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Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Eva Baumann
Katrin Keller
Marcus Maurer
Thorsten Quandt
Wolfgang Schweiger

Wie Medien genutzt werden und was sie bewirken

Meine fremden Freunde: Wie Medien-Stars und -Sternchen unseren Alltag begleiten

Bei allem Wandel, den die Medien-Evolution für die Gesellschaft und uns alle als ihre Mitglieder mit sich gebracht hat, ist eines gleich geblieben: Der Mensch ist ein soziales Wesen, und deshalb stehen im Zentrum seines Interesses immer Menschen. Und weil sich Menschen am meisten für andere Menschen interessieren, spielen Menschen im TV folglich eine tragende Rolle " von der Daily Soap über die Doku-Soap, von der Casting-Show über den Spielfilm, von der Coaching-Sendung bis zu den Nachrichten und Quiz-Shows.

In der Diskussion um die aus den Medien bekannten Menschen werden unterschiedliche Begriffe verwandt: Relativ neutral ist zunächst oft von "Prominenten" und "Prominenz" die Rede, wobei es primär um die von den Medien-Darstellungen getragene Bekanntheit der Personen bei einem relativ breiten Publikum geht. Einen Schritt weiter geht der Star-Begriff, weil er die emotionale Beziehungs-Komponente eher in den Vordergrund stellt: Stars werden nicht nur gekannt, sondern auch verehrt, aber eben auch gehasst. Sie bieten Stoff für Diskussionen, man redet von ihnen und bildet sich Urteile über sie. Stars sind erfolgreich und das meist über längere Zeit " wenn nicht, werden sie zu "Sternchen" oder "One-Hit-Wonders" abgewertet. Bei Weitem nicht jeder Prominente ist ein Star, aber jeder Star ist prominent.

Stars sind heutzutage immer auch Medien-Stars: Darstellungen potenzieller Stars erreichen ihr Publikum vor allem über das Fernsehen, das es seinen Zuschauern erlaubt, den Medien-Menschen in Bild und Ton scheinbar ganz nahezukommen: Man hört ihre Stimmen, sieht ihre Gesichter in Großaufnahme, verfolgt ihr Tun in vielen Fällen über lange Zeit und in regelmäßigen Abständen und erfährt allerlei und oftmals vermeintlich auch private Dinge über sie. Die Evolution der Medientechnik bringt die Stars ihren Nutzern immer öfter immer näher. Die Teleobjektive der Paparazzi und die Kamera-Handys der Fans halten auch scheinbar private und unbeobachtete Momente in Bildern fest, die über das Internet heute von einem größeren Publikum als jemals zuvor rezipiert werden können. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Ganz wie "in echt ": Beziehungen zu Medien-Menschen

Die Beziehungen von Medien-Nutzern zu ihnen ausschließlich aus den Medien bekannten Personen sind schon lange Thema der Wissenschaft. Bereits 1956 widmeten sich die Autoren Donald Horton und R. Richard Wohl der "Intimität über Distanz", die Medien-Nutzer zu in den Medien präsenten Personen herstellen. Horton und Wohl kommen zu dem Schluss, dass "parasoziale Beziehungen", also Beziehungen von Medien-Nutzern zu ihnen lediglich aus den Medien bekannten Personen, "normalen" sozialen Beziehungen in vielen Punkten entsprechen. "Wir begegnen den entferntesten und berühmtesten Menschen, als ob sie zu unserem Bekanntenkreis gehörten", beschreiben Horton und Wohl dieses Phänomen.

Mein Star und ich: Liebestaumel, Lebenshilfe und Lästerrunden

Parasoziale Beziehungen zu Medien-Menschen, vor allem zu Stars, können vom Individuum selbst als sehr intensiv empfunden werden und in seinem subjektiv erlebten Alltag viel Raum einnehmen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn Fans ihren Star quasi zu ihrem liebsten Hobby machen, vielleicht einem Fan-Club beitreten, sich online mit Gleichgesinnten austauschen, ihren Musiker-Stars (wie Tokio Hotel) auf deren Konzert-Tourneen folgen oder die Filme ihres Lieblings-Stars (etwa die Episoden der "Twilight"-Saga) immer wieder aufs Neue ansehen. Dieses Verhalten wird zumeist ausschließlich jugendlichen Fans zugesprochen und von vermeintlich dem Fantum entwachsenen Dritten häufig kritisch, nicht selten auch herablassend, beäugt.

Doch auch jenseits dieser auffällig und enthusiastisch gelebten Fan-Beziehungen beschäftigen uns Stars und Prominente, aber auch vereinzelt in den Medien auftauchende Personen: In Coaching-Formaten wie "Die Super Nanny", "Teenager außer Kontrolle" oder "Raus aus den Schulden" (alle RTL) werden dem Zuschauer anhand nicht-prominenter Beratungskandidaten soziale Problemfälle wie gestörte Eltern-Kind-Beziehungen, Jugendkriminalität und Überschuldung präsentiert. In jedem Sendungs-Typus widmet sich ein professionell ausgebildeter Coach dem Aufzeigen von Lösungswegen. Während das Vorher-Verhalten der Beratungskandidaten für den Zuschauer als abschreckendes Beispiel fungieren kann, können die aufgezeigten Lösungen zur eigenen positiven Orientierung herangezogen werden, vor allem dann, wenn der Coach in der subjektiven, parasozialen Wahrnehmung als glaubwürdige und kompetente Instanz erlebt wird. Aber auch das unterhaltsame Lästern über die "unmöglichen" Kandidaten kann ein Motiv für die Nutzung solcher Formate sein, die durch die Gespräche über sie zugleich Eingang in das persönliche Umfeld des Zuschauers finden.

Auch zu fiktiven Charakteren wie den Protagonisten der Daily Soaps können intensive parasoziale Bindungen aufgebaut werden, ebenso wie zum Beispiel zu Moderatoren wie Günther Jauch oder bekannten Nachrichtensprechern, die alle beim parasozialen Beziehungsaufbau vor allem von der Regelmäßigkeit ihres Erscheinens in den Medien profitieren. In Casting-Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" (RTL) oder "Germany"s next Topmodel" (ProSieben) werden durch die Sender bewusst Spannungsbögen aufgebaut, Emotionen geweckt und persönliche Schicksale fokussiert, damit die Bindung der Zuschauer an die vom Ausscheiden bedrohten Kandidaten wächst und erstere auch das nächste Mal wieder einschalten.

Ob Lästern oder Lernen am Modell, ob intensive Fan-Liebe oder starke Abneigung gegen die Medien-Figuren: Im Rahmen der parasozialen Beziehungen zu Stars, Prominenten und einmalig in den Medien auftretenden Menschen leisten die Medien-Nutzer einen unerlässlichen Beitrag zum Funktionieren des Medien-Systems und bestätigen die Rollen der Medien-Menschen. Und sie sagen dabei mit ihren subjektiven Zu- und Abneigungen auch gleich etwas darüber aus, wie sie selbst von ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen werden möchten.


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