Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

Neubeginn

Zwischen Konsolidierung und Befremden

Sprecher der und Ansprechpartner für die jüdische Gemeinschaft ist in der deutschen Öffentlichkeit der 1950 gegründete "Zentralrat der Juden in Deutschland". Mit dieser Bezeichnung machte er deutlich, dass er alle in Deutschland lebenden Juden vertrat, die aus verschiedenen Ländern kamen; denn auch die nachwachsende Generation, deren Eltern meist aus den DP-Camps stammten, lehnte es entschieden ab, sich als deutsche Juden zu fühlen. Sie identifizierten sich vielmehr mit Israel, wohl auch aus dem schlechten Gewissen heraus, im "Land der Mörder" zu wohnen. Doch war nach der Einrichtung der Gemeinden, dem Bau von Synagogen und Gemeindehäusern sowie den regionalen und überregionalen Zusammenschlüssen an einen Weggang nicht mehr zu denken. Eine eigene Infrastruktur entwickelte sich allerdings nur allmählich. Selbst in Großgemeinden wie in Hamburg gab es keine koscheren Läden oder Lokale. Für die Beschneidung der Knaben nach ihrer Geburt musste der Mohel (Beschneider) aus dem Ausland kommen. Auch die feste Etablierung eines Gemeinderabbiners blieb über 50 Jahre ein Problem. 1979 gründete der Zentralrat die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, deren akademische Grade vom Staat anerkannt werden. Allerdings bildete die neue Hochschule keine Rabbiner aus, wie es viele gewünscht hatten, da sie nicht als Jüdisch-Theologische Hochschule etabliert worden war. Die hier ausgebildeten jüdischen Religionslehrer konnten in den neu gegründeten Schulen eingesetzt werden, so in dem neuen jüdischen Gymnasium Berlins.
Auch wenn es in der Bundesrepublik "keinen lebendigen jüdisch-religiösen Kern gibt", wie das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, Salomon Korn, 1991 feststellte, entwickelte sich in den Gemeinden eine "jüdische Kultur", die stark säkulare Züge trägt. Unterstützt wurde diese Tendenz durch das Interesse vieler Nicht-Juden an der, vielfach in Osteuropa geprägten, jüdischen Alltagskultur, mit der sich, wie bei der Klezmer-Musik, ein Hauch Exotik verbindet. Daneben gab und gibt es ein wissenschaftliches Interesse von Seiten der nicht-jüdischen Deutschen am Judentum, wie die Angebote der Universitäten zu jüdischen Themen und die Vielfalt der Sachbücher zeigen. Gleiches gilt für die jüdische Presselandschaft. Die "Jüdische Allgemeine. Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben", die vom Zentralrat herausgegeben wird, wendet sich nicht nur an jüdische Bürger. Um die Vielfalt jüdischer Meinungen zu publizieren, entstanden weitere jüdische Presseorgane wie die "Jüdische Zeitung. Unabhängige Monatszeitung für zeitgenössisches Judentum" sowie mehrere Journale mit Beiträgen zur jüdischen Gegenwart.
Aber auch eine entgegengesetzte Tendenz war in der Bundesrepublik der 1980er Jahren zu beobachten. Im so genannten Historiker-Streit 1986/87 plädierten namhafte deutsche Geschichtswissenschaftler dafür, die NS-Geschichte endlich als Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Die Singularität der Shoah wurde in Frage gestellt und durch einen Vergleich mit anderen Genoziden relativiert; die Mordtaten der Nationalsozialisten wurden heruntergespielt, indem sie als Reaktion auf die Mordtaten des sowjetischen Diktators Stalin interpretiert wurden. Diese Sichtweise vermochte das Geschichtsbild in Deutschland bzw. das kollektive Gedächtnis nicht zu bestimmen. Doch symbolische Gesten der Politik irritierten mitunter die Öffentlichkeit. So besuchte Bundeskanzler Helmut Kohl 1985 gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg, wo neben US-amerikanischen Soldaten und deutschen Wehrmachtsangehörigen auch Mitglieder der Waffen-SS begraben liegen.

