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Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum

Impulse der Aufklärung

Doch im Zeichen der Aufklärung trat eine kleine Gruppe von Dichtern und Autoren der traditionellen Judenfeindschaft entgegen. In Romanen und auf der Bühne stellten sie Juden nun nicht mehr - wie bis dahin üblich - als Schurken dar, sondern als normale (oder gar) vorbildliche Menschen. Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing schuf mit seinem Werk "Nathan der Weise" 1779 das Modell eines gelungenen Umgangs der großen Weltreligionen miteinander. In seiner Ringparabel werden alle Religionen als gleichrangig angesehen und beweisen ihren inneren Wert und ihre Wahrheit durch die Menschlichkeit, die sie den anderen erweisen. Es ist ein Schlüsseltext der religiösen Toleranz, der sich allerdings nur eine kleine Schar verpflichtet fühlte. Auch im politischen Raum wurden Modelle für eine allmähliche Gleichstellung der Juden in der Gesamtgesellschaft entwickelt. Das in dieser Beziehung epochale Werk "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" verfasste auf Bitte seines Freundes Moses Mendelssohn 1781 der preußische Beamte Christian Wilhelm von Dohm. Schon der Titel macht deutlich, dass Dohm nicht für die sofortige Gleichstellung, also Emanzipation, der Juden eintrat. Erst wenn die Juden sich in ihrer Sozialstruktur der christlichen Mehrheitsgesellschaft angepasst hätten, sollten sie die volle Gleichberechtigung erlangen. Dohm forderte deshalb die Öffnung auch der zünftischen Handwerksberufe für jüdische Anwärter. Als Anhänger des Physiokratismus, der die Schaffung von Mehrwert nur durch die Landwirtschaft gewährleistet sah, verlangte er vor allem den Zugang zu den bäuerlichen Berufen, in denen damals die meisten Beschäftigten arbeiteten. Skeptisch stand er den Handelsberufen gegenüber. In die inneren Angelegenheiten des Judentums, auch was die Stellung der Rabbiner betraf, sollten sich Staat und Gesellschaft seiner Meinung nach nicht einmischen.

Quellentext

Christian Wilhelm von Dohm: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781)

Nur der Pöbel, der es für erlaubt hält, einen Juden zu hintergehen, gibt ihm schuld, daß er nach seinem Gesetze fremde Glaubensgenossen (Leute anderen Glaubens) betrügen dürfe, und nur verfolgungssüchtige Priester haben Märchen von den Vorurteilen der Juden gesammelt, die nur ihre eigenen beweisen. Die der Menschlichkeit und der Politik gleich widersprechenden Grundsätze der Ausschließung, welche das Gepräge der finsteren Jahrhunderte tragen, sind der Aufklärung unserer Zeit unwürdig und verdienen schon längst nicht mehr befolgt zu werden.

Unseren fest gegründeten Staaten müsste jeder Bürger willkommen sein, der die Gesetze beobachtet und durch seinen Fleiß den Reichtum des Staates vermehrt. Auch der Jude hat auf diesen Genuß, auf diese Liebe Anspruch. Seine Religion macht ihn ihrer nicht unwürdig, da er bei ihrer strengsten Befolgung ein sehr guter Bürger sein kann. Ich wage es, selbst die standhafte Anhänglichkeit an die nach ihrem Glauben ihren Vätern verliehene Lehre von Gott dem jüdischen Charakter als einen guten Zug anzurechnen. Was der Christ Blindheit und verstockte Hartnäckigkeit nennt, ist beim Juden standhafte Beharrlichkeit bei dem, was er einmal als göttliches Gebot glaubt. Wer kann sich versagen, den Juden hochzuachten, den keine Marter bewegen konnte, von seiner Religionsvorschrift abzugehen, und den Nichtswürdigen zu verachten, der um des Vorteils willen sich (von ihr) lossagt und den christlichen Glauben mit den Lippen bekennt?
Schon allein die Anhänglichkeit an den uralten Glauben gibt dem Charakter der Juden eine Festigkeit, die auch zur Bildung ihrer Moralität überhaupt vorteilhaft ist. Ihre Armen fallen dem Staate nicht zur Last; die ganze Gemeinde nimmt sich ihrer an. Das häusliche Leben genießen sie mit mehr Einfachheit. Sie sind meistens gute Ehemänner und Hausväter. Der Luxus ist auch unter ihren Reichen noch lange nicht soweit gestiegen, als bei den Christen von gleichem Vermögen. Dem Staate sind sie überall ergeben, und sie haben oft in Gefahren einen Eifer bewiesen, den man von so wenig begünstigten Gliedern der Gesellschaft nicht erwarten sollte.

