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Russland
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3.2.2004 | Von:
Thomas Bremer
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Christine Engel
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Heiko Pleines
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Gerlind Schmidt

Kultur und Bildungswesen

Die russische Kultur zeigt Tendenzen der Rückbesinnung auf alte Werte, auch auf die russisch-orthodoxe Kirche. Das Bildungswesen vollzog einen radikalen Paradigmenwechsel. Die Massenmedien geraten unter politischen Druck.
Blick auf mehrere Türme der Kathedrale des seligen Basilius in MoskauBlick auf mehrere Türme der Kathedrale des seligen Basilius in Moskau Lizenz: cc by-sa/2.0/de (magical-world)

Massenmedien

Heiko Pleines

Bis zum Beginn der Reformen von Michail Gorbatschow Mitte der achtziger Jahre befanden sich in der Sowjetunion alle Massenmedien unter direkter staatlicher Kontrolle, der Staat hatte das Informationsmonopol. Die Reformen Gorbatschows ermöglichten dann unter dem Schlagwort Glasnost eine begrenzte Meinungsvielfalt.

Pressewesen

1990 trat ein neues Mediengesetz in Kraft, das die Meinungs- und Pressefreiheit garantierte und Zeitungen in die formelle Unabhängigkeit entließ. Sie gingen zunächst in den Besitz der Mitarbeiterschaft über, die als kollektive Herausgeber fungierten. In Russland entstand so eine bunte Medienlandschaft. Im Verlauf der neunziger Jahre schufen einige Investoren dann durch Ankäufe und Neugründungen größere Medienkonzerne.

Die russischen Zeitungen sahen sich in der ersten Hälfte der neunziger Jahre mit einem dramatischen Auflageneinbruch konfrontiert. Die klassischen sozialistischen Zeitungen, die in der Sowjetunion als Mitgliederzeitungen einen festen Abonnentenstamm hatten, verloren für weite Teile der Bevölkerung ihre Existenzberechtigung. Die Auflage der ehemaligen Gewerkschaftszeitung Trud (Arbeit) sank so von 20 auf 1,4 Millionen. Die Zeitschrift der sowjetischen Jugendorganisation, die Komsomolskaja Prawda, hatte eine Auflage von 22 Millionen. Im Zuge von Glasnost kam es zu einer radikalen Umorientierung, und als reformfreundliche Zeitung fand sie Mitte der neunziger Jahre circa 1,4 Millionen Käuferinnen und Käufer.

Große überregionale ZeitungenGroße überregionale Zeitungen
Die neuen, von Anbeginn reformfreundlichen Zeitungen waren ebenso vom Auflagenrückgang betroffen. Sie erreichten ihre höchste Verbreitung in der Glasnost-Phase, als sie mit Enthüllungen über das Sowjetregime und mit politischen Diskussionen auf großes Interesse stießen. Die zunehmende Politikverdrossenheit ließ auch ihren Absatz sinken. Die Auflage der erfolgreichsten Zeitung Argumenty i Fakty (Argumente und Fakten) zum Beispiel ging von 25 auf drei Millionen zurück.

Fernsehen

Durch den Bedeutungsverlust der Zeitungen ist das in Russland gebührenfreie Fernsehen zur Hauptinformationsquelle der Bevölkerung geworden. Zentraler Sender in der Sowjetunion war Gosteleradio, später umbenannt in Ostankino und dann, 1994, in ORT (Allgemeines Russisches Fernsehen). 1991 schuf der Oberste Sowjet unter Boris Jelzin zusätzlich einen eigenen russischen Sender mit dem Kürzel RTR (Radio und Fernsehen Russlands). Neben diese beiden staatlichen Sender trat 1993 der private Kanal NTW (Unabhängiges Fernsehen). Er wurde von Wladimir Gusinskij, dem Leiter der Mostbank, gegründet. NTW wurde der erste private Fernsehsender mit landesweiter Verbreitung. Überregionale Bedeutung hatte auch der Privatsender TW-6.

Größtes Problem der Fernsehsender nach dem Ende der Sowjetunion war ihre finanzielle Lage, da sie bisher staatlich finanziert worden waren. In der postsowjetischen Wirtschaftskrise reduzierte der Staat diese Mittel stark. Die gesamten staatlichen Gelder für den Fernsehkanal ORT zum Beispiel entsprachen 1994 gerade einmal den Forderungen der Post für Übertragungs- und Sendeleistungen. Der Werbemarkt war zu Beginn der Wirtschaftsreformen noch unterentwickelt. Gleichzeitig konkurrierten die staatlichen Sender hier mit dem Privatfernsehen und regionalen Kanälen.

Medien und Politik

Da Massenmedien in Russland mit wenigen Ausnahmen nicht gewinnbringend arbeiten konnten, waren sie für Investoren unter kommerziellen Gesichtspunkten nicht attraktiv. Im russischen Mediensektor engagierten sich deshalb vor allem Investoren, die die Medien zur Einflussnahme auf die Politik instrumentalisieren wollten. Die größten Medienzaren wurden Wladimir Gusinskij und Boris Beresowskij. Die Mostgruppe von Gusinskij kontrollierte neben NTW mehrere Tageszeitungen, einen Radiosender und ein Ver-lagshaus. Beresowskij besaß Anteile an ORT und TW-6 sowie mehrere Printmedien. Auch Unternehmen der Öl- und Gasindustrie sowie einige Banken erwarben Anteile an russischen Massenmedien.

Die Bedeutung der Medien zeigte sich in den neunziger Jahren vor allem in Wahlkampfzeiten und bei kritischer Berichterstattung. Nachdem etwa NTW erschütternde Bilder aus dem ersten Tschetschenienkrieg ausgestrahlt hatte, wuchs die öffentliche Opposition zum Krieg. Präsident Jelzin nutzte administrative Mittel, um kritische Medien zu disziplinieren. So musste etwa NTW Mitte der neunziger Jahre regelmäßig um die Sendelizenz bangen. Der Chef der "Allrussischen Staatlichen Funk- und Fernsehgesellschaft" (WGTRK), der staatlichen Betreiberin von RTR, wurde Anfang 1996 wegen "lügenhafter" Berichterstattung entlassen.

Die Beziehung zwischen Medien und Politik befand sich dementsprechend in einem labilen Gleichgewicht. Die Medien waren formal in ihrer Berichterstattung frei, sahen sich aber in der Realität immer wieder Druck von staatlicher Seite ausgesetzt. Es existierte jedoch eine Reihe rivalisierender Medienimperien, die sich gegenseitig der Abhängigkeit und Manipulierbarkeit bezichtigten. Dieser Zustand entsprach sicher nicht dem demokratischen Ideal von Medienfreiheit und Meinungsvielfalt, garantierte aber immerhin, dass unterschiedliche Sichtweisen fast immer zu Gehör kamen.

Dies änderte sich unter Präsident Putin. Nach seinem Amtsantritt zum Jahresanfang 2000 begann er systematisch, alle Massenmedien mit überregionaler Reichweite unter seine - zumindest indirekte - Kontrolle zu bringen. Am meisten Aufsehen erregte die Übernahme von NTW durch den staatlich dominierten Gaskonzern Gasprom, dessen Leitung unter Putin einem Regierungsbeamten übertragen wurde.

Quellentext

Ende einer unabhängigen Stimme

Am Schluss waren ein paar Bier- und Cognacflaschen das Einzige, was von der Idee eines unabhängigen Fernsehsenders in Russland übrig blieb. Zwar war Jewgenij Kiseljow, Starmoderator und Chefredakteur des Fernsehsenders TWS, wie jeden Sonntagabend in das Studio im Fernsehzentrum Ostankino gekommen, aus dem jedes Wochenende das politische Magazin Itogi ausgestrahlt wird. Doch Kiseljow kam nicht, um wie geplant ein letztes Mal seine Sendung zu moderieren, sondern um sich selbst und seine Mitarbeiter zu verabschieden. Kiseljow schlug vor, ein letztes Glas miteinander zu trinken. Nachrichtensprecher Michail Osokin besorgte Bier, Moderator Andrej Tscherkisow Cognac. Dann tranken die rund 300 Journalisten, Kameramänner und Techniker traurig ein Glas auf das Ende ihres Senders.

Im Abschiednehmen haben Kiseljow und seine Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren mehr Übung bekommen, als sie sich je gewünscht hätten. Im Frühjahr 2001 verließ das Team um Kiseljow unter Protest Russlands ersten unabhängigen Fernsehsender NTW. Putin hatte den Sender, der sich als einziges Medium von nationaler Reichweite nicht scheute, den Kreml zu kritisieren, und westlichen Vorstellungen von unabhängigem Journalismus nahe kam, vom Staatskonzern Gasprom übernehmen und den Widerstand der Journalisten von Sturmtruppen des Inlandsgeheimdienstes FSB brechen lassen. Kiseljow und andere NTW-Journalisten schlüpften bei TW-6 unter, einem Fernsehsender im Besitz des ehemals eng mit dem Kreml verbundenen, heute als erbitterter Gegner Wladimir Putins auftretenden Oligarchen Boris Beresowskij.

