat". Die sprachlichen und kulturellen Lebensformen der Deutschen wurden zunehmend beeinträchtigt mit dem Ziel einer vollständigen Assimilation.

Die immer radikalere Nationalitätenpolitik Ceaușescu ab den 1980er-Jahren glich einer Zwangsrumänisierung, die das hoch entwickelte deutsche Bildungsnetzwerk erheblich schwächte. Die "Systematisierung" der ländlichen Gebiete (Dorfzerstörungsprogramm und urbane Umsiedlungspolitik), die Ende der 1980er-Jahre einsetzte, traf die jahrhundertealten deutschen Dörfer besonders hart.

Umso eindrucksvoller erscheint nach dem Sturz Ceaușescu im Dezember 1989 der Elan der nun gemeinsam engagierten Banater und Siebenbürger Deutschen mit dem Ziel der politischen Mitgestaltung des demokratischen Aufbaus Rumäniens. Im supraregionalen Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) konnten die Rumäniendeutschen die politische Vertretung ihrer kulturellen Interessen bis heute sichern.

Aussiedlungspolitik zwischen Ost und West
Zwar gab es in Rumänien im Gegensatz zu etwa Polen, Ungarn oder Jugoslawien keine Vertreibung der Deutschen zu Kriegsende. Nach 1945 befanden sich trotzdem schon viele rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität in Deutschland: etwa Soldaten, die aus der Kriegsgefangenschaft nach Deutschland entlassen wurden, oder Menschen, die vor den Sowjettruppen geflohen waren. Die Aussiedlung aus Rumänien begann im Zusammenhang mit einer groß angelegten Familienzusammenführungsaktion des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). In den darauf folgenden Jahrzehnten entwickelte der Aussiedlungsprozess eine eigene Dynamik.

Aufgrund der Zusammenarbeit des DRK mit dem Roten Kreuz in Rumänien wurde im Jahr 1956 eine Liste von rund 8400 Personen erstellt, die einen Ausreiseantrag auf Basis der Familienzusammenführung gestellt hatten. Die Aussiedlungszahlen blieben aber vorerst noch sehr gering: Bis einschließlich 1969 schwankten sie im Jahresdurchschnitt zwischen einem Dutzend und knapp 3000. Im Jahr 1970 siedelten im Zuge der Wiederaufnahme der deutsch-rumänischen diplomatischen Beziehungen erstmals 6000 Personen aus.

Zahlenmäßig relevant wurde die Aussiedlung aus Rumänien also erst ab den frühen 1970er-Jahren. Von 1970 bis 1974 wurden rund 29.800 rumäniendeutsche Aussiedler in Deutschland aufgenommen, das waren mehr als in den vorangegangenen 20 Jahren insgesamt. Die Aussiedlung stieg sodann nahezu ununterbrochen an. Zahlenmäßige Höhepunkte waren die 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Im Revolutionsjahr 1989 stiegen die Zahlen schlagartig auf über 23.000. Das Jahr 1990 bildet mit 111.150 registrierten Aussiedlern das Rekordjahr. Ab dem Jahr 1991 gingen die Zahlen stark zurück. Seit 1999 ist die Zahl der Spätaussiedlerzuzüge aus Rumänien kaum nennenswert: jährlich unter 1000, nur noch einige Dutzend seit 2004.

Aussiedlung aus RumänienAussiedlung aus Rumänien (© Bundesverwaltungsamt)

Anlässlich von Ceaușescu Besuch in Bonn im Juni 1973 wurden im Kontext der neuen Ostpolitik Wege der deutsch-rumänischen Kooperation besprochen. Der anschließend von Ceaușescu und Willy Brandt unterzeichnete Wirtschafts-, Handels- und Technologievertrag gab Anlass zu einem gemeinsamen Kommuniqué unter besonderer Erwähnung der "humanitären Fragen" – sprich Familienzusammenführung.

