Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961)

Zwischen Krise und Konsolidierung

Ausbau des Machtapparates

Der Schock über die Rebellion der Arbeiter saß tief. Die SED-Führung sah sich als Folge der offenen Konfrontation zwischen Volk und Staatspartei zu Korrekturen ihrer Politik gezwungen, die bis zum Ende der DDR wirkten. Sozialpolitik entwickelte sich fortan zu einem prägenden Strukturelement. Im Rahmen des "Neuen Kurses" gab es Aufbesserungen für untere Lohngruppen sowie bei Renten. Als Ergebnis von Preissenkungen wuchs die Kaufkraft der Bevölkerung um mehr als eine halbe Milliarde Mark. Es lebte sich wieder leichter in der DDR. Subtilere Herrschaftsmethoden sollten die Grundstrukturen des Gesellschaftssystems bewahren.

Als weitere Reaktion auf den 17. Juni veranlassten Partei und Regierung eine Neuordnung der militärischen Machtstrukturen. Seit September 1953 wurden die bewaffneten "Betriebskampfgruppen" personell verstärkt, welche auf Veranlassung der SED bereits Mitte 1952 als paramilitärische Verbände in staatlichen Betrieben und Einrichtungen entstanden waren. Die Einheiten der Kasernierten Volkspolizei (KVP) formierten sich nun als reguläre Streitkräfte in Form der Nationalen Volksarmee (NVA), die offiziell am 1. März 1956 gegründet wurde. Die allgemeine Wehrpflicht für alle Männer zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr wurde im Januar 1962 eingeführt. Aber auch in der Bevölkerung hatte der 17. Juni 1953 bleibende Wirkungen ausgelöst. Der Arbeiterschaft blieb wohl die Erinnerung an die durchschlagende Wirkung und die spontane Massensolidarität der Streiks und Demonstrationsmärsche, das Gefühl, es "denen da oben" einmal gezeigt zu haben. Doch vor allem wirkte die Erfahrung, dass der Versuch einer gewaltsamen Veränderung des politischen Systems unter den bestehenden Machtverhältnissen keine Aussicht auf Erfolg hatte. Desillusionierung und Verbitterung führten nicht selten zur Suche nach unpolitischen Nischen. Andere passten sich dauerhaft an, und es gab auch Fälle gesteigerter Loyalität gegenüber Partei und Staat. Nachdem der NATO-Beitritt der Bundesrepublik am 9. Mai 1955 feierlich vollzogen wurde, unterzeichnete auch die DDR am 14. Mai 1955 zusammen mit den anderen osteuropäischen Blockstaaten den Warschauer Vertrag als multilaterales Bündnis zur Koordinierung ihrer Militär- und Außenpolitik. Die neue sowjetische Führung unter Nikita Chruschtschow (im Amt seit dem 7. September 1953) betrachtete die DDR nun nicht mehr als Provisorium im Machtpoker ihrer Deutschlandpolitik. Auf der Genfer Gipfelkonferenz im Juli 1955 bezeichneten die USA, die UdSSR, Großbritannien und Frankreich zwar die Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage freier Wahlen als Voraussetzung für eine politische Entspannung in Europa. Auf praktische Schritte konnten sich die vier Regierungschefs jedoch nicht einigen. Seitdem sprach die Sowjetunion von der Existenz zweier deutscher Staaten. Dementsprechend schlossen am 20. September 1955 die DDR und die UdSSR einen Staatsvertrag ab. Damit wurde zwar der DDR die formal-staatliche Souveränität zuerkannt und das seit 1945 geltende Besatzungsrecht aufgehoben. Doch aufgrund der politischen, ökonomischen und militärischen Abhängigkeiten von der Sowjetunion war die Souveränität wesentlich eingeschränkt. Ein am 12. März 1957 zwischen beiden Staaten geschlossenes Abkommen regelte die "zeitweilige Stationierung sowjetischer Streitkräfte auf dem Territorium der DDR".

