30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Eva Baumann
Katrin Keller
Marcus Maurer
Thorsten Quandt
Wolfgang Schweiger

Wie Medien genutzt werden und was sie bewirken

Welches Gewicht haben die Medien? Körperbild, Essstörungen und Medien

Hinter Essstörungen verbergen sich psychosomatisch bedingte (Sucht-)Erkrankungen, die insbesondere in westlichen Industriegesellschaften zu einem weit verbreiteten Problem geworden sind. Eine Essstörung äußert sich in einem zwanghaften Essverhalten, wobei über die Nahrung versucht wird, innere Konflikte und Druck zu bewältigen. Die Zahl der zumeist weiblichen Betroffenen steigt stetig an, Essstörungen zählen im Kindes- und Jugendalter bereits zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen. Unter den Begriff sind im Wesentlichen drei Krankheitsbilder zu subsumieren: Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht) und die Binge-Eating-Disorder als eine psychogene Variante der titel3leibigkeit (Adipositas). Frühsymptome wie chronisches Diäthalten, die Einnahme von Appetitzüglern, exzessives Sporttreiben oder ausgeprägte Gewichtssorgen sind heute in sämtlichen Gesellschaftskreisen und Altersgruppen gängig.

Auch wenn biologische, psychische, familiäre und soziokulturelle Risikofaktoren stets in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden müssen, werden das Vorherrschen enger Grenzen akzeptierter und honorierter Attraktivitätsstandards sowie der hohe Stellenwert einer überschlanken und makellosen körperlichen Erscheinung besonders häufig diskutiert. Dementsprechend werden insbesondere die Medien und die Werbeindustrie für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entstehung von Essstörungen verantwortlich gemacht.

Dieser Zusammenhang ist zwar nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar, eine beachtliche Zahl internationaler empirischer Studien deutet aber darauf hin, dass die Nutzung bestimmter Medieninhalte bei bestimmten Personen mit einem verzerrten Körperbild und gestörten Essverhalten zusammenhängt. In der Tat inszenieren die Medien idealisierte und stereotype Körperbilder und bieten damit unrealistische und zumindest auf gesundem Weg meist unerreichbare Orientierungsmaßstäbe. Darüber hinaus liefern Medien stereotype Vorstellungen von Geschlechterrollen und sozial üblichen Interaktionsmustern, die sich als Maßstab für den eigenen Lebensentwurf anbieten. Omnipräsent ist ein mithilfe digitaler Bildnachbearbeitung geschaffenes Ideal, das " im Falle weiblicher Protagonisten " durch eine extrem dünne Taille, schmale und dennoch gerundete Hüften, überproportional große Brüste sowie lange schlanke Beine und eine völlig makellose Haut kennzeichnet ist. Gleichzeitig wird diese Figur zumeist durch einen glücklichen, erfolgreichen, be- und geliebten Menschen repräsentiert. Dagegen sind Übergewichtige trotz einiger prominenter Gegenbeispiele wie Cindy aus Marzahn, Tine Wittler oder Beth Ditto, Sängerin der Rockband "The Gossip", sowie trotz vereinzelter Gegenbewegungen wie der "Initiative für wahre Schönheit" des Kosmetikherstellers Dove zumindest als Sympathieträger in den Medien immer noch relativ selten zu sehen.

Unterstützt werden das extrem dünne Idealbild und die zur Gewichtsreduktion und sonstigen körperlichen Veränderungen angepriesenen Maßnahmen dadurch, dass einige Reality-TV-Formate wie beispielsweise "Germany"s Next Topmodel", "The biggest Loser" oder "Das große Abnehmen" zu einer Stigmatisierung des Dickseins beitragen. Für diejenigen, die sich hiervon angesprochen fühlen, kann sich der Druck zudem dadurch erhöhen, dass Medien immer wieder über Studien berichten, die auf die zunehmende Dickleibigkeit der Bevölkerung und gesundheitspolitische Initiativen zur Vermeidung von Folgekrankheiten sowie auf eine soziale Benachteiligung Übergewichtiger zum Beispiel im Beruf verweisen.

Insbesondere jene Rezipientinnen, die einen geringen Selbstwert empfinden und denen es an Rückhalt aus dem sozialen Umfeld mangelt, verinnerlichen die medialen Leitbilder und orientieren sich hieran. Der empfundene innere Druck, in dieses Raster passen zu müssen, kann bei ihnen eine erhöhte Körperunzufriedenheit, Gewichtssorgen und Schlankheitsstreben zur Folge haben, ein negatives Körperbild begünstigen und so die Entstehung eines gestörten Essverhaltens fördern. Aber nicht nur die medialen Körperbilder und Schlankheitsbotschaften sind im Hinblick auf das Phänomen Essstörungen relevant, auch die Thematisierung von Essstörungen in den Medien selbst kann sich für Einzelne als problematisch erweisen: So werden die zu Aufklärungs- und Präventionszwecken produzierten Berichte über die Krankheit von jenen, die ohnehin zu einem gestörten Essverhalten neigen, häufig als Vergleichsmaßstab herangezogen. Manche sehen in den porträtierten Betroffenen ein Vorbild, und sie entnehmen den Berichten Tipps zur Ausübung und Aufrechterhaltung des Symptomverhaltens, anstatt sich hiervon abschrecken zu lassen. Bei einigen gipfelt dies in der intensiven Nutzung so genannter Pro-Anorexie- oder Pro-Bulimie-Foren im Internet, in denen Essstörungen ausdrücklich bejaht und zu einem erstrebenswerten Lebensstil deklariert werden.