Im Januar 1978 fand der erste offizielle Staatsbesuch eines bundesdeutschen Kanzlers in Rumänien statt. Helmut Schmidt hielt eine vielbeachtete Rede über die Schlüsselrolle der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben als "Brückenbauer" und erinnerte ausdrücklich an die Menschenrechtsbestimmungen der KSZE-Schlussakte von 1975, dem Abschlussdokument der internationalen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, das westliche und östliche Staaten (darunter die Sowjetunion) in Helsinki gemeinsam unterzeichnet hatten. Rumänien sagte daraufhin bis 1982 die Familienzusammenführung für jährlich etwa 11.000 Rumäniendeutsche zu.

Im Gegenzug gewährte die Bundesrepublik zusätzliche Kredite an Rumänien – auch, um dessen Importe aus Westdeutschland zu finanzieren. Manche zeitgenössischen Beobachter kritisierten diesen "Freikauf"-Deal als moralisch fragwürdig und politisch gefährlich. Trotzdem wurde der "Freikauf" bis zum Zerfall des Ceaușescu-Regimes im Geheimen weitergeführt.

Auch beim offiziellen Staatsbesuch von Bundespräsident Karl Carstens in Bukarest im Oktober 1981 waren die Rumäniendeutschen Kern der Diskussion mit Ceaușescu. In Hermannstadt wurde der deutsche Präsident mit Begeisterung empfangen. Laut zeitgenössischen westdeutschen Medienberichten wollten angeblich 80 Prozent der zu diesem Zeitpunkt ca. 320.000 Rumäniendeutschen wegen der schlechten Wirtschaftsbedingungen dem Land den Rücken kehren. Die im Juni 1983 geführten Diskussionen zwischen dem damaligen westdeutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Ceaușescu kreisten um die Modalitäten des "Aufkaufs" der Aussiedler durch die Kohl-Regierung. Genscher ging es darum, "die Aussiedlung auch der Deutschstämmigen aus Rumänien auf eine gesicherte und langfristige Basis gestellt zu haben".

Die rumänische Revolution und die Hinrichtung Ceaușescu am 25. Dezember 1989 lösten eine Massenabwanderung aus. Diese spektakuläre Fluchtbewegung war allerdings kaum spontan: Die Entscheidung war schon längst vor dem Sturz des Diktators gefasst worden. Hierbei wirkte offenbar ein durch die Verhärtung des bundesdeutschen Diskurses hervorgerufener "Torschlusspanik"-Effekt mit.

Die Aussiedlungsproblematik war über 40 Jahre lang Dreh- und Angelpunkt der deutsch-rumänischen Beziehungen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde nunmehr der Fokus auf die wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenarbeit gerichtet. Der Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft vom April 1992 eröffnete eine neue Ära der deutsch-rumänischen Beziehungen. Ein Kernbestandteil dieses Vertrags war die Schaffung einer bilateralen Kommission für Angelegenheiten der deutschen Minderheit in Rumänien. In den folgenden Jahren kam es zu verschiedenen Förder-und Hilfsprogrammen, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Rumäniendeutschen verbessern sollten. 2007 wurde Rumänien in die EU aufgenommen.

Insgesamt 430.330 rumäniendeutsche Aussiedler hat Deutschland von 1950 bis 2016 aufgenommen. Den entscheidenden Rahmen für ihre Aussiedlung bildete das internationale Umfeld. Dies schloss aber Eigeninitiativen der deutschen Seite nicht aus, wie Schmidts Besuch in Rumänien 1978 zeigte.

Die Aussiedlungspolitik der jeweiligen Bundesregierungen schwankte gleichwohl je nach den mehr oder minder günstigen geopolitischen Konstellationen (Entspannungsphasen) im Kalten Krieg. Die Aussiedlung der Rumäniendeutschen blieb bis in die späten 1980er-Jahre auf der bundesdeutschen politischen Agenda fest verankert. Aufgrund eines Bündels moralischer, menschenrechtlicher, ideologischer und strategischer (demografischer und wirtschaftlicher) Gründe wurde die "Repatriierung" der "Landsleute" von den Bonner Regierenden stets aktiv gefördert und finanziell sorgfältig ausgehandelt. Von vorrangiger Bedeutung waren politisch-moralische Gründe, die sich aus der deutschen Schuld und Verantwortung gegenüber den deutschen "Volkszugehörigen" ergaben, die unter der kommunistischen Gewaltherrschaft gelitten hatten.

