Verfassungsfeier am 11. August 1929 in Berlin

7.5.2021

Editorial

Editorial

Auch im Abstand von einem Jahrhundert hat die Epoche der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, nicht an Faszination verloren.

Ihre politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bieten der heutigen Betrachtung interessante und mannigfaltige Bezugspunkte für Analyse und Vergleich – und das gilt nicht nur für die Weimarer Verfassung, an der sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland ganz wesentlich orientiert haben.

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur, nach der nichts mehr so war wie zuvor. Die scheinbar so festgefügte monarchische Ordnung des Kaiserreichs mit ihren starren gesellschaftlichen Zuweisungen gehörte auf einmal der Vergangenheit an. Sie wich der völligen Umwälzung der traditionellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse – betrauert und zurückersehnt von Generationen und Schichten, die sich in ihr zuhause gefühlt hatten.

Für andere, vor allem jüngere Menschen bedeutete der Wandel den Anbruch einer neuen, hoffnungsvollen Zeit. Neue Kunst, neues Bauen, neues Wohnen, neue Mode, der "Neue Mensch", Wissenschaft, Technik und das neue Massenmedium Film verkörperten Aufbruch, Fortschrittsglauben und -gewissheit.

Das galt auch in der Politik: Am rechten und linken Rand des politischen Spektrums wuchsen Bewegungen, die eine radikale Neuorientierung anstrebten und sich aktiv für ein ideologisch fundiertes Gesellschaftsmodell einsetzten. Beide zogen dabei Grenzen: die einen gegen privilegierte Gesellschaftsklassen und den Kapitalismus, die anderen gegen alle Menschen, die nicht in ihr völkisches, rassistisches Raster passten.

Und wie die Gesellschaftsgruppen, die eine Rückkehr zur Monarchie ersehnten, waren beide erbitterte Feinde des neuen politischen Systems. Die politischen Führungskräfte, die das System stützten, bemühten sich um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch angesichts bestehender Konfliktlinien zwischen rückwärtsgewandten und fortschrittlichen Kräften, zwischen Arm und Reich, zwischen ideologisch verhärteten Fronten war dies kein leichtes Unterfangen.

Auch die äußeren Verhältnisse waren nicht günstig. Spätestens mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise und der Not breiter Bevölkerungskreise geriet die deutsche Demokratie unter Druck und wurde von Vertretern der reaktionären Eliten an die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler ausgeliefert.

Die Darstellung folgt chronologisch der Entwicklung von der Kriegsniederlage 1918 bis zum Ende der Weimarer Republik 1933. Im Vordergrund stehen die politischen Ereignisse und ihre Protagonisten, Biografien beleuchten den Werdegang ausgewählter Personen, zeitgenössische Dokumente und Exkurse vertiefen Einzelaspekte. Bilder, Grafiken, Tabellen und Landkarten veranschaulichen die Textaussagen. Eine Nachbemerkung reflektiert über die Bedeutung der Weimarer Republik und ihrer Verfassung für das Heute.

Insgesamt wird eine Epoche lebendig, mit der uns viel verbindet. Sie lädt dazu ein, Parallelen zu ziehen, aber auch Unterschiede wahrzunehmen – auf jeden Fall aber Erkenntnisse zu gewinnen, die auch für die Bewältigung heutiger Problemlagen von Bedeutung sind.

Christine Hesse