World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Gwénola Sebaux

(Spät-)Aussiedler aus Rumänien

Integration in Deutschland

Sicht der Rumäniendeutschen auf ihre Integration
Die Integration der (Spät-)Aussiedler gilt inzwischen einerseits als eine "Erfolgsgeschichte". In Bezug auf die selbstempfundene Integration belegen eigene neuere Feldforschungsergebnisse andererseits starke Differenzen zwischen den befragten Aussiedlern. Je nach Alter, Aussiedlungszeitpunkt, Herkunftsort oder räumlicher Ansiedlung in Deutschland wurden sehr unterschiedliche Integrationsstrategien entwickelt und, damit verbunden, verschiedene oder gar gegensätzliche Neu-Identifikationen herausgebildet.

Die räumliche Verteilung der Aussiedler hat vielfältige soziokulturelle und berufliche Auswirkungen auf die Eingliederung in Deutschland. Drei von vier Rumäniendeutschen haben sich in Bayern und Baden-Württemberg niedergelassen. Weitere große Siedlungsgebiete sind Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Südhessen und das Saarland. Hauptgründe für diese Konzentration sind die Anziehungskraft der katholischen süddeutschen Bundesländer (im Fall der katholischen Banater), gekoppelt mit der historisch-kulturellen Nähe zur "Urheimat" (sprachliche bzw. dialektale Affinitäten).

Ferner spielen die regionalen Patenschaften eine große Rolle: So übernahmen nach dem Krieg Baden-Württemberg und das Saarland die Patenschaft für die Banater Schwaben, Nordrhein-Westfalen für die Siebenbürger Sachsen. Diese Patenschaften drückten sich in diversen materiellen und finanziellen Unterstützungsmaßnahmen aus. Ein weiterer Faktor ist die wirtschaftliche, industrielle und demografische Stärke Bayerns und Baden-Württembergs.

Hinzu kommen Mechanismen der Familienzusammenführung sowie die Existenz von Aussiedleraufnahmelagern, etwa im südhessischen Darmstadt oder im bayerischen Nürnberg. In die neuen Bundesländer sind die rumäniendeutschen (Spät-)Aussiedler erst im Zuge der strikteren Verteilungspolitik ab 1990 gekommen. Im Laufe der Zeit haben sich aufgrund der räumlichen Konzentration sehr starke Migrationsnetzwerke herausgebildet. Zumindest in der Anfangsphase relativ geschlossene Aussiedlergemeinschaften haben den sozialen und beruflichen Neubeginn und schließlich die Gesamteingliederung in die Aufnahmegesellschaft erleichtert.

Aus bundesdeutscher Sicht wird die gesellschaftliche und berufliche Integration der Rumäniendeutschen als äußerst gut gelungen bewertet. Von den Interviewten wird als Erfolgsfaktor eine historische, allerdings weitgehend konstruierte "Wanderungstradition" hervorgehoben, die unmittelbar an den Kolonisationsmythos anknüpft. Basierend auf aus ihrer Sicht praktisch "vererbten" Kolonisten-Eigenschaften wie "Pioniermentalität", "Ausdauer" und "Ehrgeiz" sehen sie sich selbst als besonders integrationswillige und -fähige Einwanderer.

Die Aussiedler waren trotzdem zunächst einmal Neuzuwanderer. Die gegenwärtig überwiegend anzutreffende positive Selbsteinschätzung als vollwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft und die als erfolgreich empfundene Integration ist das Ergebnis eines langwierigen, zuweilen jahrzehntelangen Akkulturationsprozesses. Rückblickend auf die unmittelbare Ankunftszeit in Deutschland wird häufig von tiefer Orientierungslosigkeit und prägender Verunsicherung gesprochen. Hauptmotive waren "Heimweh", "die Angst zu versagen" oder "die Beschimpfung als Rumänen". Gerade das "Zwischen-den-Welten"-Sein wurde lange Zeit eher als schmerzhaft und hemmend empfunden. Erstaunlich selten wurde die doppelte Heimaterfahrung zum wirklichen (sozialen bzw. beruflichen) Trumpf gemacht. Vielmehr dominierte anfangs oft noch die Erfahrung, "deutsch und dennoch fremd" zu sein. Daraus ergab sich der Wille, den eigenen, eigentlich kaum ablegbaren Dialekt wenigstens nicht an die Kinder weiterzugeben.