Wichtig waren aber auch wohlverstandene nationale Interessen. So konnte die Bundesrepublik die drohende Alterung der Gesellschaft zum Teil "ausgleichen" und Absatzmärkte im Osten sichern. Rumänien seinerseits hatte die massenweise Abreise "seiner" Deutschen zwar wohl nicht beabsichtigt, konnte aber dank der gewährten Kredite und der verlangten "Kopfgelder" (zwischen 8000 und 10.000 D-Mark) der immer dramatischeren Wirtschaftssituation wenigstens kurzfristig entgegenwirken.

Der rumänische Kontext – Motive für die Auswanderung
Die Gründe, Rumänien zu verlassen, waren laut Aussiedlerbefragungen durch die Autorin heterogen und vielfältig verknüpft. Eine der Triebkräfte der Migration war politisch-ideologischer Natur. Befragte Rumäniendeutsche äußerten, dass sie "einem Diktator- und Lügenstaat", "einem absurden kommunistischen System", einem "Polizeistaat" mit "Nepotismus" (Vetternwirtschaft), "Korruption", "Vormundschaft", "ideologischer Volksverdummung", "Massenmanipulation", "jahrzehntelanger Ausbeutung", "Lebensangst", "Unterdrückung" und "Willkür" entfliehen wollten. Sie wollten in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat leben.

Der Status als rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität hatte die Form und das Ausmaß der Unterdrückung verschlimmert. Besonders ab Mitte der 1970er-Jahre verschlechterten sich die bis dahin großzügigen Rahmenbedingungen für die deutsche Minderheit. Zu den Hauptmigrationsmotiven zählten daher auch die verschärften Verhöre der Securitate (Geheimpolizei) aufgrund des zweifachen Makels, "antikommunistisch" und "deutsch" zu sein, sowie die zunehmende Marginalisierung als deutsche Minderheit. Man wollte "als Deutsche(r) unter Deutschen" leben, denn "für die Rumänen blieb man im Grunde immer der ‚neamtul‘ (der Deutsche)". Die ethnisch motivierte Nichtanerkennung der beruflichen Kompetenzen ist ein Leitmotiv der Berichte von Aussiedlern. Beispielhaft hierfür steht diese Interview-Aussage gegenüber der Autorin: "Nach dem Ausreiseantrag wurde ich als "Vaterlandsverräterin" von meiner Stelle als Dozentin an der Technischen Universität Temeswar fristlos und ohne Einkommen gekündigt […]. Es wurde mir eine Stelle als unqualifizierte Arbeiterin in der Bibliothek oder in der Landwirtschaft angeboten." Zunehmender rumänischer Nationalismus, langsame Auflösung der deutschen Dorfgemeinschaft, Verlust des traditionellen Zusammenhalts und letztendlich die Angst vor totaler Assimilation – all dies spielte in den Migrationsentschluss hinein.

Ein besonders schwerwiegender Push-Faktor war "das Schicksal als Deutscher" in der Nachkriegszeit. Geschichtliche Migrationsmotive waren die persönlich erlebte oder familiäre Erfahrung der Enteignung, die Demütigung der pauschal und undifferenziert als "Hitleristen" abgestempelten Großeltern, der Tod eines Elternteils während der Deportation in der Sowjetunion oder die Verbannung der Eltern in die Ba˘ra˘gan-Steppe. Dieses gewaltsame Schicksal wurde als Trauma an die nächste Generation weitergegeben. Demgegenüber wirkten spiegelbildlich als Pull-Faktoren die bereits in Deutschland lebenden Vertriebenen und deren Lobbyarbeit zugunsten der westdeutschen Aussiedlungspolitik in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Einflussfaktor ist der politisch-wirtschaftliche Kontext. "Verzweiflung", "Trostlosigkeit", "Ausweglosigkeit", "Perspektivlosigkeit" oder gar "Zivilisationsgefälle" zwischen Deutschland und Rumänien sind in den Umfragen wiederkehrende Migrationsmotive. Hierbei wirkten gewiss Nachahmungseffekte mit: Die schon nach Deutschland abgewanderten Landsleute hätten "das Gelobte Land" vorgegaukelt. Symbole wie "Ritter Sport-Schokolade" oder "Mercedes-Benz" waren zum Teil prägende Pull-Faktoren.