Die renommierten Journalisten machten TW-6 schnell zur einzigen Alternative für das gezähmte NTW und die von Kreml-Propaganda dominierten staatlichen Fernsehsender ORT und RTR. Binnen weniger Monate wurde aus dem vormaligen Nischensender der meistgesehene Informationssender Moskaus. Mit rasch steigenden Zuschauerzahlen und Werbeminuten hatte TW-6 gute Chancen, auch landesweit die Nachfolge von NTW anzutreten. Das war dem Kreml zu viel: Ende Januar 2002 ließ Presse- und Propagandaminister Michail Lesin Punkt Mitternacht das Sendesignal und die Telefonleitungen kappen. [...]

Ein neuer Fernsehsender - TWS - wurde gegründet. Neun Zehntel seiner Anteile übernahmen kremlnahe Oligarchen wie der Bankier Alexander Mamut, Aluminiummagnat Oleg Deripaska und der ehemalige Kreml-Stabschef Anatolij Tschubajs, mittlerweile Chef der staatlichen Stromwerke. Die im Juni 2002 vergebene Sendelizenz wurde nur vorläufig erteilt - und nicht an TWS selbst, sondern an die eigens gegründete Gesellschaft Media-Sozium. [...]

Die Staatliche Außenhandelsbank gab TWS einen Startkredit von 46 Millionen Dollar. Das war freilich nur ein Bruchteil der hunderte von Millionen Dollar, die nötig gewesen wären, um einen nationalen Fernsehsender aufzubauen. [...]

Auch die Werbekunden hielten sich angesichts der ungewissen Zukunft von TWS zurück. Die Wirtschaftszeitung Wedomosti schätzt, dass TWS seit Sendebeginn im Herbst 2002 gerade elf Millionen Dollar eingenommen habe. Vor dem Ende von TWS am vergangenen Wochenende hatten die gut 1000 TWS-Mitarbeiter seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. [...]

Dass Presseminister Lesin TWS trotz des ohnehin nahen Endes vorzeitig den Saft abdrehen ließ, lag offenbar an der Furcht des Kreml, Kiseljow werde seine letzte Itogi-Sendung zur großen Abrechnung und möglicherweise spektakulären Enthüllungen nutzen. Bei der Abschaltung griff Lesin auf das bereits beim Ende von TW-6 erprobte Muster zurück. Als TWS seine Zuschauer in der Nacht zum Sonntag mit dem Spielfilm Reportage unterhielt, nutzten Lesins Techniker die erste Werbepause nach Mitternacht, um das TWS-Sendesignal abzuschalten. [...]

"Das Ende von TWS zeigt, dass der Kreml jede Scham verloren hat", sagt Oleg Panfilow vom Moskauer Zentrum für Journalismus unter Druck. "Früher haben sich der Kreml und das in seinem Auftrag handelnde Presseministerium noch einen Vorwand wie angebliche wirtschaftliche Gründe einfallen lassen und sich formelle Entscheidungen eines Gerichts besorgt. Jetzt halten sie nicht einmal das mehr für notwendig. Und da bald Parlaments- und Präsidentschaftswahlen anstehen, werden auch die wenigen unabhängigen Zeitungen und der Radiosender "Echo Moskaus" noch Probleme bekommen." [...]

Das Ende der Unabhängigkeit von NTW war noch von Protestdemonstrationen Tausender begleitet; hunderte russischer Journalisten und ausländischer Korrespondenten berichteten. Als am Sonntagabend Kiseljows Mitarbeiter Moskauer ins Fernsehzentrum Ostankino luden, kamen nicht einmal ein Dutzend Russen und vier ausländische Korrespondenten. [...]

Nur wenige Politiker wie Boris Nemzow von der zentristischen Union rechter Kräfte kritisierten das Verschwinden eines weiteren Stücks Pressefreiheit. Nach der Abschaltung von TWS werde in Russland "mehr gemordet, mehr gestohlen, und noch mehr Regionen werden (ohne Heizung) frieren. Denn solange der Kreml kein ehrliches Bild sieht, so lange sieht er auch kein Problem."

Florian Hassel, "Gute Nacht, Moskau", in: Frankfurter Rundschau vom 24. Juni 2003.

Eine Zensur findet in Russland weiterhin nicht statt. Die Putinsche Führung hat aber de facto Kontrolle über die Redaktionslinien der elektronischen Medien. Bei zentralen politischen Themen wie etwa dem zweiten Tschetschenienkrieg sind kritische Stimmen nur in Medien mit geringer Reichweite zu hören. Kritische Journalisten sehen sich in Einzelfällen mit Strafverfahren und Gefängnisstrafen konfrontiert. Die unabhängige Berichterstattung zu Tschetschenien ist durch weitgehende Auflagen fast unmöglich geworden.

Quellentext

Journalismus unter erschwerten Arbeitsbedingungen

[...] Zu den für russische Journalisten besten Zeiten, dem Höhepunkt der Perestrojka und den ersten Jelzin-Jahren, kommandierte Igor Golembiowskij [...] die Tageszeitung Iswestija. Zu Sowjetzeiten hatte das Blatt zwar nur einen Umfang von vier Seiten, wurde aber in einer Auflage von zwölf Millionen Exemplaren gedruckt. Mit dem Ende der Sowjetunion fiel die Auflage auf 700000 Exemplare - [...].

Schließlich stabilisierte sich die Auflage. Für eine geplante Expansion aber fehlte der Redaktion das Geld - und sie beging, so Golembiowskij später, "unseren historischen Fehler". Die Ölfirma Lukojl und der Kreml-nahe Oligarch Wladimir Potanin stiegen ein, hielten sich aber entgegen ihrer Zusagen nicht aus publizistischen Belangen heraus. Im Juli 1997 wurde Golembiowskij gefeuert. Mit ihm ging ein großer Teil der Redaktion und gründete die Tageszeitung Nowije Iswestija. [...]

Mit einer Auflage von 100000 Exemplaren hatte die neue zwar nur einen Bruchteil des Einflusses der alten Iswestija. Doch während die Auflage sank, stieg die Reizbarkeit des Kreml unter Putin. [...]

Im Frühjahr 2003 war es so weit. Verleger Oleg Mitwol [...] warf Golembiowskij hinaus, offiziell wegen schlampigen Finanzmanagements. Eine andere Version besagte, dass der Kreml vor den Parlaments- und folgenden Präsidentschaftswahlen die unbequeme Zeitung endlich zähmen und Golembiowskij loswerden wollte. Ein Teil der Redaktion folgte Vize-Chefredakteur Walerij Jakow und gab die Nowije Iswestija nach mehrmonatiger Zwangspause mit neuem Verleger neu heraus. Ein anderer Teil ging mit Golembiowskij und gründete den Russkij Kurier. [...]

Ex-Kollege Jakow macht kein Geheimnis daraus, dass die Nowije Iswestija trotz des beibehaltenen Namens nicht mehr die alte sein wird. "Wir können uns nicht mehr erlauben, Putin oder Geheimdienstchef Patruschew so scharf wie früher zu kritisieren", sagt Jakow. [...] Die Journalisten des Russkij Kurier wettern selbst wie bisher gegen die Inkompetenz der Regierung oder die Machtergreifung des Geheimdienstes FSB. [...]

Dass in Russland die wenigen kritischen Zeitungen es im Durchschnitt nur auf eine Auflage von einigen zehntausend Exemplaren schaffen, liegt nicht an mangelnder Kaufkraft. Der Zeitschriftenmarkt boomt; Frauen-, Lifestyle- oder HiFi-Zeitschriften sind oft mehrere hundert Seiten dick und erreichen Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren.

Chefredakteur Jakow wundert sich nicht über die geringe Nachfrage nach klassischen Zeitungen. " [...] Unsere Gesellschaft ist politisch leider sehr passiv - umso mehr, als die Menschen merken, dass Wahlen unter Putin nur noch eine Farce sind oder sie weder auf ihren Ausgang noch auf die Politik der Regierung Einfluss nehmen können. Deswegen wollen auch nur wenige Menschen eine politische Zeitung lesen."

Golembiowskij dagegen hofft noch auf einen Aufschwung der Zeitungen - vor allem wegen des streng kontrollierten Fernsehens. "Im Fernsehen ist auf allen Sendern fast nur noch zu sehen, wie Putin den Tag verbracht hat. Ich hoffe, dass es bald wieder mehr Menschen gibt, die wieder zur Zeitung greifen, weil sie verstehen wollen, was in unserem Land eigentlich vor sich geht."

Florian Hassel, "Der Stich der Mücke", in: Frankfurter Rundschau vom 7. Oktober 2003.

