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Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961)

Der Bau der Mauer

Im Laufe des Jahres 1960 häuften sich erneut die Zeichen einer inneren Krise in der DDR. Die ökonomischen Zielsetzungen des V. Parteitages von 1958 erwiesen sich als zu hoch gesteckt. Das selbst erklärte Ziel, die Bundesrepublik im Lebensstandard und beim Konsum zu übertreffen, konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Nachdem ein bescheidener Aufschwung in vielen Volkswirtschaftsbereichen erzielt werden konnte, kam es 1960 flächendeckend zu erheblichen Einbrüchen bei der Produktion in Industrie und Landwirtschaft.

Flüchtlinge aus der DDR bis ins Jahr des Mauerbaus.Flüchtlinge aus der DDR bis ins Jahr des Mauerbaus.

Angesichts der gravierenden Versorgungskrise stieg erneut die Zahl derjenigen, die die DDR in Richtung Bundesrepublik verließen. Im Jahre 1960 waren es rund 200000 Menschen, bis zum ersten Halbjahr des Jahres 1961 103 159. Die DDR verlor immer mehr junge und hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Der Mauerbau im August 1961 war der verzweifelte Versuch der SED-Führung, den drohenden Kollaps der DDR und die damit verbundene eigene Machteinbuße zu verhindern. Mit ökonomischen Argumenten versuchte Ulbricht, die sowjetische Führung von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Fluchtbewegung gewaltsam zu stoppen. Öffentlich bemühte sich der SED-Chef, derartige Absichten zu dementieren, indem er auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 auf die Frage einer westdeutschen Journalistin erklärte: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen." In seiner politischen Propaganda verband Ulbricht die Abriegelung West-Berlins mit der angeheizten Berlin-Krise, die durch ein Ultimatum des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow ausgelöst worden war. In einem Schreiben an die Westmächte vom 27. November 1958 hatte Chruschtschow verlangt, den Viermächtestatus von Berlin aufzuheben, die alliierten Truppen aus West-Berlin abzuziehen und West-Berlin den Status einer selbstständigen politischen Einheit – freien Stadt zu geben. Er räumte dafür eine Zeit von einem halben Jahr ein, was von den Westmächten als ein Ultimatum interpretiert wurde. Die durch dieses Berlin-Ultimatum erzwungenen Verhandlungen der Außenminister der vier Großmächte Mitte 1959 in Genf führten zu keiner Einigung. Gleichzeitig koppelte die sowjetische Führung die Berlin-Frage an ihre Interessen in der Deutschlandpolitik, indem sie am 10. Januar 1959 einen Entwurf für einen deutschen Friedensvertrag vorlegte, in dem die Fixierung des Status quo und nicht mehr die Einheit Deutschlands im Mittelpunkt stand. Eine Verständigung zwischen den USA und der Sowjetunion über die Deutschland- und Berlinproblematik schien in weite Ferne und ein Alleingang der UdSSR in den Bereich des Möglichen zu rücken.

Der Aufbau der DDR-Grenzsperranlagen.Der Aufbau der DDR-Grenzsperranlagen.
In einer Rundfunk- und Fernsehansprache vom 25. Juli 1961 hatte der amerikanische Präsident John F. Kennedy zu verstehen gegeben, dass die USA lediglich bereit seien, ihre Schutzmachtfunktion in West-Berlin auszuüben, gegen Aktionen auf dem Territorium Ost-Berlins und der DDR jedoch nichts unternehmen würden. Das bewog den sowjetischen Parteichef Chruschtschow am 1. August 1961 in Moskau dem Drängen Ulbrichts nachzugeben, die Fluchtwelle durch die Abriegelung der Grenze zu West-Berlin und Westdeutschland zu stoppen. Ulbricht erhielt auch die Vollmacht, den Zeitplan zum Mauerbau zu bestimmen. Kurz darauf stimmten auch die Mitglieder des Warschauer Paktes dem Mauerbau zu und legten dessen Planung und Ausführung in die Hände der SED-Führung. Die "offene Grenze", die aus SED-Sicht die entscheidende Ursache für die inneren Stabilitätsprobleme der DDR darstellte, wurde nun gewaltsam geschlossen.

Die Abriegelung der Grenze zu West-Berlin und Westdeutschland wurde bereits in den 1950er Jahren zunehmend militanter organisiert. Seit 1954 existierte auf dem Gebiet der DDR offiziell ein "Sperrgebiet", das aus einem Kontrollstreifen (10 Meter) unmittelbar entlang der innerdeutschen Grenze, einem 500 Meter breiten "Schutzstreifen" sowie einer "Sperrzone" (5 Kilometer) bestand. Bewohner dieser "Sperrzone" unterlagen einer besonderen Kontrolle; sie waren durch einen Vermerk im Personalausweis zum Betreten des "Sperrgebiets" berechtigt. Besucher benötigten einen Passierschein. Der 500 Meter breite "Schutzstreifen" wurde nach 1961 teilweise vermint und/oder mit Signalzäunen ausgestattet. Den eigentlichen Grenzzaun baute man nach 1961 zu einem schwer überwindbaren doppelten Stacheldrahtzaun aus; an vielen Stellen wurde aber auch eine circa drei Meter hohe Mauer errichtet, wie sie an der Grenze zu West-Berlin typisch gewesen war.

