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Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Eva Baumann
Katrin Keller
Marcus Maurer
Thorsten Quandt
Wolfgang Schweiger

Wie Medien genutzt werden und was sie bewirken

Wirkungen der Medien aus Sicht der Gesellschaft

Die meisten Menschen haben eine Meinung darüber, welche Folgen der weltweite Klimawandel haben wird oder wie sympathisch die Bundeskanzlerin ist, obwohl sie die Folgen des Klimawandels noch nicht mit eigenen Augen sehen können und Angela Merkel noch nie persönlich getroffen haben. Weil sich die Menschen ihre Meinungen nicht aufgrund eigener Erfahrungen gebildet haben können, müssen sie andere Ursachen haben. Eine sehr wahrscheinliche Erklärung ist, dass es sich dabei um Medienwirkungen handelt.

Ob und wie über bestimmte Ereignisse oder Personen berichtet wird, entscheiden Journalisten nach eigenen Regeln (siehe S. 52 ff.). Man kann die Massenmedien deshalb als eigenständige Akteure betrachten, die über den Einfluss des politischen Geschehens hinausgehende Wirkungen auf die Gesellschaft haben.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigen sich die Menschen deshalb mit der Frage nach den Wirkungen der Massenmedien. Insbesondere die Erfahrung mit der Propaganda in den beiden Weltkriegen ließ sie zunächst an eine Allmacht der Medien glauben. Dies änderte sich erst, als in den 1940er Jahren einige wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass sich viele Menschen scheinbar gar nicht so sehr von den Medien beeinflussen lassen, wie man bis dahin geglaubt hatte. Vielmehr schienen die Menschen, zum Beispiel in Wahlkämpfen, nur solche Medieninhalte zu nutzen, die ihre bereits bestehenden Meinungen bestätigten. Dieses Phänomen, das man als selektive Mediennutzung bezeichnet hat, führte dazu, dass den Medien in den nächsten 30 Jahren nur eine sehr geringe Wirkung zugeschrieben wurde.

Heute weiß man, dass es auf beides gleichermaßen ankommt: die Medienbotschaften und die Menschen, die sie nutzen. Beide wirken so zusammen, dass unter bestimmten Bedingungen starke, unter anderen Bedingungen eher schwache Medienwirkungen entstehen. Seit Ende der 1960er Jahre wurden deshalb neue Theorien zur Wirkung der Massenmedien entwickelt, die diese Erkenntnisse berücksichtigen. Auch wenn Medienwirkungen nicht unter allen Bedingungen und bei alle Menschen gleichermaßen auftreten, spielen die folgenden vier Wirkungsbereiche immer wieder eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft:

Massenmedien beeinflussen das Wissen. Auch wenn sich die Menschen schon wenige Minuten nachdem sie zum Beispiel eine Fernsehnachrichtensendung gesehen haben, kaum noch an deren Inhalte erinnern können, speichern sie langfristig Informationen, die ihnen von den Medien immer wieder vermittelt werden. Mit der weltweiten Ausbreitung der Massenmedien im Verlauf des 20. Jahrhunderts waren deshalb zunächst große Hoffnungen verbunden: Weil nun alle Menschen Zugang zu Informationen hätten, müsste sich der Wissensstand der niedrig Gebildeten an den der hoch Gebildeten angleichen. Tatsächlich wissen aber viele Menschen nach wie vor nur sehr wenig über Politik, und das Wissen innerhalb der Gesellschaft ist heute sogar noch ungleicher verteilt als früher. Eine Erklärung hierfür liefert die Wissensklufthypothese. Sie besagt, dass vor allem hoch Gebildete von neuen Informationen profitieren. Ihnen stehen mit größerer Wahrscheinlichkeit die Medien zur Verfügung, die die Informationen verbreiten, sie nutzen die Informationen in den Medien mit größerer Wahrscheinlichkeit und sind schließlich auch eher in der Lage, die Informationen richtig zu verstehen und zu erinnern. Die Wissensunterschiede zwischen hoch und niedrig Gebildeten werden deshalb durch die Verbreitung von Medieninformationen nicht geringer, sondern im Gegenteil sogar größer. Dies verstärkt sich vermutlich weiter durch die Verbreitung des Internets, weil noch immer große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu den Informationen haben, die man dort finden kann. Dieses Phänomen wird als die digitale Spaltung der Gesellschaft (Digital Divide) bezeichnet.

