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Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1815-1933: Emanzipation und Akkulturation

Soziale und wirtschaftliche Entfaltung

Trotz dieser negativen Begleitumstände erlebten die deutschen Juden im 19. Jahrhundert einen einmaligen Aufstieg. Es ist umstritten, ob die jüdische Minderheit trotz oder gerade wegen der Einschränkungen durch Staat und Gesellschaft den Aufstieg in den Mittelstand schaffte. Ihre Zahl stieg auf dem Gebiet des späteren Deutschen Kaiserreichs von circa 257000 (1816/17) auf etwa 400000 (1848), womit die Wachstumsrate zehn Prozent über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung lag, und weiter auf 470000 in den 1860er Jahren. Im Kaiserreich wuchs die jüdische Bevölkerung zwischen 1871 und 1912, dem Jahr der letzten Volkszählung vor dem Ersten Weltkrieg, von 512000 (1,25 Prozent der Gesamtbevölkerung) auf 615000 (0,95 Prozent). Trotz nominalen Anstiegs war der prozentuale Anteil also rückläufig, was mit der sinkenden Kinderzahl in den jüdischen Familien zusammenhing, der durch Zuwanderung nicht ausgeglichen werden konnte. Hatten die Juden in Deutschland im 18. Jahrhundert weitgehend auf dem Land gelebt, so setzte mit der allmählich wachsenden Freiheit der Wohnortwahl der Zuzug in die großen Städte ein. In manchen Großstädten stieg die Zahl der jüdischen Einwohner häufig in nur 20 Jahren um das Doppelte oder gar Dreifache. In Berlin zum Beispiel lebten 1852 weniger als 10000 Juden, 1871 waren es bereits 36000. Selbst in den Ruhrstädten, deren Einwohnerzahl mit der Industrialisierung enorm anstieg, war der gleiche Trend zu beobachten.

Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den deutschen Staaten 1852-1871 (in 1000)Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den deutschen Staaten 1852-1871 (in 1000)
Ab den 1850er Jahren gewann auch der soziale Aufstieg an Dynamik. Die Juden folgten hier nicht der einst von Christian von Dohm vorgeschlagenen und nach 1815 von den Beamten und großen Teilen der Öffentlichkeit geforderten "Produktivierung" in den traditionellen Berufen. Stattdessen nutzten sie die besseren Aufstiegsmöglichkeiten im kommerziellen Sektor, der sich nun im Zeitalter des Kapitalismus fulminant entfaltete. Gekennzeichnet ist dieser Prozess durch die Umschichtung vom traditionellen Hausierer- und Trödelhandel zum Klein- bzw. Großhandel, verbunden mit der Eröffnung von Ladenlokalen in besserer bzw. bester städtischer Zentrallage. Mit fortschreitender Industrialisierung gelang es ehemaligen jüdischen Textilverlegern, ihre dezentralisierten Manufakturen zu Fabriken weiterzuentwickeln. Während sich im Westen jüdische Unternehmer in der Textil-, Nahrungs- und Genussmittelindustrie etablierten, gelang im Osten, vor allem in Schlesien, darüber hinaus auch der Einstieg in die Schwerindustrie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es auch in der Elektro- und Chemischen Industrie einige erfolgreiche jüdische Unternehmer. Die weiterhin auf den Dörfern lebenden Juden übernahmen nur sehr vereinzelt landwirtschaftliche Betriebe; ihre Einnahmequelle blieb hauptsächlich der Landhandel, insbesondere der Viehhandel, häufig auch kombiniert mit der Geldleihe. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten sie weitgehend zur dörflichen gehobenen Mittel- bzw. Oberschicht, was sich in ihrem besseren Lebensstil nach städtischem Vorbild ausdrückte bzw. in den Aufstiegschancen, die sie ihren Kindern boten. Mit Zunahme der Landindustrie (Sägewerke, Lebensmittelverarbeitung, Landmaschinenfabrikation) etablierten sich jüdische Unternehmer auch dort. Der Vieh- und Kornhandel jüdischer Händler verlagerte sich jedoch als Folge der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur durch den Eisenbahnbau immer stärker in die Großstädte.

