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Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1815-1933: Emanzipation und Akkulturation

Die Zeit der Weimarer Republik

Die Zeit der Weimarer Republik ist für die Geschichte der Juden äußerst ambivalent. Auf der einen Seite waren alle Beschränkungen, die es zur Kaiserzeit noch gab, gefallen, und für Juden standen nun alle Positionen offen; auf der anderen Seite aber werden aus heutiger Sicht Zeichen eines Niedergangs und einer Krise deutlich. Dies belegen zum Beispiel demographische und soziale Veränderungen: Gab es 1925 noch 564 379 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland (0,9 Prozent der Gesamtbevölkerung), so waren es im Juni 1933 nur noch 499 682, nachdem angesichts der Terroraktionen der Nationalsozialisten an die 30000 Juden das Land verlassen hatten. Für den Rückgang der jüdischen Bevölkerung waren mehrere Faktoren verantwortlich: zum einem der Rückgang der Kinderzahl sowie eine stärkere Überalterung der jüdischen Gruppe im Vergleich zur Allgemeingesellschaft. Zum anderen war die steigende Zahl der jüdisch-christlichen "Mischehen", deren Kinder weitgehend christlich erzogen wurden, nicht ohne Einfluss. Zwar gab es eine verstärkte Zuwanderung so genannter Ostjuden, doch konnte diese die negative Bilanz nicht ausgleichen. Eine wissenschaftliche Diagnose des Arztes Felix Thalheimer hatte schon 1911 den "Untergang der deutschen Juden" - so der Buchtitel - prognostiziert; eine These, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft mit Vorschlägen zur Abhilfe heftig diskutiert wurde. Die jüdische Minderheit hatte sich schon recht früh der modernen urbanen Entwicklung der Gesellschaft angepasst und ihre Kinderzahl darauf eingestellt. 1933 lebten 70 Prozent der deutschen Juden in einer Großstadt, davon allein 170000 in Berlin, gefolgt von Frankfurt am Main mit 29000, Breslau mit 23000, Hamburg mit 20000, Köln mit 16000, Leipzig mit 13000 und schließlich München mit 10000 jüdischen Einwohnern. Die meisten zählten zum Mittelstand, wobei neben den Freiberuflern die Zahl der jüdischen Angestellten stark angestiegen war. Mit der Zuwanderung der "Ostjuden" hatte sich im Ruhrgebiet und in Berlin ein - wenn auch nicht starkes - jüdisches Proletariat entwickelt. Die akkulturierten, das heißt an die deutsche Kultur angepassten deutschen Juden registrierten diese Zuwanderung mit gemischten Gefühlen. Die Bildung neuer Staaten im Osten nach dem Ersten Weltkrieg war verbunden mit antisemitischen Ausschreitungen und hatte den Zuzug nach Westen verstärkt. So gab es solche Ausschreitungen 1919 mit Todesopfern im polnischen Wilna und Lublin sowie 1920 im lettischen Riga und im polnischen Lemberg. Etwa 60000 der geflüchteten "Ostjuden" blieben in Deutschland. Zur Zeit der Weimarer Republik waren circa 15 bis 17 Prozent (= etwa 85000) der Juden in Deutschland so genannte Ostjuden. Etwa 56000 von ihnen besaßen die polnische Staatsangehörigkeit. Im Berliner Scheunenviertel entstand ein typisches Schtetl mit eigener ostjüdischer Kultur. Einigen von ihnen gelang ein ökonomischer Aufstieg, sie akkulturierten sich und zogen in den Westen der Stadt.

