Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961)

Der "Aufbau des Sozialismus"

Auflösung der Länder

Am 23. Juli 1952 verabschiedete die Volkskammer das "Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe" der DDR. Das zunächst harmlos klingende Gesetz begründete eine bis 1990 geltende administrativ-territoriale Neugliederung der DDR. Mit der Auflösung der Länder zerschlug die DDR-Führung auch die letzten Reste föderalistischer Traditionen und schränkte die demokratischen Möglichkeiten stark ein. An die Stelle der bisherigen fünf Länder traten nun 14 Bezirke. Ost-Berlin hatte als DDR-Hauptstadt einen herausgehobenen Status, zählte aber de facto als 15. Bezirk. Die Anzahl der Kreise wuchs von 132 auf 217. Der Rat des Bezirkes und der Bezirkstag traten an die Stelle von Landesregierung und Landtag. An der Spitze der neuen Verwaltungseinheit stand der Vorsitzende des Rates des Bezirkes, der sich auf einen starken hauptamtlichen Apparat stützen konnte. Als die eigentliche Machtzentrale in den neuen Bezirken traten die jeweiligen Bezirksleitungen der SED in Erscheinung, deren 1. Sekretär über eine herausgehobene Position verfügte.

Der "Klassenkampf" von oben

Unmittelbar nach der Gründung der DDR ging die SED-Führung dazu über, ihre Herrschaft in Staat und Gesellschaft zu festigen und auszubauen. Die gesellschaftspolitischen Wandlungen, die seit 1945 in Angriff genommen worden waren, wurden zielstrebig weitergeführt. Um die anvisierten gesellschaftspolitischen Ziele zu erreichen, galt es, politische Gegnerschaft auszuschalten. Die theoretische Grundlage dazu lieferte Stalins Fiktion über die angeblich gesetzmäßige Verschärfung des Klassenkampfes zwischen alten und neuen Machthabern in der sogenannten Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus. Sie rechtfertigte die ständige Suche nach Feinden in den eigenen Reihen und die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenten im Kampf um die Macht bis in die Führungszirkel der Partei hinein.

Quellentext

"Schädlingsarbeit"

Die anglo-amerikanischen Agenten und andere Verbrecher schrecken vor Diversionsakten, Brandstiftungen, Eisenbahnattentaten und Sabotageakten gegen unsere Volkswirtschaft nicht zurück. Die Regierung unserer Republik beantwortete diese feindlichen Anschläge mit der Schaffung des Ministeriums für Staatssicherheit, das berufen ist, die Schädlinge, Saboteure und Attentäter, alle Feinde unserer Republik zu fassen und unschädlich zu machen. (Beifall.) [...]

Unsere Volkspolizei, die Organe der Staatssicherheit und der Justiz sind weiter zu festigen. Es muss erreicht werden, daß sie mit dem Volk fest verbunden sind, auf die Signale der Werktätigen achten, sich in ihrer gesamten Tätigkeit auf das Volk stützen und sich dem Volke verantwortlich fühlen. [...]
Gleichzeitig wurden aus der Partei viele Karrieristen, zersetzte und korrumpierte Elemente, die um ihrer persönlichen Vorteile willen in die Partei gekommen waren, und auch feindliche Agenten ausgeschlossen, die von imperialistischen Spionagediensten in unsere Reihen geschickt worden waren. Es versteht sich von selbst, dass die Vertreibung feindlicher Spione und parteifremder Elemente die Partei gefestigt hat. [...]
Schädlingsarbeit auf dem Gebiet der Ideologie ist in gewissem Sinne gefährlicher als auf dem Gebiete der Wirtschaft. Durch sie wird versucht, die Partei vom richtigen marxistisch-leninistischen Wege abzubringen, ihr fremde Ansichten und Weltanschauungen aufzuzwingen.