Kurzes Tauwetter 1956

Drei Jahre nach dem Juni-Aufstand sprach Chruschtschow in einer "geheimen" Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 "über den Personenkult und seine Folgen", über "Irrtümer, Fehler und Verbrechen Stalins", also über dessen exzessiven Machtmissbrauch und terroristische Herrschermentalität. In seiner Rede fehlte zwar jegliche Systemkritik, es war jedoch zu erwarten, dass sie eine Debatte über die Herrschaftspraxis der kommunistischen Staatsparteien Osteuropas auslösen würde, denn mit Stalin war dessen wichtigster Träger demontiert worden. Das politische Tauwetter, das sich danach in der Sowjetunion ausbreitete, bot auch in der DDR einigen überzeugten Sozialisten – wie etwa Wolfgang Harich, Walter Janka, Robert Havemann, Gerhard Zwerenz, Erich Loest – die Möglichkeit zur Kritik an der Herrschaftspraxis der SED. Die durch die sogenannte Abrechnung mit dem Personenkult um Stalin ausgelöste Debatte kreiste rasch um die Erneuerung des Sozialismus überhaupt. Viele Intellektuelle im Umfeld der SED sahen die DDR 1956 am Scheideweg zu einem "menschlichen Sozialismus" stehen. Im Mittelpunkt der Reformdebatten standen die Notwendigkeiten einer Wirtschaftsreform, einer Entbürokratisierung des Staates sowie die Frage nach der Legitimation der SED-Herrschaft. Mit der Jahreswende 1956/57 endete das politische Tauwetter in der DDR. Der Arbeiteraufstand im Juni 1956 in Pozna´n (Polen) sowie der bewaffnete Volksaufstand in Ungarn im Oktober/November 1956 hatten den Herrschenden in der DDR vor Augen geführt, dass ein Reformprozess in der kommunistischen Diktatur schnell zur Infragestellung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung führen konnte. Unter Hinweis auf die "konterrevolutionären" Ereignisse in Polen und Ungarn eröffnete die SED-Führung den Angriff auf jene Intellektuellen, die größere Diskussionsfreiräume und eine Reform des Sozialismus gefordert hatten. Das SED-Politbüro bezeichnete die kritischen Beiträge, die seit dem XX. Parteitag der KPdSU publiziert wurden, als "modernen Revisionismus" und sah in ihren Verfassern "Wegbereiter der Konterrevolution". Die im März und Juli 1957 abgehaltenen Prozesse vor dem Obersten Gericht der DDR bildeten den Auftakt zu einer Serie von Partei- und Gerichtsverfahren gegen jene, die seit dem Sommer 1956 für Veränderungen in Partei und Gesellschaft eingetreten waren. Eine in ihrer Dimension vergleichbare Diskussion über die Herrschaftspraxis der SED in der Gesellschaft hat es bis zum Herbst 1989 nie wieder gegeben.

Die Wirtschaft in den 1950er Jahren

Am 1. Januar 1954 endeten die Reparationslieferungen an die Sowjetunion, die bis dahin überwiegend aus Betrieben des Maschinen- und Schwermaschinenbaus sowie des Schiffbaus kamen. Zugleich wurden die Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG), die zuvor ausschließlich für Reparationsleistungen produzierten, in staatliches Eigentum der DDR überführt. Eine Ausnahme blieb die SAG Wismut, die in Thüringen und Sachsen Uran abbaute und am 1. Januar 1954 als Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) neu gegründet wurde. Das durch die SDAG Wismut im Erzgebirge sowie in Ostthüringen geförderte Uranerz diente als wichtiges Ausgangsmaterial für Kernkraftwerke zur Energiegewinnung und für den Bau von Kernwaffen. Die DDR war damals weltweit der drittgrößte Uranproduzent; die SDAG Wismut genoss daher eine gewisse Sonderstellung. Bis 1960 kletterte der Anteil des staatlichen Sektors in der Industrie – gemessen am Bruttosozialprodukt – auf 89 Prozent. Mit dem uneingeschränkten Zugriff auf die industriellen Ressourcen begann ein wachsendes Heer von Funktionären im Partei- und Staatsapparat damit, die Wirtschaft und den ordnungspolitischen Strukturwandel strategisch zu planen. Mit dem ersten Fünfjahrplan für die Jahre von 1951 bis 1955 ging die DDR-Ökonomie endgültig den Weg einer Planwirtschaft sowjetischen Typs, bei dem die Produktion und Konsumtion von Gütern sowie Preise und Löhne vollständig von einer zentralen Instanz festgelegt wurden.

