Russland

3.2.2004 | Von:

Raum, Ressourcen und Bevölkerung

Territorialgliederung und Bevölkerung

Die Russländische Föderation übernahm die aus sowjetischer Zeit ererbte Verwaltungsgliederung der Landesfläche von 17,1 Millionen Quadratkilometern nahezu unverändert, abgesehen von der Aufteilung der vormaligen Tschetscheno-Inguschetischen ASSR (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) in zwei Republiken. Den territorialen Staatsaufbau auf mittlerer Ebene bilden 49 Gebiete (oblasti) und sechs Regionalbezirke (kraja), 21 Republiken (respubliki), das Autonome Gebiet (avtonomnaja oblast) der Juden im Fernen Osten sowie zehn Autonome Bezirke (avtonomnye okrugi) in dünn besiedelten Gebieten mit ethnischen Minderheiten als Titularvölkern, aber in der Regel russischer Dominanz sowie die beiden Metropolitangebiete Moskau und St. Petersburg. Nach der Verfassung sind diese 89 Territorialeinheiten ("Subjekte der Verfassung") gleichberechtigt. Derzeit werden Pläne diskutiert, die auf eine deutliche Reduzierung ihrer Zahl abzielen.

Im Frühjahr 2000 wurde eine neue Verwaltungsebene geschaffen. Die Gliederung Russlands in sieben Föderale Bezirke sollte der Zentrale eine bessere Kontrolle über die regionale Peripherie ermöglichen. Jeder Föderalbezirk umfasst eine bestimmte Anzahl (sechs bis 16) Föderationssubjekte. An der Spitze steht ein Bevollmächtigter des Präsidenten. Er bildet ein Gegengewicht zum Machtgewinn, den die Gouverneure in der Dezentralisierungsphase erhalten hatten. Als Folge sind bereits eine verstärkte Zentralisierung der Verwaltungsabläufe und eine Stärkung regionaler Metropolen wie Moskau, St. Petersburg, Nischnij-Nowgorod, Rostow, Jekaterinburg, Nowosibirsk und Chabarowsk zu beobachten. Dies kann in Zusammenhang mit der Transformation aber auch dazu führen, dass in diesen Zentren die Globalisierungseffekte zunehmen und der Abstand zu den übrigen Städten und vor allem zum ländlichen Raum größer wird.

Demographische Trends

Russland hatte 2003 (Fortschreibung) 143,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte von nur 8,5 Personen pro Quadratkilometer. Im Vergleich der 89 "Subjekte der Verfassung" ergeben sich - abgesehen von den beiden Metropolitanregionen - große Differenzen. So leben in Tschuwaschien 74,4 Einwohner pro Quadratkilometer und im Autonomen Bezirk der Ewenken in Ostsibirien 0,03 Einwohner pro Quadratkilometer.

Die größte Bevölkerungsdichte findet sich nicht unbedingt in den landwirtschaftlich begünstigten Gebieten. Durch die massive Verstädterungspolitik der Sowjetzeit leben 73 Prozent der Bevölkerung in städtischen Siedlungen. Diese haben in großer Zahl Verwaltungsfunktionen inne und sind daher breit über das Land verteilt. Die sich daraus ergebenden relativ großen Entfernungen zwischen den Zentren führen trotz moderner Kommunikationstechnik zu Problemen. So hat die ausgeprägte Ausrichtung der Verkehrsverbindungen auf die Hauptstadt Moskau und einige wenige andere Großzentren weite Umwege zur Folge. Auch die Aufwendungen für den Ausbau der Infrastruktur liegen wesentlich höher als in dichter besiedelten Staaten.

Kennzeichen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung seit Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts sind niedrige Geburtenraten, steigende Sterberaten und eine gesunkene Lebenserwartung. Während 1990 13,4 Geburten je 1000 Einwohner noch 11,2 Sterbefälle gegenüberstanden, betrug 2001 die Zahl der Geburten 9,1 und die Zahl der Sterbefälle 15,6 je 1000 Einwohner. Im Altersaufbau sind die hohen Verluste der Stalinzeit und des Zweiten Weltkriegs nach wie vor spürbar, sie führten in der Folgegeneration der heute etwa 30-Jährigen zu unterdurchschnittlichen Alterskohorten. Die Nachwirkungen dieser Ausfälle werden in der Gegenwart verstärkt durch rückläufige Geburtenzahlen aufgrund der sozioökonomischen Lage. Es ist also auf absehbare Zeit mit einem weiteren Rückgang der Bevölkerung zu rechnen. Davon sind die Russinnen und Russen meist mehr betroffen als die anderen Ethnien in der Russländischen Föderation.

