Menschenrechte

11.3.2008 | Von:
Axel Herrmann

Situation der Frauen und Kinder

Benachteiligung und Diskriminierung

Oft ist die Benachteiligung von Frauen und Kindern nicht einmal in einer bewussten Diskriminierung, sondern im Festhalten an überholten Traditionen und häuslichen Rollenverteilungen begründet. Auch in Deutschland gab es ein Wahlrecht für Frauen erst 1918, ab 1958 erfolgte ihre Gleichberechtigung auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts, 1977 in Bezug auf persönliche Ehewirkungen, 1980 trat das Gesetz über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz in Kraft. Im Jahre 2000 wurde auf Grund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs Frauen auch der Dienst mit der Waffe gestattet. (Allerdings dürfen Frauen nach Art. 12 a GG nicht zum Wehrdienst verpflichtet werden.) In unterentwickelten Ländern obliegt noch heute häufig Frauen und Kindern das Beschaffen von Wasser und Heizmaterial, wobei sie meist viele Kilometer zu Fuß zurücklegen müssen. Zudem erhalten weibliche Familienmitglieder durchschnittlich weniger zu essen und werden medizinisch schlechter versorgt. Sogar in so grundlegenden Familienangelegenheiten wie der Gesundheitsfürsorge für sich und ihre Kinder wird Frauen nicht selten die Mitsprache verweigert. Nach einer Studie aus dem indischen Bundesstaat Gujarat darf dort etwa die Hälfte der befragten Frauen nicht ohne Einwilligung der Ehemänner oder Schwiegereltern ein krankes Kind zum Arzt bringen. In Ländern wie Ägypten, Bangladesch oder Indien dürfen Frauen schon deswegen keinen Arzt aufsuchen, weil gesellschaftliche Normen es ihnen nicht erlauben, alleine das Haus zu verlassen und in Kontakt zu nicht verwandten Männern zu treten.

In vielen Entwicklungsländern wird Bildung nicht als lohnende Investition in die Zukunft gesehen, da Mädchen nach gängiger Meinung früh heiraten und das Haus verlassen sollen. Daher brechen Mädchen, die eingeschult werden, häufig mit Beginn der Pubertät die Schule ab, müssen sich überwiegend um die eigene Hausarbeit kümmern oder werden bereits im Kindesalter als Dienstmädchen in fremde Haushalte geschickt.

Ausbeutung durch Arbeit

Zwar ist der Anteil der Frauen, die einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, weltweit stark angestiegen. Aber immer noch arbeiten Frauen länger als Männer, während sie zugleich schlechter bezahlt werden. Ganztags berufstätige Frauen verdienen beispielsweise in Westdeutschland durchschnittlich 23 Prozent, im Osten zehn Prozent weniger als Männer, so ein Ergebnis des WSI-FrauenDatenReports der Hans-Böckler-Stiftung von 2006.

Nach Schätzungen des Kinderhilfswerkes UNICEF beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit von Frauen in den Entwicklungsländern 60 bis 90 Stunden pro Woche; das sind 15 Prozent mehr als bei Männern. Gleichzeitig verdienen Frauen in diesen Ländern nur 30 bis 50 Prozent des Einkommens von Männern, in den Industriestaaten immerhin 60 Prozent. Die Unterschiede ergeben sich dabei nicht nur aus der immer noch vorherrschenden ungleichen Bezahlung für gleiche Arbeit, sondern auch aus der Tatsache, dass Frauen sehr oft - bildungs oder familienbedingt - geringwertigere Arbeiten verrichten. Da diese in den Entwicklungsländern häufig im so genannten informellen Beschäftigungssektor angesiedelt sind, also in den Bereich der Schattenwirtschaft gehören, gibt es für die Betroffenen allermeist keine rechtliche und soziale Absicherung. Mit schätzungsweise 84 Prozent aller Frauen, die nicht in der Landwirtschaft arbeiten, weist Afrika südlich der Sahara den höchsten Anteil im informellen Sektor auf. Es liegt auf der Hand, dass das Armutsrisiko für diese Frauen und deren Kinder besonders groß ist. Ein typisches Beispiel sind Hausangestellte, die ohne Vertrag arbeiten und dabei die Betreuung von Kindern Wohlhabenderer übernehmen, um das Überleben der eigenen Kinder zu sichern, die wiederum deswegen von der Mutter alleine gelassen werden müssen.

Kinderarbeit

In Deutschland stellt Kinderarbeit eine längst überwundene Erscheinung aus der Frühphase der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts dar. Doch nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit rund 250 Millionen Kinder gezwungen, als Beitrag zum Einkommen ihrer Familien täglich bis zu 16 Stunden in Fabriken, Handwerksbetrieben, Bordellen, Steinbrüchen, Bergwerken oder Plantagen zu arbeiten.

In vielen Bereichen der Kinderarbeit werden Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit von Kindern ausgenutzt. So arbeiten Kinder in Indien häufig in Streichholzfabriken und in der Textilindustrie. In Südostasien werden sie in Krabbenfarmen zum Auspulen von Shrimps angestellt, in Afghanistan, im Iran oder in Marokko sind sie beim traditionellen Teppichknüpfen tätig.

