Staat und Wirtschaft

5.7.2007 | Von:
Hans-Jürgen Schlösser

Wirtschaftspolitik und gesellschaftliche Grundwerte

Individualismus als Methode und Norm

Methodologischer Individualismus

Ausgangspunkt für die Untersuchung des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist in der Volkswirtschaftslehre der einzelne Mensch, nicht "die Gesellschaft als Ganzes". Nicht sie denkt, fühlt, handelt, sondern das Denken, Fühlen, Handeln ihrer einzelnen Mitglieder bestimmt, was in der Gesellschaft geschieht. Eine solche Untersuchungsmethode, die vom Individuum ausgeht, bezeichnet man als "methodologischen Individualismus". Dieser Forschungsansatz sieht also nicht Kollektive wie Gesellschaften, Parteien, Klassen und Völker als Akteure an, sondern versucht, deren Entwicklung durch die Untersuchung des Verhaltens ihrer einzelnen Mitglieder zu erklären. Diese handeln, treffen Entscheidungen, schließen oder kündigen Bündnisse und beeinflussen sich dabei gegenseitig. Oft wird das Ergebnis ihres Handelns wenig mit dem zu tun haben, was sie ursprünglich gewollt haben. Daran wird der Koordinationsbedarf menschlichen Handelns deutlich: Vernünftiges Handeln aus der Sicht des Einzelnen kann zu einem ungünstigen Ergebnis für die Gesellschaft oder Gruppe insgesamt führen, wenn das Handeln nicht koordiniert wird.

Aus der Sicht des methodologischen Individualismus wird der Mensch nicht durch die Gesellschaft, sondern in der Gesellschaft geformt. Er begegnet nicht der Gesellschaft, der Gewerkschaft, der Partei, sondern Gesellschaftsmitgliedern, Parteimitgliedern, Gewerkschaftsmitgliedern. Wirtschaftswissenschaftler versprechen sich von der Anwendung dieser Methode, dass ihre Theorien sich genauer in der Wirklichkeit überprüfen lassen.

Der Einzelne als Maß aller Dinge

Vom Individualismus als Forschungsmethode ist der Individualismus als Werthaltung zu unterscheiden. Individualismus als Norm bedeutet, dass das wirtschaftspolitische Handeln sich am einzelnen Menschen ausrichten soll. Staaten, Klassen oder Völker gelten dem Individualismus daher weder als sinnstiftend noch als Richtmaß. Allein jedes Individuum in seiner Einzigartigkeit ist für den normativen Individualismus die Autorität, die im Zusammenspiel mit anderen entscheidet, was wünschenswert ist.

Der Einzelne soll seinen eigenen Lebensentwurf konzipieren und realisieren können. Eine der schwierigsten Fragen der Wirtschaftspolitik besteht darin, unter welchen Bedingungen gegen diese Norm verstoßen wird, werden darf oder werden muss. Individualismus als Norm bedeutet, dass es keine überindividuelle Begründung für die Unterordnung eines Individuums unter ein anderes gibt. Niemand darf einen anderen als Instrument für seine eigenen Ziele missbrauchen. Stellt sich jemand in den Dienst anderer und nehmen diese den Dienst an, dann ist dies nur erlaubt, wenn es freiwillig geschieht. Erst die Entscheidungsfreiheit macht die verantwortliche Bejahung höherer Autoritäten möglich.

Ein wichtiges Problem der Wirtschaftspolitik ergibt sich daraus, dass die individuellen Interessen aufeinanderprallen, wenn jedes Individuum sich selbst das Maß aller Dinge ist. Daher verweist auch der Individualismus als Norm, genauso wie der Individualismus als Methode, auf die Notwendigkeit, das Handeln der Einzelnen zu koordinieren. Im Bereich der Wirtschaft ist dafür die Wirtschaftspolitik verantwortlich.

Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung

Die Einzigartigkeit des Individuums ist die Grundlage für eine andere wichtige Überlegung. Einzigartigkeit des Individuums heißt auch Einzigartigkeit seiner Selbstwahrnehmung. Individuelle Entscheidungen werden immer auf der Grundlage von subjektiven Wahrnehmungen getroffen. Subjektivismus bedeutet aber, dass es nicht möglich ist, Vergleiche zwischen Personen über die Wünschbarkeit einer gesellschaftlichen Situation anzustellen. Das Glück des Einen kann nicht gegen das Leid des Anderen aufgerechnet werden. Die demokratische Beschlussfassung in Form der Abstimmung ist eine Möglichkeit, dennoch eine gesellschaftliche Entscheidung zu finden. Im Vorhinein muss darüber beratschlagt werden: Beratende, "deliberative" Demokratie bedeutet, dass Abstimmungen immer eine Phase der Diskussion über das Für und Wider verschiedener Programme voranzugehen hat.

Der Nachteil von Abstimmungen besteht darin, dass die Individuen nur Zustimmung oder Ablehnung äußern können, aber nicht die Möglichkeit besitzen, den Grad ihrer Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit auszudrücken. Auch könnte eine zahlenmäßige Minderheit in ihrer individuellen Befindlichkeit nicht respektiert oder unterdrückt werden. Das Handicap von Debatten und Beratungen zeigt sich darin, dass rhetorisches Talent und die Art und Weise, wie kommuniziert wird, sich unter Umständen auf die gesellschaftliche Entscheidung auswirken können. In jedem Fall wird politisches Handeln durch individuelle Entscheidungen herbeigeführt.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die alle Beteiligten besser stellen, finden leicht allgemeine Zustimmung, aber in der Praxis gewinnen nur selten alle Bürgerinnen und Bürger durch eine bestimmte Wirtschaftspolitik. Wenn beispielsweise die Zentralbank die Leitzinsen erhöht, um eine Inflation zu bekämpfen, so leiden unter den steigenden Zinsen die privaten Haushalte, welche Wohneigentum abzahlen müssen, und zudem geht die Baukonjunktur zurück - zum Nachteil der Bauunternehmen. Besser gestellt werden hingegen jene, die über Kapitalvermögen verfügen, das sie zu den steigenden Zinsen anlegen können. Kapitaleigner gewinnen auch, wenn der Staat sich zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verschuldet, da sie ihre Gelder in diesem Fall in Staatsschuldpapieren anlegen können. Wenngleich also die meisten Bürgerinnen und Bürger darin übereinstimmen werden, dass es wichtig ist, Arbeitslosigkeit und Inflation zu bekämpfen, können sie von den wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele sehr unterschiedlich betroffen sein.


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