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Die innerdeutsche Grenze begann im Süden am Dreiländereck Bayern, Sachsen, Böhmen und endete an der Ostsee in der Lübecker Bucht. Die Absperranlangen an der Grenze zu West-Berlin und Westdeutschland wurden flächendeckend von Grenztruppen überwacht sowie von Hundelaufanlagen und Selbstschussgeräten perfektioniert. Jeglicher Fluchtversuch war mit dem Risiko verbunden, von Grenzsoldaten erschossen zu werden. Fast 700 Menschen kamen bis 1989 an der innerdeutschen Grenze zu Tode. Die Grenztruppen gehörten von 1961 bis 1973 als "Kommando Grenze" zur Nationalen Volksarmee (NVA). Im Ergebnis der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki und des damit verbundenen Abrüstungsprozesses wurden sie ab 1973 formell als selbstständige Organisation ausgegliedert, um nicht zur Truppenstärke des Landes gezählt zu werden. Trotzdem blieben die Grenztruppen der DDR, der in den 1980er Jahren circa 40000 Wehpflichtige sowie Berufssoldaten angehörten, als eigenständige Waffengattung direkt dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt.

Der Mauerbau bedeutete für große Teile der Bevölkerung einen erheblichen Einschnitt in ihre Lebensumstände. Die Trennung der Familien stand dabei unbestritten an erster Stelle. Das Ende der offenen Grenze bedeutete aber auch das Ende von Freiheiten und Annehmlichkeiten, die insbesondere in Ost-Berlin das tägliche Leben erträglicher gemacht hatten. Ost-Berliner konnten jetzt nicht mehr im Westteil der Stadt mit DDR-Geld Westzeitungen und -zeitschriften kaufen sowie die Theater und Kinos besuchen. Die westdeutsche Konsumwelt ließ sich jetzt nur noch im Werbefernsehen bewundern. Zum Verbleib in der DDR gezwungen, mussten sich die Menschen mehr denn je mit dem System arrangieren.

Die politische Führung verband mit dem Mauerbau am 13. August 1961 die Hoffnung, sich gegenüber der Bevölkerung neue Handlungsspielräume verschaffen zu können, da ihre politischen Entscheidungen nicht mehr Abwanderungen zur Folge haben würden. Im Selbstverständnis der SED-Führung konnte sich jetzt der Sozialismus "auf seinen eigenen Grundlagen" entwickeln – bei geschlossener Grenze, aber nach wie vor in Konkurrenz zur Bundesrepublik. Die DDR wurde zum Laborversuch für ein gigantisches Sozialexperiment, für das Versprechen auf eine lichte Zukunft im Kommunismus.

Quellentext

Bis heute spürbar: die Berliner Mauer

"Ich möchte am liebsten wegsein und bleibe am liebsten hier." Wolf Biermann

[...] Dies ist die Geschichte von oben, passiert am Sonntag, dem 13. August 1961: Um 1.11 Uhr unterbricht der (Ost-)Berliner Rundfunk seine "Melodien zur Nacht" für eine Sondermeldung: "Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins eine verläßliche Bewachung gewährleistet wird." Um 1.05 Uhr verriegeln DDR-Grenzverbände und Kampftruppen das Brandenburger Tor. Um 1.54 Uhr wird der erste Ost-West-S-Bahn-Zug gestoppt. An den Sektorengrenzen reißt Volkspolizei das Straßenpflaster auf und installiert Stacheldraht. Als die Berliner erwachen, ist ihre Stadt geteilt, und endgültig auch Deutschland. [...]
Das ist nicht die Geschichte von unten. Das sagt wenig über die Tragödien der Teilung, das zersäbelte Berlin, die zerrissenen Familien, die hunderten Mauertoten, von Günter Litfin (erschossen am 24. August 1961) bis Chris Gueffroy (5. Februar 1989). Kein Sterben an der Mauer erschütterte die Welt wie das des achtzehnjährigen Peter Fechter, der am 17. August 1962 mit seinem Freund nahe dem Checkpoint Charlie die Grenze überstieg. Der Freund kam durch. Fechter, in Brust und Rücken geschossen, bleib auf der Ostseite, wo er eine Stunde lang um Hilfe rief. Man ließ ihn verbluten. [...]
Die Ostdeutschen flohen in Kofferräumen, Kabelrollen, Lautsprecherboxen. Ein Mini-U-Boot zog 1968 Bernd Böttger durch die Ostsee. Per Heißluftballon schwebten 1979 die Familien Strelzyk und Wetzel von Thüringen nach Franken, Habe und Heimat verlassend auf dem Feuervogel Freiheit, statt weiterzutrotten im Joch der Diktatur. Die Mauer bot dem Westen eine hochpathetische Werbewand. Sie offenbarte das Wesen der Sowjetwelt. Ein Staat, der seine Bürger einschließen mußte, war moralisch tot. Und der Westen glänzte in der Sonne seiner Selbstgerechtigkeit.
Leicht wird vergessen, daß es auch Ostdeutsche gab, die die Mauer begrüßten – Künstler, linke Intellektuelle, die keinesfalls in der oberflächlich entnazifizierten Bundesrepublik zu leben wünschten. Die geistige Enge der DDR, den Dogmatismus, die Zensur hatte man ihnen mit der offenen Flanke zum Klassenfeind begründet. Diese Bedrängten atmeten am 13. August 1961 auf: Jetzt sind wir unter uns, jetzt bricht die sozialistische Geistesfreiheit an! Sie merkten bald, welcher Illusion sie aufgesessen waren. Kurz nach dem Mauerbau, erinnert sich Stefan Heym, traf ich Otto Gotsche, Ulbrichts Sekretär. Und der sagte, mit einem Haß: Jetzt haben wir sie! Der meinte nicht den Klassenfeind. Der meinte die Unseren, Künstler des eigenen Landes. [...]
Die Mauer stand ja nach Osten. Die SED mißtraute dem eigenen Volk.

Christoph Dieckmann, Rükwärts immer. Deutsches Erinnern, Bonn 2005, S. 141 ff.



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