Quellentext

Hauptaufgaben des ersten Fünfjahrplans

"1. Im Interesse des gesamten deutschen Volkes und des Kampfes um die Einheit des demokratischen Deutschlands ist eine schnelle Entwicklung der Produktivkräfte der Republik zu gewährleisten. Bis zum Ende des Jahrfünfts muß die friedliche Industrieproduktion im Verhältnis zum Stand des Jahres 1950 ein Ausmaß von 190 Prozent erreichen. Die vorgesehene Erhöhung der industriellen Produktion bedeutet die Verdoppelung der Produktion im Vergleich zum Jahre 1936. [...]

2. Auf der Grundlage des Wachstums der Produktion und durch die Beseitigung der schweren Kriegsfolgen muß der Vorkriegslebensstandard der Bevölkerung erreicht und zum Ende des Fünfjahrplans bedeutend überschritten werden. Das gilt im besonderen für den Verbrauch von Nahrungsmitteln und wichtigen Industriewaren pro Kopf der Bevölkerung. [...]"
Zur ökonomischen Politik der SED und der Regierung der DDR. Berlin (Ost) 1955, S. 69f. In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 61f.

Die Staatliche Plankommission (SPK) erhielt vom Ministerrat der DDR den Auftrag, die Entwürfe für die Wirtschaftspläne auszuarbeiten und der Regierung zur Beschlussfassung vorzulegen. Sie betrafen auch den gesamten Außenhandel, der sich vollständig in staatlicher Hand befand. Als ersten Chef der SPK berief die Volkskammer Heinrich Rau (1950-1952); es folgten Bruno Leuschner (1952-1961), Erich Apel (1961-1965) und Gerhard Schürer (1965-1989). Die SPK bekam ferner die Aufgabe zugewiesen, langfristige Wirtschaftsprogramme auszuarbeiten, die DDR-Ökonomie auf Schwerpunkte der industriellen Produktion auszurichten, wirtschaftliche Ergebnisse zu begutachten und über die Zuteilung von Ressourcen (Mittelvergabe, Kapazitäten, technische Infrastruktur) zu entscheiden. Auf diese Weise wurden staatliche Vorgaben für bestimmte Zeiträume in ganz konkrete und detaillierte Pläne (Fünfjahres- und Jahrespläne) umgesetzt, die für alle Industriebetriebe, aber auch für die Landwirtschaft und Wissenschaft verbindlich waren. Die zentral gesteuerte ostdeutsche Wirtschaft wuchs zunächst rasch. Das durchschnittliche jährliche Wachstum des Bruttosozialprodukts fiel mit 5,7 Prozent für den Zeitraum der 1950er Jahre nur unwesentlich geringer aus als das in der Bundesrepublik (6,2 Prozent). Die industrielle Bruttoproduktion konnte in den Jahren 1958 und 1959 sogar um 11 bzw. 13 Prozent gesteigert werden und übertraf damit die ursprünglichen Planziffern. Der Umfang des produzierten Nationaleinkommens wuchs von 1950 bis 1960 auf das 2,5fache. Diese Wachstumsdynamik ging allerdings mit einer Umstrukturierung der Wirtschaft zugunsten der Metallurgie und des Schwermaschinenbaus einher. Die knappen Ressourcen flossen vorrangig in den Neubau großer Werke in der bislang unterentwickelten Schwerindustrie. Für den Ausbau der Stahlwerke Brandenburg, Hennigsdorf, Riesa, Gröditz und Freital wurden große Investitionssummen bereitgestellt. Ab 1955 verlagerten sich die Investitionen auf die Energieerzeugung, den Leichtmaschinenbau und die chemische Industrie. Mit dem Bau des Braunkohlekombinats "Schwarze Pumpe" im November 1958 und dem "Chemieprogramm" nahm die politische Führung anspruchsvolle Industrieprojekte in Angriff. Das 1958 verkündete "Chemieprogramm" versprach der Bevölkerung "Brot, Wohlstand und Schönheit". Zugleich trieben Partei und Regierung die möglichst rasche Nutzung der Kernenergie und die Automatisierung in der metallverarbeitenden Industrie voran.

