Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Steffen Angenendt
Matthias Basedau
Bettina Conrad
Andreas Eckert
Gero Erdmann
Dominic Johnson
Tobias von Lossow
Stefan Mair
Laurence Marfaing
Dalila Nadi

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Medien und Zivilgesellschaft

In der Herausbildung einer mündigen Zivilgesellschaft in Afrika nehmen die Medien einen besonders wichtigen Raum ein. Die Gründung und Zulassung freier Medien war immer eine zentrale Forderung der antikolonialen Befreiungsbewegungen sowie der Demokratiebewegungen postkolonialer Diktaturen.

Traditionell waren Nachrichten in den meisten afrikanischen Gesellschaften mündlich überliefert worden. Das Schrifttum hatte vornehmlich juristischen oder sakralen Zwecken gedient. Die europäische Kolonisierung verstärkte diese Trennung. In Schriftform (und in ihrer eigenen Sprache) verlautbarten die Kolonialherren ihre Entscheidungen, in Schriftform verbreiteten sie die Bibel, die auch in afrikanische Sprachen übersetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit war das geschriebene Wort im afrikanischen Bewusstsein daher gedanklich fest verbunden mit nicht hinterfragbarer Wahrheit.

Nach der Unabhängigkeit entstanden in den meisten Ländern staatliche Zeitungen und Radiosender, aber ihre Aufgabe war die Verkündung der Sicht des Staates. Afrikanische Zeitungen waren zudem keine Massenmedien, sondern eine elitäre Angelegenheit. Druckereien, Papier, technische Mittel und journalistische Fähigkeiten kamen ohnehin weiter aus Europa. Nachrichten im Sinne interessanter Neuigkeiten wurden weiterhin mündlich verbreitet, mit fortschreitender Verstädterung vor allem in der populären Gerüchteküche. Hier verbreitete sich, was in den offiziellen Medien nicht vorkam: die Realitäten des Alltags, die Geschichten vom Hofe des Präsidenten. Die einzigen Medien, die diese Geschehnisse aufgriffen, kamen aus dem Ausland: internationale Radiosender vor allem, die bis heute für die meisten Afrikaner die wichtigste Informationsquelle außerhalb des eigenen Bekanntenkreises darstellen.

Die Gerüchteküchen beschleunigten politische Veränderungen beim Niedergang der postkolonialen Diktaturen. Aus ihnen nährten sich Opposition und freies Denken. Die Demokratisierung der 1980er und 1990er Jahre ging einher mit der Gründung freier, privater Medien und wurde von diesen weiter befördert. Aber dauerhaft konnte sich bis heute eine pluralistische Medienlandschaft nicht etablieren, denn privat wirtschaftende Medien müssen Kunden finden, also Käufer und Anzeigenschalter.

Es gibt in Afrika viele ökonomische Möglichkeiten, um freie Medien zu behindern. Wer nicht mehr auf staatliche Druckereien und Papierbesorgung angewiesen sein will, muss dafür die wirtschaftlichen Mittel haben. Das setzt den ungehinderten Verkauf der Medienerzeugnisse voraus und den freien Wettbewerb um Anzeigenmärkte. Aber in Ländern ohne Massenkaufkraft können sich nur wenige Menschen den regelmäßigen Kauf einer Zeitung leisten, und der Anzeigenmarkt besteht hauptsächlich aus staatlichen Ausschreibungen, die missliebigen Medien vorenthalten werden können. Ausgebildete und professionelle Journalisten sind rar, was wiederum das Entstehen von Qualitätsjournalismus, der Leser findet, verhindert.

Vielerorts sind private, freie Medien daher von finanzkräftigen Einzelpersonen abhängig. Sie lassen sich somit leicht für politische Machtkämpfe instrumentalisieren, wenn sie nicht schon von vornherein als Kampfinstrumente entstanden sind. Herrscht politischer Pluralismus, kann sich auch die Regierung der Medien bedienen, um Gerüchte in die Welt zu setzen. Gegen solche Manipulationen können sich die Medien nur mit rigorosem Professionalismus wehren, der allerdings bis heute selten ist. Wo der Zugang zu journalistischen Berufen nicht durch Qualifikationskriterien geregelt ist, können auch Scharlatane berichten; wo er geregelt ist, können die Richtlinien Unterwürfigkeit erzwingen.