Massenmedien beeinflussen das Problembewusstsein. Die Menschen können ihre Aufmerksamkeit nur wenigen gesellschaftlichen Problemen widmen. Sie halten deshalb vor allem die Probleme für wichtig, über die die Medien besonders häufig berichten (Agenda-Setting-Effekt). Dieser Effekt kann einerseits positiv sein, weil er dazu beiträgt, dass sich eine Gesellschaft auf bestimmte Probleme einigt, die es zu lösen gilt. Er kann andererseits jedoch auch negative Konsequenzen haben, wenn sich die Medien mit Problemen beschäftigen, die eigentlich zweitrangig sind und von den wirklichen Problemen ablenken. Beispiele hierfür sind die umfangreichen Medienberichte über vermeintliche Risiken wie BSE oder die Schweinegrippe, die die Deutschen über Monate beschäftigt haben, obwohl die tatsächliche Bedrohung eher gering war.

Massenmedien beeinflussen die Meinungen der Menschen über Politikerinnen und Politiker, über Parteien und gesellschaftliche Kontroversen. Kurzfristig ändert sich die Medienberichterstattung über Parteien oder Personen oft sehr schnell. Politiker, die von den Medien kritisiert werden, verlieren kurze Zeit später auch in der Bevölkerung an Zustimmung. Selbst Wahlen können so entschieden werden, weil immer mehr Menschen bis kurz vor der Wahl unsicher sind, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollen. Langfristig beeinflusst die Medienberichterstattung auch die grundsätzlichen Meinungen der Bürgerinnen und Bürger über Politik. So wird die seit Beginn der 1990er Jahre verstärkt zu beobachtende Politikverdrossenheit auch darauf zurückgeführt, dass die Medien auf lange Sicht alle Parteien überwiegend kritisieren und Politiker und Politikerinnen eher als Verursacher denn als Löser von gesellschaftlichen Problemen beschreiben (Medienmalaise-Hypothese).

Eine der erstaunlichsten Wirkungen der Massenmedien ist schließlich der so genannte Kultivierungseffekt. Menschen orientieren ihre Vorstellungen von der Welt nicht nur an Nachrichten, sondern auch an fiktionalen Programmen wie Spielfilmen oder Fernsehserien. Beispielsweise überschätzen Menschen, die viel fernsehen, die Kriminalität in der Gesellschaft, weil das Fernsehprogramm überdurchschnittlich viel Kriminalität zeigt.

Massenmedien können also viele unterschiedliche Wirkungen haben. Einige davon kann man aus gesellschaftlicher Sicht als positiv, andere muss man als negativ betrachten. Dass sie auftreten, hat nichts damit zu tun, dass die Menschen leichtgläubig oder manipulierbar sind. Sie sind aber oft auf die Medienberichte angewiesen, wenn sie sich ein Urteil bilden wollen, weil sie keine andere Informationsquelle haben.

Quellentext

Erkenntnisse der Gehirnforschung zum Leben "online"

[...] Für das digitale Zeitalter ist es charakteristisch, dass viele Menschen fast ihre gesamte wache Zeit online verbringen; sie werden also permanent mit neuen Texten und Bildern konfrontiert. [...]