Nach der Revolution verflog schnell die Hoffnung auf ein besseres Leben im nun sehr instabilen politischen Umfeld in Rumänien. Die im ersten Anlauf häufig abgelehnten Ausreiseanträge verschärften den Diskriminierungsdruck als "Vaterlandsverräter": Verhöre, Haftstrafen, willkürliche Entlassungen und berufliche Deklassierung waren die Folge, was wiederum den Auswanderungswillen noch mehr stärkte. Westdeutschland wurde zum einzigen, obsessiv angestrebten Zielhorizont. Diese dramatischen jahrzehntelangen Erfahrungen (Erniedrigung, Schmiergelderpressung, Schikanen, individuelle und kollektive Verfolgung und deren psychische Spätfolgen) sind in den autobiographischen Romanen der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller eindringlich nachgezeichnet.

Nicht zuletzt kam es auf Basis der anfänglichen Familienzusammenführung zu einer unkontrollierbaren und unerwarteten Eigendynamik. Die Auswanderung der deutschen Intelligenz (Pastoren, Lehrer, Professoren, Ärzte) löste eine Auswanderungspanik mit lawinenartiger Abreise von Verwandten, Freunden und Bekannten aus. Immer mehr Menschen wurden von der Aufbruchsstimmung und der Ausreisewelle mitgerissen. Allgemein herrschte nun die "Angst vor dem Alleinsein".

Die verbliebenen Deutschen sahen kaum Chancen, das gemeinschaftliche kulturelle und religiöse Leben fortzuführen. Die Einschüchterungspolitik und die Repressalien infolge der Flucht bzw. Abreise eines Verwandten verschärften den psychologischen Druck. Hierbei waren rationale und irrationale Motive eng verknüpft, wie aus den Aussiedlerbefragungen hervorgeht: "Es gehörte zu jener Zeit bereits zum ‚Kulturgut‘ der Banater Deutschen, auswandern zu wollen". Betont wird im Nachhinein auch der unaufhaltsame, quasi schicksalhafte Charakter der Aussiedlung als "kollektive Pflicht".

Aus heutiger Perspektive wird diese kollektive Irrationalität von befragten Rumäniendeutschen durchaus anerkannt. Gesprochen wird von allgemeiner "Psychose". Nachträglich wird die unüberlegte, "zwangsläufige" Auswanderung durch den starken Mythos Deutschland (als Zufluchtsort) erklärt: "Es war die Mär von irgendetwas, vielleicht auch die Mär von der großen Freiheit." Der damalige Freiheitsreiz ist in der deutschsprachigen Presse im Banat zum Zeitpunkt der chaotischen Wende dokumentiert. In den frühen 1990er-Jahren entwickelte sich die Aussiedlung zu einem Dauerthema der Neuen Banater Zeitung (der einst wichtigsten deutschsprachigen Zeitung im Banat), und zwar in Form der existenziellen Fragestellung: "Bleiben oder gehen?".

Zusammenfassend können die Migrationsmotive drei Typen zugeordnet werden:
  • ideologisch, politisch, ethnonationalistisch (politische Befreiung, Bewahrung der eigenen ethnokulturellen Identität);
  • ökonomisch (Flucht aus einem bankrotten Staat, bildungs- und karrieremotivierte Flucht, Elitenflucht);
  • irrational und konformistisch (unreflektierte Kettenwanderung als hoch interaktiver sozialer Prozess).
All diese Push- und Pull-Faktoren waren grundsätzlich mit je verschiedenem Gewicht eng miteinander verflochten. Es ging letztendlich um eine existenzielle Überlebensmigration, und zwar sowohl in wirtschaftlicher wie kultureller Hinsicht. Im Zusammenspiel mit diesen Motiven traten einerseits die aktive Aussiedlungspolitik der Bundesrepublik (Pull-Faktor) und andererseits der groß angelegte "Verkauf" der Rumäniendeutschen von rumänischer Seite (Push-Faktor) verschärfend hinzu.