Tschechien

6.11.2002 | Von:

Gesellschaft im Umbruch

Stellung der Frauen

Die Stellung der Frauen im letzten Jahrzehnt war durch die Lage der tschechischen Familien sowie durch den Arbeitsmarkt in einer sich transformierenden Gesellschaft bestimmt. Die meisten tschechischen Frauen befinden sich in Vollzeitarbeitsverhältnissen, die nur durch Schwangerschafts- und Elternurlaub unterbrochen werden, während nur acht Prozent unter Teilzeitbedingungen arbeiten. Frauen stellten Ende der neunziger Jahre insgesamt circa 44 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Der hohe weibliche Beschäftigungsgrad ist in der wirtschaftlichen Situation der tschechischen Familien begründet, denen ein Einkommen allein nicht ausreichen würde und entspricht dem dortigen weiblichen Selbstverständnis.

Die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich trotz der im Verlaufe der neunziger Jahre erlassenen Anti-Diskriminierungsgesetze durch ausgeprägte Ungleichheiten aus. Auch wenn tschechische Frauen allmählich in traditionelle Männerdomänen eindringen, ist der Arbeitsmarkt weiterhin durch eine Segregation nach Geschlecht gekennzeichnet. Frauen arbeiten vornehmlich im Gesundheits- und Bildungswesen, in Privathaushalten, im Handel und in der Verwaltung. In diesen am schlechtesten bezahlten Bereichen sind überdies die Mehrzahl der leitenden Funktionen durch Männer besetzt. Der Anteil der Frauen an Leitungspositionen ist gegenüber dem der Männer nur halb so groß, die Spitzenpositionen großer Unternehmen wurden nur zu vier Prozent an Frauen vergeben. Frauen verdienen etwa 73 Prozent vom Durchschnittsgehalt der Männer, wobei sich das Verhältnis in den letzten Jahren weiter zu ihren Ungunsten verändert hat. Frauen sind von Arbeitslosigkeit in höherem Ausmaß betroffen, seit 1995 verdoppelte sich ihre Arbeitslosenquote. Die Frauenarbeitslosigkeit stieg bis 2000 von 4,8 auf 10,6 Prozent, während bei den Männern 1995 3,4 Prozent und im Jahre 2000 7,3 Prozent arbeitslos waren.

Ungeachtet der hohen beruflichen Belastung der Frauen – bei Vollzeitstellen beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 42,5 Stunden – müssen überwiegend sie die Hausarbeit erledigen und die Kinder versorgen. In Tschechien arbeiten die Frauen im Durchschnitt 25 Wochenstunden im Haushalt. Auch wenn seit 1995 die Möglichkeit eines Elternurlaubs eingeführt worden ist, durch den auch die Väter zu Hause bleiben können, ist dies nur von einem geringen Teil auch tatsächlich genutzt worden. Die Frauen wiederum, die im Schwangerschafts- bzw. Elternurlaub angesichts des sehr niedrigen Unterhaltsbetrags von 2552 tschechischen Kronen (etwa 75 Euro) vom Einkommen ihrer Partner abhängen, dürfen nur wenig dazu verdienen. Dadurch wird die berufliche Laufbahn unterbrochen und ihnen erwachsen weitere Nachteile bei der beruflichen Wiedereingliederung. Deshalb kehren Frauen oft noch vor dem Ende des Mutterschaftsurlaubs zur Arbeit zurück.

Viele junge Frauen verschieben die Gründung einer Familie, auch deshalb, weil der Staat für junge Familien kaum Bedingungen geschaffen hat, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. In den neunziger Jahren gehörten gerade junge Familien mit Kindern zu der Gruppe, die am meisten von Armut bedroht war.

Im letzten Jahrzehnt wurde der Zugang zur Hochschulbildung in Tschechien erschwert. Weil die Zahl der Studienplätze limitiert wird, gelang es durchschnittlich nur einer von drei studienwilligen Frauen, angenommen zu werden. Diese Tatsache kennzeichnet eine der Ungleichheiten innerhalb der tschechischen Gesellschaft, die damit auch im innereuropäischen Bildungsvergleich riskiert, auf die hinteren Ränge zurückzufallen.