Auffallend rückläufig ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der jüdischen Armen. Zählten in den 1840er Jahren noch circa 40 bis 50 Prozent der Juden in Deutschland zu den marginalisierten Schichten, so waren es 1858 in Preußen nur noch 2,2 Prozent der jüdischen Bevölkerung, die von Almosen oder Bettelei lebten. Dies war in erster Linie der Leistung jüdischer Wohlfahrtsvereine zu verdanken, die - wie in Hamburg - ihre Tätigkeit selbst dann aufrecht erhielten, als nach der bürgerlichen Gleichstellung der Juden das öffentliche Armenwesen auch für diese zuständig war. Umgekehrt waren zahlreiche Sozialstiftungen reicher Juden nicht nur für jüdische Arme, sondern für alle zugängig. Diese Stiftungen entsprangen vielfach dem sozialen Engagement der jüdischen Oberschicht, deren Repräsentanten sich als reiche Kaufleute oder Bankiers etabliert hatten. Unter den Bankiers kam eine große Zahl aus dem traditionellen Hofagententum wie die Familien Rothschild oder Oppenheim. Nicht alle in dieser Gruppe blieben dem Judentum treu; manche konvertierten und wurden dann vielfach geadelt. Aber es gab auch eine große Gruppe jüdischer Geschäftsleute, die die Kombination von Handel und Geldgeschäft zugunsten des Geldgeschäfts aufgegeben hatten. Auf lokaler oder regionaler Ebene spielten sie eine wichtige Rolle für die Entwicklung der städtischen Infrastruktur oder der Industrie. Ihre Banken gingen allerdings um die Jahrhundertwende weitgehend in Bankvereinen oder Großbanken auf.

Typisch war für die jüdische Minderheit das Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit, so auch verstärkt ab den 1870er Jahren in akademischen Berufen, vor allem als Ärzte und Rechtsanwälte. Dies hing wohl auch damit zusammen, dass manche akademische Berufe selbst nach der Emanzipation für Juden schwer zugänglich blieben, etwa Positionen als Hochschullehrer, Staatsanwälte, Richter oder im Offizierskorps. Diese Einschränkung galt weitgehend für den gesamten Staatsdienst, obwohl 1868 mit Moritz Ellstädter der erste Jude in Deutschland Minister wurde, und zwar Finanzminister in Baden. Bereits 1860 war Gabriel Riesser Richter am Hamburger Obergericht geworden. Die starke Konzentration auf die unabhängigen Berufe führte zu einer Überrepräsentation jüdischer Berufstätiger in der Berufssparte der Ärzte und Rechtsanwälte. Auch in den kaufmännischen Berufen war dies der Fall. Im politischen Bereich gelang bis zur Revolution von 1848 der Einstieg nur auf lokaler Ebene als Stadträte. Doch auch hier verhielten sich die Regierungen restriktiv. So nahm in Preußen die revidierte Stadtordnung von 1831 Juden das Recht, Bürgermeister zu werden. Erst 1870 hatte sich ein jüdisches Wirtschaftsbürgertum herausgebildet, dem die bürgerliche Gleichstellung bzw. Emanzipation, wie man zeitgenössisch sagte, nicht mehr verweigert werden konnte. Die jüdische Minderheit erreichte dies weitgehend durch eigene Anstrengungen, durch Selbstemanzipation, nicht durch das großzügige Entgegenkommen der christlichen Mehrheitsgesellschaft.

