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Menschenrechte

11.3.2008 | Von:
Axel Herrmann

Lage der Flüchtlinge und Vertriebenen

Armutsmigration

Karikatur: Können Sie einen Arbeitsplatz nachweisen?Karikatur: Können Sie einen Arbeitsplatz nachweisen?
Weit größer als die Zahl der politischen Flüchtlinge sind die Ströme der Menschen auf der Flucht vor Armut und Chancenlosigkeit. Schätzungsweise 200 Millionen Menschen suchen derzeit ihr Glück in fremden Ländern. Solange sie über dringend benötigte Qualifikationen verfügen oder ihr Vermögen investieren wollen, stellt die Aufnahme im Allgemeinen kein Problem dar. So sind beispielsweise Experten im IT-Bereich in Deutschland hochwillkommen. Für alle anderen stehen die Chancen schlecht, da die Industrieländer keinen Bedarf für eine Masseneinwanderung sehen.

In ihrer Menschenwürde besonders gefährdet sind die illegalen Einwanderer. Etwa sechs Millionen von ihnen sollen in der EU leben, 500 000 bis eine Million allein in Deutschland. Da es sich oft nicht um ungebildete und gänzlich mittellose Menschen handelt, reisen sie nicht selten mit einem Touristenvisum ein und tauchen dann unter. Andere werden von kriminellen Schleuserbanden unter großer Gefahr für Leib und Leben eingeschmuggelt, zum Beispiel mit kleinen Booten von der afrikanischen Küste aus nach Europa gebracht. Den Weg in die Legalität, beispielsweise durch eine Eheschließung, schaffen nur wenige. Die meisten leben von wenig attraktiven Jobs in der Gastronomie oder in der Landwirtschaft und in ständiger Sorge, entdeckt oder wieder arbeitslos zu werden.

Quellentext

Illegal in Deutschland

[...] Diese Geschichte handelt von Emilia aus Rumänien und Carmen von den Philippinen. [...] Carmen ließ einen Sohn und eine Tochter zurück beim Ehemann, als sie im Oktober 1997 nach Frankfurt aufbrach. Sie kam mit einem einmonatigen Touristenvisum und einem Plan: In fünf Jahren wollte sie genug Geld verdienen, um damit auf den Philippinen ein kleines Geschäft aufzumachen. Neun Monate später reichte der Mann die Kinder an die Großeltern weiter und kam nach. Wenn sie zu zweit arbeiten, so die Überlegung, würden sie es vielleicht schneller schaffen, und am Anfang sah es auch gut aus. Putzen, Bügeln, Babysitting, Dogsitting, Catsitting und Gartenarbeiten war vor allem den vielen im Frankfurter Raum ansässigen Amerikanern gutes Geld wert, und bald machte das Ehepaar aus den Philippinen 3000, manchmal 4000 Mark im Monat. Davon floss einiges zurück für den Unterhalt der Kinder und für ihre schulische Zukunft. Zu diesem Zweck hatten die Eltern in Manila eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen. Gespart wurde auch. Inzwischen sieht es nicht mehr so gut aus. Viele Amerikaner seien weg, sagt Carmen, die Deutschen sparten, [...] und die Ausbildungsversicherung in Manila habe pleite gemacht. Das ganze eingezahlte Geld - verloren. Der schöne Plan - hinfällig. In diesem Jahr ist Carmens Mann zurückgegangen, das dritte, in Frankfurt geborene Kind hat er mitgenommen. Carmen selber putzt weiter hessische Wohnungen, im zehnten Jahr. Ein Jahr noch, sagt sie und glaubt es selber nicht. [...]