Identitätssuche in der Kultur

Christine Engel

In Russland ist nach der intensiv erlebten Umbruchszeit während und nach der Perestrojka unter dem politischen Schlagwort "Stabilität" mittlerweile eine gewisse wirtschaftliche und politische Konsolidierung eingetreten. Im Ringen um eine solche Stabilität wurden allerdings auch rigide Pressegesetze erlassen und die Fernsehlandschaft von unabhängigen und regierungskritischen Sendern "bereinigt", so dass dort eine kritische Auseinandersetzung kaum möglich ist. In anderen kulturellen Bereichen, vor allem in Literatur, Literaturkritik und Film, findet sie dagegen statt.

Unter der Maßgabe, dass Kultur ein Verständigungsprozess, ein Aushandeln gemeinsam geteilter Orientierungsmuster ist, lässt sich beobachten, dass die Frage nach der kollektiven Identität ganz oben rangiert. Gegenwärtig vermeidet allerdings die russische Gesellschaft eine kritische Aufarbeitung der einschneidenden kollektiven Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wie Revolution, Bürgerkrieg oder Stalinzeit. Die Sowjetzeit ist zwar allgegenwärtig und wird zum Teil auch nostalgisch verklärt, der aufklärerische Gestus der Perestrojka ist jedoch bereits in den frühen neunziger Jahren zum Erliegen gekommen. Auch die dramatischen Erfahrungen der postsowjetischen Umbruchszeit werden derzeit kaum offen angesprochen und eher nur indirekt artikuliert.

Literatur und Literaturkritik

Die russische Literatur bietet seit den neunziger Jahren ein breites Spektrum für alle Arten von Lesebedürfnissen. Das Interesse an Literatur, Theater, Film und Kunst ist nach wie vor sehr groß, und auch die städtische Jugend nimmt daran lebhaften Anteil. Bei all dieser Vielfalt, die auch von den Verlagen nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten gefördert wird, lassen sich aber dennoch gewisse Tendenzen ablesen. Eines der Foren, das allgemeine Entwicklungen im Kulturbetrieb fassbar macht und ein breites Spektrum von Meinungen widerspiegelt, ist die Vergabe von Literaturpreisen, von denen jährlich an die 300 ausgelobt werden, gestiftet von verschiedenen staatlichen Trägern, Banken oder Konzernen. Vor allem die auf den Kulturseiten der Presse veröffentlichten Diskussionen im Vorfeld der Preisverleihungen sind ein Austragungsort für weltanschauliche Positionen, während die literarische Qualität der Werke der potenziellen Preisträger nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Ein Blick auf die Verleihung einiger der bekanntesten Preise im Jahr 2002 zeigt eine merkliche Tendenz zu wertkonservativen Haltungen. Das Problem dabei ist, dass Abgrenzungen zu nationalistischen Einstellungen oft nur ungenügend oder gar nicht vorgenommen werden. So bekam zum Beispiel Alexander Prochanow, ein bolschewistischer Nationalpatriot und Herausgeber der nationalistisch gefärbten Zeitung Sawtra, den Nazionalnyj bestseller, und Eduard Limonow, der sich persönlich für die Anliegen des Milosevic-Regimes in Serbien einsetzte, erhielt den Andrej-Belyj-Preis.

Die wertkonservative Tendenz äußert sich in der Literaturkritik auch in der nachdrücklichen Forderung nach realistischen Schreibweisen, in der Unterstützung von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die solche Schreibweisen pflegen, sowie auf der Ebene theoretischer Überlegungen. Damit bekommen altbekannte Postulate des sozialistischen Realismus neuen Aufschwung, die sich heute wie damals gegen formale Experimente wenden und für ein Schreiben in der Tradition der klassischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts eintreten.

Vehement abgelehnt werden Literatur und Kunst der Postmoderne, die breite Kreise für intellektuell, ironisch und damit gefährlich halten. Aggressive Angriffe gelten der Internet- und Populärkultur sowie einzelnen Literatinnen und Literaten dieser Richtung. Eine der Zielscheiben war der Schriftsteller Wladimir Sorokin, der seit den siebziger Jahren in seinen Werken ideologische und kulturelle Erörterungen als sprachliche und körperliche Gewalt darstellt und dabei den so genannten guten Ton der Literatursprache weit hinter sich lässt. Mithilfe der Vereinigung Iduschtschie wmeste (Vereint marschieren), einer Jugendorganisation, die sich für ein "sauberes Russland" einsetzt und sich auf ihre Nähe zu Präsident Putin beruft, wurde Sorokin 2002 wegen Pornografie vor Gericht gestellt, das ihn allerdings - und auch das ist ein starkes Signal - freisprach.

Sehnsucht nach nationaler Identität

Der "Zerfall des Imperiums" zu Beginn der neunziger Jahre, der von vielen als "Zerfall der Identität" und als "Schnitt in das eigene Fleisch" erlebt wurde, nährt kollektive Wunschvorstellungen nach einer intakten nationalen Identität. Waren in den neunziger Jahren vor allem ironisch-scherzhafte Darstellungen dieser Identitätssuche gängig wie zum Beispiel im Film Osobennosti nazionalnoj ochoty (Besonderheiten der russischen Jagd; 1995; Regie: Alexander Rogoschkin), so überwiegt auch hier inzwischen eine neue "Ernsthaftigkeit", die den Schwerpunkt auf "Patriotismus" legt. Das zeigt sich unter anderem an einer emotionalen Verschiebung bei den Auseinandersetzungen um den Kaukasus-Konflikt. Obwohl bereits der erste Krieg (1994-1996) einen breiten Rückhalt vor allem auch in Kreisen der ehemals regierungskritischen russischen Intelligenzija fand, kamen damals dennoch Stimmen zu Wort, die die Kriegshandlungen als eine unverhältnismäßige Reaktion der russischen Regierung einstuften. Im zweiten Krieg (seit 1999) wurden dagegen - zum Teil aufgrund verschärften Vorgehens gegen regierungskritische Medienberichterstattung - bisher kaum kritische Stimmen laut. Vielmehr werden unter dem Schlagwort der "Rettung des Vaterlandes" (alte) Helden- und Männlichkeitsmythen wieder belebt.

Zwei publikumswirksame Spielfilme - beide von namhaften Regisseuren - machen diese Verschiebung deutlich. Kawkaskij plennik ( Verleihtitel: Gefangen im Kaukasus; 1996) unter der Regie von Sergej Bodrow plädiert für eine Deeskalation des Konflikts, für eine Akzeptanz der fremden Kultur sowie für die Beachtung der kulturellen und territorialen Grenzen. Der Film Wojna (Krieg; 2002) von Alexej Balabanow dagegen entwirft ein Bedrohungsszenarium, das die Tschetschenen als Angreifer stilisiert, die ganz Russland unterwandern.

Vergewisserung in der Geschichte

Die Frage nach dem "Wer sind wir?" wird quer durch alle Lager auch mit der Frage "Woher kommen wir?" und "Zu wem gehören wir?" verknüpft und lässt alte Debatten nach dem "spezifisch Russischen" wieder aufleben, die zum Teil an die kontrovers geführten Argumentationen der Slawophilen und der Westler aus dem 19. Jahrhundert anknüpfen. Diese Suche nach Sicherheiten führt auch zu einem intensiven Erkundungsgang in die vorrevolutionäre russische Geschichte, zum Teil bis in das Kiewer Reich.

Die Selbstvergewisserung über historische Muster prägt inzwischen auch den Raum Moskau, wo allen voran der von Oberbürgermeister Jurij Luschkow geförderte Bildhauer Surab Zereteli seine verschnörkelten Monumente aufstellt, in denen er Elemente aus verschiedenen russischen Stilepochen verwendet und dadurch wohl die Aktualität der Vergangenheit wachrufen will. Autoren wie Wladimir Sorokin oder Dmitrij Prigow nutzten dieses Stilmittel in der russischen Kunst und Literatur des Untergrunds bereits seit den siebziger Jahren, allerdings um sich mit dem Denk- und Zeichensystem der Sowjetunion kritisch auseinanderzusetzen. Inzwischen hat sich dieses Verfahren aber verselbstständigt und wird für unterschiedlichste Darstellungsabsichten verwendet, beispielsweise zur Unterstützung eines diffusen patriotischen Gefühls wie bei Zereteli oder zur Selbstdarstellung wie bei den protzigen Landhäusern der reichen "neuen Russen".

Quellentext

Rückkehr zum Realismus

[...] Seine letzte Blütephase erlebte der russische Realismus in der Zeit des Sozialismus - "solide, traditionell, klassisch, realistisch" lautete das Dogma des heute als propagandistisch denunzierten künstlerischen Schaffens. [...]

Seit der Wende gehen die Reflexionen zum Phänomen des sozialistischen Realismus in verschiedene Richtungen. Die einen erklären ihn zum Kitsch und schneiden ihn damit aus der Kunstgeschichte heraus, beziehungsweise lassen ihn als Gegenstand der spöttischen Popart weiter leben. Versucht man jedoch, dem Phänomen einen Platz in der russischen Kunstgeschichte einzuräumen, kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen. Wie zum Beispiel, dass im sozialistischen Realismus die Traditionen der sakralen Kunst fortleben.