Wilhelm Pieck: Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In: PROTOKOLL 1951, S. 57. [Rede am 20. Juli 1950 auf dem III. SED-Parteitag]

In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 486

Die SED folgte dieser Theorie mit einer geradezu manischen Suche nach Parteifeinden, Saboteuren und "Agenten des Imperialismus", die Generalsekretär Walter Ulbricht nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Partei vermutete. "Parteisäuberungen" wurden ein ständiger Bestandteil des innerparteilichen Lebens. Andererseits litten besonders CDU und LDP sowie die Kirchengemeinden unter massiven Repressionen, die von staatlichen Organen wie der Polizei, dem 1950 gegründeten Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sowie der politischen Justiz ausgingen. In enger Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften operierte das MfS außerhalb rechtsstaatlich gesicherter Normen, um die innere Lage der DDR mit repressiven Mitteln zu überwachen.

Quellentext

Junge Widerständler in Altenburg

Es war schon nach Mitternacht, als es an der Tür schellte. Die Tasche stand bereit. Er wollte fliehen. Doch Jörn-Ulrich Brödel zögerte zu lange. Mehrere Stasi-Mitarbeiter und Volkspolizisten standen vor seiner Wohnung im thüringischen Altenburg. Sie kamen in Zivil, und sie kamen, um ihn abzuholen. Es war der 25. März 1950, ein Samstag. Am Vortag hatten sie Brödels Freund Ulf Uhlig festgenommen. Ihr Angriff auf Stalin lag drei Monate zurück. Zu viert hatten sie einen Radiosender gebaut und damit die Festansprache zu Ehren des sowjetischen Machthabers gestört. Jetzt sollten Brödel und seine Freunde dafür büßen [...]. [...] Wer sie verriet oder wie man ihnen auf die Spur kam, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Ein halbes Jahr danach, Anfang September 1950, saß Brödel auf einer Anklagebank des Landgerichts Weimar. An der Wand ein Stalin-Bild, neben und hinter ihm 14 weitere Angeklagte, darunter drei Frauen, allesamt mit kurz geschorenen Haaren. [...] Alle waren dem sowjetischen Militär überstellt worden. Allen wurden antisowjetische Verbrechen vorgeworfen, und die endlosen nächtlichen Verhöre hatten ihren Widerstand gebrochen. Sie gestanden auch Taten, die sie nie begangen hatten.
Der Geheimprozess vor dem sowjetischen Militärtribunal 48 240 dauerte sechs Tage. Verteidiger sah die Willkürjustiz nicht vor. Brödel ist heute überzeugt: Die drei Richter waren nur Zeremonienmeister, die Angeklagten Statisten in einem fertigen Drehbuch. "Wir saßen von Beginn an in exakt der Reihenfolge, in der die Urteile gefällt wurden." Die ersten drei der 15 wurden zum Tode verurteilt. [...] Brödel war der Sechste auf der Bank. Auch er fürchtete den Tod. Doch die Richter [...] verurteilten Brödel zu 25 Jahren Arbeitslager wegen antisowjetischer Propaganda und 20 Jahren Arbeitslager wegen Bildung einer illegalen Gruppe. Am Ende wurde die Haftstrafe auf 25 Jahre festgelegt. [...]
"Die drei zum Tode Verurteilten haben wir nie wieder gesprochen oder gesehen. Sie wurden sofort abgeführt." [...] "Niemand hatte mit der Todesstrafe gerechnet." Was die Schüler nicht wussten: Stalin hatte die Todesstrafe 1947 zwar abgeschafft, aber 1950 wieder eingeführt. [...] Rund 1000 Deutsche wurden zwischen 1950 und 1953 von den Sowjets in der DDR zum Tode verurteilt, in getarnten Eisenbahnwaggons nach Moskau verschleppt und hingerichtet. [...]
Brödel verbrachte dreieinhalb Jahre in der Strafvollzugsanstalt Bautzen. Mehrere Monate nach Stalins Tod wurde er vorzeitig entlassen und floh über das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde in den Westen. [...] Nicholas Brautlecht, "Eisern gegen Stalin", in: Frankfurter Rundschau vom 15. Juni 2011

Immer öfter wurden die Gefahren beschworen, die angeblich von "kapitalistischen Elementen" für den gesellschaftlichen Fortschritt ausgehen würden. Der staatliche Sektor der Wirtschaft sollte in kürzester Zeit auf Kosten der privaten Betriebe ausgebaut werden. Walter Ulbricht kündigte wiederholt in seinen Reden an, die "kapitalistischen Elemente" zu beschränken, den "Widerstand der gestürzten und enteigneten Großkapitalisten und Großagrarier" zu brechen sowie ihre vermeintlichen "Versuche, die Macht des Kapitals wiederherzustellen", zu liquidieren.

