Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

Neubeginn

Anfänge in der jungen Bundesrepublik

Auch wenn die Überlebenden der ehemaligen deutsch-jüdischen Gemeinden in den neuen Gemeinden den Ton angaben, kann von einer Kontinuität mit den jüdischen Gemeinden in Deutschland vor 1941 nicht die Rede sein. Man verzichtete in den Folgejahren bewusst darauf, den Kindern deutsch-jüdische Geschichte zu vermitteln. Stattdessen boten ihnen die Gemeinden mit der Israelkunde eine neue Identität an. Auch an die einst in Deutschland vorherrschende liberale Gottesdienst-Tradition knüpften die neuen Gemeinden nicht an, sondern verstanden sich als Einheitsgemeinde, deren Kultus auch von den Orthodoxen akzeptiert werden konnte, zu denen die meisten aus Osteuropa und den DP-Camps kommenden Juden gehörten. Zerstörte Synagogen wurden restauriert, neue errichtet. 1959 zählte man 80 Gemeinden mit 21500 Mitgliedern in Deutschland. Allerdings gab es nur wenige Rabbiner, nachdem die Jeschiwen mit Auflösung der DP-Camps nach Israel verlegt worden waren. Leo Baeck (1873-1956), Rabbiner und letzter großer Repräsentant des deutschen Judentums, setzte sich dafür ein, dass für die "Scherit Hapleta", die "letzten Entronnenen", wie nach einem Jesaja-Wort die verbliebenen Juden bezeichnet wurden, auch geistlich gesorgt wurde. Auf seine Initiative hin gingen einige Rabbiner wieder nach Deutschland. Die meisten kehrten allerdings nach ein- oder zweijähriger Amtszeit wieder in ihre Gemeinden im Ausland zurück. Das Wissen um die jüdische Tradition war daher in den jüdischen Gemeinden in Deutschland bis in die 1960er Jahre eher gering.
Die Existenz jüdischer Gemeinden in dem "Land der Mörder" blieb von jüdischer Seite nicht unangefochten. Nachdem 1948 der Staat Israel gegründet worden war, gelang es den Juden in Deutschland nur schwer, die Anerkennung internationaler jüdischer Organisationen zu finden. Da diese mehrheitlich die Idee des Zionismus vertraten, versuchten sie, die Juden in Deutschland zu isolieren. Nie wieder, so hatte der Jüdische Weltkongress schon im Juli 1948 gefordert, sollten sich Juden "auf dem blutgetränkten deutschen Boden ansiedeln". Die Jewish Agency, eine Organisation, die die Interessen der in Palästina/Israel lebenden Juden vertrat, forderte im August 1950 sogar in einem Ultimatum, alle Juden in Deutschland sollten innerhalb von sechs Wochen ihre Koffer packen. Die Ressentiments gegen die in Deutschland lebenden Juden blieben auch in den folgenden Jahrzehnten erhalten und verstärkten vor allem unter den Gemeindemitgliedern aus den ehemaligen DP-Camps die Schuldgefühle.
Innerhalb der Gemeinden blieb die Uneinheitlichkeit der verschiedenen Gruppen mit ihren unterschiedlichen Kulturmustern ein Problem. Die neuen Gemeinden waren vielfach als "Interessengemeinschaft von Geschädigten" entstanden; die meisten Überlebenden der deutschen Restgruppe, die in "privilegierter Mischehe" überlebt hatten, standen dem Judentum innerlich fern. Ehepartner und Kinder waren häufig christlich getauft, sollten aber mit in das Gemeindeleben integriert werden. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Zahl der Ehen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Partnern in der Zeit von 1951 bis 1958 deutlich zunahm - auf 100 jüdische Ehen kamen fast 300 "Mischehen". Erst mit dem Heranwachsen der nach 1945 in Deutschland geborenen jüdischen Kinder änderte sich das Heiratsverhalten. Diese neue Generation stammte fast ausschließlich aus ehemaligen DP-Familien, verstärkt durch die Kinder der Rückwandererfamilien, die ebenfalls stärker in der jüdischen Tradition verankert waren.