In vielen wichtigen Punkten nämlich überschneidet sich das bolschewistische "Hofschaffen" mit der Ikonenmalerei. So zum Beispiel im Darstellungskanon: Ein Lenin im Pyjama ist genau so undenkbar innerhalb des sozialistischen Realismus wie ein laut lachender Jesus in der Ikonenmalerei. [...] Ganz im Sinne der Ikonenmalerei ersetzen die Vorgaben der Propagandakunst das Reale durch das Imaginäre. Und so wie Ikonen ja nur von gesegneten Künstlern gemalt werden durften, wurden die prägenden Bilder der sozialistischen Kunst von "akademischen", also eingeweihten Künstlern geschaffen.

Die Kanonabtrünnigen schufen sich im sowjetischen Underground ihre parallele Kunstwelt, die sich dem offiziellen Trend widersetzte und nachträglich ein hohes Ansehen bekam: Das Unkonventionelle avancierte nach der Perestrojka zum neuen Kanon. All das, was den Beigeschmack des "Offiziellen" oder gar "Traditionellen" trug, galt als abgeschrieben.

[...] Inzwischen hat die Geschichte [...] eine neue Runde gedreht: vom "Unfug" der Moderne enttäuscht, verkündet heute eine bekannte Petersburger Künstlergruppe die Rückkehr zu den Idealen des Akademismus. Angestiftet wurde die Bewegung von Timur Nowikow, [...] er [...] gründete Anfang der Neunziger die Neue Akademie der Feinen Künste. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich von einem Verkünder der Westkunst zum Patriarchen der einheimischen "Neoakademisten", die nunmehr auf klassizistische Schönheit setzen. [...]

In einem ihrer militanten Manifeste erläutern die Neoakademisten ihr Vorhaben folgendermaßen: "Und nun, am Ende des 20. Jahrhunderts, machen wir eine freudige und vielleicht auch überraschende Entdeckung: Nach dem Jahrhundert der avantgardistischen Abstraktion ist es die traditionell schöne Kunst, die die Bourgeoisie schockiert."

Nelja Veremej, "Schönheit rettet die Welt", in: Freitag 28 vom 4. Juli 2003.

Im Film bedient sich der Regisseur Nikita Michalkow, gleichzeitig Vorsitzender des russischen Filmverbandes, publikumswirksam eines nationalen und kulturellen Patriotismus. Sibirskij zirjulnik (Der Barbier von Sibirien; 1998) zeigt die Liebesgeschichte zwischen einem Offizier der zaristischen Armee und einer Amerikanerin in der Zeit Alexanders III. und verknüpft dabei Fragen der kollektiven Identitätsfindung mit kulturellen Grenzziehungen zwischen Ost und West. Dabei werden bekannte Klischees aufgegriffen: Die russische Seite verkörpert die "russische Seele" mit Aufrichtigkeit, Verantwortung, Opferbereitschaft, männlicher Ehre und Spontaneität. Dem Westen dagegen wird ungehemmter Rationalismus zugeschrieben, so dass ihm Russland rätselhaft und unzugänglich bleiben muss. Auch der international renommierte Regisseur Alexander Sokurow begibt sich in seinem Film Russkij kowtscheg (Russian Ark; 2003) auf Zeitreise. Er setzt sich mit der bekannten Abhandlung von Astolphe de Custine (1843) auseinander, in der Russland als unzivilisiertes Land aus dem Verband der europäischen Völker ausgeschieden wird. Auf einem langen Marsch durch die verschachtelten Räume der Eremitage in St. Petersburg - aufgenommen in einer einzigen ungeschnittenen Kamerabewegung - lässt der Regisseur die Zarenzeit seit Peter I. bis zu ihrem Untergang Revue passieren. Das 20. Jahrhundert wird dagegen nur angedeutet.

Eine Mischung von historischem Schauplatz und etablierten Diskursen über Ost und West liegt auch den erfolgreichen Kriminal- bzw. Spionageromanen von Boris Akunin zugrunde. Die Figur des Erast Fandorin, erfolgreicher Ermittler des zaristischen Geheimdienstes, trägt Züge von James Bond und einem russischen aristokratischen Dandy des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Romane Akunins sprechen ein sehr unterschiedliches Publikum an. Leserinnen und Leser, die in der russischen Geschichte Bestätigung der eigenen Größe suchen, werden auf ihre Kosten kommen. Es finden sich aber auch genügend ironische und satirische Bezüge zur Gegenwart und zur verbreiteten Sehnsucht nach dem alten Imperium, die die erste Lesart unterlaufen.

Gegenwart als unsicheres Terrain

Das Unbehagen, verursacht durch die gesellschaftlichen Umbrüche sowie durch mangelnde öffentliche Diskussion und Verdrängungsstrategien, prägt auch viele kulturelle Werke, die sich explizit mit der Gegenwart auseinander setzen. Einen ersten populärkulturellen Niederschlag fand dieses Unbehagen Mitte der neunziger Jahre in der Witzserie über die "neuen Russen". Diese Witze reagierten in einer kollektiven Abwehrhaltung vor allem auf die sich verschärfenden Gesellschaftsunterschiede, die damals in der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich deutlich wurden.

In der Literatur wird die Gegenwart häufig als absurd und instabil gezeichnet. Eine solche brüchige Welt, die der geistigen Verfassung der heutigen Russen nachspürt, vermittelt zum Beispiel Andrej Lewkin in seinem Roman Golem, russkaja wersija (Der Golem, russische Version; 2002), wobei er die Strukturlosigkeit der Welt durch die Strukturlosigkeit des Romans wiedergibt. In diese Reihe von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die die Gegenwart als grotesk, kafkaesk und absurd wahrnehmen, gehören auch Ljudmila Petruschewskaja und Ljudmila Ulizkaja, wobei letztere in ihrem Roman Puteschestwije w sedmuju storonu sweta (Reise in den siebten Himmel; 2000) die heutigen Absurditäten mit denen der Sowjetzeit in Beziehung setzt. Ein häufiges Motiv der neuesten Literatur sind zudem aus ihren Lebensbahnen geworfene Protagonisten und Protagonistinnen, wie sie bei Sergej Gandlewskij oder Wladimir Makanin anzutreffen sind.

Das breite Publikum greift zur Bewältigung anstehender Gegenwartsfragen allerdings eher auf Kriminalromane von Alexandra Marinina oder Darja Donzowa zurück. Beide verwenden aktuelle gesellschaftliche Probleme als Hintergrund der Handlung. Jugendliche Leser und Leserinnen sehen ihre Welt in den Erzählungen von Irina Deneschkina dargestellt. In ihrem Debütband Daj mne (Komm 2002) erzählt die 23-jährige Autorin in schnellen Schnitten und Wendungen von Partys, Punkkonzerten, Sex und Alkohol. Ihre Protagonisten verständigen sich lustvoll über populärkulturelle Codes und Songzitate und lassen dennoch eine spürbare Sehnsucht nach einer Identität jenseits des Labels erkennen.

Religion und Kirche

Thomas Bremer

Nach langen Jahrzehnten von Verfolgung und antireligiöser Propaganda wird Religion in der russischen Gesellschaft heute wieder anerkannt und genießt weithin Wertschätzung. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen: mit einem geistigen Vakuum nach dem Zerfall der alten Ideologie, mit der Suche nach neuen Werten, aber auch damit, dass die Religionsgemeinschaften vielen Menschen der Russländischen Föderation ein Identitätsangebot machen. Denn das Bekenntnis zu einer Religion ermöglicht zugleich eines zu einer nationalen und kulturellen Zugehörigkeit.

Die größte Religionsgemeinschaft des Landes ist die Russische Orthodoxe Kirche (ROK). Seitdem das Kiewer Reich Ende des 10. Jahrhunderts von Byzanz aus christianisiert wurde, gehören die russischen Christen zur Orthodoxie. Da es keine Kirchenstatistik gibt, lassen sich keine genauen Zahlen angeben. Der größte Teil der ethnischen Russinnen und Russen bekennt sich aber sicherlich zur ROK, an deren Spitze der Patriarch steht. Die Kirche ist in 130 Bistümer, davon etwa 70 in Russland, gegliedert, die von Bischöfen geleitet werden. In ihrer mehr als 1000-jährigen Geschichte stand die ROK immer in enger Beziehung, zum Teil Abhängigkeit von den jeweiligen Herrschern, deren Interessen sie vertrat, von denen sie aber auch nach innen und außen geschützt wurde. Die Zeit der Sowjetunion mit ihrem kirchenfeindlichen Regime stellte eine Ausnahme dar. Seit der politischen Wende versucht die ROK, die frühere Position wieder einzunehmen. Sie versteht sich als legitime Vertreterin aller Russinnen und Russen in und außerhalb der Russländischen Föderation.