Quellentext

... und Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung

Die Hauptursache für das Zurückbleiben in der Kunst hinter den Forderungen der Epoche ergibt sich aus der Herrschaft des Formalismus in der Kunst sowie aus Unklarheiten über Weg und Methoden des Kunstschaffenden in der Deutschen Demokratischen Republik. [...] Das wichtigste Merkmal des Formalismus besteht in dem Bestreben, unter dem Vorwand oder auch der irrigen Absicht, etwas "vollkommen Neues" zu entwickeln, den völligen Bruch mit dem klassischen Kulturerbe zu vollziehen. Das führt zu Entwurzelung der nationalen Kultur, zur Zerstörung des Nationalbewusstseins, fördert den Kosmopolitismus und bedeutet damit eine direkte Unterstützung der Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus. [...]

Um auf dem Gebiet der Kunst weiter vorwärtszukommen, hält das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands folgende Maßnahmen für erforderlich:
a) Das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei hält die Zeit für gekommen, die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten vorzubereiten, deren Hauptaufgabe die Anleitung der Arbeit der Theater, der staatlichen Einrichtungen für Musik, Tanz und Gesang, der Institute der bildenden Kunst und der Kunsthoch- und -fachschulen sein wird. [...]
h) Durch das Studium des Marxismus-Leninismus – der Wissenschaft von den Entwicklungsgesetzen in Natur und Gesellschaft – wird es den Kunstschaffenden am besten möglich, das Leben in seiner Aufwärtsentwicklung richtig darzustellen. Da die aktive Teilnahme der Künstler am politischen Leben und am demokratischen Neuaufbau, z.B. an der Arbeit der Friedenskomitees, der Ausschüsse der Nationalen Front des demokratischen Deutschland, an den gesellschaftlichen Organisationen, und die enge, unmittelbare Verbindung mit den Aktivisten, Arbeitern und Angehörigen der Intelligenz in den volkseigenen Betrieben, MAS und VEG usw. die Voraussetzung für eine erfolgreiche Gestaltung von Gegenwartsproblemen ist, muß durch die Leitung der Verbände die Teilnahme der Kunstschaffenden an dieser Arbeit planmäßig organisiert werden.

Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kultur. Entschließung des ZK der SED auf der 5. Tagung vom 15.-17. März 1951. In: LAUTER 1951, S. 148-167.

Beide Texte in: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 317 ff.

Kulturpolitische Offensiven

Der verschärfte "Klassenkampf" betraf auch den Bereich von Kunst und Kultur. Mit staatlichen Sanktionen sollte eine Abkehr vom "westlich-dekadenten Kunstbetrieb" und die Hinwendung zur "parteilichen, volksverbundenen und optimistischen Kunst" erzwungen werden. Literatur, Musik und Kunst hatten sich nunmehr am "sozialistischen Realismus" zu orientieren, indem eine eindeutige Parteinahme für das ostdeutsche Gesellschaftssystem künstlerisch zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Das Mitte März 1951 tagende 5. Plenum des ZK der SED verabschiedete die Entschließung "Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kunst", die sich gegen namhafte Künstler, darunter mehrere Mitglieder der 1950 gegründeten Akademie der Künste (AdK), richtete. Der darauf folgenden kulturpolitischen Kampagne fiel selbst eine von der AdK präsentierte Ernst-Barlach-Ausstellung zum Opfer, weil die Werke des Bildhauers nach Meinung der SED-Kunstexperten einen "düsteren, bedrückenden, pessimistischen Charakter" besäßen und die davon ausgehende Wirkung der Bevölkerung nicht zugemutet werden könne. Vergleichbare Attacken gab es auch gegen Schriftsteller, Komponisten, Maler und Theaterregisseure. Betroffen war u.a. der Komponist der DDR-Nationalhymne und Nationalpreisträger Hanns Eisler, dessen Entwürfe zu seiner Oper "Johannes Faustus" einer vernichtenden Kritik unterzogen wurden. Als wirksames Kontollinstrument entstand am 31. August 1951 die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 sah sich die SED-Führung allerdings dazu gezwungen, die besonders häufig kritisierten Zuspitzungen ihrer Kulturpolitik zurückzunehmen. Die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten wurde wieder aufgelöst und Anfang 1954 das Ministerium für Kultur eingerichtet. Erster Kulturminister wurde der Schriftsteller Johannes R. Becher.