Quellentext

Innovation aus eigener Kraft – das Chemieprogramm

Im November 1958 wurde das Chemieprogramm ("Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit") verabschiedet. Ziel waren die Verdoppelung der Chemieproduktion bis 1965, wobei die Produktion von Kunststoffen und synthetischen Fasern noch wesentlich stärker wachsen sollte, und der Übergang zur Petrochemie. Wichtigste Vorhaben waren der Bau der Erdölleitung "Freundschaft" und des Erdölverarbeitungswerks Schwedt an der Oder, die Entwicklung einer eigenen Technologie zur tieferen Spaltung des Erdöls, der Bau eines modernen Produktionskomplexes für die Petrochemie (Leuna II) sowie der Bau des Chemiefaserwerkes Guben.

Hinter den angepeilten Wachstumsraten bei modernen, auf petrochemischer Basis herzustellenden Produkten trat in der öffentlichen Darstellung die Kehrseite des Programms zurück. Es zielte nämlich auch auf eine Ausweitung der Kohlechemie. Diese Zweigleisigkeit widerspiegelte das industriepolitische Dilemma der DDR. Nur ein Teil der veralteten Kohleveredlungsanlagen wurde stillgelegt. Erst ab Mitte der 1960er Jahre, nach der Fertigstellung der Erdölpipeline "Freundschaft", war überhaupt ein nennenswerter Rohölimport möglich. Die enorm aufwendigen Versuche, eigene Erdölvorkommen zu erkunden, scheiterten ebenso wie die Bemühungen der DDR, mit arabischen Staaten Rohölverträge abzuschließen. Einziger großer Lieferant blieb letztlich die Sowjetunion. Die Verfügbarkeit von Öl und Gas setzte demnach dem Strukturwandel in der chemischen Industrie der DDR die entscheidende Grenze.
Das Chemieprogramm von 1958 stellte einen Versuch zum Nachvollzug von Innovationen aus eigener Kraft dar. Das weitere Zurückfallen der DDR-Chemie sollte gestoppt werden. Doch bereits im März 1961 musste die Abteilung Grundstoffindustrie des ZK der SED feststellen: "Das Chemieprogramm existiert nach dem gegenwärtigen Stand der Planung nicht mehr. [...] Wir werden mit absoluter Sicherheit zu einem zweitrangigen Chemieland absinken, wenn die gegenwärtig geplante Entwicklung beibehalten wird. [...] Selbst wenn wir das im Chemieprogramm der DDR ursprünglich vorgesehene Tempo der Entwicklung beibehalten, würden wir 1965 weiter hinter Westdeutschland zurückliegen als zu Beginn des Chemieprogramms." [...]
In Osteuropa fand die DDR-Chemie kaum gleichwertige Partner, und in Richtung Westen waren ihre Kooperationsmöglichkeiten aus politischen Gründen begrenzt. Ein kleines Land wie die DDR konnte jedoch unmöglich alle wichtigen chemischen Verfahren und Technologien aus eigener Kraft entwickeln. [...]

Rainer Karlsch, "Weltniveau", in: Thomas Großbölting (Hg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 34 f.

