Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Steffen Angenendt
Matthias Basedau
Bettina Conrad
Andreas Eckert
Gero Erdmann
Dominic Johnson
Tobias von Lossow
Stefan Mair
Laurence Marfaing
Dalila Nadi

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Alte und neue Ursachen von Migration

Das europäische Bild vom afrikanischen Wanderungsgeschehen ist zwiespältig: Einerseits wird der Kontinent als Quelle irregulärer Zuwanderung wahrgenommen, und Migranten aus Afrika werden als Sicherheitsrisiko betrachtet. Andererseits gibt es die Vorstellung, die afrikanische Bevölkerung sei vormodern, in ländlichen und vorindustriellen Strukturen verhaftet und im Vergleich zu anderen Weltregionen immobil. Beide Vorstellungen sind weit verbreitet, aber falsch, denn sie entsprechen nicht der Komplexität und Dynamik des afrikanischen Migrationsgeschehens.

Die internationalen Migrationsstatistiken stützen zunächst den Eindruck, Afrika spiele im globalen Wanderungsgeschehen nur eine Nebenrolle. So beträgt laut UN-Bevölkerungsabteilung der Anteil der internationalen Migranten - also von Menschen, die ihr Heimatland für länger als ein Jahr verlassen haben - an der Weltbevölkerung etwa drei Prozent, ihr Anteil an der Bevölkerung in Afrika aber nur 1,9 Prozent. 1970 lebten noch mehr als zwölf Prozent aller internationalen Migranten in Afrika, im Jahr 2000 aber nur noch neun Prozent. Afrika ist diesen Daten zufolge aber nicht nur als Aufnahmegebiet für Migranten wenig bedeutend, sondern auch als Herkunftsgebiet: Im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 verzeichnete der Kontinent einen jährlichen Wanderungsverlust von 455 000 Menschen, während aus Lateinamerika und der Karibik 804 000 und aus Asien sogar 1 297 000 Menschen auswanderten. Die vorhandenen Statistiken sind aber wegen zahlreicher Erhebungs- und Auswertungsprobleme äußerst lückenhaft, und es ist fraglich, ob das Bild der (relativen) Bedeutungslosigkeit Afrikas im weltweiten Wanderungsgeschehen der Realität entspricht. Es ist sinnvoller, nach den Ursachen und Triebkräften des Wanderungsgeschehens zu fragen.

Politische Wanderungsursachen

Bei den Wanderungsursachen spielen politische Faktoren eine besondere Rolle. Sie können unterschiedliche Formen annehmen, von der systematischen Verfolgung einzelner Personen und Gruppen bis zur allgemeinen Unterdrückung der Bevölkerung und flächendeckenden Menschenrechtsverletzungen, von lokalen militärischen Auseinandersetzungen zwischen Machthabern und Opposition bis zur völligen Auflösung staatlicher Ordnung. Um Fluchtabsichten in die Tat umzusetzen, müssen zu den Auswanderungsgründen in jedem Fall eine begründete Hoffnung und eine praktische Möglichkeit kommen, entweder in friedlicheren Landesteilen oder in einem anderen Land Schutz und Sicherheit vor Verfolgung finden zu können.

In Afrika haben Flüchtlinge seit den Konflikten im Zusammenhang mit der Entkolonisierung immer einen vergleichsweise großen Anteil an den Wanderungsbewegungen ausgemacht. In den 1970er Jahren hatte die Zahl der Flüchtlinge, die ihr Land verließen, deutlich zugenommen, von einer Million auf 3,6 Millionen Menschen - ein Trend, der in den 1980er Jahren anhielt. Im Jahr 1990 schätzten internationale Hilfsorganisationen die Zahl der Flüchtlinge allein im subsaharischen Afrika auf 5,4 Millionen Menschen, was damals etwa einem Drittel der weltweiten Flüchtlinge entsprach. Inzwischen sind einige der großen Flucht auslösenden Konflikte beendet, und Zahl und Anteil der Flüchtlinge sind deutlich gesunken. Nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissars betrug die Zahl der Flüchtlinge im subsaharischen Afrika Ende 2008 aber immer noch 2,1 Millionen Menschen oder 20 Prozent der weltweiten Flüchtlinge.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die regionalen Schwerpunkte des Fluchtgeschehens mehrfach verändert. Seit den 1980er Jahren kamen zu den Flüchtlingskrisen in Ostafrika, wie in Somalia, Eritrea und im Sudan, neue große Fluchtbewegungen in Zentralafrika (unter anderem in Ruanda und Burundi) und in Westafrika hinzu, hier vor allem im Zuge der Konflikte in Liberia und Côte d'Ivoire.

