Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

Neubeginn

Perspektiven

Pluralität zeigt seit den 1990er Jahren die Entwicklung in den Gemeinden. Der Anspruch der Einheitsgemeinde kann nur noch im weitesten Sinne aufrechterhalten werden. Neben den ultraorthodoxen und orthodoxen Gemeinden entstanden außerhalb der Einheitsgemeinde auch liberale Gemeinden. Die liberalen Rabbiner in Deutschland werden an dem 2001 in Potsdam gegründeten Abraham-Geiger-Institut ausgebildet und dann ordiniert. Eine ähnliche Institution besteht seit 2005 mit dem Hildesheimerschen Rabbinerseminar für die orthodoxen Gemeinden. Der Zentralrat spricht auch weiterhin gegenüber der Bundesregierung für alle 108 jüdischen Gemeinden mit etwa 105000 Mitgliedern. Auch den Frauen stehen heute führende Positionen sowohl in der Verwaltung wie im Kultus der jüdischen Gemeinden offen. Nachdem 1935 mit Regina Jonas in Berlin die erste Rabbinerin ordiniert worden war, wurde erst wieder 1995 in der Gemeinde Oldenburg eine Frau in dieses Amt berufen. 2009 lebten 30 Rabbiner (darunter vier Frauen) in Deutschland, die sich in zwei Organisationen, einer liberalen und einer konservativen, zusammengeschlossen haben.

In der deutschen Öffentlichkeit gibt es seit den 1990er Jahren eine intensive Debatte um die Form der Erinnerung an die Shoah. Jüdische Museen, restaurierte ehemalige Synagogen oder die (umstrittene) Stolpersteinaktion erinnern an die Geschichte und die Tragik der deutschen und europäischen Juden. Bei den Stolpersteinen sollen kleine mit Namen versehene Metallplatten, die in den Bürgersteig eingelassen werden, an die jüdischen Menschen erinnern, die aus dem Haus, vor dem die Stolpersteine liegen, in die Vernichtungslager deportiert worden sind. Den sinnfälligsten Ausdruck fanden diese Bemühungen in dem monumentalen "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", das, 1999 durch den Bundestag beschlossen, von dem amerikanisch-jüdischen Architekten Peter Eisenman in Berlin errichtet wurde. Es symbolisiert das Bekenntnis Deutschlands zur historischen Schuld der Shoah und die Verpflichtung, den jüdischen Deutschen eine lebenswerte Zukunft zu bieten.


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