Die Integrationsstrategien waren äußerst vielfältig, und zwar nicht nur im Vergleich zwischen den "identitätsbewussten" Siebenbürger Sachsen und den "anpassungsbereiteren" Banater Schwaben, sondern auch innerhalb der beiden Aussiedlergruppen. Manche Aussiedler strebten von Anfang an ein gänzliches Aufgehen in der einheimischen Aufnahmegesellschaft an. Sie distanzierten sich von der Landsmannschaft – ein 1950 gegründeter Verband zur Vertretung der Interessen der Rumäniendeutschen –, und zwar aus vielfältigen Gründen. Die Aussagen reichen von geografischen Gründen (in Ostdeutschland gebe es sowieso kein aktives Netzwerk), Zeit- oder Berufsgründen bis zu skeptischer, ja sogar strikt ablehnender Haltung gegenüber dem ideologischen, "militanten" Landsmannschaftsgeist ("Deutschtümelei", "Heimattümelei" oder "Vereinsmeierei"). Konsequenterweise hatte diese Personengruppe von vornherein mehr Kontakte zur deutschen Mehrheitsbevölkerung. Dieser ohnehin heterogenen "zukunftsorientierten" Gruppe lässt sich ein gewisser bewusster Kulturwandel hin zur "bundesdeutschen Identität" attestieren.

Im Gegensatz zu dieser gewollten Integration stellen andere, traditionsbewusste, vergangenheitsorientierte Aussiedler noch heute eine umfassende kulturelle Einheit dar, gestützt auf die sehr aktiven landsmannschaftlichen Netzwerke. Solche Kontakte werden intensiv gepflegt, und zwar aus sehr unterschiedlichen persönlichen Gründen: sei es aus Dankbarkeit für die Anfangshilfe, aus Treue zu den Vorfahren, sei es aus Beziehungsmotiven, oder aber auch aus geschichtlichen Gründen (gepflegte Erinnerung an das Kollektivschicksal) oder zur Weitervermittlung der "Heimatwerte" und Traditionen, aus kulturpolitischen Interessen oder einfach aus konformistischen Erwägungen ("Das gehört sich so"). Aussiedler mit dieser Orientierung finden sich mehrheitlich mit ihren Landsleuten zusammen und pflegen demonstrativ die siebenbürgischen bzw. schwäbischen Kultur- und Lebensformen. Sie beharren also auf ihrer landsmannschaftlichen Zugehörigkeit. Freundschaften zu einheimischen Deutschen sind in ihrem Fall weniger ausgeprägt. Diese Personengruppe erscheint wie "ein Mikrokosmos", der eine vielfach konstruierte Identität "kultiviert".

Aus alledem wird klar, dass die Aussiedler aus Rumänien eigentlich weit vielgestaltiger sind als sie von außen erscheinen mögen. Sie fühlen sich mehrheitlich exzellent integriert. Zwar wird gelegentlich eine bleibende Eigenart eingestanden: "Landfremd werden wir auf unsere eigene Art bleiben", wie es ein Befragter ausdrückte. Auch wurde das Idealbild Deutschlands mittlerweile realistisch korrigiert. Inzwischen kommt sogar Bedauern unumwunden zum Ausdruck: "Wir haben uns mit unserem Exodus selbst aus der Geschichte wegradiert, unsere Identität verloren und unsere Kultur verraten." Dabei wird diese Einschätzung mitnichten von allen Aussiedlern geteilt. Im Rückblick vermissen viele von ihnen typische, womöglich idealisierte Merkmale des damaligen Lebens in der rumänischen Heimat, etwa "geselliges Beisammensein", "Zwischenmenschliches", "Feste, die man zusammen feiert" und ganz allgemein "Gemeinschaft, Vertrautheit, Geborgenheit" – also pointiert formuliert das "Wir-Gefühl".