In der tschechischen Gesellschaft wurde in den neunziger Jahren die Situation der Frauen kaum thematisiert. In der Politik sind sie unzureichend vertreten: Im Jahr 2001 waren nur neun Prozent der Senatoren weiblich. Bei den Wahlen 2002 schafften 34 Frauen (17%) den Sprung in das Abgeordnetenhaus. Der neu gebildeten Regierung unter Ministerpräsident Vladimir Spidla gehören zwei Ministerinnen an. Auch wenn am Beginn des Jahrzehnts gemeinnützige Frauenorganisationen entstanden, ist ihr Einfluss gering geblieben. Alle Fortschritte, die auf dem Gebiet der Gleichbehandlung erreicht worden sind – etwa entsprechende Ausschüsse in Ministerien oder Regelungen des Arbeitsrechts –, wurden nicht deshalb realisiert, weil die tschechische Gesellschaft darauf gedrängt hätte, sondern weil die EU diese Veränderungen zu Voraussetzungen für den Beitritt Tschechiens erhoben hat.

Situation der Minderheiten

Die Tschechoslowakei war bis 1945 ein Staat mit drei großen ethnischen Gruppen und einer Reihe kleinerer Minderheiten. Nach 1946 – nach der Vertreibung der Deutschen, der Abtrennung der Kaparto-Ukraine und des politisch gewollten Austauschs von ethnischen Gruppen zwischen Ungarn und dem slowakischen Landesteil – dominierten die Tschechen und Slowaken. Allerdings blieb in der Südslowakei eine größere ungarische Minderheit bestehen.

Die 1993 gegründete Tschechische Republik hat neben der tschechischen Bevölkerung nur noch einige zahlenmäßig kleine Minderheiten, wenn man von einer eigenständigen mährischen Identität absieht, also von Tschechen, die sich in der Volksbefragung 1991 als Mährer bezeichneten.

Ethnische Zugehörigkeit nach den letzten VolkszählungenEthnische Zugehörigkeit nach den letzten Volkszählungen
Nach der letzten Volkszählung 2001 definieren sich 90 Prozent der Bevölkerung als Tschechen. 3,6 Prozent als Mährer, also als Einwohner Mährens, 0,1 Prozent als Schlesier, also Einwohner Mährisch-Schlesiens. Der Rest sind ethnische Minderheiten. 1,8 Prozent verstehen sich als Slowaken, die anderen Gruppen haben zahlenmäßig kaum Bedeutung. Der Anteil der Polen ist auf 0,5 Prozent gesunken. Gegenüber 1991 zählen sich ein Viertel weniger, nämlich 38000 oder 0,4 Prozent der Bewohner Tschechiens zu den Deutschen. Als Roma bezeichneten sich 2001 nur noch 12000 Menschen (0,1 Prozent), allerdings ist in diesem Falle zu vermuten, dass sie sich aus Furcht vor Diskriminierung so verhalten. Nach Schätzungen sind nämlich circa 300000 Tschechen ihrer Abstammung nach Roma.

Im Vergleich zur Ersten Republik, in der die Tschechen nur knapp die Mehrheit der Bevölkerung bildeten, überwiegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung mittlerweile eindeutig.

In den Fortschrittsberichten der Europäischen Kommission für die Jahre 2000 und 2001 wurde die Situation der nationalen Minderheiten insgesamt als befriedigend angesehen, mit Ausnahme der Lage der Roma. Von denjenigen, die sich nach wie vor als Mährer (im Unterschied zu den Tschechen) betrachten, einmal abgesehen, stellt die slowakische Bevölkerungsgruppe heute die größte Minderheit. Es bestehen kaum Spannungen zwischen Slowaken und ihren Mitbürgern in der Tschechischen Republik. Durch ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz, das 1999 verabschiedet wurde, können Bürgerinnen und Bürger der Tschechischen Republik auch die slowakische Staatsbürgerschaft besitzen. Es gibt einige Minderheitenorganisationen und drei von der Regierung finanziell unterstützte Zeitschriften und Magazine in slowakischer Sprache. Slowakischer Sprachunterricht findet an tschechischen Schulen dagegen kaum statt.