Die bisherigen Befunde der Forschung zum Zusammenhang zwischen Medien, Körperbild und Essstörungen sind in Teilen widersprüchlich und lassen sich nicht zu einem eindeutigen und in sich schlüssigen Bild integrieren. Es handelt sich fast ausschließlich um standardisierte Studien, in denen direkte medieneinseitige Einflüsse unterstellt und nur wenige über den Medienimpuls hinausgehende Aspekte der Körper- und Selbstwahrnehmung berücksichtigt werden. Erst ein tieferer Einblick in die Verarbeitungsprozesse und subjektiven Deutungen der Rezipienten unter Berücksichtigung ihrer Lebenskontexte legt die tatsächliche Komplexität des Beziehungsgeflechtes zwischen Körperbild, Essstörungen und Medien offen und hilft, die in unterschiedliche Richtungen deutenden Befunde verständlich zu machen:

Die von Essstörungen gefährdeten und betroffenen Personen sind überaus intensive, aktive und konstruktive Mediennutzer. Sie machen ihre Mediennutzung von ihrer situativen körperlichen und psychischen Befindlichkeit abhängig und setzen sie flexibel und gezielt ein, um ihre Orientierungsbedürfnisse zu befriedigen. Dies kann die Symptomatik verstärken, aber auch dazu dienen, die Krankheit zu bewältigen und sich von ihr abzugrenzen. In ihrer jeweiligen Lebenssituation stellen die Betroffenen solche Bezüge zwischen den fokussierten Medieninhalten und dem Selbst her, die ihnen ein konsistentes Weltbild ermöglichen " selbst wenn sich ihr Selbstbild hierdurch verschlechtert.

Die Umgangsformen mit Medieninhalten unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Krankheitsbildern teilweise deutlich, zum anderen verändern sie sich im Krankheitsverlauf. So kann eine Reportage über Essstörungen einer Betroffenen das gute Gefühl vermitteln, mit ihrem Problem nicht alleine und in ihrer Symptomatik nicht abartig zu sein und dass es Hoffnung auf Hilfe gibt. Eine andere Patientin mag diese Reportage hingegen geradezu als Provokation und Anreiz wahrnehmen, die eigene Nahrungsaufnahme weiter zu reduzieren. Modefotos, Bilder extrem schlanker Stars oder auch Stigmatisierungen übergewichtiger Akteure werden dann besonders beachtet und mit der eigenen Person verglichen, wenn das soziale Orientierungsbedürfnis sehr groß ist. In Phasen der emotionalen Einsamkeit und sozialen Isolation werden Medien " teilweise ungeachtet ihrer konkreten Botschaften " auch als Ersatz für mangelnde reale persönliche Kontakte, als Betäubung, zur Erleichterung oder Flucht genutzt. Ist das Selbstkonzept hingegen stärker von einem Perfektionsstreben und Kontrollbedürfnis geprägt, haben Betroffene oft ein sehr konkretes rationales Bedürfnis nach Informationen zu Kalorien und Gewichtsreduktion, das sie mithilfe von Medieninhalten decken.

Die Vielfalt der Umgangsweisen mit Medien bestätigt, dass eine Pauschalisierung der Wirkungspotenziale und eine Reduktion essgestörter Personen auf "wehrlose und passive Medienopfer" den Zusammenhang zwischen Körperbild, Essstörungen und Medien nicht angemessen beschreibt. Dünne Körperbilder sind zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Aspekt der Medienrealität, der für Menschen im Kontext eines gestörten Essverhaltens relevant wird. Um ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, von dem weniger Druckpotenzial ausgeht, ist eine Veränderung der Medieninhalte in Richtung einer größeren Vielfalt der Körperbilder ebenso wünschenswert wie der Abbau von Stigmatisierungen Übergewichtiger. Wichtig ist jedoch gleichzeitig die Förderung von Medienkompetenz, die Rezipienten in einem selbstbewussten, reflektierten und kritischen Umgang mit verschiedenen Medienangeboten stärkt.



Publikationen zum Thema

APuZ_3_2011.jpg

Jugend und Medien

Das Internet ist inzwischen fester Bestandteil im Leben vieler Jugendlicher. Das social web e...

fluter Medien

Medien

Der aktuelle fluter beleuchtet neue und alte Medien. Im Scheinwerfer: Investigative Online-Journalis...

Zum Shop

Was mit Graffiti auf Höhlenwänden begann, ist heute vom Bildschirm bis zur Litfaßsäule allgegenwärtig: Bilder bestimmen unser Leben. Das Dossier erklärt ihre Bedeutung in Geschichte und Politik und zeichnet die Entwicklung der Bildkultur nach.

Mehr lesen

Medien: Aufgaben und Funktionen
Themengrafik

Medien

Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung. Medien informieren, kontrollieren, kritisieren - setzen aber auch eigene Themen und beeinflussen die öffentliche Meinung.

Mehr lesen