Tschechien

6.11.2002 | Von:

Gesellschaft im Umbruch

Arbeitsmarkt und Einkommensentwicklung

Mit dem Herbst 1989 eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten der Lebensplanung und beruflichen Entwicklung. Das Tempo im alltäglichen Leben beschleunigte sich erheblich. Das Bestreben nach Herstellung sozialer Gleichheit wich einer Tendenz zur sozialen Ausdifferenzierung. Die Koordinaten der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik veränderten sich. Neue Institutionen entstanden und gewannen an Bedeutung wie etwa die Börse und das Arbeitsamt.

1991/92 schieden viele Erwerbstätige aus der aktiven Beschäftigung aus, die Zahl der Beschäftigten im tschechischen Landesteil sank von 5,4 Millionen (1990) auf 4,8 Millionen (1992). Die Hälfte der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Personen hatte das Rentenalter bereits erreicht oder überschritten. Daneben wurden Beschäftigte entlassen, deren Institutionen aufgelöst worden waren. Es traf aber auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen weniger leistungsfähig waren. Schließlich traten viele Frauen aus dem Erwerbsleben aus. Von 1991 bis 2001 reduzierte sich der Anteil der erwerbstätigen Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Landes von fast 50 auf etwas über 40 Prozent.

Der wirtschaftliche Strukturwandel, charakterisiert durch ein Zurückfallen von Landwirtschaft und Industrie sowie ein Anwachsen der Dienstleistungen, führte dazu, dass viele Menschen ihren Betrieb und Beruf wechselten. Der Privatsektor bildete sich im Verlaufe der kleinen Privatisierung und der Restitutionen zuerst in Form von Kleinunternehmen heraus. Im Frühjahr 1992 hatten schon neun Prozent der Beschäftigten dort Arbeit, Ende 1997 waren es zwölf Prozent. Für die abhängig Beschäftigten entstand damit ein dynamisches Arbeitsmarktsegment. Die Beschäftigungschancen sind aber auch mit spezifischen Risiken verbunden: Die Arbeitsplätze sind nicht sicher, die Löhne sind niedrig, teilweise unterlassen es die Arbeitgeber, Renten- und Krankenbeiträge für die Beschäftigten zu zahlen. In diesem Bereich werden häufig osteuropäische Ausländer "schwarz" beschäftigt.

Mit der Marktwirtschaft traten Arbeitslosenversicherung, Arbeitsämter, Arbeitslosengeld und Angst vor Arbeitsplatzverlust ins Leben der Tschechen. 1991 stieg die Arbeitslosenrate im Landesdurchschnitt auf 4,1 Prozent, fiel im nächsten Jahr auf unter drei Prozent, um dann bis 1996 auf diesem Niveau zu verharren. Danach wuchs sie bis 1999 rapide auf etwa neun Prozent. Von leichten Schwankungen abgesehen blieb dieser Wert bis zum Jahr 2002 konstant. Damit hat Tschechien eine Arbeitslosenrate, die im Durchschnitt der EU-Staaten liegt und niedriger ist als in einigen anderen osteuropäischen Staaten.

Bei der Einschätzung der sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit ist zu berücksichtigen, dass das Arbeitslosengeld in Tschechien geringer ausfällt als in Deutschland. Es liegt zwischen 20 und 40 Prozent des sowieso relativ niedrigen Durchschnittslohns. Nicht alle Arbeitssuchenden erhalten Arbeitslosengeld: In Tschechien waren es 1999 nur gut 40 Prozent der 490000 Arbeitslosen.

Regionale ArbeitslosenquotenRegionale Arbeitslosenquoten
Die Arbeitslosigkeit ist regional unterschiedlich ausgeprägt. In Prag lag sie im Sommer 2001 bei etwas über drei Prozent, während sie zur gleichen Zeit in Nordböhmen und Nordmähren zwölf bis 15 Prozent betrug. Wohnortwechsel, um Beschäftigungschancen zu erhöhen, sind wegen des knappen Wohnungsangebots – zum Beispiel in Prag – kaum möglich.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind vom Risiko, arbeitslos zu werden, besonders betroffen. Dabei handelt es sich um wenig qualifizierte Personen, Jugendliche bis 19 Jahre, Frauen mit kleineren Kindern, Behinderte. Eine besondere Risikogruppe stellen die tschechischen Roma dar, die nach Schätzungen mindestens zu 70 Prozent arbeitslos sind.

Ungleichgewichtige Einkommensverteilung

Die soziale Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die während des osteuropäischen Systemwechsels entstanden ist, wird häufig mit dem Bild von Gewinnern und Verlierern beschrieben. Beim Einkommen der tschechischen Haushalte hat 1992 bis 1993 folgende Dynamik eingesetzt: Die oberen Einkommen entwickelten sich schneller als das Durchschnittseinkommen, während die unteren Einkommen langsamer stiegen. Dadurch ergab sich eine Einkommensschere. Die Ungleichgewichte in der Einkommensverteilung entsprachen bis 1996 in etwa den Verhältnissen in Deutschland und Österreich, sie fielen aber geringer aus als in Großbritannien oder den USA.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass das durchschnittliche Realeinkommen in Tschechien in den ersten Jahren nach 1989 deutlich gesunken ist. 1991 erreichte es gegenüber 1989 mit 70 Prozent seinen Tiefststand und gelangte erst 1996 wieder auf 100 Prozent. Insofern bedeutet das langsame Steigen der Einkommen in den unteren Einkommensgruppen in Realität einen Rückstand gemessen am früheren Lebensniveau. In einem Punkt herrscht heute ohne Zweifel mehr Gerechtigkeit: Eine höhere allgemeine und berufliche Bildung wird stärker als vor 1989 honoriert.

Wirtschaftliche Initiative ist erwünscht und lohnt sich. Neben der kleinen Gruppe der Reichen sind einige Gewinner aus dem Transformationsprozess hervorgegangen. Sie haben eine Qualifikation anzubieten, nach der Nachfrage besteht.

Differenzierungen ergeben sich aus der geänderten Gewichtung der verschiedenen Wirtschaftszweige. Die Landwirtschaft ist die Verliererin und die Finanzwirtschaft die Gewinnerin der Wende. 1989 erhielten die Beschäftigten in der Landwirtschaft 108 Prozent des Durchschnittseinkommens, 1997 waren es weniger als 80 Prozent. In der Finanzwirtschaft stiegen die durchschnittlichen Einkommen im selben Zeitraum von 98 auf 175 Prozent.