Offene Judenfeindschaft und Gewalt

Wie schon zur Kaiserzeit, so bildeten vor allem in Krisenzeiten wie während der Inflation von 1923 die "Ostjuden" ein bevorzugtes Angriffsziel der Antisemiten. Im Berliner Scheunenviertel wurden jüdische Geschäfte geplündert und Juden misshandelt. Die Polizei schaute dem lange zu, ohne einzugreifen. Aus Bayern, in dem Hitler, Ludendorff und weitere Putschisten am 9. November 1923 versucht hatten, die Macht an sich zu reißen, waren die Ostjuden ausgewiesen worden. Viele akkulturierte jüdische Bürger sahen das Verhalten staatlicher Organe mit banger Skepsis. Am gleichen 9. November 1923 kommentierte die "Jüdische Rundschau" die Vorgänge im Scheunenviertel als "Schicksalsstunde des deutschen Judentums". An dem "Pogrom" seien "weite Kreise der Bevölkerung" mit "hasserfüllten Gesichtern" beteiligt gewesen, hieß es in dieser Zeitung. Der Judenhass wurde von über 100 deutschen völkischen Zirkeln propagiert, die sich nach dem Krieg gebildet hatten; am stärksten unter ihnen war der "Deutsche Schutz- und Trutzbund". Ihre Propaganda gab den Juden die Schuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Forderungen des Versailler Vertrags. Dabei beriefen sich ihre Propagandisten auf eine angebliche "jüdische Weltverschwörung", die mit den "Protokollen der Weisen von Zion" bewiesen werden sollte. Dieses Pamphlet, das ins Deutsche übersetzt und in 100000 Exemplaren verbreitet wurde, war eine Fälschung des zaristischen russischen Geheimdienstes. Angeblich sollten nach dieser Schrift jüdische Weise die Ergreifung der Weltherrschaft durch die Juden geplant haben. Die Schrift heizte auch in Deutschland die antisemitische Stimmung an. Schon im Juni 1922 war der Außenminister Walther Rathenau, der von den antisemitischen Gruppen als "jüdischer Erfüllungsgehilfe" verunglimpft wurde, von der rechtsradikalen Organisation Consul ermordet worden. Das daraufhin erlassene Republikschutzgesetz ermöglichte 1922/23 das Verbot dieser Zirkel, woraufhin in der Stabilisierungsphase der Republik (1924-1929) die antisemitischen Aktionen nachließen, die antisemitischen Einstellungen unterschwellig aber erhalten blieben.

Quellentext

Walther Rathenau

Der 1867 als erster von zwei Söhnen Emil Rathenaus, des Begründers der Deutschen Edison-Gesellschaft, die 1887 in die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) umgewandelt wurde, geborene Walther war als Kind eher musisch begabt. [...]Früh wurde er jedoch in das väterliche Unternehmen eingebunden und studierte neben Philosophie vor allem Physik und Chemie in Berlin und Straßburg, später noch Maschinenbau und Elektrotechnik in München. Mit 32 Jahren wurde er Vorstandsmitglied der AEG und leitete die Abteilung Kraftwerkbau. [...] Ab 1902 war Rathenau Aufsichtsratsvorsitzender der Firma und pflegte auch als Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft umfangreiche internationale Beziehungen. 1904 erfolgte die Wahl in den Aufsichtsrat der AEG und in den Verwaltungsrat der Brown Boveri in Baden. Im selben Jahr wurde Walther Rathenau auch in den Verwaltungsrat der Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich gewählt (zunächst Elektrobank genannt, dann umfirmiert in Elektrowatt), einer Gründung unter der Führung der AEG. Er amtierte als Delegierter des Verwaltungsrates dieser Schweizer Gesellschaft in Berlin.

