Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Steffen Angenendt
Matthias Basedau
Bettina Conrad
Andreas Eckert
Gero Erdmann
Dominic Johnson
Tobias von Lossow
Stefan Mair
Laurence Marfaing
Dalila Nadi

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Klimawandel

Der Klimawandel ist ein globales Phänomen, dessen Konsequenzen regional unterschiedlich ausfallen werden. Während in einigen Zonen Europas oder der USA mit vergleichsweise geringen Veränderungen zu rechnen ist, werden die Folgen in vielen Gebieten der Südhalbkugel deutlich dramatischer ausfallen und eine nachhaltige Entwicklung gefährden. Insbesondere Afrika wird durch seine geographische Lage und aufgrund von Mehrfachbelastungen wie kein anderer Kontinent unter dem Klimawandel zu leiden haben. Die Auswirkungen werden auch deshalb als besonders gravierend eingeschätzt, weil afrikanische Staaten im Vergleich zu Industrienationen erstens hochgradig verwundbar sind (vulnerability) und zweitens nur sehr begrenzte Kapazitäten haben, um sich an den Klimawandel anzupassen (adaptation). Diese negativen Voraussetzungen sind die Folge fehlender finanzieller und technologischer Mittel sowie einer vom Agrarsektor dominierten ökonomischen Struktur. Dazu kommen in vielen afrikanischen Staaten soziale, finanzielle und politische Strukturen, die es erschweren werden, (präventive) Gegenmaßnahmen zu entwickeln oder die eintretenden Veränderungen abzuschwächen oder zu kompensieren. Zu nennen sind hier beispielsweise unzureichende oder fehlende Kapazitäten auf Seiten der Regierung und der Verwaltung, weit verbreitete Armut, ungleiche Landverteilung, fehlende nachhaltige Investitionen sowie Druck auf die natürlichen Ressourcen durch hohe Bevölkerungswachstumsraten.

Folgewirkungen

In vielen Regionen Afrikas zeigt sich bereits heute, dass der Klimawandel mit seinen Auswirkungen (wie zum Beispiel Temperaturanstieg, Anstieg des Meeresspiegels oder erhöhte Variabilität und Rückgang der Niederschläge) schon seit Jahren von einer prognostizierten künftigen, abstrakten Bedrohung zu einem akuten Problem geworden ist. Klimabedingte größere Schwankungen der Niederschläge bei gleichzeitigem Rückgang der gesamten Niederschlagsmenge lassen sich ebenso feststellen wie verlängerte Trockenperioden oder steigende Temperaturen. Zwar ist es möglich, sich beispielsweise durch landwirtschaftliche Bewirtschaftungsmethoden in einem gewissen Rahmen an die bestehenden Klimaschwankungen und -änderungen anzupassen. Im Hinblick auf das Ausmaß des prognostizierten Wandels dürften sich diese Anpassungsleistungen jedoch als unzureichend erweisen. Für den afrikanischen Kontinent werden nahezu sämtliche Folgen des Klimawandels relevant werden. Dazu gehören unter anderem
  • die Verknappung der Süßwasserressourcen,
  • die Beeinträchtigung von Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion,
  • die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit,
  • die Bedrohung von Ökosystemen und Artenvielfalt,
  • der Anstieg von extremen Wetterereignissen und
  • die Gefährdung von Küsten sowie tiefer gelegenen Gebieten und Inseln.
Daraus ergeben sich
  • eine Beeinträchtigung der Entwicklung in vielen afrikanischen Staaten,
  • ein Anstieg der Migration und
  • die Gefahr gewaltsamer Konflikte.
Die Folgen des Klimawandels bedingen und verstärken sich häufig gegenseitig, weshalb es kaum möglich ist, diese isoliert zu betrachten. Auch wenn sie nicht auf alle Regionen Afrikas im gleichen Ausmaß zutreffen, lassen sich dennoch gewisse Trends für den gesamten Kontinent ablesen, wie die folgenden drei Beispiele verdeutlichen.

Wasserversorgung: Wasserknappheit kann aufgrund ihrer zahlreichen Einflüsse auf andere Bereiche vielleicht als wichtigste Folge des Klimawandels angesehen werden. Schon heute wirken sich Übernutzung und Verschmutzung der Wasservorkommen negativ auf die angespannte Versorgungssituation aus. In einigen Regionen werden die ohnehin knappen Wasserressourcen durch den Klimawandel weiter zurückgehen, gleichzeitig wird der Wasserbedarf aufgrund zunehmender Bevölkerungszahlen und vor allem eines steigenden Lebensstandards anwachsen. Nach Prognosen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) werden bis zum Jahr 2020 in Afrika zwischen 75 und 250 Millionen Menschen unter zunehmender Wasserknappheit, im Hinblick auf Menge wie auch Qualität, leiden, wobei Haushalte, Industrie und Landwirtschaft gleichermaßen betroffen sein werden. Die Abnahme der Wassermenge in fließenden Gewässern wird auch die Stromerzeugung entlang der großen Ströme beeinträchtigen, zum Beispiel am Niger oder am Nil. Der Anstieg des Meeresspiegels hat zur Folge, dass Süßwasserquellen und Grundwasservorkommen in Küstennähe versalzen. Durch den Temperaturanstieg wird der Kilimandscharo Gletscher abschmelzen und damit eine bekannte Süßwasserquelle Kenias bis spätestens 2020 verschwunden sein.