Die Bevölkerung der DDR profitierte vom Wirtschaftsaufschwung. Im Laufe der 1950er Jahre gelang es, ihren Lebensstandard spürbar zu verbessern. Der Pro-Kopf-Verbrauch an wichtigen Nahrungsmitteln, der 1950 nur ein knappes Drittel dessen betragen hatte, was 1935/38 verfügbar war (zwei Fünftel bei Fleisch, etwas mehr als die Hälfte bei Nahrungstitel3en und Zucker), erreichte bzw. übertraf ab Mitte der 1950er Jahre das Niveau von 1936. Die Abschaffung der Lebensmittelkarten 1958 führte zu einem sprunghaften Anstieg des Butterverbrauchs um ein Viertel und übertraf den Vorkriegsverbrauch damit um das Anderthalbfache. Auch die Nettogeldeinnahmen eines durchschnittlichen Arbeiterhaushaltes verdoppelten sich von 1949 bis 1960. Doch gleichzeitig herrschte empfindlicher Mangel an technischen Konsumgütern (Rundfunkempfänger, Haushaltskühlschränke und Waschmaschinen) sowie an modischer Kleidung und Schuhen, die aufgrund noch offener Grenzen im westdeutschen Nachbarland beschafft werden konnten. Die von 1950 bis 1961 neu gebauten bzw. instandgesetzten 500000 Wohnungen reichten nicht aus, um den dringenden, nachkriegsbedingten Bedarf zu befriedigen. Der direkte Vergleich mit dem westdeutschen "Wirtschaftswunder" machte die grundlegenden Mängel des planwirtschaftlichen Systems sichtbar: Durch die deutliche Fixierung auf die quantitative Erfüllung der Wirtschaftspläne ("Tonnenideologie") geriet die Qualität der Produkte aus dem Blickfeld. Hatte beispielsweise das VEB Werkzeugmaschinenwerk "Fritz Heckert" in Karl-Marx-Stadt die Auflage bekommen, Dreh- und Schleifmaschinen in einem mit Tonnen angegebenen Umfang zu produzieren, so konnte dieser Betrieb diese Auflage durch die Produktion weniger, aber sehr schwerer Drehbänke erfüllen. Dagegen hätte eine Auflage in Stückzahlen dazu führen können, dass dieser Betrieb viele und möglichst leichte Drehbänke produzierte. Damit ließ sich zwar erfolgreich ein expansives Wirtschaftswachstum stimulieren. Doch für ein ökonomisch rationales Verhalten unter Beachtung von Qualität, Produktivität und Rentabilität sowie für ein intensives, ressourcensparendes Wachstum fehlten die finanziellen Anreize. Da die eigene Konsumgüterindustrie bis zuletzt nicht ausreichend in der Lage war, qualitativ hochwertige, langlebige Gebrauchsgüter bereitzustellen, übte das deutlich sichtbare Anwachsen des Wohlstandes in Westdeutschland und West-Berlin im Verlauf der 1950er Jahre eine enorme Sogwirkung auf die ostdeutsche Bevölkerung aus. Das Wohlstandsniveau Westdeutschlands wurde zum Gradmesser für die Bewertung der ostdeutschen Versorgungssituation. In den Jahren von 1950 bis 1961 verließen circa 1,3 Millionen Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren den SED-Staat in Richtung Bundesrepublik. Damit verlor Ostdeutschland wichtige Arbeitskräfte. Bis 1957 galt die Übersiedlung in die Bundesrepublik nicht als illegal. Ab Dezember 1957 wurde die "Republikflucht" strafbar. Auch die Kriminalisierung sowie die verstärkte Überwachung, Beobachtung und Kontrolle durch Polizei und Staatssicherheit konnten die Fluchtbewegung in Richtung Westdeutschland und West-Berlin in den folgenden Jahren nicht nennenswert aufhalten.

