Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Christof Hartmann
Sven Grimm
Tobias Koepf
Stefan Mair
Siegmar Schmidt
Tobias Schumacher
Denis M. Tull
Isabelle Werenfels

Afrika in der internationalen Politik

Neue Mächte auf dem Kontinent

Mit dem Ende des Kalten Krieges erlitt Afrika, vor allem die Region südlich der Sahara, einen internationalen Bedeutungsverlust. Seit etwa der Jahrtausendwende ist indes eine strategische Wiederentdeckung des Kontinents zu beobachten - nicht nur von Seiten westlicher Staaten, allen voran den USA, sondern auch von Seiten "neuer" Akteure wie China, Indien, Russland, Brasilien und weiterer Schwellenländer. Angesichts der beeindruckenden Geschwindigkeit, mit der diese Staaten ihre Beziehungen zu Afrika aufbauen und ausweiten, scheint die Phase beendet zu sein, in der die USA und die ehemaligen europäischen Kolonialmächte als einzige Akteure substanzielle Interessen in Afrika verfolgten.

Die Volksrepublik China steht zweifellos an der Spitze der neuen Mächte, die sich verstärkt in Afrika engagieren. Deutlichster Indikator ist das afrikanisch-chinesische Handelsvolumen, das von acht Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 auf über 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2008 anstieg. Dass Ölimporte aus Afrika (Angola, Sudan, Nigeria) dabei mit 80 Prozent zu Buche schlagen, verdeutlicht die Interessen Chinas. Chinesische Unternehmen - staatliche wie private - engagieren sich aber flächendeckend in Afrika, also auch in kleinen und ressourcenarmen Ländern. China führt einen rasch wachsenden Anteil seiner Rohstoffimporte aus Afrika ein (30 Prozent bei Öl, 80 Prozent bei Kobalt und 40 Prozent bei Mangan). Zudem ist Beijing auf dem Weg, der größte Finanzier von Infrastrukturprojekten wie Straßen, Eisenbahnen und Strom auf dem südlichen Kontinent zu werden. Im Jahr 2006 erreichten die chinesischen Zusagen in diesem Bereich sieben Milliarden US-Dollar. In der DR Kongo schnürten chinesische Unternehmen 2007 ein Investitionspaket von knapp neun Milliarden US-Dollar, das in gewisser Hinsicht exemplarisch ist für das chinesische Kooperationsmodell in ressourcenreichen Ländern: Der Bau von Infrastrukturprojekten wird gegenfinanziert durch Bergbaukonzessionen, das heißt die Vergabe von Nutzungsrechten, und die Lieferung von Rohstoffen von afrikanischer Seite.

Auch bei Indiens Afrikapolitik steht der Zugang zu Rohstoffen im Mittelpunkt, das bilaterale Handelsvolumen lag 2006 bei rund 30 Milliarden US-Dollar. Anders verhält es sich mit Russland, das selbst ein rohstoffreiches Land ist und dessen geplante Investitionen in den Sektoren Metallindustrie, Bergbau und Energie (transsaharisches Pipeline-Projekt) eher auf wirtschaftliche Profite ausgerichtet sind. Auch ist Russlands Außenwirtschaftspolitik anders als im Falle Chinas und Indiens bislang nicht in ein afrikapolitisches Gesamtkonzept eingebettet, mit Abstrichen gilt dies allenfalls für den Maghreb. China und Indien entwickeln hingegen ein afrikapolitisches Profil, das flächendeckend und politikfeldübergreifend angelegt ist. Die wirtschaftlichen Kooperationsangebote Chinas und Indiens kombinieren Handel und Investitionen mit Zuwendungen, die nach westlichem Verständnis eher in den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit fallen.