Zusammenfassend geht aus den Umfragen eine breite Palette von (Neu-)Identifikationsmerkmalen hervor: Die schwäbische bzw. siebenbürgische Identität wurde mal aufgewertet, mal beschämt verborgen oder gar bewusst aufgegeben. Insgesamt sehen sich die Rumäniendeutschen als "angepasst und unauffällig". Die meisten meinen, in der deutschen Gesellschaft richtig "angekommen" zu sein, und betrachten Deutschland als ihre neue Heimat. Sie "gehören dazu". Häufig wird von "Herkunftsheimat" und "Wahlheimat", "erster" und "zweiter", "alter" und "neuer" Heimat gesprochen. Die wenigsten fühlen sich bis heute "heimatlos" und trauern der verlorenen Heimat nach.

Rückwanderung nach Rumänien?

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 750.000 Deutsche im multiethnischen Rumänien. Mit vier Prozent der Gesamtbevölkerung stellten sie somit nach den Ungarn die zweitgrößte nationale Minderheit dar. Infolge des Exodus nach Deutschland in der Wendezeit wurden beim Zensus 1992 nur noch rund 120.000 Deutsche gezählt, im Jahr 2002 knapp 60.000. Laut der letzten Volkszählung von 2011 leben insgesamt 36.900 Deutsche (0,2 %, etwa gleichmäßig auf Siebenbürgen und das Banat verteilt) als nur noch drittstärkste nationale Minderheit in Rumänien, und zwar nach den Ungarn (über 6 %) und den Roma (über 3 %).

Die Auswanderung der Deutschen hat die gesellschaftlich-kulturelle Landschaft Rumäniens nachhaltig verändert. Sie führte zur Überalterung der Bevölkerung in den einstigen rumäniendeutschen Dörfern und zu ihrer ethnischen Umstrukturierung. Die ökonomisch folgenschwere Entleerung der deutschen Dörfer in Siebenbürgen und in den schwäbischen Ortschaften konnte in der postkommunistischen Zeit nicht wieder wettgemacht werden. Neben dem gravierenden Verlust für die multikulturelle Umgebung kamen dem rumänischen Staat gut ausgebildete, hoch effiziente Arbeits- und Führungskräfte abhanden. Die immer noch hoch angesehenen deutschen Kulturtraditionen werden heute mehrheitlich von Nicht-Deutschen getragen.

Die Aussiedlung markierte eine einschneidende, unumkehrbare Zäsur, denn die Deutschen kehrten nach der Wende nicht zurück. Kaum einer hielt bei der Aussiedlung am rumänischen Pass fest. Mit dem verhassten rumänischen Staat wollte man nichts mehr zu tun haben, wie in Interviews häufig gesagt wurde. Dorthin wollte man "nicht einmal als Leiche" zurückkehren. Mittlerweile beantragen zwar einige wieder einen rumänischen Pass. Viele sind aber nie wieder oder erst lange nach der Wende nach Rumänien zurückgekehrt. Die Rückkehr wird rein hypothetisch, etwa "aus Nostalgiegründen", erwogen. Ab und zu wird mit dem Gedanken gespielt, "Hemm ins Banat", "Derham" oder "nunner" (heim, daheim oder "nach unten") zu fahren, doch eine endgültige Rückkehr wäre für die meisten eine Zumutung.

Die einen kehren also nur auf Zeit (saisonale Migration vor allem im Sommer), die anderen auf Dauer zurück (transnationale Berufspendler). Nur wenige sind endgültig in den Heimartort zurückgekehrt. Hierbei handelt es sich primär um Rentnerinnen und Rentner, die vorwiegend in den landschaftlich attraktiven Regionen Siebenbürgens und des Banater Berglands leben, oder aber auch um gemischte, etwa rumänisch-deutsche Familien.