Der Wettstreit der Systeme

Seit dem XX. Parteitag der KPdSU vom Februar 1956 ging die sowjetische Führung von der Möglichkeit aus, durch einen Modernisierungsschub die marktwirtschaftlich hoch entwickelten Gesellschaften der westlichen Industriestaaten ökonomisch, kulturell und politisch überflügeln und die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus beweisen zu können. Die bisherigen Wirtschaftserfolge nährten die Illusion, dass sich die Überlegenheit der zentral gelenkten Planwirtschaft mit Hilfe des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) – eine 1949 gegründete Wirtschaftsgemeinschaft osteuropäischer Staaten unter Führung der Sowjetunion – in kurzer Zeit zeigen werde. Auch die SED-Führung stellte den Systemwettbewerb in den Mittelpunkt ihrer Politik. Der "Sozialismus siegt" hieß die zentrale Losung des V. Parteitages der SED vom Juli 1958. Parteichef Ulbricht gab dort unter der Formel "Einholen und Überholen"das ökonomische Ziel aus, den Pro-Kopf-Verbrauch der Bundesrepublik bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern bis 1961 auch in der DDR zu erreichen und sogar zu übertreffen. Dahinter stand die Einsicht, dass nur eine höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit das System nach innen und außen hinreichend attraktiv gestalten, bei der Bevölkerung entsprechende Loyalität gewinnen und die politische und soziale Stabilität in der DDR festigen könnte. Die Abhängigkeit der politischen Legitimation vom wirtschaftlichen Erfolg setzte allerdings das Herrschaftssystem unter einen Erfolgszwang, der das Risiko vollständigen Scheiterns barg.

Kollektivierung in der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft war stets das Sorgenkind von Partei und Regierung. Die bäuerliche Welt und ihre Eigenheiten blieben der SED-Führung fremd. Erfolgreiche bäuerliche Betriebe hatten kaum Interesse daran, sich in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammenzuschließen. Bis 1960 hatten sich nur 3,2 Prozent der Einzelbauern entschlossen, einer Genossenschaft beizutreten. Nachdem jedoch im September 1959 Parteichef Ulbricht das Ziel proklamierte, den Sozialismus zum Siege zu führen, kämpfte die SED-Führung um "sozialistische Produktionsverhältnisse" auf dem Lande. Im Januar 1960 startete die Parteiführung eine massive Kampagne für die Kollektivierung auf dem Lande. Viele Bauern sahen sich vor die Wahl gestellt, "freiwillig" den Genossenschaften beizutreten oder in den Westen zu flüchten. Massive Werbung, militante Agitation, Repression und Verhaftungen führten zu dem gewünschten Ergebnis: Bis zum April 1960 trat die Mehrzahl der bisherigen Einzelbauern den LPGs bei. Die Genossenschaften bewirtschafteten knapp 85 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Hinzu kamen weitere sechs Prozent, die von Volkseigenen Gütern (VEG) betrieben wurden. Damit hatten in der Landwirtschaft die "sozialistischen Produktionsverhältnisse" – entsprechend der marxistisch-leninistischen Doktrin – gesiegt. Die gewaltsame Kollektivierung trug mit dazu bei, dass der Flüchtlingsstrom nach Westen erneut anschwoll und sich wiederum die Produktions- und Versorgungsstörungen häuften. Eine verheerende Missernte im Jahre 1961 verschärfte die ohnehin schon eingetretene Versorgungskrise. Erst ab 1963/64 konnte die landwirtschaftliche Produktion durch neue Anbaumethoden sowie durch erhöhten Einsatz von Chemie und moderner Agrartechnik wieder gesteigert werden. Dennoch blieb das staatlich gelenkte Agrarsystem in seiner Produktionsleistung – auch in den übrigen Ostblockstaaten – immer hinter der Produktivität der Landwirtschaften westlicher Industriestaaten zurück. Im Unterschied zur Landwirtschaft wurde die Bildung von Genossenschaften im Handwerk und im Handel nicht mit der gleichen Radikalität vorangetrieben. Zwar förderte die Regierung den Zusammenschluss von Handwerksbetrieben in Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), so dass der Umsatzanteil des privaten Einzelhandels auf unter zehn Prozent fiel. Doch kamen auf das private Handwerk 1961 immerhin noch 65 Prozent der Leistungen in diesem Bereich.