Fortleben des Antisemitismus

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Das Umfeld, in dem diese Gemeinden sich bildeten, war trotz des allgemeinen Entsetzens über die Gräuel, die die Nationalsozialisten in den KZ verübt hatten, keineswegs sehr judenfreundlich. Wenn auch die führenden Politiker sich gegen jede Art von Antisemitismus aussprachen, machten viele der aus den Konzentrationslagern in ihre Heimat zurückkehrenden Juden die Erfahrung, dass die Judenfeindschaft unter ihren nicht-jüdischen Mitbürgern ungebrochen war. Die nationalsozialistische Propaganda und Erziehung wirkten fort. Ungefähr 30 bis 40 Prozent der Deutschen waren immer noch extrem judenfeindlich eingestellt. Das schlechte Gewissen, das viele aufgrund ihres Verhaltens gegenüber ihren ehemaligen jüdischen Mitbürgern empfanden, kompensierten sie mit der Aufrechnung des eigenen Schicksals. Die hartnäckig tradierten antijüdischen Stereotype wurden trotz des durch Deutsche verübten millionenfachen Mordes an Juden keineswegs korrigiert.
Das Wiederhervortreten ehemaliger Nazis in Politik, Kultur und Wirtschaft sowie die Debatte um die Wiedergutmachungszahlungen von deutscher Seite führten periodisch zu antisemitischen Bekundungen, sei es in Form von aggressiven Leserbriefen oder aber als Beifallsbekundungen, wenn ehemalige nationalsozialistische Kulturgrößen wie Veit Harlan vom Vorwurf der Unterstützung des NS-Regimes freigesprochen wurden. Die Schändungen jüdischer Friedhöfe rissen nicht ab: zwischen 1945 und 1950 betrafen sie fast 200 von den vorhandenen 400 jüdischen Friedhöfen. Verbale und tätliche Angriffe richteten sich auch gegen die DPs, deren Schwarzmarktaktivitäten mit entsprechenden antisemitischen Stereotypen verurteilt wurden. Teilnehmer von Demonstrationszügen gegen antisemitische Vorfälle wurden tätlich angegriffen. Einige Betrugsfälle in Wiedergutmachungsverfahren durch führende jüdische Persönlichkeiten (Philipp Auerbach 1952, Werner Nachmann 1988) wurden in der Presse mit einer gewissen Schadenfreude und der Tendenz kommentiert, die Opfer als Täter zu verunglimpfen.
Viele, die überlebt hatten oder aus dem Exil zurückgekehrt waren, empfanden sich deshalb als "Fremde im eigenen Land". Dennoch leisteten sie ihren Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands auf geistigem und kulturellem Gebiet und vermittelten Maßstäbe für die politisch-demokratische Kultur der jungen Bundesrepublik Deutschland. Unter den Rückkehrern und den aus den Konzentrationslagern Befreiten, die sich in der Tradition der deutschen Kultur verstanden, waren Schauspieler wie Ernst Deutsch und Fritz Kortner oder die Schauspielerin Ida Ehre, Wissenschaftler wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Politiker wie Herbert Weichmann, Werner Jacobi oder Jeanette Wolff.

Symbolpolitik und Rückschläge

Trotz gelegentlicher antisemitischer Entgleisungen führender Politiker und der Wiedereinstellung ehemaliger NSDAP-Funktionäre in den öffentlichen Dienst betrieb die Bundesregierung gegenüber den jüdischen Repräsentanten eine "symbolische Politik", wie es die Historikerin Monika Richarz nennt. Ein positives Verhältnis zu den Juden sollte der Testfall der jungen Demokratie sein. In seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949 verurteilte Bundeskanzler Konrad Adenauer die "anscheinend hervorgetretenen antisemitischen Bestrebungen [...] aufs schärfste", äußerte aber für die Regierung keinerlei Schulderklärung. Erst in seiner Regierungserklärung zum Abkommen mit Israel über eine Wiedergutmachung vom 27. September 1951 akzeptierte er teilweise eine historische Verantwortung. Der erste Bundespräsident der Republik, Theodor Heuss, der durch die Shoah keineswegs ein Ende der deutsch-jüdischen Geschichte gekommen sah, lehnte zwar eine pauschale Kollektivschuld ab, sprach aber von der "Kollektivscham", die alle Deutschen gegenüber dem jüdischen Volk empfänden. Für Adenauer war die Wiedergutmachungsfrage wohl ein primär politischer Akt, von dem er sich eine Rehabilitierung Deutschlands in den Augen der westlichen Öffentlichkeit versprach. Die Ratifizierung des Luxemburger Abkommens vom September 1952, das den Rahmen für Wiedergutmachungszahlungen regelte, kam im Deutschen Bundestag im März 1953 nur mit Hilfe der nicht zur Regierung gehörenden SPD zustande, da in Adenauers eigener Partei, der CDU, der Widerstand gegen eine Regelung sehr groß war.
Das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre, die allmähliche Westintegration, aber wohl auch die offiziell propagierte antikommunistische Ideologie, durch die ein neues Feindbild geschaffen wurde, führten schließlich zu einem allmählichen Rückgang antijüdischer Einstellungen, wenn auch bei Umfragen immer noch über 20 Prozent der Befragten angaben, dass es besser für Deutschland sei, keine Juden im Land zu haben. Antisemitische Äußerungen von Lehrern und Richtern zeigten, dass auch im öffentlichen Dienst derartige Gesinnungen präsent waren.
Als sich Ende der 1950er Jahre erneut Hakenkreuzschmierereien und Friedhofsschändungen häuften und die Schändung der wiedererrichteten Kölner Synagoge 1959 Aufsehen erregte, sahen sich die Bundesregierung und die Länder zum Handeln veranlasst. Die Kritik am mangelhaften Geschichtsunterricht führte zu zahlreichen Neuerungen durch die Kultusminister: Das Fach Gemeinschaftskunde wurde eingerichtet und in der Lehrerausbildung die Zeitgeschichte betont. Die Ereignisse von 1959/60 hatten jedoch auch eine stärkere Sensibilisierung der politischen Öffentlichkeit und des kulturellen Lebens gegen judenfeindliche Äußerungen zur Folge. Zahlreiche Theaterstücke der 1960er Jahre setzten sich mit dem Antisemitismus auseinander. In der politischen Kultur wurde nun der Anti-Antisemitismus zu einem wesentlichen Faktor. Zur Aufklärung antisemitischer Vorfälle trugen vor allem die Medien bei, die im Gegensatz zur Zeit der Weimarer Republik nun eindeutig gegen den Antisemitismus Stellung bezogen.
Die Kirchen hielten sich in dieser Angelegenheit zunächst sehr zurück und leisteten kaum etwas für die Aufarbeitung ihres eigenen Verhaltens im Hinblick auf die Verbrechen an den Juden im Dritten Reich. Neben den traditionellen tritt in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig ein neuer Antisemitismus, der von zahlreichen arabischen, aber auch türkisch-islamistischen Gruppen vertreten wird, die damit vorgeblich gegen die Politik Israels protestieren.


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