Julius Höxter, Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur, hg. u. erg. von Michael Tilly, Wiesbaden 2009, S. 481

Die Reaktion auf Dohms Schrift in Deutschland, auf die er in der Neufassung von 1783 einging, zeigt einerseits, wie klein die aufgeklärte Elite war, die sich mit Dohms Vorschlägen befasste, andererseits aber auch, wieweit selbst diese noch geistig von seinen Vorstellungen entfernt war. Es wurden Vorbehalte geäußert, die bis weit ins 19. Jahrhundert immer wiederkehren: beispielsweise das Argument, in einem "christlichen Staat" dürften Juden kein Amt ausüben, oder der Hinweis auf die jüdischen "Sondereigenheiten". Deutlich wird in dieser Diskussion, dass die deutschen Aufklärer nicht bereit waren, Juden als Juden zu akzeptieren. Sie sollten ihre jüdische Sprache, ihr Äußeres, ihre Geschäftspraktiken, ihre orthodoxe Religionsauffassung ablegen und sich "nach den Sitten der Christen umbilden", wie es 1788 der aufgeklärte Schriftsteller Freiherr Knigge in seinem Buch "Über den Umgang mit Menschen", einem für Generationen gültigen Anstandsbuch, formulierte. Hier wird deutlich ausgesprochen, was dann unter der bürgerlichen Gleichheitsforderung zum Problem werden sollte: die Unfähigkeit, Minderheiten und ihre Subkultur zu tolerieren.

Die jüdische "Insonderheit", so sahen es wie Dohm die meisten deutschen Aufklärer, war verursacht worden durch die Einschränkungen, die die christliche Gesellschaft den Juden auferlegt hatte. Sie war zu beseitigen, wenn man diese Einschränkungen aufhob und die Juden in einem allmählichen Entwicklungsprozess an die durch die Aufklärung bestimmte Gesellschaftsordnung anglich. Trotz aller Einschränkungen und Vorbehalte ermöglichte die Gesellschaft damit aber, zumindest in der Theorie, den Juden eine seit Jahrhunderten verwehrte Integration in die Allgemeingesellschaft.

Moses Mendelssohn - ein jüdischer Aufklärer

Auch im Judentum fand das durch die Vernunft bestimmte Denken Anhänger. Diese erlangten vor allem in Berlin Zugang zu den bürgerlichen Aufklärungszirkeln. Vielfach waren es jüdische Frauen, in deren Salons sich jüdische wie christliche Intellektuelle, Bürgerliche und Adlige versammelten. Die jüdischen Aufklärer, so genannte Maskilim, wurden zu Trägern eines neuen philosophischen Verständnisses jüdischer Kultur. Auch das orthodoxe Judentum, wie es sich vor allem durch die Rabbiner präsentierte, wurde hinterfragt. Der bedeutendste der Maskilim, Moses Mendelssohn, vertrat wie die christlichen Aufklärer die Auffassung, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunft Gott erkenne, nicht aber durch die göttliche Offenbarung (Glaube). Mit seinem Werk wie zum Beispiel dem "Phaidon oder die Unsterblichkeit der Seele" (1767) hatte er großen Einfluss auf die zeitgenössische Philosophie, so dass er sogar zum Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. Der preußische König Friedrich II. verweigerte allerdings die Bestätigung. Der jüdischen Gemeinde und den Geboten des Judentums blieb Mendelssohn treu. Im Gegensatz zu Dohms Forderung kritisierte er allerdings die Macht der Rabbiner im Judentum, beispielsweise ihre Möglichkeit, Gemeindemitglieder durch den Bann auszuschließen.