Als überaus luzider, vielgereister Weltbürger und preußischer Patriot verfasste Rathenau Essays und Analysen zu Themen der Zeit und führte eine ausgedehnte Korrespondenz mit zahlreichen wichtigen Zeitgenossen aus Wissenschaft, Politik und Kultur. Er besuchte literarische Zirkel und war Präsident des Automobil-Clubs am Pariser Platz, wo er sich mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Geistesleben traf: Er wirkte auch als Mäzen und fertigte - in seinem Landsitz Freienwalde - selber Pastellbilder und Bleistiftstudien, schließlich war der Maler Max Liebermann sein Onkel. Der vielseitig Begabte bewegte sich, wie für das deutsche Großbürgertum üblich, im Kreis von Wirtschaftsführern und Intellektuellen, unter ihnen zahlreiche assimilierte und nicht selten seit mehr als einer Generation konvertierte Juden.
Für ihn selber kam die Taufe als Strategie gegen den Ausschluss aus bestimmten Funktionen der preußischen Gesellschaft nicht in Frage. [...]
Rathenau als im Großbürgertum integrierter und erfolgreicher Unternehmer hatte durchaus auch die Grenzen erfahren, die der preußische Staat den Juden setzte: Nachdem er 1890/91 als Freiwilliger Militärdienst geleistet hatte, blieb ihm der Aufstieg in die angestrebte Position des Reserveoffiziers im preußischen Heer verwehrt. [...]
1914, nach der Mobilmachung vom 1. August, wurde Rathenau mit dem Aufbau der Kriegsrohstoffabteilung im preußischen Kriegsministerium beauftragt. Nach dem Krieg entsandte Reichskanzler Joseph Wirth den sprachkundigen Sachverständigen zu heiklen außenpolitischen Verhandlungen. Er war der erste Deutsche, der nach der Niederlage des Kaiserreiches wieder angehört wurde, so in den Reparationsverhandlungen in Cannes im Januar 1922, wo er die verzweifelte Lage Deutschlands darstellen konnte und beteuerte, sein Land sei bereit, die Forderungen der Alliierten "bis zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu erfüllen und (wolle) darüber hinaus mit den Westmächten und Russland zusammen Ost- und Zentraleuropa wieder aufbauen". Diese Willenserklärung Rathenaus wurde von seinen politischen Gegnern als gegen Deutschland gerichtet gedeutet, obwohl die Formulierung "bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit" auf die Einsicht der Alliierten zielte, exzessive Forderungen seien mit der Zeit zu mäßigen.
Seit Ende Januar 1922 Außenminister, unterzeichnete Rathenau in Rapallo mit der sowjetischen Delegation am 16. April 1922 jenen Vertrag, laut dem gegenseitig auf Ersatz von Kriegskosten und Zivilschäden verzichtet werden sollte, Deutschland und seine Staatsbürger überdies die von Sowjetrussland nationalisierten Vermögenswerte nicht zurückfordern würden. Dafür wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und Berlin beschlossen und im Handel die Meistbegünstigung eingeräumt.
Während die Reparationszahlungen an den jungen Sowjetstaat also entfielen, wurden sie umso energischer von Frankreich eingefordert. Auf Rathenau fokussierte sich fortan der Hass der deutschnationalen Kreise, die in ihm den "Erfüllungspolitiker" sahen und zudem einen "Rassenfremden" und "Vertreter des Weltjudentums", der Deutschland dem Bolschewismus ausliefern wolle.
Am 24. Juni 1922 wurde er im offenen Wagen, auf dem Weg zum Außenministerium, vor seiner Haustür in Grunewald von einem rechtsextremen Kommando junger Offiziere ermordet. [...]
Dass Walther Rathenau bei all seiner Vaterlandsliebe und seinen Verdiensten für die Heimat dennoch als Jude gehasst und schließlich ermordet wurde, zeugt von der Tragik der deutsch-jüdischen Symbiose, einer Tragik, deren ungeheuerliche Dimension ja erst noch bevorstand.

Regula Heusser-Markun, "Reminiszenzen einer tragischen Symbiose", in: aufbau Nr. 7/8 vom Juli/August 2008, S.19 ff.

