Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Steffen Angenendt
Matthias Basedau
Bettina Conrad
Andreas Eckert
Gero Erdmann
Dominic Johnson
Tobias von Lossow
Stefan Mair
Laurence Marfaing
Dalila Nadi

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Ressourcenreichtum

Natürliche Ressourcen oder Rohstoffe sind das Rückgrat der meisten Ökonomien Afrikas. Neben landwirtschaftlichen Produkten wie Kaffee oder Tee gehören vor allem nicht erneuerbare Rohstoffe wie Öl oder im Bergbau gewonnene Diamanten und Erze, die für die Industrieproduktion der Weltwirtschaft interessant sind, zu den wichtigsten Exportgütern. Nach Schätzungen verfügte Afrika im Jahr 2003 über etwa 90 Prozent der weltweiten Platinvorkommen. Bei Chrom und Mangan hält es Anteile von 80 Prozent, bei Diamanten 60 Prozent, bei Kobalt und Gold 50 bzw. 40 Prozent. Auch 30 Prozent der Bauxitreserven - das wichtig für die Verhüttung von Aluminium ist - befinden sich auf dem Kontinent. Im Blick auf Energieträger verfügt Afrika nach Schätzungen aus dem Jahr 2006 über etwa 20 Prozent des weltweit vorhandenen Urans, bei Erdöl, Kohle und Erdgas über bis zu zehn Prozent der globalen Reserven. Angesichts der künftig voraussichtlich wachsenden Nachfrage nach Energieträgern - besonders aus China und Indien - ist das alles andere als unerheblich.

Die Erdölproduktion in Afrika konzentriert sich in Nordafrika und im Golf von Guinea, mit Ausläufern nach Westafrika und dem südlichen Afrika. Die wichtigsten Produzenten sind Algerien, Libyen und Nigeria sowie Angola. Kleinere Produktionszahlen weisen Äquatorial-Guinea und Gabun auf. Dazu kommen in Zentral- bzw. Ostafrika noch Tschad und Sudan. Größere Vorkommen wurden zudem zum Beispiel in Ghana, Mauretanien und Niger entdeckt.

Vorkommen nichtfossiler mineralischer Rohstoffe, vor allem Metalle und Diamanten, sind überwiegend im westlichen Westafrika, in Zentralafrika und insbesondere im südlichen Afrika zu finden. Staaten wie Südafrika oder die DR Kongo verfügen über stark diversifizierte Rohstoffvorkommen. Andere wie Sambia (Kupfer) oder Botsuana (Diamanten) sind ähnlich abhängig von einem einzigen Rohstoff wie die meisten Erdöl produzierenden Länder.

Ein Segen ...

Der Rohstoffreichtum Afrikas ist auf den ersten Blick durchaus ein Segen. Die hohen Wachstumsraten von zuletzt über fünf Prozent pro Jahr sind zu einem Gutteil auf Entwicklungen auf dem globalen Rohstoffmarkt zurückzuführen. Besonders die Erdöl produzierenden Länder haben häufig zweistellige Zuwachsraten ihrer Volkswirtschaften vorweisen können. In Angola (2007) und Tschad (2004) waren es in einigen Jahren weit mehr als 20 Prozentpunkte. Mit den Erlösen können zum Beispiel das Gesundheitswesen und die Infrastruktur verbessert und die Armut bekämpft werden. Die Verfügung über strategisch wichtige Ressourcen führt überdies zu einem größeren Maß an Unabhängigkeit gegenüber dem Westen und anderen Importeuren. Nach den Erfahrungen mit dem europäischen Kolonialismus hat dies eine wichtige psychologische Bedeutung für afrikanische Regierungen.

... oder ein Fluch?

Allerdings ist Rohstoffreichtum ein zweischneidiges Schwert. Das Schlagwort "Ressourcenfluch" beschreibt eine Reihe negativer Folgen für Wirtschaft, Transparenz, Institutionen, Demokratie und Frieden, für die es in Afrika zahlreiche Beispiele gibt:

Entgegen der scheinbar nahe liegenden Annahme, dass Rohstoffreichtum durchweg der Wirtschaft nützt, haben Studien aufgezeigt, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Als "Dutch Disease" wird bezeichnet, wenn die hohen Deviseneinnahmen eine Inflation erzeugen, die sich negativ auf die Preise in anderen Sektoren, etwa bei der Landwirtschaft, auswirkt und damit deren Exportfähigkeit beeinträchtigt. Die Verluste an Arbeitsplätzen werden vom Ressourcensektor kaum aufgefangen, da hier in der Regel nur wenige Spezialisten gefragt sind. Hohe Einnahmen aus dem Ressourcensektor verführen überdies dazu, Bildung und andere Wirtschaftssektoren zu vernachlässigen. Demgegenüber fließen die Einnahmen oftmals in überdimensionierte Prestigeprojekte (so genannte weiße Elefanten), die wirtschaftlich unsinnig sind. Plötzlich einbrechende Preise für die Ressourcen stellen die Staaten dann vor erhebliche Probleme, die schnell in die Schuldenfalle führen können. Nigeria, der bislang größte Erdölproduzent des subsaharischen Afrika, ist ein Beispiel für alle diese Effekte.

Eine weitere Achillesferse des Ressourcensektors ist seine Anfälligkeit für Korruption. Aufgrund des erforderlichen technischen know-hows sind ausländische Firmen unerlässlich für die Förderung von Rohstoffen. Bei Vertragsabschluss kommt es oft zu geheimen Bonuszahlungen an die Eliten der betreffenden Länder. Die staatlichen Firmen im Ressourcensektor sind Objekt der Ausbeutung durch die politische Klasse. In Angola sind nach Schätzungen der internationalen Nichtregierungsorganisation (NRO) Global Witness mehr als vier Milliarden US-Dollar verschwunden. Nach Ankündigungen des Konzerns BP im Jahre 2001, seine Zahlungen an die Regierung offenzulegen, drohte die angolanische Regierung, BP des Landes zu verweisen. Transparency International, eine Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit der Bekämpfung der Korruption widmet und in einem Index jährlich deren Ausmaß in allen Staaten auflistet, attestiert vielen ressourcenreichen Ländern wie Nigeria, der DR Kongo oder dem Tschad einen hohen Grad an Korruption. Ressourcenreichtum kann damit zusammenhängend die Qualität der Institutionen insgesamt beeinträchtigen. Die Regierungen meinen, angesichts der fließenden Einnahmen auf eine effiziente Bürokratie verzichten zu können; insbesondere der Aufbau einer funktionierenden Steuerverwaltung - historisch der Kern des Staates - wird vernachlässigt.

Korruptionsindex in Afrika 2008Korruptionsindex in Afrika 2008
Dies schadet auch der Demokratie und den Menschenrechten: Die Regierenden sehen angesichts fließender Geldquellen wenig Grund zu verantwortlicher Regierungsführung und meinen, ihren Bürgern keine Rechenschaft zu schulden. Menschenrechtsverletzungen verschärfen sich, wenn autoritäre Regierungen mithilfe der Ressourcenerlöse einen repressiven Sicherheitsapparat finanzieren. Potenzielle Oppositionsführer werden in das System der Korruption eingebunden. Zudem verführt die Verfügung über Rohstoffe wie Öl, Diamanten oder Industriemetalle, die für Industrienationen strategisch wertvoll und daher lukrativ sind, ausländische Regierungen zu einer nachsichtigen Politik gegenüber diesen Staaten bzw. deren Machthabern. Der Sudan blieb vor Sanktionen gegen seine Politik in Darfur auch deshalb geschützt, weil die UN-Sicherheitsratsmitglieder China und Russland Geschäftsinteressen im Zusammenhang mit der Ölproduktion im Lande hatten. Die viel gepriesene Menschenrechtspolitik des Westens bleibt immer merkwürdig zurückhaltend gegenüber Staaten wie Algerien, Äquatorial-Guinea, Libyen oder Nigeria, die über Erdöl verfügen.