Seit dem Ende der Verfolgungen sind zahlreiche neue Kirchen gebaut worden. Die Kirche hat neue Ausbildungs- und Publikationsmöglichkeiten und wird insbesondere auch von staatlicher Seite gefördert. Sie finanziert sich vor allem durch Spenden der Gläubigen und - in geringerem Maße - durch staatliche Unterstützung. Ihre Wirkungsmöglichkeiten sind unvergleichlich besser als in den Jahrzehnten zuvor. Insbesondere das Klosterwesen hat einen großen Aufschwung erlebt. Zahlreiche Klöster wurden neu- oder wieder gegründet, und viele Menschen, auch viele jüngere, entscheiden sich für ein monastisches Leben. Doch auch kirchliche Trauungen, Taufen und andere liturgische Vollzüge haben neue Bedeutung erlangt und gehören heute weitgehend zum Alltag.

Vom weit verbreiteten Bekenntnis zur ROK ist allerdings die Religiosität zu unterscheiden. Neben den praktizierenden Gläubigen gibt es auch viele Menschen, die sich als orthodox bezeichnen, aber grundsätzliche Glaubensaussagen der Kirche ablehnen: Sie besuchen den Gottesdienst nicht, vollziehen keine kirchlichen Riten oder glauben nicht einmal an Gott. Diese Menschen bekennen sich also nicht aus Glaubensüberzeugung zur Orthodoxie, sondern vor allem aus traditionellen und kulturellen Gründen, da die Orthodoxie die überlieferte Religion der russischen Menschen ist.

In der Russländischen Föderation sind vor allem die ethnischen Russinnen und Russen sowie die dort lebenden Menschen aus der Ukraine, aus Weißrussland und Georgien orthodox, während die Angehörigen anderer Nationen sich in der Regel auch zu anderen Religionen bekennen: das tschetschenische sowie das tatarische Volk und viele andere Völker zum Islam, Juden zum Judentum, Bewohnerinnen und Bewohner der ostasiatischen Regionen zum Buddhismus, Deutschstämmige, Finnen und Letten zum Protestantismus und Menschen polnischer und litauischer Herkunft sowie ein Teil der Russlanddeutschen zur katholischen Kirche. Trotz vermehrter Übertritte in der letzten Zeit gilt diese Regel grundsätzlich immer noch. Auch das bestätigt, wie sehr Religionszugehörigkeit als nationale Identitätsbestätigung verstanden wird.

Quellentext

Renaissance der Orthodoxie

[...] Die Hauptstadt boomt - und restauriert im Eiltempo ihre Kirchen. [...] Allein in Moskau sind bereits über 300 Gotteshäuser fertig. Es ist, als sollten die alten Kirchen und Klöster Russland einen verlorenen Schatz zurückbringen: die Kraft und Geborgenheit des Glaubens. Scheinbar unbeschadet, unverändert ist die Orthodoxie nach Jahrzehnten der Unterdrückung wieder auferstanden. Mit Macht meldet sie sich in der Gesellschaft zurück. Was einst verpönt war, gilt jetzt beinahe als Allheilmittel, selbst bei Skeptikern und Atheisten. Auf Glauben und Kirche ruhen wieder große Hoffnungen.

[...] Vor der wieder aufgebauten Christus-Erlöser-Kathedrale mit Blick zum Kreml steht am Samstagabend das elegante Moskau Schlange. Damen und Herren in Zobel und Wildleder. [...] Die Kathedrale, die einst an dieser Stelle stand, hatte Diktator Stalin sprengen lassen. Jetzt machen sich die Zeitungen Gedanken darüber, welche Kirche Staatspräsident Putin wohl zum Osterfest besuchen wird. Meistens wählt er diese. [...]

"Gehen Sie bloß nicht in die Erlöser-Kathedrale", hatten gläubige Moskauer zuvor gewarnt. "Das ist doch alles bloß Staatstheater! Gehen Sie in die kleinen Kirchen!" Auch Andrej Prolomow wird bitter, wenn er auf diese Kirche zu sprechen kommt. [...] Nach dem Militärdienst ging es ihm nicht gut. Jemand drückte ihm Gebete der Kirchenväter in die Hand. Manches verstand er nicht, anderes hat ihn direkt angesprochen. Später hat er sogar in seinem Urlaub geholfen, ein Kloster zu renovieren. Die Atmosphäre dort gefiel ihm.

Zurück in Moskau, war alles anders. In der Kirche fühlte er sich wie ein Fremder. "Ich verstehe ja nicht, was der Priester in Altkirchenslawisch liest. Niemand erklärt mir etwas. Braucht er mich?" Heute sagt Andrej Prolomow: "Ich unterhalte mich lieber mit meinem Kumpel. Da fühle ich mich nicht bloß als Dekoration." [...] Versteht er sich trotzdem als ein gut orthodoxer Christ? Prolomow zuckt die Schultern: "Schließlich bin ich getauft!"

Kirchliches Leben findet im heutigen Russland nicht nur in der Kirche statt. Es genügt, den Fernseher einzuschalten. Kein Abend, an dem nicht Priester in ihrem schwarzen, bodenlangen Gewand im Fernsehen vor dem "neuen Heidentum" warnen: vor übermäßigem Konsum, dem Geist amerikanischer Actionfilme, abergläubischem Denken - manche verurteilen selbst Yoga und Väterchen Frost, den russischen Weihnachtsmann. Keine Woche ohne neue Kirchen, neue Glocken, auf wunderbare Weise wieder gefundene wundertätige Ikonen. Kein Wort der Kritik.

Die Kirche ist Russland - das starke, gute Russland -, sie kündet von Pracht und Unvergänglichkeit. Die Hüterin der Ikonen ist selbst zur Ikone geworden. [...]

In der Innenstadt leuchten die Zwiebeltürme der kleinen Fjodor-Studito-Kirche. Es ist Nachmittag. Im Innern wirkt der Raum mit seinen Rundbögen und den vom Kerzenlicht erhellten Ikonen strahlend und warm wie eine festliche Wohnstube. Die alte Wächterin in Strickpullover und Filzpantoffeln kommt hinter ihrem Verkaufsstand hervor, stemmt die Hände in die Seiten, schaut die Besucherin herausfordernd an. "Gott will, dass Frauen Kopftuch und Rock tragen", nuschelt sie, verzieht dann aber den Mund mit nur noch einem oberen Zahn zu einem Lächeln: "Besichtigung, nun gut."

Ein Mann mit Aktentasche geht zu der dunklen Muttergottes-Ikone, die links von den goldenen Toren im Seitengewölbe hängt. Eine Weile bleibt er stehen und betrachtet sie. Dann nähert er sich ihr behutsam, küsst sie auf Mund und Herz.

Am Verkaufsstand der Alten gibt es Arbeit. Eine junge Frau mit Kopftuch, noch ungeübt im Bestellen von Bittgebeten, schreibt Namen auf einen Zettel und sucht nach Münzen. 80 Rubel (drei Euro) für ein 40-Tage-Gebet, bis zu 400 Rubel (15 Euro) für Gebete zum Gedächtnis an einen Verstorbenen. Die einfache Fürbitte gibt es schon für ein paar Rubel. "Gott reicht der Vorname", seufzt die Wärterin ungeduldig. Der Zettel wandert in ein Holzkästchen mit der Aufschrift "Für Gesundheit", daneben steht noch eins: "Für die Ruhe".

Rasch kämmt sich Vater Pawel den Bart. Er ist Priester in der "Kirche der heiligen Märtyrerinnen Glaube, Liebe, Hoffnung und ihrer Mutter Sofia". [...]

Vater Pawel holt mit den Armen weit aus: "Wie ein reicher Onkel aus Amerika hat Byzanz uns unsere Tradition geschenkt, damit wir verstehen, dass der Erlöser geboren ist." An diesem Erbe, der Liturgie, den Gebeten und Regeln dürfe kein Jota verändert werden. [...] "Wir sind näher am Licht des Ostens", begeistert sich Vater Pawel, "wir haben die Tradition der Kirchenväter am besten bewahrt. Moskau ist - nach Byzanz - das dritte Jerusalem." [...]

Metrostation Scelkowskaja: In der nahe gelegenen Mittelschule führen die Schüler der achten Klasse ein ungewohntes Unterrichtsgespräch. Über Religion. Sie sind um die 13 und zweifeln nicht: Natürlich sollen die alten Kirchen wieder aufgebaut werden [...]. Sie selbst werden zu Ostern ihren Kulitsch, den Osterkuchen, zum Segnen in die Kirche tragen, einander am Morgen mit den Worten "Christus ist auferstanden!" begrüßen und antworten: "Wahrhaftig auferstanden!". Und was für eine Botschaft steckt dahinter? Komische Frage, finden die Schüler. "Da gab es diese Geschichte von dem leeren Grab und so weiter, na, Sie wissen schon." [...]