"Leben im Ausnahmezustand"

Die Skepsis, ob es richtig sei, im Land der Mörder zu leben, blieb somit auch in der zweiten Generation lebendig. Deren Begeisterung für die linke Studentenbewegung der 1968er, die sich mit der NS-Vergangenheit ihrer Eltern kritisch auseinandersetzte, wurde ernüchtert, als hinter dem so genannten Antizionismus ein linker Antisemitismus zu Tage trat. Denn in den Kreisen der linken Studenten, die in den 1960er Jahren begeistert die israelischen Kibbuzim als eine freie und erfolgreiche sozialistische Lebensform begrüßt hatten, war nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und der israelischen Besetzung der eroberten Gebiete die Sympathie umgeschlagen zugunsten der gegen Israel gerichteten palästinensischen Befreiungsbewegung. An die Stelle der Begeisterung für Israel trat nun der Antizionismus.
Manche der jungen Juden in Deutschland wanderten nach Israel aus, die Zurückbleibenden wurden immer wieder durch zahlreiche antisemitische Aktionen verunsichert. Das Gefühl, in einem gewissen "Ausnahmezustand" zu leben, verstärkte sich nach dem Münchner Anschlag von 1972, bei dem israelische Olympiateilnehmer durch palästinensische Terroristen getötet wurden. Seither stehen alle jüdischen Einrichtungen unter Polizeischutz: Keine Synagoge, kein jüdisches Gemeindezentrum kann ohne Kontrolle betreten werden. Manche Angehörige dieser zweiten Generation setzten und setzen sich mit dem Thema "Juden im Land der Mörder" relativ schonungslos auseinander und nutzen dabei das Mittel der Provokation - wie etwa die Schriftsteller Rafael Seligmann oder Maxim Biller.
Die Aufführung des Stückes von Rainer Werner Fassbinder "Der Müll, die Stadt und der Tod" (verfasst 1975, an deutschen Bühnen bis 2009 nicht aufgeführt), das sich indirekt gegen den Frankfurter Immobilienmakler Ignatz Bubis richtete, verhinderten 1985 die zumeist jungen Mitglieder der Frankfurter jüdischen Gemeinde, indem sie die Bühne besetzten. In der Charakterisierung eines Spekulanten, bezeichnet als "der reiche Jude", beweist das Stück eine eindeutig antijüdische Tendenz. Für die jüdischen Jugendlichen war ihre erfolgreiche Intervention ein Beweis ihres Selbstbehauptungswillens. Eine Verunsicherung dieser Generation blieb allerdings auch über die für das jüdische Leben in Deutschland wichtige Zäsur von 1989/90 hinweg bestehen.


Publikationen zum Thema

Die Geschichte der Juden in Deutschland

Die Geschichte der Juden in Deutschland

Die Erinnerung an den Holocaust muss wachgehalten werden. Doch sollte dahinter nicht der Reichtum de...

Kleine jüdische Geschichte

Kleine jüdische Geschichte

Die kleine jüdische Geschichte bietet einen Überblick über die 3000-jährige Geschichte von Kanaa...

Juden in Europa

Juden in Europa

Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust schien eine Zukunft des Judentums in Europa unvorstellbar....

Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitismus zählt zu den ältesten und beharrlichsten Vorurteils-
komplexen und hat viele Fac...

Zum Shop

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

Mehr lesen

Cover_antisemi
Themenblätter im Unterricht (Nr. 56)

Stichwort Antisemitismus

Offenem Antisemitismus begegnet man in Deutschland heute eher selten. Gleichzeitig tauchen alte Formen der Judenfeindschaft im neuen Gewand auf. Das Themenblatt beschäftigt sich mit diesen versteckten Formen des antijüdischen Vorurteils.

Mehr lesen