Gegenwärtig sind die Fluchtbewegungen in Afrika durch drei Trends gekennzeichnet:
  • Erstens wird die Flucht auslösende Gewalt zunehmend durch halbstaatliche oder nicht-staatliche Akteure wie Milizen, Warlords oder marodierende Banden begangen und gezielt gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt, um sie zu vertreiben.
  • Zweitens ist der Anteil der in den betreffenden Ländern Vertriebenen, also der Binnenflüchtlinge, im Vergleich zu den Flüchtlingen, die ihr Land verlassen haben, groß und deutlich zunehmend. Inzwischen lebt die Hälfte der weltweit Binnenvertriebenen in Afrika.
  • Drittens handelt es sich zunehmend um so genannte "langandauernde Flüchtlingskrisen", die meist mehrere Länder betreffen und erhebliche Sicherheitsrisiken für die betreffende Region darstellen.


Wirtschaftliche Wanderungsursachen

Bei der wirtschaftlich motivierten Migration in Afrika können drei Formen unterschieden werden.

Ein großer, aber nicht bezifferbarer Teil dieser Migration besteht aus Binnenwanderungen, die meist vom Land in die Stadt führen. Im Jahr 2000 lebten in Afrika schätzungsweise 294 Millionen Menschen in Städten, und ihre Zahl wird UN-Prognosen zufolge bis zum Jahr 2030 auf 742 Millionen steigen. Dieses Wachstum findet vor allem in kleineren Städten statt, und es gibt einen hohen Anteil von Pendelwanderungen und zirkulärer Migration, also von mehrfacher Zu- und Rückwanderung. Die Land-Stadt-Wanderung bietet vielen Migranten die Chance auf ein besseres Leben und ist zumindest für die erfolgreicheren von ihnen häufig Ausgangspunkt für Wanderungen in Nachbarstaaten oder in weiter entfernte Länder. Für viele weniger erfolgreiche Migrantinnen und Migranten führt die Landflucht allerdings oft zu Entwurzelung und Verarmung. Erheblich ist auch die Migration zwischen den afrikanischen Staaten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzte im Jahr 2004 die Zahl der in anderen afrikanischen Staaten arbeitenden Migranten auf über sieben Millionen Menschen. Die traditionellen Muster der Arbeitsmigration haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Inzwischen ist es schwierig, Länder eindeutig in Herkunfts- oder Zielländer zu unterscheiden, weil viele Länder sowohl Zu- als auch Abwanderungen aufweisen. Zudem tendieren viele traditionelle Zielländer zu einer restriktiveren Aufnahmepolitik, weil die grenzüberschreitenden (und zu einem erheblichen Teil irregulären) Wanderungen als Einfallstor für Waffenschmuggel, Kriminalität und die Verbreitung von HIV/Aids betrachtet werden und sich in den Slums der Großstädte die Wut über schlechte Regierungsführung und wirtschaftlichen Niedergang zunehmend gegen Zuwanderer richtet. In einigen Staaten ist die traditionelle Offenheit gegenüber Migrantinnen und Migranten bereits in Gewalttätigkeiten umgeschlagen, wie 2008 in der Republik Südafrika.