Grubenbesitzer sparen sich die Kosten für den Ausbau mannshoher Stollen, wenn sie Kinder in die Bergwerke schicken, wo sie in gebückter Haltung und mit primitiven Werkzeugen Kohle abbauen müssen. Verhältnisse, wie sie in englischen und deutschen Zechen im 19. Jahrhundert üblich waren, findet man heute noch in Kolumbien.

Kinderarbeit breitet sich aber auch wieder in Europa aus. Statt in die Schule zu gehen, verrichten Kinder in Italien, Spanien und Großbritannien zunehmend eine meist illegale Arbeit. In Portugal nä-hen beispielsweise schon Zwölfjährige für geringes Entgelt in Fabriken Schuhe, die auch nach Deutschland exportiert werden.

Die schlimmste Form von Kinderarbeit liegt vor, wenn Kinder zur Zwangsarbeit verpflichtet und wie Sklaven gehalten werden. Im Vertrauen auf finanzielle Versprechungen, die meist nicht eingehalten werden, verpfänden oder verkaufen bettelarme Eltern ihre Kinder an gewissenlose Menschenhändler, die diese als Arbeitssklaven, als Bettler oder Prostituierte missbrauchen oder ihre Organe international organisierten Händlerringen anbieten. Bis zu zwei Millionen Menschen werden nach Schätzungen der UNO jährlich Opfer dieses Sklavenhandels.

Ganz bewusst kalkulieren jene Geschäftemacher auch bleibende physische und psychische Schäden, ja sogar einen frühzeitigen Tod ihrer kindlichen Opfer ein. So werden gesunde Kinder künstlich mit Krankheitserregern infiziert, wenn das organisierte Bettlerwesen auf "natürliche" Weise nicht von Not und Krieg gezeichnete Bettelkinder rekrutieren kann. Und sicher rührt es keinen Menschenhändler, wenn nicht wenige von etwa einer Million Kindern, die jährlich weltweit zur Prostitution und zur Mitwirkung an Kinderpornografie gezwungen werden, an Aids erkranken.

Vornehmlich in Schwarzafrika werden bei Bürgerkriegen Kinder sowohl von Regierungstruppen wie von Rebellenarmeen verschleppt und zwangsrekrutiert. In ihrem Handeln machen sie sich selbst schwerster Menschenrechtsverletzungen schuldig. Soweit sie das Morden überleben, sind sie meist ihr Leben lang seelisch und körperlich geschädigt. Nach Beendigung einiger Bürgerkriege ist die Zahl der Kindersoldaten leicht zurückgegagen; sie wird aber heute immer noch auf 250 000 Menschen geschätzt.

Quellentext

Traumatisiert fürs Leben

[...] Mehr als 1,4 Millionen Menschen leben im Norden Ugandas auf der Flucht vor dem Terror der LRA ["Lord`s Resistance Army" - Anm. d. Red.]. Dass sie in den Schutzlagern tatsächlich Schutz finden, ist nicht garantiert. Vor drei Jahren massakrierten LRA-Kämpfer in einer Flüchtlingssiedlung mehr als 250 wehrlose Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Sie töteten mit Macheten oder trieben ihre Opfer ins Feuer.