Als aufsteigende Großmächte mit wachsenden internationalen Gestaltungsansprüchen suchen beide Länder in Afrika politische Partner und Verbündete. Mit Ausnahme Nigerias und Südafrikas sind afrikanische Staaten natürlich keine Schwergewichte der internationalen Politik. Sie stellen aber ein Viertel der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (UN) und bilden daher eine potenziell wichtige Quelle diplomatischer Unterstützung, insbesondere in internationalen Organisationen wie der WTO und der UN-Menschenrechtskommission sowie für außenpolitische Ziele wie die Errichtung einer multipolaren Weltordnung.

Zur politischen Profilierung der neuen Partnerschaften zwischen Afrika und den neuen Mächten trägt die klassische Diplomatie bei, das heißt eine rege Reisediplomatie und große Gipfeltreffen wie das Forum on China-Africa Cooperation in Beijing 2006 oder der indisch-afrikanische Gipfel in Neu-Delhi 2008. Unbelastet von kolonialem Ballast präsentieren sich die Schwellenländer teilweise auch als Gegenentwurf zu den westlichen Staaten und deren Afrikapolitik. Ihr weitgehender Verzicht darauf, in Afrika ein bestimmtes Entwicklungsmodell zu propagieren, steht in markantem Gegensatz zur Politik westlicher Staaten und Geberorganisationen, die politische und wirtschaftliche Liberalisierung von den afrikanischen Partnern einfordern. Afrikanische Regierungen sehen darin eine unangemessene Einmischung in ihre inneren Angelegen­heiten und eine Verletzung ihrer staatlichen Souveränität.

Die neuen Kooperationspartner werden die Abhängigkeit afrikanischer Staaten von westlichen Gebern zwar nicht beenden, sie können aber dazu dienen, den Druck abzufedern. Dies gilt nicht nur für undemokratische oder reformresistente Regierungen. Denn grundsätzlich ist die Ausweitung politischer und wirtschaftlicher Kooperation auf die neuen Partner eine vernünftige Strategie afrikanischer Staaten, deren Außenpolitik lange Zeit auf die westliche Gemeinschaft fokussiert war. Das neue Engagement der Schwellenländer eröffnet Afrikas Staaten die historische Chance, ihre Außenbeziehungen auf ein breiteres Fundament zu stellen und damit nicht nur ihre politische und wirtschaftliche Situation zu verbessern, sondern auch ihre Verhandlungsposition gegenüber den westlichen Staaten.

Gleichwohl gibt es zumindest in Einzelfällen Anlass zu berechtigten Vorbehalten gegen die Politik der neuen Mächte. Die duldsame Haltung gegenüber den verbrecherischen Regimen in Sudan (China) und in Simbabwe (China, Russland) ist höchst problematisch. Auch in weniger kontroversen Fällen untergräbt der Einflusszuwachs der Schwellenländer aus westlicher Sicht Versuche, die eigenen politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen in Afrika durchzusetzen. Grundsätzlich erscheint die westliche Kritik - vor allem an Chinas Afrikapolitik - jedoch häufig undifferenziert und überzogen. Sie übersieht zudem, dass Afrikas Staaten nicht über einen Kamm zu scheren sind. Relativ demokratische Staaten werden einen anderen und häufig kritischeren Umgang mit den neuen Mächten finden als autoritär regierte Länder. Zudem hat sich die westliche Politik, Bedingungen an die afrikanischen Regierungen zu stellen, bisher ohnehin nicht als besonders effektiv erwiesen.

Quellentext

Sudans neue Partner

[...] Es ist noch gar nicht lange her, da wirkte Khartum ruhig und beschau­lich, manchmal gar ein wenig schläfrig. Oft war nur die Stimme des Muezzins zu vernehmen, der seine Gläubigen zum Gebet rief. Nun aber gibt überall der Presslufthammer den Ton an. Wohin man blickt, wird gebaggert und gebaut. Die Stadt verwandelt sich rasant.