Was die junge Philippina als Putzfrau leistet, gehört zu jenen Tätigkeiten, von denen der Migrationsforscher Klaus Jürgen Bade sagt, sie würden ohne Illegale in Deutschland kaum noch ausgefüllt werden. Ob im Bau- oder im Gaststättengewerbe, ob bei häuslichen oder bei Reinigungsdiensten - nichts geht mehr ohne die illegalen Migranten, die, vielleicht eine Million stark, längst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden sind. [...]
Statt die Schattenwirtschaft zu skandalisieren und gleichzeitig inoffiziell zu tolerieren, statt die dort Beschäftigten als Wirtschaftsflüchtlinge zu denunzieren und sie als Illegale schutzlos zu lassen, sei es höchste Zeit, einen Niedriglohnsektor aufzumachen, wo ausländische Arbeitswanderer legal und auf Zeit arbeiten könnten. Denn Bedarf gäbe es, sagt Bade - "sonst kämen sie nicht". Bedarf, wie er von Emilia gedeckt wird. Die arbeitet in der häuslichen Pflege, kümmert sich um Alte und Kranke. Einen Todkranken betreuen, vier mal 16 Stunden pro Woche, seine Blase und seinen Darm entleeren, ihn waschen und anziehen, ihn herausholen aus dem Bett und zurückschaffen ins Bett - das ist schon unter normalen Umständen sehr schwere und mit regulär 28 Euro pro Stunde einigermaßen angemessen bezahlte Arbeit. Was die Familie des Kranken der Pflegerin Emilia bezahlte, waren sieben Euro pro Stunde. Später reduzierte sie auf 5,60 Euro und dann noch einmal auf 4,30 Euro. Als Emiliaschüchtern fragte, wie weit sie denn noch heruntergehen wolle, da lautete die Antwort: "Was willst du? Du bist doch illegal." [...]
Ein Leben als Illegaler muss man sich vorstellen wie Autofahren ohne Stoßdämpfer, wie Artistik ohne Netz. [...] Schließlich ist das ganze Sinnen und Trachten eines illegalen Migranten darauf ausgerichtet, um keinen Preis aufzufallen. Carmen kann die entsprechenden Regeln herunterbeten als wär's das Vaterunser. Geh nach der Arbeit sofort nach Hause. Geh in der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. [...] Fahr' nie schwarz. [...] Melde dich am Handy nie mit Namen. Bewahre Pässe und Dokumente nicht zu Hause, sondern an einem sicheren Ort auf, denn wenn man deine Identität nicht feststellen kann, kann man dich auch nicht ausweisen. Zahle immer cash. Gib möglichst nie deine Adresse an. Und am wichtigsten: Lass dich in der Öffentlichkeit nie auf Streit oder Auseinandersetzungen ein. Will im Bus jemand deinen Sitzplatz, steh' einfach auf und sag' nichts. [...] Manch einer hat in solchem Verhalten schon den tugendhaften Musterausländer gesehen. Das freilich ist ein großes Missverständnis. In Wahrheit, sagt Migrationsforscher Bade, handle es sich um "überangepasste Wesen", die unter Aufgabe ihrer eigenen Identität und Interessen hilf- und chancenlos am Rande der Gesellschaft ein Schattendasein führten und sich der Gefahr von "psychischen Deformationen" aussetzten. [...]

Stefan Klein, "Die Angst vor roten Ampeln", Süddeutsche Zeitung vom 20. Oktober 2006

Ihre Arbeitgeber nützen diese Situation oft weidlich aus: So gesellen sich zu langen Arbeitszeiten, gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen und Unterbringung in menschenunwürdigen Behausungen. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es solche Verhältnisse nicht nur in Europa gibt, sondern in ähnlicher Weise auch in den USA oder in Südkorea.

Für die Zukunft werfen diese Entwicklungen folgende Fragen auf:
  • Können die wohlhabenden Länder auf Dauer den Einwanderungszustrom verhindern oder begrenzen, ohne dass der Weltfrieden gestört wird?
  • Lassen sich die "Inseln der Reichen" mit der universalen Geltung von Menschenwürde und Menschenrechten in Einklang bringen?
  • Welche politischen, wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen sind in ärmeren Staaten notwendig, um große Fluchtbewegungen im Ansatz zu verhindern, und welche Rolle spielt dabei die Verwirklichung von (kollektiven) Menschenrechten?
  • Wie kann Menschenwürde geschützt werden, wenn die Last der Migration auf wirtschaftlich schwächere Drittstaaten abgewälzt wird und Bürgerkriegsflüchtlingen die Anerkennung als "politisch Verfolgte" mit dem Argument verweigert wird, ihrem Schicksal fehle der individuelle Charakter einer Verfolgung?
Etwas mehr Verständnis für und Solidarität mit Migranten würden wichtige Schritte zur Verwirklichung der Menschenrechte und zu mehr Frieden bedeuten.


Dossier

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