Quellentext

"Irrwege" moderner Kunst ...

[...] Die formalistischen Künstler wollen die Forderung, daß Form und Inhalt einander entsprechen müssen, nicht gelten lassen. Sie stellen die Form, die Farbe, das Licht usw. in den Vordergrund und halten diese für die "Hauptperson" im Bilde des Malers. Dadurch verarmt die Kunst aufs äußerste. Sie wird inhaltlos, leer, ideenlos und vom Standpunkt der Gesellschaft aus unnütz. [...]

Wenn die Malerei aufhört, die Wirklichkeit darzustellen, und der Maler an Stelle von Menschen stereometrische Figuren, Linien, Punkte und anderen Unsinn in Würfelform zeichnet, dann ist das das Ende der Malerei. [...]
Entartung und Zersetzung sind charakteristisch für eine ins Grab steigende Gesellschaft. Für eine aufsteigende Klasse, die vertrauensvoll in die Zukunft blickt, sind Optimismus und das Streben charakteristisch, die inneren Kräfte, den Adel, und die Schönheit einer neu entstehenden Gesellschaftsordnung, die neuen Beziehungen zwischen den Menschen und den neuen Menschen selbst darzustellen. [...]

Nikolai Orlow: Wege und Irrwege moderner Kunst. In: Tägliche Rundschau vom 20./21. Januar 1951.

Marxismus-Leninismus als herrschende Weltanschauung

Mit der kulturpolitischen Offensive sollte auch der Marxismus-Leninismus als herrschende Weltanschauung durchgesetzt werden. Er umfasste die von den sogenannten Klassikern (Karl Marx, Friedrich Engels, W. I. Lenin und anfangs Josef W. Stalin) begründeten weltanschaulichen Lehren und trat mit dem Anspruch auf, die menschliche Entwicklung wissenschaftlich erklären und voraussagen zu können. Die zum Dogma erhobenen Lehren wiesen der Kommunistischen Partei die "historische Mission" zu, "Schöpfer" der kommunistischen Gesellschaftsformation zu sein, in der die Menschheit ohne soziale Gegensätze ("Klassen") und frei von jeglicher Ausbeutung lebt. Als Vorstufe zum Kommunismus wurde der Sozialismus definiert. In ihm sind zwar die Kapitalisten enteignet und die Kommunistische Partei herrscht uneingeschränkt ("Diktatur des Proletariats"), jedoch gibt es noch soziale Unterschiede, die bei der Entwicklung hin zum Kommunismus schrittweise überwunden werden müssten. Als oberstes Ziel galt zwar theoretisch die Verbesserung der Lebensumstände der arbeitenden Menschen, praktisch diente die Ideologie jedoch dazu, den totalitären Herrschaftsanspruch der SED in Staat und Gesellschaft durchzusetzen und jegliche Kritik daran zu unterdrücken.

Beschleunigter Kurs auf das sowjetische Gesellschaftsmodell

Die vom 9. bis 12. Juli 1952 tagende zweite Parteikonferenz der SED erklärte den "Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe". Dazu gehörten die ökonomische Entmachtung der noch bestehenden Privatindustrie, die forcierte Kollektivierung der Landwirtschaft und der Kampf gegen alle politisch-kulturellen Bereiche, die nicht mit den Dogmen des Marxismus-Leninismus übereinstimmten. Darunter litten vorrangig die Institutionen der Kirche, insbesondere die "Junge Gemeinde" in der DDR, vereinte Jugendgruppen innerhalb der evangelischen Kirchengemeinden, deren Engagement dem ideologischen Zugriff der SED auf die heranwachsende Jugend im Wege standen.