Bildung und Kultur

Nachdem der Besuch der achtklassigen Grundschule 1946 gesetzlich verfügt worden war, folgten in den 1950er Jahren weitere Schulreformen. Die wichtigste Neuerung im Schulsystem bestand in der 1959 eingeführten "Zehnklassigen polytechnischen allgemeinbildenden Oberschule" (POS), an die eine mindestens zweijährige, zum Fachschulbesuch berechtigende Berufsausbildung anschloss. Der gesamte Unterricht an der Einheitsschule zielte darauf, einen engen Praxis- und Lebensbezug von Bildung, Unterricht und Erziehung herzustellen. In den Klassenstufen 9 bis 12 konnte an einer "Erweiterten Oberschule" (EOS) das Abitur absolviert werden. Über den Zugang zur EOS (Gymnasium) entschieden jedoch nicht allein Leistung und Befähigung, sondern in gleicher Weise politische Einstellung. Kinder mit christlich sozialisiertem Hintergrund hatten es grundsätzlich schwer, eine Zulassung zur EOS zu erhalten. Darüber hinaus gab es Betriebs- oder Kommunale Berufsschulen sowie Sonderschulen (Hilfs- und Behinderten-Schulen). Am Ende der 1950er Jahre besuchten im Durchschnitt 94 Prozent der Schüler die POS, drei Prozent die Sonderschulen, drei Prozent erwarben an der EOS das Abitur. Das Bildungskonzept der SED setzte allerdings nicht nur einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von naturwissenschaftlicher Allgemeinbildung auf hohem Niveau, sondern ebenso auf die Erziehung nach den politisch-ideologischen Vorgaben des Marxismus-Leninismus. Darin hatte die Herausbildung eines neuen, "sozialistischen Bewusstseins" einen festen Platz. Mit dem "Bitterfelder Weg" (benannt nach einer Kulturkonferenz in Bitterfeld) startete die SED-Führung 1959 noch einmal eine große kulturpolitische Offensive, um Kunst und Literatur an politisch-ideologische und ökonomische Vorgaben zu binden. Unter Losungen wie "Greif zur Feder, Kumpel" wurden Arbeiter animiert, sich literarisch zu betätigen, um auf diese Weise an einer "sozialistischen Nationalkultur" mitzuwirken. Schriftsteller wurden aufgefordert, sich der sozialistischen Realität zu widmen und sich dabei Anregungen in den Industriebetrieben und Kohlebergwerken zu holen. "Kunst hilft Kohle" lautete ein damit verbundener Slogan. Kulturpolitisch wirkungsvoller als die literarischen Schilderungen über "Großbaustellen des Sozialismus" war hingegen die staatliche Subventionierung kultureller und künstlerischer Einrichtungen. Dies steigerte breitenwirksam den Besuch von Theatern, Konzertsälen, Museen und Kinos. Auf dem Land entwickelten sich neu erbaute Kulturhäuser zum kulturellen Anziehungspunkt. Auch Kulturhäuser der Betriebe wurden als zentrale Orte von Feiern und Tanzveranstaltungen zunehmend beliebter. Zu den wichtigsten kulturellen Höhepunkten gehörten die periodischen Kunstausstellungen, die seit 1946 alle vier Jahre in Dresden stattfanden. Schriftsteller wie Anna Seghers, Stefan Heym, Stephan Hermlin oder auch die Intendanten des Berliner Ensembles Helene Weigel und Bertolt Brecht standen für künstlerisch anspruchsvolle Versuche, sich den Problemen der damaligen Zeit zu stellen. Hinzu kam, dass mit Filmen solcher Regisseure wie Kurt Maetzig (Schlösser und Katen, 1956) und Slatan Dudow (Stärker als die Nacht, 1954) Produktionen der Deutschen Film AG (DEFA) auch international zur Kenntnis genommen wurden. Alle Schriftsteller, Künstler oder Regisseure hatten jedoch immer wieder mit politischen Reglementierungen und Disziplinierungen zu kämpfen, die mal stärker, mal schwächer ausfallen konnten.

