Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

Judentum in Antike und Frühmittelalter

Gemeinden im frühen Frankenreich

Die jüdischen Gemeinden, die in den Städten der Germania Romana vermutlich entstanden waren, gingen in den Wirren der Völkerwanderungszeit ab dem 5. Jahrhundert wieder unter. Erst mit der Herausbildung des Frankenreichs nach dem Untergang des Weströmischen Reiches (476) gab es seit dem 6. Jahrhundert erneut ein festes staatliches Gebilde nördlich der Alpen. Bereits in diesem Zeitraum lebten dort nach den Aufzeichnungen des fränkischen Bischofs und zeitgenössischen Chronisten Gregor von Tours (ca. 538-594) jüdische Gemeinden, die laut seiner Aussage mit eigenen Schiffen Flüsse und Meere befuhren, um den Franken die Kostbarkeiten des Orients anzubieten. Dorthin unterhielten die Juden nördlich der Alpen nach wie vor Verbindungen und nutzten diese für den Fernhandel. Da das Frankenreich zur römischen Kirche gehörte, galten auch hier deren Trennungsverfügungen, die die Juden im Alltagsleben von den Christen absondern sollten. So drohte ein Konzil in Orleans 538 allen Christen, die gemeinsam das Mahl mit Juden einnahmen, die Exkommunikation an, also den Ausschluss von den Sakramenten, womit neben dem Kirchenbann auch wirtschaftliche und politische Einschränkungen verbunden waren. In der Karwoche, der Woche vor Ostern, durften Juden mit Christen überhaupt nicht verkehren. Auch das Sklavenverbot aus Konstantinischer Zeit wurde im Merowingerreich reaktiviert. So verbot ein Gesetz aus dem Jahr 624 Christen bei Strafe der Exkommunikation, Sklaven an Juden und Heiden zu verkaufen. Vor allem sollte verhindert werden, dass Sklaven in jüdischen Diensten zum Judentum bekehrt würden. Christliche Sklaven in jüdischen Diensten konnten jederzeit freigekauft werden. Das junge Frankenreich knüpfte damit weitgehend an die judenfeindlichen Gesetze der Spätantike an. Ein Konzil in Reims forderte deshalb 624 auch das Verbot der Ausübung öffentlicher Ämter durch Juden im Frankenreich; es sei denn, die Amtsinhaber ließen sich taufen. Zwangstaufen, Verfolgungen und Austreibungen der sich weigernden Juden sind für das 7. Jahrhundert im Frankenreich bezeugt. Die junge fränkische Kirche verhielt sich gegenüber den Juden unnachgiebiger als der Papst; denn Papst Gregor I. hatte sich zu Beginn des 7. Jahrhunderts gegen die Zwangstaufe, für den Schutz des Synagogengottesdienstes und für den Schutz jüdischen Besitzes mit Ausnahme christlicher Sklaven ausgesprochen. Zwischen Duldung auf der einen Seite, Zwangstaufe, Ausweisung oder Tod auf der anderen bewegte sich die Haltung der christlichen Obrigkeiten und ihrer Untertanen gegenüber den Juden im beginnenden Mittelalter.




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