Quellentext

Jüdische Gesetze und bürgerliche Vereinigung

Und noch itzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden als ebendieser. Schicket euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Traget beider Lasten, so gut ihr könnet! Man erschweret euch zwar von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens, um der Religion willen, der ihr treu bleibet, und von der andern Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsgesetze, in mancher Betrachtung, lästiger, als sie sind. Haltet nichtsdestoweniger aus, stehet unerschüttert auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und lasset alles über euch ergehen, wie euch eurer Gesetzgeber lange vorher verkündiget hat. [...]

Und ihr, lieben Brüder und Mitmenschen! Die ihr der Lehre Jesu folget, solltet uns verargen, wenn wir das tun, was der Stifter eurer Religion selbst getan [...] hat? Ihr solltet glauben, uns nicht bürgerlich wieder lieben, euch mit uns nicht brüderlich vereinigen zu können, solange wir uns durch das Zeremonialgesetz äußerlich unterscheiden, nicht mit euch essen, nicht von euch heiraten, das, soviel wir einsehen können, der Stifter eurer Religion selbst weder getan, noch uns erlaubt haben würde? - Wenn dieses, wie wir von christlich gesinnten Männern nicht vermuten können, eure wahre Gesinnung sein und bleiben sollte; wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner andern Bedingung zu erhalten, als wenn wir von dem Gesetze abweichen, das wir für uns noch für verbindlich halten; so tut es uns herzlich leid, was wir zu erklären für nötig erachten; so müssen wir lieber auf bürgerliche Vereinigung Verzicht tun.

Moses Mendelssohn: Schriften über Religion und Aufklärung, Berlin 1989. S. 451ff. Zitiert nach: Geschichte aus erster Hand: Aschkenas - Zur jüdischen Geschichte Deutschlands, Schwalbach 2004. S. 21

Das Zusammenleben von jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheitsgesellschaft stellte sich für die jüdischen Aufklärer des ausgehenden 18. Jahrhunderts problemlos dar: Die jüdische Nation sollte sich auf der Basis ihrer Vernunftreligion, wie sie Mendelssohn vertrat, zu moralisch vorbildlichen Bürgern und nützlichen Gliedern des Staates entwickeln. In Freischulen, die auf Initiative der jüdischen Aufklärer hin gegründet wurden, sollten jüdische Kinder aller Schichten in allgemein bildenden Fächern und jüdischer Religionslehre für ihr Berufsleben erzogen werden. Und sie sollten sich, wie Dohm es forderte, in ihrer Sozialstruktur der Allgemeingesellschaft anpassen. Hier vertrat allerdings Mendelssohn, im Gegensatz zu Dohm, die Auffassung, dass der Handelsberuf durchaus nützlich und deshalb nicht aufzugeben sei. Dem jüdischen Bürgertum in Deutschland wäre im 19. Jahrhundert wohl kaum der beispiellose soziale und kulturelle Aufstieg gelungen, hätten nicht die Maskilim den Weg dafür vorbereitet. Es sollte allerdings noch Generationen dauern, bis die Gleichstellung der Juden schrittweise in die Realität umgesetzt wurde.