Quellentext

Bitterfelder Lesefrucht

"Nehmen wir das Gedicht (‚Neues Deutschland‘, Beilage Kunst und Literatur vom 5. September 1959) des Wismutkumpels Reinhard Bernitzke, der schon lange literarisch schafft und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren Karl-Marx-Stadt ist.

Schlafe, Söhnchen, schlafe ein,
Kumpelkind, das darf nicht schrein –
Vater schürft im Berge –
Trifft er dort die sieben Zwerge,
schenken sie dir Glitzerstein.
Schlafe, Söhnchen, schlafe ein!


Schlafe, Söhnchen, kleiner Wicht!
Vater in der Wechselschicht,
schießt die neuen Strecken.
Fürcht dich nicht in deinen Decken,
wenn es bumst, erschrick mir nicht!
Schlafe, Söhnchen, kleiner Wicht!


Schlafe, Sohnatsch, Kumpelsohn! Nach der Schicht wird dir de
in Lohn,
Vater kommt nach Hause. Und die Wanne und die Brause
Warten auf uns beide schon.
Schlafe, Sohnatsch, Kumpelsohn!


In diesem Gedicht, das sehr schön in kindgemäßer Sprache gehalten ist und in dem zugleich Dialektausdrücke verwendet werden, kommt die ganze Atmosphäre einer Bergarbeiterfamilie zum Ausdruck. Man sieht förmlich den Kumpel, der zu seinem im Bette liegenden Sohn spricht. Die Natürlichkeit wird noch durch das Zitieren von Märchenfiguren verstärkt, wodurch es eine besondere Note von Volksdichtung erhält. Zugleich werden aber weltpolitische Probleme sichtbar: ‚[...] schenken sie dir Glitzerstein‘, das klingt spielerisch, ist zugleich aber Ausdruck für das, was der Wismutkumpel schürft, nämlich Uran – Uran in des Volkes Hand, das dem Frieden dient. Darum kann das Gedicht diesen ein wenig idyllischen, freundlichen Ton haben, ohne zu verniedlichen. Es ist ein sozialistisches und realistisches Gedicht."

Einheit, H. 2/1960 (Schubbe, S. 612 f.) (der Autor, Willi Lewin, war Mitarbeiter des ZK der SED)

In: Manfred Jäger (Hg.), Kultur und Politik in der DDR, Köln 1982, S. 96




Personelle Zäsuren an der Spitze von Partei und Staat

Walter Ulbricht konnte im Lauf der 1950er Jahre seine uneingeschränkte Machtposition an der Spitze der SED schrittweise festigen. Die 15. ZK-Tagung wählte ihn im Juli 1953 zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees; bis dahin hatte er als Generalsekretär fungiert. Die neue Bezeichnung sollte lediglich die dominante Stellung des Parteichefs in der internen Hierarchie der SED verdecken; seine weitreichenden Machtbefugnisse blieben unangetastet. Die Ämter der Parteivorsitzenden, die seit 1946 Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl formell innehatten, wurden mit dem neuen Parteistatut von 1954 abgeschafft. Am Ende der 1950er Jahre gab es zu Ulbricht keine echte personelle Konkurrenz mehr. Präsident und Politbüromitglied Wilhelm Pieck starb am 7. September 1960, nachdem er bereits in den Jahren zuvor kaum noch zu politischen Entscheidungen in der SED und der DDR herangezogen worden war. Nach seinem Tod wurde das Amt abgeschafft. An die Stelle des Präsidenten trat ein Staatsrat, der von der Volkskammer gewählt wurde. Der Staatsrat konnte Gesetze verabschieden und übernahm in der Folgezeit zunehmend Regierungsaufgaben. Den Vorsitz im Staatsrat übernahm SED-Chef Walter Ulbricht, der damit in seiner Person eine große Machtfülle vereinigte.



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