Nahrungsmittelsicherheit: Die prognostizierten Klimaveränderungen werden die landwirtschaftliche Produktion und den Zugang zu Nahrungsmitteln schwerwiegend beeinträchtigen. Für einige Länder wird mit einem 50-prozentigen Rückgang der vom Regen abhängigen landwirtschaftlichen Erträge gerechnet, wodurch das Risiko von Lebensmittelengpässen steigt. Besonders am Rand trockener und halbtrockener Gebiete, die heute ein Drittel Afrikas umfassen, werden geeignete Flächen, Vegetationszeiten und das Ertragspotenzial zurückgehen, die Wüsten werden sich weiter ausbreiten. Auch die zunehmende Häufigkeit von extremen Wetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen werden in einigen Gebieten zu einem existenzbedrohenden Mangel an Nahrungsmitteln führen. Angesichts bereits bestehender Nahrungsknappheit, des Bevölkerungswachstums und der in vielen Staaten ausgeprägten Abhängigkeit von der Landwirtschaft - die auf individueller Ebene die Existenz sichern soll (Subsistenzlandwirtschaft) und auf staatlicher Ebene die Hauptexportgüter stellt - geben diese Entwicklungen Anlass zur Sorge. Der Anstieg der Wassertemperaturen in Seen, Flüssen und Meeren wird zudem einen Rückgang der Fischbestände zur Folge haben, bestimmte Arten in teilweise bereits überfischten Gewässern werden verschwinden.

Quellentext

Klimawandel in Westafrika

[...] Das Wetter Westafrikas gehorcht nicht mehr dem Ablauf, dem es gefolgt ist, so lange sich die Bauern von Kandiga erinnern. Der Beginn der Regenzeit verschiebt sich, die Männer können sich bei der Aussaat nicht mehr auf ihre Erfahrung verlassen. Niemand weiß genau, wann der richtige Zeitpunkt ist - ein Glücksspiel. "Die Menschen hier sind aber auf den Regenfeldbau angewiesen", sagt der Ethnologe Wolfram Laube von der Universität Bonn, der seit Jahren in der Region forscht. [...]

Wissenschaftler des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn beobachten, wie die Unwägbarkeiten für die Menschen im Volta-Becken wachsen. Seit acht Jahren beschäftigt sich eine Vielzahl von Forschern im Rahmen des Glowa Volta Projekts - Ethnologen, Hydrologen, Klimaforscher, Physiker - mit dem Wasserkreislauf im Voltabecken; sie analysieren die Folgen des Klimawandels für die Region und hantieren mit sperrigen Begriffen wie Wassermanagement und Niederschlagsvariabilität. [...] Allen geht es um die Frage, wie sich die lokale Landwirtschaft auf den Klimawandel einstellen und gleichzeitig eine stetig wachsende Bevölkerung im Westen Afrikas ernähren kann.
Der Schwarze, Rote und Weiße Volta, die sich in Ghana zu einem Strom vereinen, fließen durch Entweder-Oder-Land. Entweder ist es während der Trockenzeit so heiß und staubig, dass die Bäume ihre Blätter abwerfen, das Gras verdorrt, der Boden aufreißt und die Menschen kaum mehr machen können, als in ihren Lehmhäusern Zuflucht vor der Hitze zu suchen. Oder es stürzen während der Regenzeit Wassermassen vom Himmel. Zwischen April und Oktober regnet es manchmal so heftig, dass die Passanten in den ungeteerten Nebenstraßen von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, in einem reißenden rot-bräunlichen Strom stehen, dessen Wasser ihnen an den Hüften zerrt. In Kandiga und anderen Dörfern schwemmen diese Güsse die fruchtbaren Böden von den Äckern und reißen Saat und Pflanzen gleich mit.
"Diese Variabilität nimmt zu", sagt der Koordinator des Glowa Volta Projekts, Jens Liebe. [...]
"Klimamodelle für Westafrika zu erstellen ist sehr schwierig", sagt der Hydrologe. [...] Doch gebe es einen gemeinsamen Nenner der Modelle. Alle prognostizieren, dass sich das Entweder-oder verstärken wird. Die Trockenperioden werden länger dauern, die Niederschläge werden heftiger sein - und unregelmäßiger werde alles vonstattengehen. Die lokal begrenzten Regenfälle haben bereits an Intensität zugenommen. Der heiße Boden fördert die Bildung turmhoher Wolken, die sich kaum von der Stelle rühren, bis ihre Wassermassen auf eng begrenzte Gebiete niederprasseln und Ernten vernichten. "Unsere Modelle bestätigen das, was die Bauern berichten", sagt Jens Liebe. [...]
Die Forschungsergebnisse für den Alltag der Menschen von Burkina Faso und Ghana nutzbar zu machen, ist schwer. [...] Für die Bauern bedeutet das Unsicherheit, und diese werde zunehmen. [...]