"Widerstandsarmee Gottes" bedeutet der Name der LRA übersetzt. Ihr Anführer ist ein Psychopath namens Joseph Kony, der vorgibt, mit Engeln zu reden und die Zehn Gebote auszuführen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Kony und einige seiner Kommandanten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Es gibt Berichte von abgetrennten Körperteilen, die verspeist werden mussten. In einem Schutzlager nahe Kitgum haben mir Kinder Zeichnungen geschenkt. Ein Bild zeigt, wie ein Baby in einem Topf mit kochendem Wasser liegt. Seit Friedensverhandlungen mit der Regierung begannen und ein Waffenstillstand gilt, strömen abends nicht mehr Tausende Kinder nach Kitgum, als so genannte Night Commuter (Nachtpendler), um vor Entführungen sicher zu sein. Mehr als 20 000 Minderjährige, schätzen Menschenrechtsorganisationen wie "terre des hommes", wurden in den vergangenen Jahre verschleppt. Die Mädchen werden von den Rebellen als Sexsklavinnen gehalten, die Jungen trainieren sie zum Töten.
Phillip Kidega [...] war ein Kindersoldat der LRA. Sie entführten ihn auf dem Heimweg von der Schule, drei Jahre ist das her. Er erzählt mir, dass sie ihn schlugen, als er sich weigerte, ihre Ausrüstung zu tragen. Sie erniedrigten ihn, quälten ihn, drohten ihm. Seine Stimme wird immer leiser, wenn er das erzählt. Das Lager bestand aus einigen Baracken, in denen Hunderte Kämpfer lebten. Es lag jenseits der Grenze, wo die Regierungstruppen Ugandas nicht angreifen können. Die meisten Soldaten waren Kinder, die meisten noch jünger als Phillip, jünger als 10. Phillip war einige Tage dort, als sich alle Bewohner auf einem Platz versammeln mussten.
Es geschah, was zur furchtbaren Strategie der Rebellen gehört: Sie machen die Minderjährigen hörig, indem sie diese zwingen, ein Verbrechen zu begehen, so abscheulich, dass es ihr Schamgefühl verbietet, zu ihrer Familie zurückkehren zu wollen. Sie zwingen die Kinder, ihre Tötungshemmung zu überwinden. Manche Kindersoldaten berichten, dass sie auf ihre eigenen Eltern und Geschwister gehetzt wurden. Ich frage nicht noch einmal nach, was weiter geschah. Aus dem Krankenhaus hört man das Wimmern eines Patienten. Phillip sieht mich an. "Ein Anführer gab mir einen Stock. Er zeigte auf einen jungen Mann und sagte: Töte ihn! Ich wollte nicht, natürlich wollte ich nicht. Der Anführer schrie: Wenn du es nicht tust, bringen wir dich um, und dann gehen wir in dein Dorf und bringen alle um, deine Eltern und deine Geschwister!" Eine Pause entsteht, der Junge schweigt vor Scham.
"Ich hatte keine Wahl, verstehst du?" "Denkst du oft daran?", frage ich ihn. "Ja, jeden Tag, und ich träume davon." Kindersoldaten sind für ihre Kriegsherren meist weniger wert als die Patronen, die sie verschießen. Oft werden sie als menschliche Schutzschilde eingesetzt, in Minenfelder geschickt, an besonders umkämpfte Straßen, um Sperren zu errichten. Als im Jahr 2000 Äthiopien und Eritrea wegen vierhundert Quadratkilometern verdorrten Landes einen Krieg führten, starben Tausende Kinder in Uniform. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen kämpfen in Afrika etwa 120 000 Kinder unter Waffen, weltweit sollen es 300 000 sein, in 36 Ländern.
Von seiner Angst erzählt Phillip, von der Angst, getötet zu werden. Von den eigenen Leuten oder den Soldaten der Regierungstruppen. Von der Einsamkeit. Niemandem konnte er sich anvertrauen. Nach seiner Familie zu fragen? War lebensgefährlich. "Wie viele Gefechte mit Regierungstruppen hast du erlebt?", frage ich ihn. "Nur drei. Während der letzten Kämpfe gelang mir die Flucht."
Er kehrte in sein Dorf zurück, fand aber seine Familie nicht mehr. LRA-Kämpfer hatten seine Eltern und drei Brüder ermordet. Was er durchlitt, hat den Teenager traumatisiert, wie Tausende andere auch, aber psychologische Hilfe gibt es nicht. [...] Man hört ihm zu und fragt sich, wie viel Leid eine junge Seele aushalten kann. [...]

Campino, "Leben nach dem Töten", in: Frankfurter Rundschau vom 1. Juni 2007

Gegenmaßnahmen

Die Weltstaatengemeinschaft ist auch in jüngerer Zeit nicht untätig geblieben und hat eine Reihe von Zusatzkonventionen verabschiedet, so die Konvention 182 der ILO von 1999 zur Bekämpfung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit, die von über 150 Staaten ratifiziert wurde, oder die beiden Fakultativprotokolle zur UN-Kinderrechtskonvention, die im Jahre 2002 in Kraft getreten sind. Die eine dient zur Bekämpfung von Kinderhandel, Kinderprostitution und Kinderpornografie, die andere setzt das Lebensalter für Teilnehmer an bewaffneten Konflikten auf 18 Jahre hinauf. Auch diesen Abkommen ist jeweils eine große Zahl von Staaten beigetreten. Es mangelt somit nicht an einem rechtlichen Instrumentarium. Wenn Kinderrechte mit Füßen getreten werden, liegt dies häufig an korrupten Behörden und an der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit bzw. dem fehlenden Durchsetzungswillen einzelner Staaten in diesem Punkt.

Immer wieder stellt sich daher die Frage, ob ein Boykott der von Kinderhand hergestellten Produkte durch die Industrieländer die Erzeuger nicht zwingen würde, auf die Ausbeutung von Kindern zu verzichten oder zumindest die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dagegen kann man argumentieren, dass ein solcher Boykott die Kinder selbst ihrer bescheidenen Lebensgrundlage berauben würde. Da nicht jede Kinderarbeit von vorneherein ausbeuterisch sein muss, setzen Kinderhilfsorganisationen wie UNICEF oder terre des hommes vor allem bei der Stärkung der Familien und insbesondere der Mütter an, um schädlicher Kinderarbeit vorzubeugen und den Kindern trotz häuslicher Arbeit die Chance auf Bildung sowie auf eine gedeihliche körperliche und geistige Entwicklung zu geben. Im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit kommt es aber auch auf die Aufklärung und Sensibilisierung der Konsumenten an. Längst gibt es verlässliche Sozial- und Markensiegel, die für Waren aus menschen- und umweltfreundlicher Herstellung werben und ihren Erzeugern faire Preise garantieren.


Dossier

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