Mangels gesicherter Einkommen sind viele Medien und individuelle Journalisten darauf angewiesen, sich von den Objekten ihrer Berichterstattung bezahlen zu lassen; dies äußert sich entweder als nicht gekennzeichnete Werbung oder als Erpressung, bei der Geld für das Nichterscheinen von Behauptungen verlangt wird. So erhalten die meisten Journalisten in der Demokratischen Republik Kongo kein reguläres Gehalt von ihrem Arbeitgeber, sondern sind darauf angewiesen, von ihren Gesprächspartnern Spesen zu verlangen, wie Kellner, die von Trinkgeldern leben.

Im Zweifelsfall können kritische Medien auch durch Verleumdungsklagen, Gerichtsverfahren, polizeiliche Durchsuchung, Verbot, Festnahmen von Journalisten oder gar deren Ermordung mundtot gemacht werden. Journalistenmorde waren beispielsweise ein beliebtes Repressionsinstrument in der Militärdiktatur in Nigeria, Anklagen und Verhaftungen von Journalisten sind in Simbabwe und Äthiopien besonders häufig, und Eritrea leistet sich als einziges afrikanisches Land südlich der Sahara das komplette Verbot privater Medien.

Nur in den wenigsten Ländern kommen selbst die großen Zeitungen über eine Auflage von einigen Tausend hinaus. Wichtiger als gedruckte Medien sind Radiosender, denn sie erreichen die Massen. Talkshows auf Radiosendern in lokalen Sprachen, auf denen live Kritik an der Regierung geübt werden kann, sind selbst in restriktiven Regierungssystemen ein gern genutztes Instrument der politischen Diskussion.

Die staatliche Hoheit über Sendeplätze und Senderzulassungen setzt der freien Meinungsäußerung allerdings Grenzen. Dies verstärkt die herausragende Stellung ausländischer Sender wie BBC, RFI und Deutsche Welle und ihrer Afrikaprogramme. Ihre Berichte, von lokalen Sendern über Kurzwelle einem Massenpublikum zugänglich gemacht, genießen bis heute eine höhere Glaubwürdigkeit als die lokalen Medien. Immer wieder müssen sie kurzfristig mit Abschaltung rechnen.

Der lokale freie Rundfunk nimmt inzwischen die wichtigste Wächter- und Mobilisierungsfunktion bei der afrikanischen Zivilgesellschaft ein. Doch Rundfunk kann neben Aufklärung auch Aufhetzung betreiben. Die kriminelle Rolle des privaten Radiosenders "Mille Collines" bei der Organisierung von Milizen in Ruanda während des Völkermordes an den Tutsi 1994 unterstrich die Macht freier Medien auf unrühmliche Weise und bot afrikanischen Journalisten einen Impuls, die Gefahr ethnischer Stereotypisierung frühzeitig zu erkennen.

Inzwischen dominieren jedoch die positiven Aspekte, beispielsweise bei der Überwachung von Wahlen. So waren die Wahlen im Senegal 2000, in deren Folge die seit vierzig Jahren regierenden Sozialisten die Macht verloren, die erste Abstimmung dieser Art in Afrika, bei der Radiosender durch die kontinuierliche Veröffentlichung der von Beobachtern durchgegebenen Teilergebnisse eine Verfälschung des Gesamtergebnisses verhinderten. In Reaktion darauf verbieten manche Länder inzwischen die Veröffentlichung von Teilergebnissen. Bei den Wahlen in Kenia Ende 2007 wurde die Berichterstattung zugelassen, und die bekanntgewordenen Ergebnisse widersprachen komplett der Siegeserklärung des amtierenden Präsidenten. Massive Unruhen und ethnische Pogrome mit zahlreichen Todesopfern folgten und verdeutlichten wiederum, dass auch eine noch so ehrbare Wächterfunktion der Medien gesellschaftlich missbraucht werden kann.

Die Reaktionen auf wahrheitsgetreue Berichterstattung sind nicht automatisch besser als die auf Lügen und Hetze. Das ist die wichtigste Erkenntnis der in Afrika erkämpften Medienfreiheit.


Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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