Schließlich ist auch noch die Arbeitsmigration in Staaten außerhalb von Afrika von Bedeutung. Lange Zeit war diese Arbeitsmigration durch die Beziehungen zu den früheren Kolonialmächten bestimmt, und es gab relativ stabile Wanderungsmuster beispielsweise aus Nordafrika nach Frankreich, Spanien und Italien. Diese durch kulturelle und sprachliche Bindungen geprägten und durch ethnische Netzwerke gestützten Muster lösen sich auf. Afrikanische Migranten arbeiten beispielsweise zunehmend auch im Nahen Osten und in Asien. Auch wenn die Entwicklungsimpulse von Rücküberweisungen und von Rückwanderungen insgesamt positiv bewertet werden, ist der Exodus von Fachkräften für viele afrikanische Staaten ein Problem. Dies gilt insbesondere für die Auswanderung von medizinischem Personal. Einige europäische Staaten - beispielsweise die Niederlande - verzichten daher darauf, Ärzte und Krankenschwestern aus solchen afrikanischen Ländern abzuwerben. Eine relativ neue und stark zunehmende Migrantengruppe stellen Händler dar. Insbesondere Händler aus Westafrika haben internationale Netzwerke in Europa, Asien (insbesondere China) und den USA aufgebaut. Alle drei angeführten Wanderungsformen werden aller Wahrscheinlichkeit nach weiter zunehmen, und zwar weitgehend unabhängig vom wirtschaftlichen Entwicklungsstand der Herkunftsländer. In der Migrationsforschung ist unstrittig, dass Entwicklung Migration nicht verhindert, sondern zunächst fördert, weil sie potenzielle Migranten oft überhaupt erst in die Lage versetzt, in andere Länder zu wandern. Außerdem werden auch die afrikanischen Staaten zunehmend in die Weltwirtschaft eingebunden, der tendenzielle Abbau von Handelsschranken wirkt sich auch auf die Arbeitsmigration aus, und viele Industriestaaten verzeichnen einen wachsenden Zuwanderungsbedarf.

Demografische Wanderungsursachen

Die Migration aus und in Afrika wird durch demografische Faktoren verstärkt. Die Bevölkerungsentwicklung löst zwar selbst keine Wanderungen aus, ist aber eine wichtige Rahmenbedingung. Entscheidend sind die Geschwindigkeit und die regionale Verteilung des Bevölkerungswachstums. Die von der UN-Bevölkerungsabteilung prognostizierte Zunahme der Weltbevölkerung von derzeit sechs auf 9,4 Milliarden Menschen bis 2050 wird zu 95 Prozent in den Entwicklungsländern stattfinden. Dieser schnelle Bevölkerungszuwachs wird gerade in Afrika interne und externe Wanderungsbewegungen forcieren.

Viele afrikanische Staaten mit einem "Jugendüberschuss" ("youth bulge") werden ein Interesse haben, einen Teil dieser Arbeitskräfte in den Industriestaaten unterzubringen, nicht zuletzt, um innenpolitischen Konflikten vorzubeugen, die sich aus einer größeren Zahl unzufriedener und perspektivloser Jugendlicher ergeben könnten. Viele Industrieländer hingegen altern und schrumpfen in demografischer Hinsicht, und sie werden einen größeren Zuwanderungsbedarf aufweisen. In diesem Zusammenhang wird das Bedürfnis nach einer abgestimmten Steuerung der Zuwanderung steigen.

Ökologische Wanderungsursachen

Die Diskussion über den Einfluss von Umweltfaktoren auf Wanderungsbewegungen ist nicht neu, ungewohnt ist eher das Ausmaß der Risiken, vor denen gewarnt wird: Auch seriöse Prognosen sprechen von hunderten Millionen Umweltflüchtlingen, die aufgrund des Klimawandels gezwungen sein könnten, ihre Heimat zu verlassen. In diesem Zusammenhang versucht zum Beispiel der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), besonders betroffene regionale Brennpunkte zu identifizieren. In allen Studien wird auf die Gefährdung afrikanischer Gebiete hingewiesen. So wird für Nordafrika befürchtet, der Migrationsdruck könne wegen des Zusammenwirkens von zunehmenden Dürren und Wasserknappheit, hohem Bevölkerungswachstum und der Schwächung der landwirtschaftlichen Potenziale zunehmen. Die Sahelzone und das südliche Afrika, die bereits heute zum Teil von schwacher Staatlichkeit, Bürgerkriegen und großen Flüchtlingszahlen betroffen sind, könnten nach Ansicht der Experten durch den Klimawandel zusätzlich unter Druck geraten.


Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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