Quellentext

Kirchenkampf

Der Druck, der in Glaubens- und Gewissensfragen auf Glieder der Evangelischen Kirche innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik ausgeübt wird, droht untragbar zu werden. Uns ist bekanntgeworden, daß gegen die Glieder der Jungen Gemeinde mit besonderer Härte vorgegangen wird und welche Mittel dabei angewendet werden. Wir wissen von vielen Fällen, in denen junge Menschen, die ihre Gliedschaft in der Jungen Gemeinde nicht aufgeben wollten, von der Schule verwiesen und am Abschluß ihrer Ausbildung gehindert wurden. Wir wissen von anderen noch schwereren Fällen, in denen ein unverantwortlicher Druck auf junge Menschen ausgeübt worden ist mit dem Ziel, das Rückgrat ihrer Gesinnung und ihres Glaubens zu brechen.

Wir erklären, daß wir kein Wort von den Angriffen glauben, die in der "Jungen Welt", dem Organ des Zentralrates der FDJ, gegen die Junge Gemeinde erhoben worden sind.
Wir kennen diese jungen Christen und wissen, daß es nicht wahr ist, daß sie die Junge Gemeinde zu einer "Terrorgruppe zur Sabotage der Wiedervereinigung Deutschlands" machen wollten. Terror, Verrat und Sabotage gehören nicht zu den Mitteln christlicher Wirksamkeit. Uns ist weiterhin bekanntgeworden, daß Verhaftungen vorgenommen werden, ohne daß den Beschuldigten der Grund ihrer Verhaftung mitgeteilt oder den Angehörigen der Aufenthaltsort der Verhafteten bekanntgegeben wird. Wir wissen von unbegreiflich hohen Strafen in Fällen, die das allgemeine Rechtsempfinden der gesamten zivilisierten Welt völlig anders beurteilen würde.
Wir erklären, daß wir diese Methode der Rechtspraxis wie auch des Vorgehens gegen junge Menschen als unmenschlich empfinden. Wer die Einheit Deutschlands will, darf mit Deutschen nicht so umgehen.
Erklärung der Evangelischen Bischofskonferenz zur Lage der Kirche in der DDR 1953.
In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 66

Mit der zweiten Parteikonferenz wurden staatliche Prozesse beschleunigt, die bereits in Gang gesetzt worden waren. Dazu zählten der Ausbau des Grenzregimes, der Aufbau von bewaffneten Streitkräften, die Ausgestaltung der bereits eingeleiteten staatlichen Verwaltungsreform, die weitere Zentralisierung der staatlich geleiteten Industrie, der fortgesetzte Umbau des Rechtswesens sowie eine stärkere Unterordnung von Kunst und Kultur unter das staatliche Machtkonzept der SED.

Zugleich stiegen die staatlichen Ausgaben für den Ausbau der industriellen Basis, insbesondere in der Stahl- und Eisenindustrie. Am 1. Januar 1951 legte DDR-Industrieminister Fritz Selbmann den Grundstein für den ersten Hochofen im Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) bei Fürstenberg an der Oder, der am 19. September 1951 den Betrieb aufnahm. Der Ausbau der Kasernierten Volkspolizei (KVP) zu einer regulären Armee kostete vom Sommer 1952 bis Mitte 1953 über zwei Milliarden Mark, die im laufenden Wirtschaftsplan nicht vorgesehen waren. Die zusätzlichen Militärausgaben machten 13 Prozent der Ausgaben im Staatshaushalt für das Jahr 1953 aus. Hinzu kamen jährliche Reparationsverpflichtungen in Höhe von 1,1 Milliarden und jährliche Besatzungskosten von 2,1 Milliarden Mark.

Die oberste Planungsbehörde, die Staatliche Plankommission (SPK), versuchte, das Finanzproblem durch das Streichen von Subventionen und durch Preiserhöhungen zu lösen. Das Finanzministerium erhöhte die Steuern und Abgaben für den Mittelstand, für Handwerker, private Unternehmer sowie Großbauern und schloss die Selbstständigen aus der bis dahin allgemeinen Kranken- und Sozialversicherung aus. Ab dem Herbst 1952 ermöglichten verschiedene Verordnungen, Steuerrückstände rigoros einzutreiben, Kredite zu kündigen bzw. neue zu verweigern und letztlich auch private Unternehmen zu konfiszieren. Bei Nichterfüllung der Zahlungsverpflichtungen drohte der gewaltsame Entzug des Eigentums. Die Folgen waren Produktionsrückgänge und Bankrotte im privaten Unternehmerbereich, der im Jahre 1952 immerhin 20 Prozent der industriellen Bruttoproduktion erbrachte. Aufgrund der Verflechtung von privater und staatlicher Industrie mussten die staatlichen Eingriffe die gesamte Wirtschaft treffen. Da die privaten Unternehmer lebenswichtige Gebrauchsgüter produzierten, häuften sich die Engpässe in der Versorgung. In der Folge drastischer Preiserhöhungen stiegen die Lebenshaltungskosten für alle Bevölkerungsgruppen.