Sebastian Herrmann, "Unser Dorf ist immer in Gefahr", in: Süddeutsche Zeitung vom 4. Oktober 2008

Gesundheit:

Die ohnehin meist unzureichenden und schwach ausgebildeten Gesundheitssysteme der afrikanischen Staaten werden neben den bestehenden massiven Problemen wie HIV/Aids, Tuberkulose, Malaria oder Hepatitis durch die Folgen des Klimawandels mit weiteren dramatischen Entwicklungen konfrontiert werden. Die Beeinträchtigung der Landwirtschaft und der Nahrungssicherheit führt zu einer verschlechterten Ernährungssituation, wodurch die Menschen anfälliger für Krankheiten werden. Unterernährung und daraus resultierende Erkrankungen sowie Durchfallerkrankungen als Folge der zunehmenden Wasserverknappung werden häufiger auftreten. Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Brände und Dürren werden Erkrankungen, Verletzungen und erhöhte Sterblichkeitsraten nach sich ziehen. Der Temperaturanstieg wird vermehrt hitzebedingte Todesfälle auslösen und zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie zu einer veränderten räumlichen und zeitlichen Verbreitung von Überträgern von Infektionskrankheiten wie Gelbfieber, Dengue-Fieber oder Malaria führen. Bereits jetzt breitet sich die Malaria in höheren, bis dato als ungefährdet geltenden Lagen in Kenia, Ruanda, Burundi und Äthiopien aus.

Afrikas "Beitrag" zum Klimawandel

Afrika leidet jetzt und künftig massiv unter den Folgen des Klimawandels, hat aber zu dessen Ursachen nur in einem verschwindend geringen Ausmaß beigetragen. Die Staaten Afrikas sind lediglich für etwa 3,8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, ihr Anteil an den CO²-Emissionen beträgt weniger als drei Prozent. Der Grund für den geringen CO²-Ausstoß ist vor allem die schwach ausgeprägte industrielle Entwicklung. Mit einem jährlichen CO²-Ausstoß von etwa 650 Millionen Tonnen liegt der Wert des gesamten afrikanischen Kontinents beispielsweise deutlich unter dem Deutschlands, das pro Jahr rund 800 Millionen Tonnen emittiert. Während der daraus resultierende Pro-Kopf-Ausstoß in Afrika eine Tonne CO² beträgt, ist der Wert in Deutschland zehnmal so hoch.

Auch unter den afrikanischen Staaten sind die CO²-Emissionen ungleich verteilt. Eine Gruppe von 15 Staaten verursacht 95 Prozent aller Emissionen in Subsahara-Afrika: in absteigender Reihenfolge sind das Südafrika, Nigeria, Kenia, Simbabwe, Sudan, Äthiopien, Angola, Ghana, Côte d'Ivoire, Äquatorial-Guinea, Senegal, Botsuana, Tansania, Kamerun und Kongo (Brazzaville), die meisten der verbleibenden 38 Länder erzeugen lediglich 0,1 bis 0,3 Tonnen CO² pro Kopf. Die Industrienationen, die im Verlauf ihrer Entwicklung in erster Linie den Klimawandel zu verantworten haben, sind aufgefordert, durch Technologietransfers und Kooperationen die Anpassungskapazitäten in Afrika zu erhöhen und damit die dortige Verwundbarkeit zu reduzieren.

Klimawandel als Chance?

Die Notwendigkeit, sich an den Klimawandel anzupassen, birgt im Bereich der Energiegewinnung (Entwicklungs-)Chancen für die afrikanischen Staaten, wenngleich diese Chancen die negativen Folgen des Klimawandels nicht aufwiegen können. Durch den Ausbau der Solarenergie kann die Elektrifizierung und somit die Entwicklung der Länder vorangetrieben werden, denn weite Teile der Bevölkerung sind bislang von der Stromversorgung abgeschnitten. Weil ohnehin nur unzureichende Kapazitäten zur Stromerzeugung vorhanden sind und der Ausbau zentraler Netze vor allem in ländlichen, oft dünn besiedelten Gebieten zu teuer ist, ließen sich alternative, dezentrale Energiequellen wie Windkraft und Solarenergie nutzen. Aufgrund der vorherrschenden klimatischen Bedingungen könnten mit Investitionen in die Erzeugung von Solarenergie langfristig ein neuer Wirtschaftszweig und ein neues Exportprodukt entstehen. Energieexporte könnten die ökonomischen Nachteile der auch klimabedingt steigenden Abhängigkeit von Lebensmittelimporten abfedern. In diesem Bereich hat Afrika die Chance, Stadien der Energiegewinnung der Industrienationen zu überspringen und durch den Ausbau alternativer Energien einen nachhaltigen Entwicklungsschub zu erfahren.


Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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