Unvollendete Emanzipation

Einen ersten Schritt tat Kaiser Joseph II. 1782 in seinen österreichischen Kronländern. Sein Toleranzedikt hob, je nach Landesteil unterschiedlich, das Niederlassungsverbot für Juden auf. Sie durften Handwerke erlernen und sich in freien Berufen betätigen. Zudem sollten jüdische Kinder die öffentlichen Schulen besuchen. Hatten in Frankreich 1791 die Juden die volle Gleichstellung erreicht, so galt dieses Recht auch für alle deutschen Territorien, die nach der Französischen Revolution unter direkter Herrschaft Frankreichs standen bzw. als so genannte Modellstaaten das französische Recht übernahmen, wie beispielsweise seit 1808 das Großherzogtum Berg mit Düsseldorf als Metropole sowie das Königreich Westphalen mit Kassel als Hauptstadt. Inzwischen hatte allerdings Napoleon I. 1808 durch sein "Schändliches Dekret" die Gleichstellung für Juden insofern geschmälert, als er deren Handel unter staatliche Aufsicht gestellt und ihre Mobilität eingeschränkt hatte. Napoleon I. berief 1806 eine jüdische Notablenversammlung (Notablen, durch Bildung, Rang und Vermögen ausgezeichnete Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht in Frankreich) ein, die die Rolle des Judentums im Staat definieren sollte. Sein jüngster Bruder Jerôme richtete als König von Westphalen in Kassel ein jüdisches Konsistorium unter dem ehemaligen Hofagenten Israel Jacobson ein, das das jüdische Gemeindeleben zentral organisieren sollte. Die anderen nicht von Frankreich abhängigen deutschen Staaten folgten mit einer mehr oder weniger weitreichenden Tolerierung ihrer Juden. Preußen erließ für die ihm nach dem Frieden von Tilsit verbliebenen Provinzen 1812 ein eingeschränktes Emanzipationsedikt, das die Juden zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern" erklärte. Zwar sollte ihre Zulassung zu öffentlichen und staatlichen Ämtern erst durch eine spätere Gesetzgebung festgelegt werden, doch konnten sie sich damit uneingeschränkt wirtschaftlich betätigen, um nach der preußischen Niederlage von 1806 zum Wiederaufbau des Staates beizutragen. Dennoch erfüllten die in mehreren deutschen Staaten nach 1800 erlassenen so genannten Emanzipationsgesetze nicht die Forderungen der Aufklärung.

Quellentext

Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782

Wir, Joseph der Zweite, von Gottes Gnaden erwählter Röm. Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches, König in Germanien, Ungarn und Böhmen usw. [...] entbieten jedermann Unsere Gnade und geben euch hiermit gnädigst zu vernehmen:

Vom Antritt Unserer Regierung an haben Wir es einen Unserer vorzüglichsten Augenmerke sein lassen, daß alle Unsere Untertanen ohne Unterschied der Nation und Religion, sobald sie in Unseren Staaten aufgenommen und geduldet sind, an dem öffentlichen Wohlstande, den Wir durch Unsere Sorgfalt zu vergrößern wünschen, gemeinschaftlichen Anteil nehmen, eine gesetzmäßige Freiheit genießen und auf jedem ehrbaren Wege zur Erwerbung ihres Unterhalts und Vergrößerung der allgemeinen Emsigkeit kein Hindernis finden sollten. [...]

7. Es bestehen demnach die Vergünstigungen, welche der jüdischen Nation durch gegenwärtige Abänderung, wodurch die letzte Judenordnung vom 5. Mai 1764 ganz außer Kraft gesetzt wird, zufließen, in folgenden:
Da Wir die jüdische Nation hauptsächlich durch besseren Unterricht und Aufklärung ihrer Jugend und durch Hinwendung auf Wissenschaften, Künste und Handwerke dem Staate nützlicher und brauchbarer zu machen, zum Ziele nehmen, so erlauben und befehlen Wir

8. gnädigst den tolerierten Juden in jenen Orten, wo sie keine eigenen deutschen Schulen haben, ihre Kinder in die christlichen Normal- und Realschulen zu schicken, um in diesen wenigstens das Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. [...]

10. Zur Erleichterung ihres künftigen Unterhalts [...] gestatten Wir ihnen gnädigst, daß sie von nun an alle Gattungen von Handwerken und Gewerben [...] bei christlichen Meistern, allenfalls auch unter sich selbst, erlernen [...] können [...].

15. Bei so vielen der Judenschaft eröffneten Erwerbswegen und dem dadurch entspringenden mannigfaltigeren Zusammenhange mit Christen fordert die Sorgfalt für die Aufrechterhaltung des gemeinschaftlichen Zutrauens, daß die hebräisch und hebräisch mit deutsch vermengte, sogenannte jüdische Sprache und Schrift abgeschafft werde [...], an deren Statt sich künftig der landesüblichen Sprachen zu bedienen ist [...].

18. Durch gegenwärtige Verordnung kommen Wir von der bisherigen Beschränkung auf bestimmte Judenhäuser ab und erlauben den tolerierten Juden, eigene Wohnungen sowohl in der Stadt als in den Vorstädten nach ihrer Willkür zu mieten. [...]