Ähnlich gravierend wirkte sich der Kurswechsel in der Landwirtschaftspolitik aus. Im Herbst 1952 setzte massiver staatlicher Druck zur Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ein. Als die wirtschaftlichen Erfolge ausblieben, wurde die Schuld den "reaktionären Großbauern" zugewiesen, was laut SED-Propaganda als Beweis für die Verschärfung des "Klassenkampfes" auf dem Lande galt. Zugleich erhöhte sich der ökonomische und administrative Druck auf die bäuerlichen Wirtschaften. Das Ablieferungssoll für die privaten Bauernwirtschaften erreichte im Jahre 1953 eine Höhe, die ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit völlig überforderte. Landwirte, die ihr Ablieferungssoll nicht vollständig erfüllten, wurden zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt. Nicht wenige wurden zwangsweise enteignet und ihre Höfe den sich neu bildenden Genossenschaften zur Bewirtschaftung übergeben. Die rigide Landwirtschaftspolitik gegen selbstständige Bauern zielte darauf, das private Eigentum an den Produktionsmitteln und dem Boden abzuschaffen. Sie bewirkte, dass viele betroffene Bauern in die Bundesrepublik abwanderten.

Das rigide Vorgehen von Polizei und Justiz gegen angeblich oder tatsächlich verübte Wirtschaftsverbrechen prägte auch die innenpolitische Atmosphäre. Die Strafverfolgung bei Verstößen gegen das geltende Wirtschaftsrecht erfuhr eine weitere Verschärfung durch das im September 1952 verabschiedete "Gesetz zum Schutz des Volkseigentums" sowie durch eine neue Strafprozessordnung. Bereits für geringe Vergehen wie Diebstahl oder Unterschlagungen von geringfügigem Wert wurden langjährige Zuchthausstrafen verhängt. Bis Ende März 1953 wurden über 10000 Personen auf der Grundlage derartiger Verfehlungen gerichtlich belangt. Die Zahl der sich in Haftanstalten der DDR befindlichen Personen stieg im Zeitraum von Mitte 1952 bis Mitte 1953 von 30000 auf 61 000.

Das SED-Politbüro führte die sich dramatisch mehrenden ökonomischen Schwierigkeiten auf das Wirken von außen eingeschleuster Agenten und den Einfluss innerer Feinde zurück. In das Visier politischer Anklage gerieten vor allem das Ministerium für Handel und Versorgung sowie verschiedene Staatssekretariate (Energieversorgung und Kohle), in denen nach "Saboteuren" als Verursacher der Wirtschafts- und Versorgungskrise gesucht wurde. Im Dezember 1952 wurde der liberaldemokratische Minister für Handel und Versorgung, Karl Hamann, unter dem Vorwurf verhaftet, die Versorgung der Bevölkerung systematisch sabotiert zu haben. Er wurde im Juli 1954 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Mit Schauprozessen heizte die SED-Führung den selbst erklärten "Klassenkampf" an, um auf diese Weise ihre eigene Politik und deren theoretische Untermauerung zu rechtfertigen.

Der "Aufbau des Sozialismus" und der "Klassenkampf von oben" verstärkten die Massenflucht. Im Jahre 1952 verließen rund 232 100 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik; ihre Zahl stieg im Folgejahr auf insgesamt circa 408 100. In internen Berichten war von 120000 Flüchtlingen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die Rede. Darunter befanden sich auch 2718 SED-Mitglieder, was für die Parteiführung alarmierend sein musste. (Zahlenangaben nach: Ilko-Sascha Kowalczuk u. a. (Hg.), Der Tag x – 17. Juni 1953, Berlin 1995).



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