Sinkende wirtschaftliche Bedeutung

Die von den Antisemiten immer wieder behauptete Beherrschung des Wirtschaftslebens durch die Juden war Propaganda. Zwar gab es noch einige bedeutende jüdische Privatbanken wie die Warburg-Bank in Hamburg oder die Hirschfeld-Bank in Essen, aber an den wichtigeren großen Aktienbanken lag der Anteil jüdischer Besitzer nur noch bei einem Prozent und entsprach damit dem jüdischen Bevölkerungsanteil. Einen dominierenden Anteil mit circa 40 Prozent hatten jüdische Bürger lediglich in der Textilindustrie. Hier waren auch die meisten jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen, etwa 22000, beschäftigt. Sonst aber gab es keine Industriebranche mehr, in der jüdische Unternehmer eine Rolle spielten - weder bei der AEG, wo die Familie Rathenau ausgeschieden war, noch in der HAPAG, nachdem Albert Ballin am 9. November 1918 durch Selbstmord sein Leben beendet hatte. Im Pressewesen hatten die Berliner Verlage Mosse und Ullstein eine bedeutende, aber nicht monopolartige Stellung. Den Einfluss, den jüdische Unternehmer in der Kaiserzeit hatten, haben sie zur Zeit der Weimarer Republik nicht halten können. Der jüdische Mittelstand, der kaum über Grundbesitz verfügte, hatte stark unter der Inflation gelitten: Viele seiner Mitglieder verarmten und mussten von der "Jüdischen Wohlfahrtspflege" unterstützt werden. Selbst im Konsolidierungsjahr 1926 heißt es im Protokoll der Hauptversammlung des Centralvereins: "Die Entwicklung auf wirtschaftlichem Gebiet [...] ist stellenweise als bedrohlich anzusehen." Auch die Weltwirtschaftskrise traf den jüdischen Mittelstand besonders hart: Bereits 1930 musste in Berlin ein Viertel der jüdischen Gemeindemitglieder durch die "Jüdische Wohlfahrtspflege" unterstützt werden, in Breslau war es sogar ein Drittel. Mit dem Niedergang des Liberalismus - der politischen Heimat der meisten Juden - am Ende der Weimarer Republik war auch der Antisemitismus wieder stärker geworden, der die Juden vor allem im Wirtschaftsleben durch Entlassungen hart traf.

Vielfalt und Blüte geistiger Strömungen

Im Gemeindeleben hatten sich die Juden der demokratischen Entwicklung - wenn auch mit Verzögerung - angepasst. Umstritten war zwischen Orthodoxen und Liberalen das passive, nicht aber das aktive Frauenwahlrecht bei den Gemeindewahlen. In Hamburg zum Beispiel wurde es erst 1930 eingeführt. Trotz der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der dann folgenden antisemitischen Aktionen blieb der weltanschauliche Gegensatz zwischen dem Centralverein (CV) mit 300000 Mitgliedern und den Zionisten mit circa 33000 Mitgliedern bestehen. Der CV betonte nach wie vor, jüdisch und deutsch zu sein, während die Zionisten die Auswanderung nach Palästina propagierten, um dort ein eigenes, vor dem Antisemitismus schützendes jüdisches Staatswesen zu errichten. Davon unabhängig agierte der "Verband der Ostjuden", der eine eigene Subkultur entwickelte, die aber durchaus Einfluss auf die Kultur der deutschen Juden insgesamt ausübte. Gelehrte wie Martin Buber, Gershom Scholem und Franz Rosenzweig sahen im Ostjudentum eine Quelle religiöser und jüdisch-nationaler Erneuerung. Werke aus dem Jiddischen wurden ins Deutsche übersetzt, und Martin Buber pries den Chassidismus als lebendige Religion. Diese "jüdische Renaissance" fand ihren Ausdruck in der Errichtung des Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt am Main durch Franz Rosenzweig und Martin Buber sowie in einer neuen Übersetzung der hebräischen Bibel. Die deutschen jüdischen Leser, des Hebräischen nicht mehr mächtig, sollten hier die sprachliche Eigenart des Hebräischen nachempfinden können. Doch war dies weitgehend nur ein Angebot; die meisten Juden fühlten sich in ihrer säkularen jüdischen Kultur, die sie als Teil der allgemeinen Kultur in Deutschland verstanden, zu Hause. Solange sie in einem Rechtsstaat lebten, konnten sie trotz aller antisemitischen Angriffe die durch die Emanzipation erreichte Gleichberechtigung als gesichert ansehen. Die Hoffnung auf den deutschen Rechts- und Kulturstaat blieb bei vielen Juden deshalb auch nach 1933 wach, als die meisten Deutschen die Vernichtung dieses Rechtsstaats durch die beginnende Diktatur begrüßten.

Quellentext

Juden im Erwerbs- und Geistesleben der Weimarer Republik

Das Grundmuster [der] Berufsverteilung hatte sich frühzeitig herausgebildet und im Verlauf des 19. Jahrhunderts stabilisiert. Seither war es mit der typischen Beharrungskraft kleiner Minderheiten, die den bewährten Zugang zu Erwerbschancen erfolgreich verteidigen, beibehalten worden. Nach dem Krieg übte die kommerzielle Tätigkeit allerdings eine spürbar geringere Anziehungskraft aus, wogegen das Studium und der Weg in die Freien Berufe oder aber die Entscheidung für eine Angestelltenexistenz zunahmen.[...]

