Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

Neubeginn

Situation der jüdischen Gemeinden heute

Bei der Auflösung der DDR existierten dort nur noch acht Gemeinden. Sie schlossen sich im September 1990 dem Zentralrat der Juden in Deutschland an. Dessen jeweilige Vorsitzende gelten in der deutschen Öffentlichkeit als offizielle Sprecher der Judenheit in Deutschland. Profiliert hat sich in dieser Funktion Heinz Galinski (1954 bis 1963, 1988 bis 1992), wenn auch sein autokratischer Stil und sein bisweilen schroffes Auftreten manche irritierte; große Popularität und Sympathie in der Öffentlichkeit erwarb sich dagegen sein Nachfolger Ignatz Bubis, der als Vorsitzender von 1992 bis 1999 einen "vorsichtigen Pluralismus nach Innen" ermöglichte. Der Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck (1994) sowie die antisemitischen Einstellungen in den 1990er Jahren, die auch im intellektuellen Milieu deutlich wurden, veranlassten ihn kurz vor seinem Tod allerdings zu dem resignierten Eingeständnis: "Ich habe nichts, fast nichts erreicht."
Zu dieser Haltung hatte eine Kontroverse mit dem Schriftsteller Martin Walser beigetragen. Dieser hatte 1998 in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels bekundet, dass er der organisierten Erinnerung und Betroffenheit angesichts von "Auschwitz" überdrüssig sei. Dabei polemisierte er gegen die "Instrumentalisierung [der Shoah] zu gegenwärtigen Zwecken" und warf den "Meinungssoldaten" vor, Auschwitz als "Moralkeule" zu gebrauchen. Bubis hatte dies als Versuch gedeutet, Auschwitz dem Vergessenwollen anheim fallen zu lassen. Als er im August 1999 starb, ließ er sich aus Enttäuschung nicht in Deutschland, sondern in Israel begraben. Seine Nachfolger Paul Spiegel (2000 bis 2006) und Charlotte Knobloch (seit 2006) gehören ebenfalls zur Generation der Shoah-Überlebenden, die NS-Verfolgung haben sie während ihrer Kindheit als "Untergetauchte" überstanden. Erst bei den Neuwahlen 2010 des/der Vorsitzenden geht nach einem Verzicht von Charlotte Knobloch auf eine erneute Kandidatur diese Funktion vermutlich auf eine Persönlichkeit über, die der Nach-Shoah-Generation angehört.
Zu dieser Haltung hatte eine Kontroverse mit dem Schriftsteller Martin Walser beigetragen. Dieser hatte 1998 in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels bekundet, dass er der organisierten Erinnerung und Betroffenheit angesichts von "Auschwitz" überdrüssig sei. Dabei polemisierte er gegen die "Instrumentalisierung [der Shoah] zu gegenwärtigen Zwecken" und warf den "Meinungssoldaten" vor, Auschwitz als "Moralkeule" zu gebrauchen. Bubis hatte dies als Versuch gedeutet, Auschwitz dem Vergessenwollen anheim fallen zu lassen. Als er im August 1999 starb, ließ er sich aus Enttäuschung nicht in Deutschland, sondern in Israel begraben. Seine Nachfolger Paul Spiegel (2000 bis 2006) und Charlotte Knobloch (seit 2006) gehören ebenfalls zur Generation der Shoah-Überlebenden, die NS-Verfolgung haben sie während ihrer Kindheit als "Untergetauchte" überstanden. Erst bei den Neuwahlen 2010 des/der Vorsitzenden geht nach einem Verzicht von Charlotte Knobloch auf eine erneute Kandidatur diese Funktion vermutlich auf eine Persönlichkeit über, die der Nach-Shoah-Generation angehört.
Die 1990er Jahre und auch das darauf folgende Jahrzehnt stellten die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor eine große Herausforderung: den Zuzug der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, der die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden von etwa 30000 auf über 105000 Menschen ansteigen ließ. Die Bundesregierung sah es als eine Verpflichtung aus der Geschichte an, den Zuzug zu ermöglichen. Doch die circa 200000 Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion hatten mit dem Judentum meist wenig zu tun, auch wenn in ihrem russischen Pass als Nationalbezeichnung Evrej (= Jude) steht. Da nach jüdischem Recht nur der Jude ist, der eine jüdische Mutter hat, konnte die Hälfte der Neuankömmlinge nicht in die Gemeinden aufgenommen werden. Die Bundesregierung erließ deshalb 2006 restriktive Bestimmungen und verlangte neben Deutschkenntnissen die Anerkennung als Jude durch die jüdischen Gemeinden.

Die neuen Gemeindemitglieder nehmen zwar die sozialen Dienste der Gemeinden an, wollen aber ihre bisherige Lebensweise aufrechterhalten und verändern damit zwangsläufig das Gemeindeleben. Gemeindeblätter und -verlautbarungen erscheinen seither in vielen Gemeinden zweisprachig oder in manchen Gemeinden sogar nur auf Russisch. An dem Angebot, sie mit der jüdischen Tradition vertraut zu machen, zeigten die meisten Älteren nur wenig Interesse. Die Gemeinden versuchen deshalb, die Kinder und Jugendlichen für das jüdische Leben zu gewinnen, doch fehlt es an hinreichenden jüdischen Kindergärten und Schulen. Vor allem in den Großstadtgemeinden hat sich eine "russische Kulturszene" mit einem eigenen Bücher-, Zeitungs- und Musikangebot entwickelt. In den Vorständen der großen Gemeinden sind die Zuwanderer jedoch nicht angemessen vertreten. Häufig sind dafür Sprachprobleme ausschlaggebend. Doch es gibt auch Gemeinden, in denen ausschließlich "russische" Zuwanderer den Vorstand bilden.
Um Vermittlung der jüdischen Tradition an die "russischen" Gemeindemitglieder kümmern sich auch die Orthodoxen, so Adass Jisroel, und die ultraorthodoxe Gemeinde der Lubawitscher. Sie organisieren Sprachkurse und sorgen in Teestuben für die Kommunikation. Doch die soziale Integration bleibt ein Problem. Viele der russischen Zuwanderer fanden keine Arbeit in ihren ehemaligen, zumeist intellektuellen Berufen, so dass hier vielfach erst für die Kinder oder Enkelkinder die Chance der Integration besteht. In diesem Zusammenhang lebte erneut die Diskussion um die Bezeichnung "Deutsche Juden" oder "Juden in Deutschland" auf. Während die Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch für die Bezeichnung Deutsche Juden plädiert, um eine schnellere Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft zu erreichen, wollen andere Mitglieder des Vorstands mit der herkömmlichen Bezeichnung die Pluralität der Juden in Deutschland gewahrt wissen.
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