Hedwig Gafga, "Wahrhaftig auferstanden!", in: chrismon 3/2002.

Verhältnis der Religionen zueinander

Die Russländische Föderation hat 1997 ein Religionsgesetz erlassen, das ein liberaleres von 1990 ersetzte. Das jetzt gültige Gesetz kennt "traditionelle" Religionen (Orthodoxie, Judentum, Islam und Buddhismus), für die die administrativen Bedingungen einfacher sind als für neue Religionen, die erst in jüngerer Zeit nach Russland gekommen sind, oder für solche Kirchen, die sich in der Sowjetzeit offiziell nicht organisieren durften. Letztere klagen häufig darüber, dass sich besonders die ROK mit staatlicher Hilfe eine privilegierte Stellung verschaffen wolle. Tatsächlich fördern die staatlichen, das heißt zumeist die lokalen Behörden die ROK in besonderer Weise, indem sie etwa Bauprojekte oder Gemeindeneugründungen eher und einfacher gestatten als bei anderen Kirchen. Im Hintergrund steht die Absicht einzelner Beamter, der Orthodoxie als der traditionellen russischen Religion zu einer starken Stellung zu verhelfen.

In der letzten Zeit ist es einerseits zu einer Annäherung zwischen den Religionen, andererseits aber auch zu wachsenden Spannungen gekommen. In den Tschetschenien-Kriegen haben der orthodoxe Patriarch und der oberste Mufti gemeinsame Aufrufe zum Frieden veröffentlicht, auch wenn sie unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich des Krieges einnahmen. Zwischen der ROK und der katholischen Kirche gab es in den letzten Jahren große Konflikte, als sich die katholische Kirche in Russland neu strukturierte und Bistümer gründete, was von der ROK als unzulässiger Versuch gewertet wurde, orthodoxe Gläubige zum Katholizismus abzuwerben ("Proselytismus"). Die katholische Kirche argumentierte, dass sie nach der Verfolgungssituation ihren Angehörigen pastorale Betreuung bieten wolle und dass areligiös aufgewachsene Menschen, auch ethnische Russinnen und Russen, das Recht auf Religionsfreiheit hätten.

Trotz des Wiedererstehens der Religion in Russland bleibt die Frage, wie die Religionsgemeinschaften auf die Herausforderungen der Zukunft eingehen können. Das Angebot einer Identitätsstiftung wird auf Dauer nicht tragfähig sein. Mit der Entwicklung des Landes werden die Fragestellungen von Säkularisierung bzw. Entkirchlichung, Entstehung von Alternativreligionen oder ökumenischer Zusammenarbeit auch auf die Religionsgemeinschaften in Russland zukommen. Sie werden sich, wenn sie wirksam bleiben und ihre Sendung erfüllen wollen, darauf einstellen und sich bemühen müssen, Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

Bildung und Wissenschaft

Gerlind Schmidt

Im Bildungsbereich des neu entstandenen Russland vollzog sich ein radikaler Paradigmenwechsel gegenüber der sowjetischen Epoche. Dazu propagierte eine Bewegung "von unten" schon in der Phase der Perestrojka neue Grundsätze: Zahlreiche Lehrkräfte strebten eine Überwindung der ideologisch verkrusteten Erziehungskonzeption an. Sie plädierten für eine "Humanisierung" der autoritären Pädagogik zugunsten der freien Persönlichkeitsentwicklung des Individuums, und das Staatsmonopol im Bildungswesen, eingeschlossen die zentrale staatliche Bildungs- und Arbeitskräfteplanung und -lenkung, sollte abgeschafft werden.

Reformansätze und ihre Wirkung

Der 1992 im Bildungsgesetz der Russländischen Föderation festgelegte radikalliberale Reformkurs wollte weltweit gültige Grundsätze von Demokratie und Marktwirtschaft sowie der gesellschaftlichen Mitwirkung im Bildungsbereich auf das russische Bildungssystem übertragen. Hierzu gehörten die Sicherung der Rechte des Individuums und einer Vielfalt politischer, weltanschaulicher, sozialer und ethnisch-kultureller Ansprüche der Gesellschaft gegenüber dem Staat, die Freiheit von Wissenschaft und Forschung sowie die Trennung von staatlichem Bildungswesen und Kirche.

Zwar wies die Umsetzung der Reformmaßnahmen rasch Erfolge auf, wie beispielsweise bei der Veränderung der Lehrpläne in Geschichte und politischer Bildung, der Errichtung von pädagogischen Modellschulen sowie der Gründung von privaten Bildungseinrichtungen. Seit Mitte der neunziger Jahre zeigten sich aber infolge des überstürzten Tempos und der mangelhaften Vorbereitung der Transformation erhebliche Leistungs- und Qualitätsverluste sowie Einbußen bei der Bildungsgerechtigkeit. Sie spiegelten die ökonomische und soziale Krise des Landes wider und wurden durch den Rückzug des Staates aus dem Bildungsbereich sowie die resultierenden sozialen Verwerfungen verstärkt.

Zudem nutzten einige der 89 föderalen Gebietseinheiten die Spielräume der neu geschaffenen föderativen Staatsordnung für wirtschaftliche, politische und national-kulturelle Sonderentwicklungen. Daraus erwuchs die nach wie vor aktuelle Forderung nach dem "Erhalt des einheitlichen Bildungsraums" innerhalb der Russländischen Föderation.

Die Regierung suchte die "sozialen Garantien", wie die weitgehende Unentgeltlichkeit der Bildung, die regelmäßigen Gehalts- und Stipendienzahlungen sowie die materielle Versorgung (zum Beispiel Energieversorgung, Wohnheim- und Kantinenangebote) von Schulen und Hochschulen, zu sichern, indem sie die entstandenen Schulden der Bildungseinrichtungen abzubauen begann. Zugleich nahm sie das Gedankengut der nationalpatriotisch gesinnten Kreise im Lande auf und berücksichtigte so die Anerkennung, die das sowjetische Bildungswesen und der Stand seiner Wissenschaft in der eigenen Bevölkerung weiterhin genossen.

Die ehrgeizigen Ziele einer zukunftsgewandten Bildungspolitik blieben jedoch bestehen. Mit dem Amtsantritt Putins wurde eine gezielte Korrektur der lückenhaften oder gar widersprüchlichen rechtlichen und administrativen Steuerung eingeleitet und die "Machtvertikale" auch gegenüber den Regionen verstärkt. Der Bildungs- und Wissenschaftssektor soll seitdem die Leistungsfähigkeit des alten Systems wiedergewinnen und mit einer bahnbrechenden Innovation verbinden, um die internationale Öffnung voranzutreiben und die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit Russlands auf den Weltmärkten zu stärken.

Als vielversprechendes Instrument einer solchen Modernisierung wird die Einführung der neuen Informationstechnologien im Bildungswesen und in der Wissenschaft forciert. Die Nutzung von Computern und Internet soll die strukturellen, aber auch die ökonomisch-materiellen und personellen Probleme des russischen Bildungswesens - die kulturelle Verödung der Provinz, den verbreiteten Mangel an neuen Lehrbüchern und Unterrichtsmitteln sowie die Abwanderung von qualifizierten Lehrkräften - lösen helfen, angefangen von der ersten Klasse der Pflichtschule und endend mit dem Fernstudium im Rahmen lebenslanger Bildung.

Zwar wurden auch an den "Rändern" des Bildungswesens wie in der Vorschulerziehung und der Erwachsenenbildung zahlreiche neue Konzepte entwickelt. Hauptansatzpunkte der Neuerungen waren seit den neunziger Jahren aber die allgemein bildende Schule und das Hochschulwesen, während insbesondere die berufliche Bildung vernachlässigt blieb. Zusammen mit der Neubestimmung der Bildungsinhalte werden derzeit einschneidende strukturelle Veränderungen und Neuregelungen bei der Finanzierung erprobt. Die Entscheidung über eine allgemeine obligatorische Einführung einzelner Neuerungen wurde aber wiederholt hinausgezögert, so dass bei zentralen Reformprojekten in der Praxis mittlerweile alte und neue Formen nebeneinander bestehen.