Aufstieg ins Bildungsbürgertum

Neben den wirtschaftlichen Erfolgen waren es die Anstrengungen jüdischer Intellektueller auf geistigem Gebiet, die im beginnenden 19. Jahrhundert letztlich zur Emanzipation führten. Eine wichtige Bedeutung kommt hier dem 1819 in Berlin unter der Ägide des bekannten Juristen Eduard Gans gegründeten "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" zu. Gemäß Vereinsstatuten sollten die Juden durch einen von innen heraus sich entwickelnden Bildungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie lebten, in Harmonie gebracht werden - für diese Idee einer kulturellen Integration stand der Begriff der "Akkulturation". Sie bedeutete für die Vereinsmitglieder keineswegs die Preisgabe jüdischer Kultur, im Gegenteil: sie betonten deren Bedeutung für die europäische Kultur. Deshalb sammelten und publizierten sie hebräische Kulturgüter. Wenn dieser Verein, dem kurzfristig auch Heinrich Heine angehörte, nach kurzer Zeit scheiterte, so geht auf ihn doch die Gründung der jüdischen Wissenschaften zurück. Allerdings weigerten sich die deutschen Universitäten, Professuren für Judaica-Wissenschaften einzurichten. Einen gewissen Ersatz bot das von dem Kommerzienrat Jonas Fraenkel 1854 gestiftete Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau, das zum Vorbild weiterer Gründungen vor allem in den USA wurde. In Breslau lehrte der bedeutende jüdische Historiker Heinrich Graetz. Die ehemaligen Mitglieder des Vereins setzten sich in der Folgezeit für die Ausbildung jüdischer Lehrer ein, die in den jüdischen Schulen den Schülern und Schülerinnen neben der religiösen Bildung auch die allgemein bildenden Fächer vermitteln sollten. Ein Handicap war allerdings, dass diese Lehrer nicht vom Staat, sondern von den jüdischen Gemeinden bezahlt werden mussten, was wegen der zu geringen Besoldung zu häufigem Lehrerwechsel führte. Viele jüdische Kinder wechselten seit den 1840er Jahren auf die Gymnasien über, so dass neben dem Wirtschaftsbürgertum im 19. Jahrhundert auch ein jüdisches Bildungsbürgertum entstand, aus dem nicht nur bedeutende Wissenschaftler, sondern auch zahlreiche Künstler und Literaten hervorgingen.

Quellentext

Jüdisch-Theologisches Seminar zu Breslau

Die auf Anregung des in Breslau amtierenden Reformrabbiners Abraham Geiger begründete Einrichtung knüpfte mit ihrem Programm einer wissenschaftlich fundierten Rabbinerausbildung an Konzeptionen an, wie sie seit den 1820er-Jahren in den Debatten um eine Wissenschaft vom Judentum formuliert worden waren. Zum ersten Direktor des Seminars wurde Zacharias Frankel berufen, der als moderater Reformer eine vermittelnde Rolle zwischen Reform und Orthodoxie einzunehmen versuchte. Sein Konzept eines positiv-historischen Judentums prägte die Ausrichtung des Seminars, sodass dessen Absolventen sowohl als liberale als auch als konservative Rabbiner in jüdischen Gemeinden Deutschlands tätig waren. Über 700 Studenten wurden bis zur Auflösung des Seminars im November 1938 hier ausgebildet, 249 erhielten die Ordination als Rabbiner. Bekannte jüdische Gelehrte wie die Historiker Heinrich Graetz und Marcus Brann oder die Altphilologen Jacob Bernays und Jacob Freudenthal lehrten und forschten an dieser Einrichtung. Am Seminar herausgegeben wurde die von Frankel begründete "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", eine der führenden und auch international beachteten Zeitschriften für jüdische Geschichte, Philosophie und Religion.