Interessant sind die gespannten Netzwerke zwischen den rumänischen Herkunftsregionen und den deutschen Ansiedlungsorten. Die Aussiedler agieren hierbei auf mehreren Ebenen (kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch) als transnationale Wanderer. Dadurch wird ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in Rumänien verbliebenen Landsleuten erhalten.

Quellentext

Gelebtes Miteinander seit Jahrhunderten

Hermannstadt, auf Rumänisch Sibiu, auf Ungarisch Nagyszeben, ist sogar bei Bindfadenregen eine ausgesprochen schmucke Stadt: Hauptort Siebenbürgens, im alteuropäischen Sinne multikulturell und im modernen Sinne durchaus prosperierend. […]

Der Mediziner [Paul-Jürgen Porr], langjähriger Chefarzt an der Uniklinik Hermannstadt, ist Vorsitzender des "Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien". Von den Räumen der Interessenvertretung der deutschen Minderheit aus hat man einen schönen Blick auf den Großen Ring, den Hauptplatz der Stadt [...].

Was ist das Besondere an Hermannstadt? "Die Tradition", sagt Porr wie aus der Pistole geschossen. Schon in der Antike ist "Cibiensis" belegt, vor bald 800 Jahren wird der Name "villa Hermani" erstmals urkundlich erwähnt, vermutlich nach einem sächsischen Siedler benannt. Wobei man sich unter "Sachsen" geographisch etwas anderes vorstellen muss als heute, die Mundart der Siebenbürger Sachsen, in der Porr munter die Gebäude des Großen Rings beschreibt, klingt eher nach Niederländisch oder Luxemburgisch. Luxemburg und Hermannstadt waren 2007 gemeinsam "Kulturhauptstädte Europas", wovon in Sibiu noch die Aufschrift auf gusseisernen Kanaldeckeln und bunte Fassaden zeugen, wenn die auch hier und da in manchen Seitengassen schon recht bröckelig erscheinen.

Viele Sprachen und viele Völker, die zusammenlebten, das sei typisch für Siebenbürgen, meint Porr. "Es war schon immer ein Kleineuropa. Was wir heute als europäisches Gedankengut bezeichnen: Friedliches interethnisches Zusammenleben, das wurde hier über die Jahrhunderte gelebt." Im dreizehnten Jahrhundert wurde die Stadt im Mongolensturm verwüstet, danach befestigte man die Mauern doppelt und dreifach und schuf sich eine Wehrordnung, die offenbar sogar die Osmanen beeindruckte. Sie zogen an den Mauern der "roten Stadt" (wegen der Ziegel) vorbei, Siebenbürgen zahlte Tribut und durfte als halbfreies Fürstentum, geführt von ungarischen Fürsten, zwischen den Machtblöcken lavieren – eine Tradition, an die im heutigen Ungarn gerne erinnert wird.

Das heutige Hermannstadt ist wegen der politischen Konstellation in der Kommune nach Meinung Porrs ein Fall für das "Guinnessbuch der Rekorde". Denn obwohl die Deutschen heute nicht einmal mehr zwei Prozent der Bevölkerung der 160.000-Einwohner-Stadt ausmachen, stellen sie nicht nur seit 2000 den Bürgermeister, erst [der spätere Staatspräsident Klaus] Johannis, seit 2014 Astrid-Cora Fodor. So etwas komme schon mal vor, wenn eine Persönlichkeit aus einer ethnischen Minderheit die Leute überzeuge. Aber seit 16 Jahren stelle das Demokratische Forum der Deutschen auch im Stadtrat die Mehrheit. Das bedeute, dass auch die Rumänen mehrheitlich und dauerhaft Deutsche gewählt haben.