Die Auswirkungen der digitalen Revolution lassen sich [...] nicht nur mit Erfahrungsberichten und empirischen Studien erfassen. Auch die Gehirnforschung kommt zu Ergebnissen, die Aufmerksamkeit verdienen. Die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurobiologie lautet, dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert. Jedes Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt Spuren, die man seit mehr als einhundert Jahren auch so nennt: Gedächtnisspuren. Bis in die achtziger Jahre hinein nur hypothetische Gebilde, sind sie heute jedoch sichtbar zu machen. Denn Synapsen, also jene Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, über welche die elektrischen Signale laufen, mit denen das Gehirn arbeitet, können mittlerweile fotografiert und sogar gefilmt werden. Man kann zusehen, wie sie sich bei Lernprozessen verändern. Werden funktionelle bildgebende Verfahren eingesetzt, dann lässt sich sogar die Aktivität ganzer Bereiche des Gehirns sichtbar machen. So kann man die neuronalen Auswirkungen von Lernprozessen gleichsam im großen Stil nachweisen.
Wenn nun aber das Gehirn immer lernt " denn eines kann es nicht: nicht lernen ", dann hinterlässt dort auch die mit digitalen Medien verbrachte Zeit ihre Spuren. ["] Dabei lassen sich ganz unterschiedliche Mechanismen und Prozesse beschreiben, die kognitive Leistungen wie die Aufmerksamkeit oder die Entwicklung von Sprache und Intelligenz betreffen und sich in der Summe auf die Bildung eines Menschen auswirken. Hinzu kommen die Einflüsse des Medienkonsums auf emotionale und soziale psychische Prozesse bis hin zu ethisch-moralischen Einstellungen und unserer Sicht auf uns selbst, also auf unsere personale Identität.
[...] Etwa ein Drittel unseres Gehirns ist für die Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen zuständig, und genau dieses Drittel wird beim Lernen mit der Hand benutzt. Beim Lernen mit einem Mausklick, einer bloßen Zeigebewegung, bleibt dieses Drittel passiv. Wer sich also die Welt am Bildschirm aneignet, der hat sie sich vergleichsweise oberflächlicher angeeignet und rekrutiert beim Nachdenken über sie deutlich weniger Nervenzellen. [...]
Die negativen Auswirkungen der Medien auf den Körper werden nur noch von einem übertroffen: den negativen Effekten auf den Geist, nimmt man die Auswirkungen auf die kognitiven, emotionalen und personalen Prozesse zusammen. Beginnen wir mit der Bildung. Schule wird von Schülern nicht selten als bestenfalls langweilig erlebt. Verglichen mit der Zeit, die nachmittags an Konsolen, Computern und Bildschirmen verbracht wird, ist der Unterricht am Vormittag langweilig. Weil aber Emotionen für Lernprozesse wichtig sind, wird in der Schule nur wenig gelernt. Es kommt hinzu, dass gerade Gelerntes stets verfestigt werden muss, um dauerhaft im Gedächtnis verankert zu sein. Dieser Prozess, Konsolidierung genannt, kann durch Emotionen gestört werden. Wenn also vormittags im Französisch- oder Physikunterricht gelangweilt wenig gelernt worden ist, dann sorgt der Umgang mit der Playstation am Nachmittag dafür, dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängenblieb, regelrecht gelöscht wird.
Die permanente "Online-Existenz" wirkt sich zusätzlich negativ aus: Zur Konsolidierung des Gelernten braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe. Das kann ein kurzer Mittagsschlaf sein, muss es aber nicht: Dösen, an die Decke starren, die Gedanken einfach treibenlassen und eben nicht Reize von außen verarbeiten " darauf kommt es an. Genau das wird aber durch ein Leben "online" verhindert. Immer mehr Zeitgenossen sind dauernd mit der ganzen Welt verbunden, aber um den Preis, dass sie sich immer weniger wirklich mit ihr auseinandersetzen, weil sie immer weniger dazu fähig sind.
Ein besonders eindringliches Beispiel für die Art und Weise, wie einem die Welt abhandenkommen kann, ist das sogenannte mediale Multitasken. Dieses gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben und das oft damit verbundene gleichzeitige Benutzen mehrerer Medien spielt im Leben vieler junger Menschen eine wichtige Rolle. [...]
Da jede geistige Aktivität im Gehirn Spuren hinterlässt, die seine zukünftige Funktion beeinflussen, muss angenommen werden, dass Multitasking tatsächlich das Denken verändert. Diese Änderungen könnten positiv sein: Man wächst schließlich mit den Aufgaben. Der Einfluss könnte aber auch negativ sein, denn "zwei Dinge gleichzeitig tun bedeutet, beide nicht zu tun", wie es in den Sentenzen des römischen Sklaven Publilius Syrus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus heißt. Was trifft nun zu?
[...] Versuche zeigen, dass Menschen, die häufig mehrere Medien gleichzeitig benutzen, Probleme mit der Kontrolle ihres Denkens haben: Sie können unwichtige äußere Reize schlechter ausblenden und auch Unwichtiges in ihrem Gedächtnis schlechter ausblenden. Besonders bedeutsam ist, dass Multitasker keineswegs besser zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln können. Im Gegenteil, sie können es weniger gut. Mit anderen Worten: Wer noch nicht unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, der kann sie sich durch häufiges Multitasking antrainieren. [...] Weder die Gesellschaft noch die Wirtschaft sollten daran ein Interesse haben. [...]

Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer hat den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Ulm inne und leitet dort die Psychiatrische Universitätsklinik sowie das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL).

Manfred Spitzer, "Im Netz", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. September 2010



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