Polen

Die polnische Minderheit ist vor allem im Kreis Moravskoslezský (Mährisch-Schlesien) ansässig. Durch die Übertragung von Immobilienbesitz an die Minderheitenorganisation "Polnische Kultur- und Bildungsunion" kann sich diese selbst finanzieren. Die polnische Minderheit klagte im Frühjahr 2000 gegenüber dem tschechischen Helsinki-Komitee, einer Organisation, die aus dem Kampf um die Sicherung der Menschenrechte in der sozialistischen Gesellschaft hervorgegangen ist, über die mangelnde Unterstützung der Behörden für die Einführung von Polnisch-Unterricht an den Grundschulen. Sie verlangte die Nutzung des Polnischen in den Kommunalverwaltungen und die Verwendung von zweisprachigen Ortsschildern in Gemeinden mit hohem polnischem Bevölkerungsanteil.

Deutsche

Die deutsche Minderheit ist seit 1991 weiter geschrumpft. 1950 umfasste sie 165000 und 1961 140000 Menschen. Bis 1991 hatte sich ihre Zahl auf ungefähr 50000 reduziert und im Jahre 2001 gaben weniger als 40000 Menschen an, Deutsche zu sein. Die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei verbliebenen Deutschen erhielten ihre staatsbürgerlichen Rechte erst im Verlauf der fünfziger und sechziger Jahre zurück. Die volle Gleichberechtigung mit anderen Minderheiten in kulturellen Fragen erlangten sie erst 1968. In diesen Jahrzehnten gab es eine zwar zahlenmäßig geringe, aber kontinuierlich anhaltende Abwanderung nach Deutschland.

Nach 1990 wurden die Deutschen von den Behörden stärker in kulturellen und sozialen Aktivitäten unterstützt. Es existiert eine Minderheitenorganisation, die "Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien", die auch eine Zeitschrift ("Landeszeitung") herausgibt. Im Sommer 2001 forderte diese Landesversammlung in einer Petition das Abgeordnetenhaus auf, das den Deutschen nach dem Krieg zugefügte Leid, die Zwangsarbeit und Internierung in Lagern, wieder gut zu machen. Das Parlament wies damals diese Forderungen ab, indem es auf andere Fördermittel, etwa den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, verwies.

Roma

Der Fortschrittsbericht der EU des Jahres 2000 stellte fest, dass seit 1999 erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der tschechischen Roma unternommen wurden. Der damalige Beauftragte der Regierung für Menschenrechte, Petr Uhl, ein bekannter Journalist und früherer Dissident, legte einen Plan zur Integration der Roma-Bevölkerung vor. 1999 wurden zusätzliche Mittel bereit gestellt, um an Kindergärten, Grund- und Sonderschulen spezielle Lehrassistenten für die Roma-Kinder einstellen zu können. Im Jahr 2000 beschloss die Regierung eine Langzeitstrategie für den Zeitraum bis 2020 mit den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Wohnungsbau sowie Bekämpfung von Diskriminierung. Positiv wirkt auch eine Vielzahl von Eigeninitiativen der Roma.


Ungeachtet dieser Fortschritte sind die tschechischen Roma in einer bedrängten Lage. Indiz dafür ist etwa die Vielzahl tätlicher Angriffe rechtsextremer Gruppen. 1999 wurden in Tschechien 316 rassisch motivierte oder von Extremisten begangene Straftaten registriert, von denen 273 aufgeklärt werden konnten.

Die Situation der tschechischen Roma ist nicht nur durch ihren Minderheitenstatus, sondern auch durch soziale Probleme belastet. Der Bericht des tschechischen Helsinki-Komitees zur Menschenrechtslage 1999 hebt sie besonders hervor. Nach Schätzungen sind in manchen Regionen

70 bis 90 Prozent der Roma arbeitslos. Die Wohnverhältnisse sind meist schlechter als die der sonstigen Bevölkerung. Dazu führen Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma immer wieder zu offenen Konflikten. Ein solcher entspann sich im Jahr 1999, als in der Maticni-Straße in Usti nad Labem zwischen dem 13. Oktober und 25. November ein Zaun zwischen einer von Roma bewohnten Mietskaserne und einer angrenzenden Einfamilienhaussiedlung gebaut wurde und nationale wie internationale Proteste hervorrief. Inzwischen ist dieser Zaun nach einem Parlamentsbeschluss beseitigt worden, wobei die Regierung den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einfamilienhäuser ihr Eigentum abkaufte.