Andreas Reinke, Geschichte der Juden in Deutschland 1781 - 1933, Darmstadt 2007, S. 66

Säkularisierung und Reformjudentum

Die Öffnung zur Kultur der Allgemeingesellschaft führte im Judentum zu einer Identitätskrise, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung um die richtige Form des Gottesdienstes und des jüdischen Alltagslebens dokumentierte. Der Entfremdung vor allem junger Juden vom Judentum seit der Aufklärungszeit versuchte eine progressive Avantgarde durch eine Reform des Gottesdienstes entgegenzuwirken. 1810 hatte der Präsident des Kasseler (jüdischen) Konsistoriums Israel Jacobson den Gottesdienst mit deutscher Predigt und Orgelmusik eingeführt. Dies nahm in Hamburg 1817 der dort gegründete Tempelverein auf und wurde somit zum Vorbild einer großen Zahl von Synagogengemeinden, die mit ihrem Ritus modernen ästhetischen Ansprüchen genügen wollten. So entstanden die liberalen jüdischen Gemeinden.

Die orthodoxen Gemeinden, die bald in die Minderheit gerieten, versuchten die traditionelle Form des Gottesdienstes aufrecht zu erhalten. Doch gab es auch hier Reformer, die die so genannte Neoorthodoxie begründeten. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Hauptströmungen, den Orthodoxen und Liberalen, klangen nach 1850 ab, doch ging der Säkularisierungsprozess weiter. Es entstand eine säkulare Form jüdischer Identität. Man blieb formell Mitglied der jüdischen Gemeinde, richtete sein Alltagsleben aber nicht nach deren Forderungen aus. So bildete sich ein jüdisches Milieu, dem auch zum Christentum Konvertierte treu blieben. Man verkehrte im jüdischen Bekanntenkreis, heiratete untereinander, lebte in jüdischen Wohnquartieren, die sich nach Auflösung der ehemals erzwungenen jüdischen Wohnviertel nun aus eigener Initiative gebildet hatten, wie etwa dem Hamburger Grindel-Viertel. Eine wichtige Rolle für dieses jüdische Selbstverständnis spielten die jüdischen Vereine, die sich mit jüdischer Kultur, aber auch Wohlfahrt befassten. Bei aller liberaler Haltung und trotz immer wieder erfolgender Zurückweisung durch die Allgemeingesellschaft war der deutsche Patriotismus unter den Juden weit verbreitet. Das blieb auch so, als sich angesichts des immer stärker werdenden Antisemitismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Nationaljudentum und in seiner konsequentesten Form der Zionismus herausbildete. Diese Bewegung, die einen eigenen jüdischen Staat in Palästina anstrebte, fand in Deutschland nur sehr wenige Anhänger.

Kampf um die Emanzipation

Nur vereinzelt gab es in der christlichen Mehrheitsgesellschaft im Vormärz Stimmen, die sich für eine vollständige Gleichstellung der Juden aussprachen, so der Rheinische Provinziallandtag von 1843 und 1845. Die Emanzipation der Juden war ein langer Prozess, der sich seit dem Aufklärungszeitalter fast 100 Jahre hingezogen hatte. Die meisten Vertreter des Liberalismus, besonders aber die Konservativen versuchten sie nach wie vor zu verhindern. Es waren vor allem Juden, etwa die Dichter Heinrich Heine und Ludwig Börne, die energisch für die Gleichstellung kämpften und die Emanzipation der Juden als einen Teil der Gesamtemanzipation im immer noch feudalistisch geprägten deutschen Staat verstanden. Der bedeutendste Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden war seit den 1830er Jahren der Hamburger Jurist Gabriel Riesser. Den Verhinderungsstrategien der Emanzipationsgegner setzte er eine klare Position entgegen: Die Juden erfüllen im Staat die gleichen Pflichten wie die anderen Bürger, also stehen ihnen auch die gleichen Rechte zu. Mit dieser Position setzte er sich durch, als er im Revolutionsjahr 1848 in das deutsche Parlament, die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche, gewählt worden war. Zum ersten Mal hatten bei diesen Wahlen Juden das uneingeschränkte aktive und passive Wahlrecht. Nach einer beeindruckenden Rede Riessers sprach sich im August 1848 die Mehrheit des Parlaments für die Gleichstellung der Juden aus. Auch wenn nach dem Scheitern der Revolution in den einzelnen Bundesstaaten noch 20 Jahre lang Hindernisse aufgebaut wurden, war damit der Durchbruch erreicht. Riesser selbst wurde 1860 in Hamburg zum ersten jüdischen Richter in Deutschland ernannt. 1869 erklärten unter Führung Preußens der Norddeutsche Reichstag und 1871 nach Bildung des Deutschen Reiches der gesamtdeutsche Reichstag die bürgerliche Gleichstellung der Juden zum Gesetz. Zu Recht konnte bereits 1850 der Rabbiner Ludwig Philippson, Herausgeber der bedeutenden "Allgemeinen Zeitung des Judentums", an die Mehrheitsgesellschaft gerichtet schreiben: "Ihr emanzipiert die Juden nicht; sie selbst haben sich emanzipiert, ihr vollendet nur die äußere Emanzipation." Die Juden waren damit nicht nur zu gleichberechtigten Bürgern geworden, sondern sie bildeten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar eine Kerngruppe des deutschen Bürgertums.