Dabei hat die Minderheit der Deutschen in Rumänien – nicht nur Siebenbürger Sachsen, sondern auch Banater Schwaben und weitere Gruppen, die im Laufe der Zeit als Siedler in den Karpatenraum gerufen wurden – einen gewaltigen Aderlass erlitten. Zwischen den Weltkriegen seien noch 700.000 Deutsche gezählt worden, berichtet Benjamin Józsa, der Geschäftsführer des "Demokratischen Forums". Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl schon fast halbiert, 1989 waren es nur mehr 250.000, und nach dem Fall des kommunistischen Regimes kam noch einmal eine große Auswanderungswelle. Heute habe sich die Zahl bei etwa 36.000 Deutschen in Rumänien eingependelt. Die einen oder anderen ziehen vielleicht noch aus familiären Gründen weg, andere wieder zurück – und sei es für einen Teil des Jahres als Rentner, um bei angenehmen Lebensbedingungen und günstigeren Preisen wieder die vertrauten Kirchenglocken zu hören und den Anblick der Fogarascher Berge zu genießen. Es zögen aber auch Leute her, die ursprünglich mit Siebenbürgen gar nicht am Hut gehabt hätten, sagt Porr und weist durch das Fenster auf die "Buchhandlung Schiller", deren Inhaber, ein Rheinländer seit 20 Jahren da sei und inzwischen schon Filialen in anderen Städteneröffnet habe.

Das Motiv für die, die gegangen sind, erscheint naheliegend: "Aus wirtschaftlichen Gründen", sagt Porr. Viele hätten in der Zeit der kommunistischen Diktatur weggewollt, aber nicht gekonnt. Es gab Genehmigungen zur Ausreise – für Diktator Nicolae Ceaușescu wurde das sogar zu einem Devisengeschäft, denn die bundesdeutsche Regierung in Bonn unterstützte Ausreisewillige. Aber vom Antrag bis zur Ausreise dauerte es im Schnitt 18 Jahre. Und wenn man einen irgendwie bedeutenden Posten hatte, dann war der nach Antragstellung sofort weg. Lehrer durften nicht mehr unterrichten: "Wie sollte der die Kinder im sozialistischen Sinne erziehen, wenn er mit dem Klassenfeind paktierte?" Das hätten viele nicht riskieren wollen – und seien dann sofort gegangen, als 1989 der Damm brach.

Aber ein anderer (kleinerer) Teil sagte sich, in den Worten Porrs, der selbst seit 1977 als Assistenzarzt tätig war und 1990 dem "Demokratischen Forum" beitrat: "Freiheit haben wir jetzt auch hier, also fangen wir an, was aufzubauen." Und es sei viel getan worden in den vergangenen 30 Jahren: In Hermannstadt, in Siebenbürgen und in ganz Rumänien. Wirtschaftlich sei Siebenbürgen im Land ganz vorne, nur der Großraum Bukarest könne mithalten. Man habe praktisch Vollbeschäftigung, die Arbeitslosigkeit liege teils unter zwei Prozent.

Freilich ist das auch Ausdruck eines Problems, das Rumänien insgesamt quält: Wer ausgebildet, mobil und unternehmungslustig ist, verlässt das Land. Porr, der an der Uniklinik Mediziner ausbildete, sah seine Studenten nicht nur Anatomie büffeln, sondern auch Englisch oder Deutsch – und nach dem Examen waren die meisten bald weg. Rumänische IT-Kräfte seien vom Silicon Valley bis nach Neuseeland gefragt, sagt Porr. Und dann gebe es die vielen einfachen Leute, die zum Erdbeerpflücken oder Spargelstechen weggingen, bevorzugt (wegen der verwandten romanischen Sprachen) nach Italien oder Spanien, während die Kinder bei den Großeltern blieben. "Die kommen zurück – oder manche auch nicht. Es gibt vier Millionen Rumänen, die im Ausland sind – Tendenz steigend." Die Ausübung der deutschen Sprache und Kultur wird nicht behindert, das sei "nicht mal im härtesten Ceaușescu-Regime" so gewesen, sagt Porr. Im Gegenteil habe man das Privileg genossen, dass es staatliche deutsche Schulen gab – anders als in Ungarn, von Polen ganz zu schweigen, wo der Gebrauch der deutschen Sprache nach dem Krieg gar verboten war. Die Entfernung entschärfte allfällige Separatismus-Verdächtigungen: "Bei uns sind es zwei Staaten bis Deutschland." [...]