Die größte Gefahr, die mit Ressourcenreichtum verbunden ist, sind gewaltsame Konflikte. Die Aussicht auf die Kontrolle der lukrativen Ressourcen kann zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Zentralstaat führen: Beispiele in der Vergangenheit sind Sierra Leone und Angola. Autonomie- und Sezessionskonflikte können entstehen, wenn ressourcenreiche Regionen innerhalb von Ländern die ökologischen und sozialen Lasten der Produktion zu tragen haben, ohne einen angemessenen Anteil an den Erlösen zu erhalten. Beispiele sind Abspaltungsversuche in Angola (Cabinda), in der DR Kongo (Katanga) und in Nigeria (Biafra-Krieg, Niger-Delta). Wie im Niger und in Nigeria können Rebellen auch Produktionsanlagen angreifen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Eine internationale Dimension ist gegeben, wenn regionale oder westliche Mächte Konfliktparteien unterstützen, um Zugang zu Ressourcen zu erlangen. In Kongo-Brazzaville halfen französische und amerikanische Ölfirmen 1997 jeweils den Bürgerkriegsparteien. Der "Erste afrikanische Weltkrieg" (1998 bis 2002) in der DR Kongo war auch dadurch gekennzeichnet, dass die intervenierenden Nachbarstaaten sich an den üppigen Rohstoffen wie Diamanten und Coltan - das für die Elektronik von Handys benötigt wird - bereicherten. Mit Unterstützung ausländischer Konzerne werden zudem jene Finanzmittel erwirtschaftet, die notwendig sind, um die Kämpfe fortführen zu können. Selbst wenn bei den eigentlichen Konfliktursachen die Ressourcen nicht primär im Vordergrund stehen, können vorhandene lukrative Rohstoffe Konflikte verlängern. Das Risiko gewalttätiger Auseinandersetzungen wird schließlich indirekt verschärft, wenn die Ressourcenproduktion durch negative Effekte auf Wirtschaft, Institutionen und Menschenrechte zusätzlich zu Gewalttaten motiviert.

Ressourcenmanagement

Ob natürliche Ressourcen zum "Segen" oder "Fluch" für die jeweiligen Länder werden, hängt von einer Reihe damit verbundener Faktoren ab. Dazu gehören die Höhe der Erlöse - die etwa in Nigeria in Bezug auf die Bevölkerungsgröße gar nicht so hoch sind -, der Anteil, den die multinationalen Konzerne den Regierungen überlassen, der Grad der Abhängigkeit von einer bestimmten Ressource und die von den Regierungen kaum beeinflussbare Entwicklung der Weltmarktpreise. Ungünstig ist es besonders, wenn im Land bereits vor Beginn der Rohstoffförderung Spannungen zwischen Regionen und ethnischen Gruppen, ein fragiler Staat und eine schwache Regierungsführung bestehen.

Am wichtigsten erscheint jedoch der Umgang mit dem Ressourcenreichtum durch die jeweilig Herrschenden. Negativen wirtschaftlichen Auswirkungen kann durch eine vorsichtige Ausgabenpolitik und Anstrengungen, die Wirtschaft auf mehrere Standbeine zu stellen, entgegengesteuert werden. Wenn die Einnahmen fair und verantwortungsvoll verwendet werden, können gesellschaftliche Spannungen vermieden werden. Korruption ist keine notwendige Folge, und es ist kein Zufall, dass das diamantenreiche Botsuana nicht nur sorgsam mit seinen Ressourcen umgegangen ist, sondern auch als das am wenigsten korrupte Land in Afrika gilt. Andere ressourcenreiche Länder wie Namibia und Südafrika haben ebenfalls vergleichsweise geringe Korruptionsraten.

Zu einer verantwortlichen und kompetenten Regierungsführung gibt es im Ressourcensektor keine Alternative. Allerdings beschränkt sich dies nicht auf die afrikanischen Regierungen. Auch die Länder des Nordens müssen auf korrupte und ausbeuterische Praktiken verzichten. Besonders wichtig ist eine höhere Transparenz des internationalen Ressourcenmanagements, um Konflikte zu mindern sowie die illegale Abzweigung und Verschwendung von Ressourcenerlösen einzudämmen. Im Diamantensektor versucht man seit 2002 durchaus erfolgreich, mit dem Kimberley Process Certification Scheme (KPCS) den Handel mit "Blutdiamanten" zu unterbinden. Weitere Anstrengungen wie die Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) und die "Publish What You Pay"-Initiative versuchen weltweit die Transparenz im Rohstoffsektor zu verbessern. Machtlos blieben externe Bemühungen allerdings im Tschad. Das von der Weltbank initiierte "Modell" zur entwicklungsorientierten Verwendung der Erdöleinnahmen scheiterte 2008 bereits nach wenigen Jahren, nachdem die Regierung es von Anfang an hintertrieben hatte. Es bleibt zudem zu befürchten, dass die wachsende Konkurrenz um die Rohstoffe Afrikas durch westliche Staaten und China all diese Ansätze zunichtemachen könnte.


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Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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