Quellentext

Die hohe Sache der Gleichheit

Meine Herren! Es hat in einer früheren Diskussion, wo es sich um bevorzugte Stände handelte, ein geehrter Redner mit voller Befugnis das Recht in Anspruch genommen, vor Ihnen im Namen des bevorzugten Standes, dem er angehört, zu reden und denselben zu verteidigen. Ich nehme das Recht in Anspruch, vor Ihnen aufzutreten im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten Klasse, der ich angehöre durch die Geburt, und der ich - denn die persönliche religiöse Überzeugung gehört nicht hierher - ferner angehöre durch das Prinzip der Ehre, das mich hat verschmähen lassen, durch einen Religionswechsel schnöde versagte Rechte zu erwerben. Im Namen dieser unterdrückten Volksklasse gegen gehässige Schmähungen vor Ihnen das Wort zu ergreifen, dieses Recht nehme ich in Anspruch. [...]

Ich selbst habe unter den Verhältnissen der tiefsten Bedrückung gelebt, und ich hätte bis vor kurzem in meiner Vaterstadt nicht das Amt eines Nachtwächters erhalten können. Ich darf es als ein Werk, ich möchte sagen, als ein Wunder des Rechts und der Freiheit betrachten, daß ich befugt bin, hier die hohe Sache der Gerechtigkeit und der Gleichheit zu verteidigen, ohne zum Christentum übergegangen zu sein. Und so lebe ich denn der festen Zuversicht, daß die gute Sache bereits gesiegt hat, ungeachtet der letzten Aufwallungen des bösen Willens von wenigen Seiten her. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, gleiche Rechte zu geben für aktive und passive Wählbarkeit, für das hohe Werk der Gesetzgebung, solange noch die verletzendsten Ausnahmegesetze in niederen Sphären bestehen. Durch diese Ausnahmegesetze würde das höchste politische Recht geschändet werden, das Sie zum Gemeingut aller Deutschen machen wollen, ohne allen Unterschied der Konfession [...].
Die Juden werden immer begeistertere und patriotischere Anhänger Deutschlands unter einem gerechten Gesetze werden. Sie werden mit und unter den Deutschen Deutsche werden. Vertrauen Sie der Macht des Rechts, der Macht des einheitlichen Gesetzes und dem großen Schicksale Deutschlands. Glauben Sie nicht, daß sich Ausnahmegesetze machen lassen, ohne daß das ganze System der Freiheit einen verderblichen Riß erhalte, ohne daß der Keim des Verderbens in dasselbe gelegt würde. Es ist Ihnen vorgeschlagen, einen Teil des deutschen Volkes der Intoleranz, dem Hasse als Opfer hinzuwerfen; das werden Sie aber nimmermehr tun, meine Herren!

Aus der Rede Gabriel Riessers im Frankfurter Parlament am 29. August 1848.

Julius Höxter, Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur, hg. u. erg. von Michael Tilly, Wiesbaden 2009, S. 517 ff.



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