Stephan Löwenstein, "Kleineuropa in Rumänien", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2019 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Insgesamt unterhalten die Aussiedler aber ein ambivalentes Verhältnis zu den in Rumänien Verbliebenen: "Die Ausgewanderten sind ein willkommenes und oft benutztes Bindeglied zur Urheimat Deutschland. Doch auch die Ausgewanderten haben ein großes Interesse an den Dortgebliebenen als Anlaufstelle in der Heimat. Sie sind in gewissem Maße unsere Statthalter dort." Doch letztendlich haben das "Ost-West-Gefälle" und die wachsende kulturelle Kluft zwischen beiden Gruppen die emotionale Bindung weitgehend zerstört.

Die Aussiedlung war keine zeitweilige, sondern eine endgültige Migration. Einen "Rückkehrmythos" oder eine statistisch bedeutsame Rückwanderung gibt es nicht. Die rumäniendeutschen Aussiedler (besonders die Banater Schwaben) sehen sich selbst im gegenwärtigen Deutschland als überangepasste Gruppe, die sich so schnell und unauffällig wie möglich den bundesdeutschen Mehrheitsbürgern angleichen wollte. In der Tat darf ihre soziokulturelle, gesellschaftliche und berufliche Integration fast 30 Jahre nach der Massenaussiedlung von 1990 als sehr gelungen betrachtet werden. Sie traf das Aussiedlerstigma kaum, zumindest weit weniger als die Aussiedler aus Polen und erst recht diejenigen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Zusammenfassung und Ausblick

Die in den 1990er-Jahren in Deutschland so prägende Aussiedlerproblematik rückte Anfang des 21. Jahrhunderts infolge neuer geopolitischer Konstellationen und neuartiger Migrationsbewegungen in den Hintergrund. Problematisch war in der kontrovers geführten und zuweilen heftigen Aussiedlerdebatte der undifferenzierte Globalbegriff im politischen und medialen Diskurs. Die pauschal als (Spät-)Aussiedler bezeichnete Gruppe war und bleibt in der Tat vielgestaltig.

Zum einen haben die Aussiedler aus Rumänien außer dem dramatischen Schicksal der Deportation und der allgemeinen Diskriminierung als Deutsche im kommunistischen Ostblock wenig gemeinsam mit den Aussiedlern aus Polen oder der Sowjetunion. Zum anderen bilden sie selbst eine recht heterogene Gruppe, und zwar in doppelter Hinsicht: Bereits in Rumänien unterschieden sie sich zunächst durch nachhaltig identitätsprägende Merkmale, je nach Siedlungszeit, räumlicher Verteilung sowie institutioneller Rahmenbedingungen und religiöser bzw. kultureller Einrichtungen.

Für die Aussiedler wiederum waren eine Reihe von Merkmalen maßgeblich für die Integration in Deutschland: der Aussiedlungszeitpunkt (in kommunistischer Zeit, in der Wendezeit 1989–90, oder gar in der postkommunistischen Zeit), die Dauer des Lebens in Rumänien und nicht zuletzt das Alter zum Zeitpunkt der Aussiedlung (eigene oder familiäre Erfahrung der Deportation bzw. Verbannung, Ausmaß der selbst erlebten Diskriminierung, Rumänisierungserfahrung). Die Akkulturation und das Einleben in Deutschland verliefen stets entlang dieser extrem differenzierten geschichtlichen Erfahrungen. Aus all diesen Gründen erscheint beim näheren Hinsehen der historische Terminus "Aussiedler" trügerisch. Diese pauschale Formel wird den sehr ausdifferenzierten individuellen Lagen nicht unbedingt gerecht. Darum bedarf es zumindest einer intensiven Überlegung um zu klären, wer genau jeweils damit gemeint ist und welche Schicksale sich dahinter verbergen.