Wanderungsbewegungen

Die Bevölkerungsverluste wurden in der Transformationsphase vor allem durch Zuwanderungen aus den nichtrussischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion etwas aufgefangen. Dies gilt auch für die Abwanderungsverluste durch die Übersiedlung von Russlanddeutschen in die Bundesrepublik Deutschland und von Juden nach Mitteleuropa oder Israel. In den Jahren 1992 bis einschließlich 1998 wurden in der Russländischen Föderation insgesamt 26 Millionen Zu- und 22,7 Millionen Fortzüge registriert (Binnen- und Außenmigration). Während bei den Wanderungen zwischen Russland und dem "Nahen Ausland" - damit sind die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und die drei baltischen Länder, das heißt der ehemals sowjetische Bereich außerhalb Russlands, gemeint - sich für diesen siebenjährigen Zeitraum ein positiver Wanderungssaldo (Nettozuwanderung: 3,6 Millionen Personen; 5,5 Millionen Zuzüge, 1,9 Millionen Fortzüge) zugunsten Russlands ergab, errechnet sich für das Ferne Ausland" ein negativer Saldo von rund 0,7 Millionen Personen. Die Zuwanderung in die Russländische Föderation beruht insbesondere auf der Rückwanderung von Russinnen und Russen.

Neben der internationalen Migration spielen auch Binnenwanderungen eine wesentliche Rolle. Deutlich wird ein Trend zur Abwanderung aus den Gebieten des Hohen Nordens, die in sowjetischer Zeit unter großem finanziellem Aufwand besiedelt wurden, vor allem in die südlich anschließenden Regionen, teilweise auch nach Zentralrussland. Im Hohen Norden verschlechterte sich zwischen 1990 und 1999 die Versorgungslage dramatisch. Gleichzeitig stiegen die Verbraucherpreise an, und die bisher gewährten finanziellen Vergünstigungen gingen verloren. Weitere Ursachen lagen in Demilitarisierungseffekten sowie Ansprüchen der dort ursprünglich ansässigen Bevölkerung auf die natürlichen Ressourcen sowie in einer Umorganisation von wirtschaftlichen Verflechtungen, die die Nordgebiete benachteiligten. Davon ausgenommen blieb der Autonome Bezirk der Jamal-Nenzen mit der Nutzung der Erdgasressourcen.

Seit Mitte der neunziger Jahre lässt sich ein Rückgang der Migrationsbewegungen beobachten. Ausschlaggebend dafür ist neben nachlassender Aufnahmebereitschaft in den Zielländern auch die sich abzeichnende ökonomische Stabilisierung. Dennoch bleiben Probleme bei der Ansiedlung und der Beschaffung von Arbeitsplätzen für die Migrantinnen und Migranten aus dem Hohen Norden sowie den kaukasischen und zentralasiatischen Nachfolgestaaten.

Einflüsse räumlicher Faktoren

Welche politischen Entwicklungen, welche wirtschaftlichen Aktivitäten und welche gesellschaftlichen Verhaltensweisen unmittelbar von den räumlichen Gegebenheiten abhängen, ist nur schwer zu bestimmen. Auch wenn die räumliche Weite heute durch Flugverkehr leichter überwunden werden kann, bleibt sie ein Hindernis, um so mehr als die Staatsführung versucht, den Zentralismus wieder zu verstärken. Dabei müssen nicht nur die entlegenen Raumzonen des Landes kostenaufwändig miteinander verbunden werden, sondern auch Bereiche im Landesinnern warten noch auf eine Erschließung. Bleibende Probleme ergeben sich aus den relativ weiten Entfernungen zwischen den städtischen Zentren sowie aus den starken Unterschieden zwischen Großstädten und ländlichen Gemeinden. Hinzu kommen die mangelhafte Infrastruktur, Versorgungsengpässe und die fehlende Anziehungskraft dieser entlegenen Gebiete.

Die Weitständigkeit der Siedlungen begünstigt den Erhalt ethno-kultureller Besonderheiten, erschwert jedoch die politische und gesellschaftliche Integration. Der Kontrast zwischen den nordostsibirischen Rentiernomaden und Fischern einerseits sowie der unter Globalisierungsdruck stehenden Bevölkerung Moskaus andererseits ist größer als entsprechende Unterschiede in anderen Ländern, wo die hochentwickelte Staaten kennzeichnende Modernisierung nicht in mehreren Schüben nachgeholt werden musste.