Die jüdische Wirtschaftselite verstand es, ihre Stellung im Bankenwesen zu behaupten. Die Hälfte aller privaten Großbanken - darunter so renommierte Häuser wie Mendelssohn, Bleichröder, Warburg, Wassermann, Arnhold und Oppenheim - war trotz des Konzentrationsprozesses in ihrem Besitz geblieben. Darüber hinaus spielten jüdische Bankiers im Vorstand oder Aufsichtsrat anderer wichtiger Banken eine prominente Rolle. Außer ihrer traditionell starken Stellung im Großhandel dominierten jüdische Unternehmer auch in der Aufstiegsphase der großen Warenhäuser: Tietz, Wertheim und Schocken kontrollierten vor 1933 80 Prozent des deutschen Kaufhausumsatzes. In der industriellen Produktion war es dagegen bei der überkommenen Zurückhaltung geblieben; die Erfolgsgeschichte der Schuhwerke von Salamander und Leiser bildete eine Ausnahme.
Als Avantgarde der deutsch-jüdischen Symbiose können die aufgrund ihres Talents oder ihrer Produktivität herausragenden jüdischen Künstler und Wissenschaftler gelten [...]. Ein großes Publikum fanden Schriftsteller wie Max Brod, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka, Emil Ludwig, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Carl Sternheim, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Jakob Wassermann, Franz Werfel, Stefan Zweig. Jüdische Verleger wie Mosse, Ullstein, Fischer, Paul und Bruno Cassirer und Kurt Wolff förderten das Bewährte und die Moderne.
Am Theater wirkten unter großen Regisseuren wie Max Reinhardt, Leopold Jessner, Viktor Barnowsky prominente jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler, zum Beispiel Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Therese Giehse, Fritz Kortner, Peter Lorre, Lucie Mannheim, Fritzi Massary, Max Pallenberg [...].
Komponisten wie Arnold Schönberg, Kurt Weill, Hanns Eisler machten ganz so von sich reden wie Dirigenten, Otto Klemperer etwa und Bruno Walter. Architekten wie Erich Mendelsohn und Oskar Kaufmann verfochten die klassische Moderne.
In fast allen Wissenschaften standen jüdische Gelehrte in der vordersten Reihe. Von neun deutschen Nobelpreisträgern in der Zeit der Republik waren fünf jüdische Naturwissenschaftler: Albert Einstein, James Franck, Gustav Hertz, Otto Meyerhof und Otto Heinrich Warburg. Unter den Geisteswissenschaftlern ragten Ernst Cassirer, Edmund Husserl, Ernst Kantorowicz, Karl Löwith, Gustav Mayer, Erwin Panofsky, Eugen Rosenstock-Huessy (ein wahres Universalgenie), Veit Valentin und Aby Warburg hervor. Die frühe deutsche Soziologie ist ohne Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Max Horkheimer, Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal, Karl Mannheim, Herbert Marcuse, Franz Oppenheimer nicht zu denken. In der Rechtswissenschaft ragten Hermann Heller und Hans Kelsen, Hugo Preuß und Hugo Sinzheimer hervor. Die Psychoanalyse wurde völlig von jüdischen Schülern Freuds, von Karl Abraham, Siegfried Bernfeld, Helene Deutsch, Max Eitington, Wilhelm Reich beherrscht [...]. Und überall rückte die junge Garde jüdischer Intellektueller nach [...] und die anderthalbtausend geflüchteter Akademiker, die dann vor allem in Amerika ihre Karriere machen sollten. Wenn man sich diese Brillanz jüdischer Künstler und Intellektueller [...] und dann die absolute tabula rasa von 1945 vergegenwärtigt, wird einem der unersetzliche Verlust im geistigen Haushalt der Deutschen noch einmal bewusst.

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914 - 1949, München 2003, S. 500 f.



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