24. überhaupt alle bisher gewöhnlichen Merkmale und Unterscheidungen, wie das Tragen der Bärte, das Verbot, an Sonn- und Feiertagen vor zwölf Uhr nicht auszugehen, öffentliche Belustigungsorte zu besuchen und dergleichen, [werden] aufgehoben. Im Gegenteile wird den Großhändlern und ihren Söhnen, sowie den Honoratioren, auch Degen zu tragen erlaubt.

Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur, hg. u. erg. von Michael Tilly, Wiesbaden 2009, S. 485 ff.

Quellentext

Edikt, betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate vom 11. März 1812

Wir, Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden, König in Preußen usw., haben beschlossen, den jüdischen Glaubensgenossen in unserer Monarchie eine neue, der allgemeinen Wohlfahrt angemessene Verfassung zu erteilen, erklären alle bisherigen, durch das gegenwärtige Edikt nicht bestätigten Gesetze und Vorschriften für die Juden für aufgehoben und verordnen wie folgt:

§ 1. Die in Unsern Staaten jetzt wohnhaften, mit Generalprivilegien, Naturalisationspatenten, Schutzbriefen und Konzessionen versehenen Juden und deren Familien sind für Inländer und preußische Staatsbürger zu achten.

§ 2. Die Fortdauer dieser ihnen beigelegten Eigenschaft als Inländer und Staatsbürger wird aber nur unter der Verpflichtung gestattet, daß sie fest bestimmte Familiennamen führen und daß sie nicht nur bei Führung ihrer Handelsbücher, sondern auch bei Abfassung ihrer Verträge und rechtlichen Willenserklärung der deutschen oder einer anderen lebenden Sprache und bei ihren Namensunterschriften keiner anderen als deutscher oder lateinischer Schriftzüge sich bedienen sollen.

§ 3. Binnen sechs Monaten, von dem Tage der Publikation dieses Edikts an gerechnet, muß ein jeder geschützte oder konzessionierte Jude vor der Obrigkeit seines Wohnorts sich erklären, welchen Familiennamen er beständig führen will. Mit diesem Namen ist er sowohl in öffentlichen Verhandlungen und Ausfertigungen als im gemeinen Leben gleich einem jeden andern Staatsbürger zu benennen. [...]

§ 7. Die für Inländer zu achtenden Juden hingegen sollen, insofern diese Verordnung nichts Abweichendes enthält, gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten mit den Christen genießen.

§ 8. Sie können daher akademische Lehr- und Schul-, auch Gemeindeämter, zu welchen sie sich geschickt gemacht haben, verwalten.

§ 9. Inwiefern die Juden zu andern öffentlichen Bedienungen und Staatsämtern zugelassen werden können, behalten Wir Uns vor, in der Folge der Zeit gesetzlich zu bestimmen.

§ 10. Es stehet ihnen frei, in Städten sowohl als auf dem platten Lande sich niederzulassen.

§ 11. Sie können Grundstücke jeder Art gleich den christlichen Einwohnern erwerben, auch alle erlaubten Gewerbe mit Beobachtung der allgemeinen gesetzlichen Vorschriften treiben. [...]

§ 14. Mit besonderen Abgaben dürfen die inländischen Juden als solche nicht beschwert werden.

§ 15. Sie sind aber gehalten, alle den Christen gegen den Staat und die Gemeine ihres Wohnorts obliegenden bürgerlichen Pflichten zu erfüllen und, mit Ausnahme der Stolgebühren [Abgaben für kirchliche Aufgaben, Red.], gleiche Lasten wie andere Staatsbürger zu tragen. [...]

§ 39. Die nötigen Bestimmungen wegen des kirchlichen Zustandes und der Verbesserung des Unterrichts der Juden werden vorbehalten, und es sollen bei der Erwägung derselben Männer des jüdischen Glaubensbekenntnisses, die wegen ihrer Kenntnisse und Rechtschaffenheit das öffentliche Vertrauen genießen, zugezogen und mit ihrem Gutachten vernommen werden.
(gez.) Friedrich Wilhelm

Julius Höxter, Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur, hg. u. erg. von Michael Tilly, Wiesbaden 2009, S. 508 f.



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