Nur das herrschende Regime hat seit zwanzig Jahren nicht gewechselt. Khartum ist immer noch die Bastion von Putschistengeneral Omar al-Bashir, der 1989 die gewählte Regierung im Sudan stürzte. Bashir ist der starke Mann am Nil. Aber er ist auch ein Gejagter. Denn die Justiz sitzt ihm im Na­cken. Der Chefankläger des Internatio­nalen Strafgerichtshofes (ICC) in Den Haag möchte ihn hinter Gitter bringen. Luis Moreno-Ocampo sieht in ihm einen Völkermörder, den Drahtzieher eines Vernichtungsfeldzuges gegen die Bauernvölker in Darfur, der umkämpften Westprovinz des Sudan. [...]
Noch ist Bashir ein freier Mann. Und der Ort, an dem er seinen Machtapparat lenkt, wirkt keineswegs wie die Hauptstadt eines geächteten Paria-Staates. Im Gegenteil: Khartum boomt, wie man es nie zuvor gesehen hat. Das liegt an den Ölquellen im Süden des Sudan, die seit einigen Jahren reichlich sprudeln und Milliarden Petrodollars in die Staatskasse fließen lassen. [...]
Die Investoren kommen fast alle aus dem Nahen und Fernen Osten. Vor allem Geschäftsleute aus China und der arabischen Welt pumpen Geld in die Wirtschaft. Dass die Weltmacht USA das Land seit Jahren als Sponsor des Terrorismus geißelt und mit harten Wirtschaftssanktionen straft, bremst den Aufschwung von Khartum kaum. Auch europäische Firmen haben sich weitgehend zurückgezogen, hier suchen nun andere ihre Chance. Sudanesische Geschäftsleute schütteln heute nur mitleidig den Kopf, wenn sie von den Amerikanern und den Sanktionen sprechen. Die Strafen schmerzen kaum noch.
Khartums Architektur versprüht wenig Charme. [...] Doch manche in der Stadt haben ehrgeizige Pläne, die man im Internet schon besichtigen kann. Sudanesische Unternehmen zaubern dort schillernde Simulationen auf den Bildschirm. "Sudans Antwort auf Dubai oder Shanghai" nennt das der Großunternehmer Osama Daoud [...] Noch ist es vor allem eine virtuelle Welt. Aber es wird schon fleißig an ihr gebaut. [...]
Der Gedanke an Shanghai liegt gar nicht so fern, denn überall stiefeln chinesische Bauarbeiter durchs Revier, sie messen, graben, rechnen. Alle winken freundlich, aber ein längeres Gespräch kommt nicht zustande. Ihr Chef ist all die Tage nicht zu sprechen. "Zu beschäftigt", heißt es. Man darf schließlich Fragen per E-Mail schicken, doch auch die werden nie beantwortet. Sie sind scheu, die Chinesen in Afrika, sie meiden das Rampenlicht. "Sie arbeiten immer sehr hart", sagt Amir Diglal, PR-Manager, als müsse er sie entschuldigen. "Und sie sind bereit, Risiken einzugehen." [...]
Für Khartum ist die Achse nach Peking von größter Bedeutung. Nicht nur ökonomisch, auch politisch. Denn China hält bislang seine schützende Hand über das im Westen verrufene Regime. Als Veto-Macht im UN-Sicherheitsrat kann es harte Strafen gegen die Regierung am Nil verhindern. Peking ist der wichtigste Pate, den Khartum hat. [...]

Arne Perras, "Reich an allen Übeln", in: Süddeutsche Zeitung vom 3. Februar 2009

Die intensiveren Beziehungen zwischen Afrika und den neuen Mächten stellen die hergebrachte Annahme in Frage, Afrika sei ein marginalisierter, von der Globalisierung abgehängter Kontinent. Durch vermehrten Handel, Investitionen und den Ausbau der Infrastruktur geben sie Afrika auch neue Entwicklungsimpulse. Und schließlich ist das Vordringen der neuen Mächte auch ein Weckruf an Europa, in dem nunmehr die Einsicht zu wachsen scheint, dass der Kontinent nicht nur eine krisengeschüttelte Altlast kolonialer Tage ist, sondern auch wirtschaftliche Chancen bietet.


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Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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