Das "Konzept zur Modernisierung des Bildungswesens der Russländischen Föderation bis zum Jahre 2010" (2002) rückte das Zusammenwirken der einzelnen Bereiche und Stufen des Bildungswesens untereinander und die Ausrichtung auf den Bedarf von Wirtschaft und Arbeitsmarkt in mittelfristiger Sicht stärker in den Vordergrund. Dabei wird an die politische Einbindung und finanzielle Beteiligung der Regionen und ihrer Wirtschaftskraft sowie an die marktwirtschaftliche Einbindung ihrer Betriebe gedacht. Ebensolche Aufmerksamkeit erhalten Wissenschaft und Forschung als Bereiche gesamtstaatlichen wie privatwirtschaftlichen Interesses, in denen große Unternehmen sowie einzelne Betriebe als Auftraggeber sowie Sponsoren tätig werden können.
Gliederung des Bildungssystems

Russisches BildungssystemRussisches Bildungssystem
Vorschulerziehung: Im Vorschulbereich ist der Besuch des Kindergartens für die drei- bis sechsjährigen Kinder freiwillig und wegen bestehender Finanzierungslücken in den öffentlichen Haushalten nur für die bedürftigen Familien noch kostenfrei. Zahlreiche Kindergärten mussten in den neunziger Jahren aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Der Anteil der betreuten Kinder wächst nach einem Tiefpunkt im Jahre 1998 jedoch langsam wieder an (2001: 4,3 Millionen Kinder oder 57,2 Prozent der Altersgruppe). Weiterhin unzureichend bleibt jedoch die Versorgung auf dem Lande. Befürwortet wird auch ein kurzzeitiger Besuch des Kindergartens, um möglichst vielen Kindern die angestrebte Vorbereitung auf den Schulbesuch zu vermitteln. Neben der individuellen Förderung und besonderen Angeboten, wie zum Beispiel dem frühen Erlernen einer Fremdsprache, stehen Maßnahmen auf dem Programm, die den vielfach schlechten Gesundheitszustand der Kinder verbessern und ihre psychosoziale und geistige Entwicklung fördern sollen.

Allgemein bildende Schule: Im Jahr 2001 gab es 66900 allgemein bildende Schulen mit insgesamt circa 19,4 Millionen Schülerinnen und Schülern. Die meisten Schulen, die grundsätzlich eigene Einnahmen erwirtschaften dürfen, haben finanziell nur überlebt, indem sie von den Eltern Gebühren für besondere Angebote und Zusatzleistungen verlangen. Ein Schulgeld von teilweise beträchtlicher Höhe wird jedoch nur an Privatschulen erhoben. Im Jahre 2001/2002 besuchten 66000 Kinder Privatschulen, die einen Anteil von etwas über einem Prozent aller Schulen ausmachen. Bei den Lernergebnissen übertreffen nur wenige von ihnen die erfolgreicheren staatlichen Schulen.

Die neunjährige Schulpflicht gliedert sich in eine vierjährige Primarstufe (natschalnjaja schkola), die allerdings von den mehrheitlich erst mit sieben Jahren eingeschulten Kindern bereits in drei Jahren absolviert wird. Anschließend folgt die fünfjährige Hauptstufe oder -schule (osnownaja schkola), die mit einer Abschlussprüfung endet. Die Entscheidung über ihre geplante Verlängerung um ein weiteres Schuljahr, die die chronische Überlastung der Schülerinnen und Schüler mit Lehrstoff (bei faktisch für viele nur acht Schuljahren) reduzieren sollte, wurde vorerst ausgesetzt.

Erwerb der Hochschulreife: Circa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler, in den Städten weitaus mehr, gehen nach absolvierter Pflichtschule in die zur Hochschulreife führende zweijährige Oberstufe über, um die "vollständige mittlere Bildung" (srednee polnoe obrasowanie) zu erwerben; eine Aufnahmeprüfung ist hierfür nicht erforderlich. Die Oberstufe schließt mit der Abiturprüfung ab, die jedoch noch nicht den Eintritt in die Hochschule garantiert.

Im Jahr 2000 besuchten etwa 12,7 Prozent, auf dem Lande jedoch nur 2,6 Prozent der Schulkinder Schulen "gehobenen Typs" (schkoly powyschennogo tipa) mit besonderen Angeboten zur Hochschulvorbereitung - die neu geschaffenen Gymnasien ab Klasse eins, fünf oder acht sowie die mathematisch-naturwissenschaftlich und technisch ausgerichteten Lyzeen ab Klasse acht oder zehn. Zusammen mit den herkömmlichen Schulen, die vertieften Unterricht in einzelnen Unterrichtsfächern anbieten, bilden diese Einrichtungen eine Gruppe, die vielfach im Rahmen eines Vertrags mit einer Universität und deren Lehrkräften zusammenarbeitet, um den Übergang der Schülerinnen und Schüler in ein Hochschulstudium gezielt vorzubereiten. Besondere bildungspolitische Aufmerksamkeit erhielten die wenigen neuen Eliteschulen bei den Spitzenuniversitäten in Moskau und St. Petersburg sowie in dem naturwissenschaftlich-technischen Zentrum von Nowosibirsk.

Einrichtungen für Minoritäten: Circa 19 Prozent der Bevölkerung gehören mehr als 160 nichtrussischen so genannten Nationalitäten und ethnischen Gruppen an. Für sie gibt es "nationale Schulen", in denen laut verfassungsmäßig abgesichertem Recht ein Unterricht in der Muttersprache und in nationalspezifischen Inhalten angeboten wird.

Zugang zum Studium: Ein großes Problem bildet derzeit noch der Übergang zum Hochschulstudium, für den sich circa 70 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten entscheiden. Insbesondere Schülerinnen und Schüler aus den unteren Einkommensschichten und der Provinz haben aus finanziellen Gründen allein auf der Basis des Abiturs keine gleichen Zugangschancen: Ohne die Vorbereitung durch kostspielige private Tutorien sind die obligatorischen traditionellen Aufnahmeprüfungen an den Universitäten kaum zu bestehen. Weil Tutoren und Prüfer vielfach dieselbe Person sind und Schmiergeldzahlungen keine Ausnahme bilden, ist das Verfahren in den Augen der Öffentlichkeit höchst angreifbar geworden. Das bereits in 47 Regionen erfolgreich erprobte neue einheitliche staatliche Examen (Jedinnyj gosudarstwennyj eksamen, EGE) am Ende der oberen Sekundarstufe bedeutet eine Herauslösung der Prüfung aus der Schule, aber auch aus der Hochschule. Durch den Einsatz von Tests und die Nutzung von Computern soll die Auswertung zentralisiert und eine größere Objektivität erreicht werden. Zurückgenommen wurden die Pläne, an die Prüfungsergebnisse Studien-Gutscheine zu koppeln, die in ihrer Höhe nach der Leistung gestaffelt sind.

Eine ebenfalls in Erprobung befindliche Profilbildung nach Fächerschwerpunkten in der oberen Sekundarstufe soll das einheitliche Examen flankieren. Diese Form der Spezialisierung bedeutet eine einschneidende Veränderung der in ihrem Kernbestand immer noch überwiegend einheitlichen Curricula der allgemein bildenden Schulen. Die Profilbildung soll den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler mehr Raum geben und in Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen (darunter auch berufliche Schulen und Hochschulen) berufsorientierend wirken. Darüber hinaus kann mit ihr der Zustrom zu den Hochschulen stärker kanalisiert werden. Beabsichtigt, aber noch immer nicht verabschiedet, ist außerdem die Erneuerung der Bildungsprogramme im Rahmen eines für die gesamte Föderation gültigen einheitlichen Bildungsstandards. Dieser legt nach dem Vorbild der PISA-Studie die zu vermittelnden staatlich garantierten Mindest-Kompetenzanforderungen fest und kann in den Regionen und den Einzelschulen inhaltlich ergänzt werden.

Berufliches Bildungswesen: Das differenzierte, auf Durchlässigkeit ausgerichtete berufliche Bildungswesen umfasst, angefangen von der einfachen Anlernausbildung im Betrieb über die grundlegende berufliche Bildung in beruflichen Schulen sowie die mittlere Fachschulbildung und das Hochschulstudium, vier Stufen sowie schließlich den gesamten Aufgabenbereich der Weiterbildung von Arbeitskräften. Dieser mündet in das lebenslange Lernen der allgemeinen Erwachsenenbildung ein. Ebenso wie das Wissenschaftssystem war die berufliche Bildung besonderen Einbrüchen ausgesetzt, da sie in der Vergangenheit in weiten Bereichen an die zugehörigen eng spezialisierten Wirtschaftszweige und Betriebe sowie eine planwirtschaftlich organisierte Administration gebunden war. Nach dem Zusammenbruch der großen Industriebetriebe ist das Berufsbildungssystem nun in hohem Maße von einer neuerlichen Stabilisierung der allgemeinen Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung abhängig.

Hochschulwesen: Im Hochschulbereich hat sich eine Privatisierung erheblichen Umfangs und eine dynamische Entwicklung vollzogen. Ursächlich hierfür war eine wachsende Bereitschaft unter den in der Aufnahmeprüfung abgewiesenen Studienbewerbern, für ihr Studium Gebühren zu entrichten. Die Zahl der Hochschulen verdoppelte sich von 519 im Jahr 1991 auf 1008 im Jahr 2001; 387 davon sind Privathochschulen. Vielfach erweiterten bis dahin fachlich eng begrenzte Hochschulen ihr Fächerspektrum, um den begehrten Status einer Universität zu erlangen (1998: 270, 2001: 304 Universitäten). Offiziell unterstützt wird die Tendenz, in die Hochschulen zunehmend Einrichtungen anderer Bildungsstufen wie Gymnasien, Lyzeen, Colleges, Technika sowie mittlere Fachschulen einzubinden.

Seit dem Tiefpunkt im Jahre 1993/1994 hat sich die Studierendenzahl mit 5,426 Millionen mehr als verdoppelt, und ihr Anteil je 10000 Einwohner ist gegenüber den achtziger Jahren um die Hälfte gestiegen (2001: 332 gegenüber 1980: 219 Studierenden nur an staatlichen Hochschulen). Die vom Bildungsministerium festgelegte Quote von höchstens 25 Prozent bezahlenden Studierenden je Hochschule wurde beträchtlich überschritten und erreichte im Durchschnitt circa 44 Prozent. Der vergleichsweise umfangreiche Sektor der privaten Hochschulen wird bislang nur von knapp 11,6 Prozent der Studierenden besucht. Die in der Regel kleinen Privathochschulen verlangen teilweise Studiengebühren von mehreren 1000 US-Dollar pro Studienjahr. Die staatliche Kontrolle der angebotenen Qualifikationen wird in diesem, aber auch im staatlichen Hochschulsektor verschärft, um auszuschließen, dass unlautere, aber auch qualitativ unzureichende Angebote fortbestehen können. Die äußerst geringen Stipendien wurden kürzlich erhöht, und es sollen in breiterem Umfang Studienkredite für finanziell bedürftige Studierende erprobt und eingeführt werden. Deren Rückzahlung kann bei Übernahme einer staatlich erwünschten Tätigkeit, etwa als Lehrkraft an einer Landschule, erlassen werden.

Bislang konnte die Einführung eines Stufenstudiums nach internationalem Muster (Bakkalaureus- und Magister-Abschluss) das traditionelle, nach fünf Studienjahren erreichte Diplom nicht ablösen. Mit den Bestrebungen Russlands, sich dem gesamteuropäischen so genannten Bologna-Prozess anzuschließen, in dessen Rahmen die Studiengänge und Hochschulabschlüsse europaweit kompatibel werden sollen, gewinnt diese Struktur des Hochschulstudiums aber erneut an Aktualität.

Der schlechte Zustand und das traditionell geringe Prestige der Ausbildung in den einfachen Berufen, der große Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen, aber auch die Zurückstellung vom Wehrdienst bei Aufnahme eines Studiums direkt nach dem Abitur ließen das Hochschulstudium für immer mehr junge Menschen attraktiv werden. Die Entwicklung veranlasste mittlerweile die Regierung, an eine Zulassungsbegrenzung in Abstimmung mit dem Arbeitskräftebedarf der sich wieder erholenden Wirtschaft zu denken. Beklagt wird zugleich die erhebliche Abwanderung gerade der qualifiziertesten jungen Hochschulabsolventen in das westliche Ausland.

Quellentext

Suche nach Orientierung

[...] Iwan ist einer derer, die von Russlands Öffnung zur Welt profitieren. Der 18-Jährige hat zehn Monate in Solingen gelebt und spricht gut Deutsch. Er gehört zur noch kleinen Gruppe von Jugendlichen, die andere Länder kennen gelernt und dabei ein russisches Selbstbewusstsein fern eines intoleranten Patriotismus erworben haben. [...]

Die Möglichkeiten der Selbstbestimmung mögen groß sein im heutigen Russland, den immensen Leistungsdruck aber spürt jeder. In einem Jahr will Iwan zur Ausbildung als Kameramann auf die Kinohochschule gehen, um später ins Regiefach zu wechseln. Von September an muss er neben der Schule den Vorbereitungskurs auf die obligatorische Aufnahmeprüfung besuchen. Der kostet an die 1000 Dollar. Ohne den Kursus hat er keine Chance. Bildung kostet. Dennoch boomen die Hochschulen. Mitte der neunziger Jahre erschien es den meisten Jugendlichen noch verlockender, schnell an der Kasse eines Kiosks Geld zu verdienen: Heute sind die Ansprüche der Studenten gestiegen: Nicht mehr das Proforma-Diplom sozialistischer Zeiten oder der universitäre Heiratsmarkt zählen, sondern die Qualität und der Nutzen der Lehre.

So ist eine unübersichtliche Landschaft von staatlichen und privaten Instituten entstanden, die allein durch das System der Vorbereitungskurse etwa eine Milliarde Dollar im Jahr kassieren. Die Staatsuniversitäten nehmen zur Hälfte zahlende Studenten auf - reiche Eltern sind oft die beste Antwort auf die Fragen in der Aufnahmeprüfung. [...]

Besonders die rein kommerziellen Hochschulen sind auf die zahlenden Studenten angewiesen. Die jungen Männer wollen nach dem Abitur unbedingt studieren, weil sie so dem Wehrdienst entgehen können. [...] Iwans Kinohochschule ist eine Militärfakultät angegliedert, die er absolvieren wird, um nach dem Studium nicht mehr eingezogen zu werden. [...]

Er lebt allein mit seiner Mutter. Fast alle Jugendlichen leben entweder bei den Eltern oder ganz unabhängig. Wohngemeinschaften stoßen durch die instinktive Abneigung gegen den Kollektivismus auf Ablehnung. Vielleicht bekommt Iwans Freundin später die Wohnung ihrer Großmutter. Dann können sie heiraten, obwohl Iwan sich damit noch Zeit lassen will. Erst möchte er sein Leben auf die Beine stellen. Das unterscheidet ihn von der Generation seiner Eltern, in der die frühe Heirat mit 18 oder 20 Jahren die sozialistische Existenz und den Anspruch auf eine staatliche Wohnung hatte sichern sollen. [...]

Johannes Voswinkel, "Iwan im Underground", in: Die Zeit Nr. 44 vom 24. Oktober 2002.

Wissenschaft und Forschung

Anders als in Deutschland ist die Forschung weitgehend vom Hochschulbetrieb abgetrennt. Neben ihren Lehr- und Ausbildungsaufgaben betreiben die Hochschulen nur in begrenztem Umfang Forschungsaktivitäten, überwiegend im Bereich der Grundlagenforschung. Von circa 420000 in der Wissenschaft Tätigen in Russland gehören derzeit etwas mehr als die Hälfte dem Hochschulbereich an. An der Spitze der wissenschaftlichen Einrichtungen steht weiterhin die renommierte und traditionsreiche, inzwischen aber finanziell ausgeblutete und personell überalterte Akademie der Wissenschaften mit ihren verschiedenen Abteilungen und zahlreichen dezentralisierten Einzelinstituten.

Kennzeichnend ist die unterschiedliche Entwicklung in den humanwissenschaftlichen und den naturwissenschaftlich-technischen Fächern, die bei den Studierenden erst in jüngster Zeit wieder an Beliebtheit zunehmen. Unterschiede bestanden nicht nur beim finanziellen Bedarf des Studien- und Forschungsbetriebes, sondern auch bei der ideologischen Ausrichtung. Die internationale Öffnung brachte große inhaltliche Herausforderungen sowie neue Kooperationsmöglichkeiten mit sich, die sich jedoch zum Beispiel in der physikalischen Forschung völlig anders als in der Rechtswissenschaft auswirkten. Als ein zentraler Förderer naturwissenschaftlicher und technischer Grundlagenforschung sowie ihrer angewandten Zweige war der "militärisch-industrielle Komplex" weggefallen, zu dem die Rüstungsindustrie, die Weltraumfahrt und die Atomforschung gezählt hatten. Auf Grund ihrer Kostenintensität brachte der Umbruch hier äußerst ungünstige Folgen mit sich.

Um den fortlaufenden Personalverlust sowie den weiteren Rückgang der Forschungsaktivitäten in diesen Wissenschaftsbereichen zu beenden, hat die Regierung eine Reihe von finanziellen Förderprogrammen aufgelegt sowie im März 2002 eine neue Konzeption zur längerfristigen Entwicklung auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technologie vorgelegt. Im Mittelpunkt der gezielten Förderung durch den Staat stehen die Informations- und Kommunikationstechnologie, die Raumfahrt- und Rüstungstechnologie sowie die Produktions-, Energie-, Transport- und Umwelttechnologie. Andere Wissenschaftszweige werden darauf verwiesen, sich verstärkt mittels wissenschaftlicher Service- und sonstiger Dienstleistungen über die Privatwirtschaft und deren Aufträge zu finanzieren. Eine weitere Lösung wird in den dafür geeigneten Disziplinen in einer Integration der Forschung in den Hochschulbereich gesucht; die Einbindung hat bislang jedoch nur geringe Fortschritte erzielt.

Im letzten Jahrzehnt sind große internationale Organisationen wie Weltbank, UNESCO, Europäische Union und zahlreiche ausländische Stiftungen zu einer auch von der Regierung hochgeschätzten Quelle der Wissenschafts- und Forschungsförderung geworden. Die gegenwärtigen Anstrengungen, das teilweise bereits erfolgte Zurückfallen hinter Länder der dritten Welt aufzuhalten und Russland auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forderprogramme bewogen.
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