Verfassungsfeier am 11. August 1929 in Berlin

7.5.2021 | Von:
Ernst Piper

Umkämpfte Republik 1919-1923

Die neu gegründete Republik muss sich von Anfang an gegen Feinde von rechts und links behaupten, die ihre demokratischen Grundprinzipien ablehnen. Während die Kommunisten eine Räteherrschaft nach sowjetischem Vorbild errichten wollen, finden sich im rechten Lager neben den alten monarchistisch gesinnten Eliten völkische und nationalistische Akteure wie die neu gegründete NSDAP. Es herrschen teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände, die im Krisenjahr 1923 ihren Höhepunkt erreichen.

Die ersten Jahre der Weimarer Republik sind geprägt
von Auseinandersetzungen: Im französisch besetzten
Düsseldorf kämpfen Separatisten für eine Rheinische
Republik und attackieren am 30. September 1923 einen
Polizisten, im Hintergrund französische Kavallerie.Die ersten Jahre der Weimarer Republik sind geprägt von Auseinandersetzungen: Im französisch besetzten Düsseldorf kämpfen Separatisten für eine Rheinische Republik und attackieren am 30. September 1923 einen Polizisten, im Hintergrund französische Kavallerie. (© Sammlung Berliner Verlag / Archiv / Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Gesellschaft der Weimarer Republik war eine Gesellschaft im Umbruch. Zwar hatte sie die starren Schranken der wilhelminischen Klassengesellschaft überwunden, doch verharrte sie in völlig unterschiedlichen Milieus. Da war die sozialistische Arbeiterbewegung, die in zwei miteinander verfeindeten Parteien organisiert war. Es gab das bürgerlich-konservative, preußisch-protestantische Milieu der alten Eliten des Kaiserreichs, die der Demokratie äußerst reserviert gegenüberstanden – Beamte, Justiz, Reichswehr, preußische Junker. Es gab die rheinische Schwerindustrie, die ihr politisches Schicksal zunächst mit der DNVP verband, aber mit deren wachsendem Erfolg zunehmend auch die Nähe zur NSDAP suchte.

Quellentext

Hugo Stinnes

1870 in Mülheim an der Ruhr geboren, stammte Hugo Stinnes aus einer Unternehmerfamilie, die bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Handel und Bergbau tätig war. Aber bereits mit 23 Jahren begann er einen eigenen internationalen Handelskonzern aufzubauen, der das alte Familienunternehmen bald bei Weitem übertraf und nach zehn Jahren die größte deutsche Kohlenhandelsfirma war. Stinnes war an der Gründung zahlreicher großer Konzerne im Rheinland und im Ruhrgebiet beteiligt.

Neben der Hugo Stinnes GmbH gehörten dazu die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE), die er bald zum führenden Energieversorger in Westdeutschland ausbaute, der Mülheimer Bergwerks-Verein (MBV) sowie die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten AG (Deutsch-Luxemburg), die zu den größten deutschen Stahlerzeugern zählte.

Stinnes war ein moderner Unternehmer, der sich um eine vertikale Organisation seiner Unternehmungen bemühte, um so die gesamte Wertschöpfungskette zu erfassen. Häufig arbeitete er mit dem Montanunternehmer August Thyssen zusammen. Er schuf einen Konzern, der mit 4554 Firmenbeteiligungen und über 600.000 Mitarbeitenden das größte Unternehmen Europas darstellte.

Wie kein anderer Unternehmer stand Stinnes für die zweite industrielle Revolution, die in Deutschland nach der Reichsgründung 1871 einsetzte und eine derartige Dynamik entfaltete, dass Deutschland sich um 1900 anschickte, Großbritannien in der wirtschaftlichen Entwicklung zu überholen. In den Jahren vor dem Weltkrieg besaß Stinnes Kohlezechen und Stahlwerke in Großbritannien und Frankreich, hatte eine Fabrik in St. Petersburg, die die russische Marine belieferte, und war Marktführer im italienischen Kohlehandel.

Politisch gehörte Stinnes zum rechten Flügel der Nationalliberalen. Im Ersten Weltkrieg unterstützte er Annexionspläne und hatte dabei besonders die belgischen Kohlengruben im Auge. Richtschnur seines Handelns waren immer die Interessen der Hugo Stinnes GmbH. Die Arbeiterschaft sah er nicht als Feinde, sondern als Kontrahenten im Wirtschaftsgeschehen an. Seine Frau Cläre überlieferte seine Überzeugung: "Konzessionen müssen gemacht werden. Geschieht’s nicht freiwillig, werden sie erzwungen. Der Arbeiter kennt seine Macht und wird sie gebrauchen."

So war es Hugo Stinnes, der als Verhandlungsführer der Unternehmer am 15. November 1918 mit dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Carl Legien eine grundlegende Vereinbarung schloss. Durch das Stinnes-Legien-Abkommen wurden alte gewerkschaftliche Forderungen verwirklicht. Die Unternehmer erkannten die Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterschaft und als gleichberechtigte Tarifpartner an. Die Bildung von Arbeiterausschüssen in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten wurde ebenso akzeptiert wie die Einführung des Achtstundentages bei vollem Lohnausgleich.

Andererseits wirkte Stinnes im Januar 1919 bei der Gründung der Antibolschewistischen Liga mit, die mit ca. 50 Millionen Mark ausgestattet war und durch die Finanzierung von Freikorps einen Beitrag zur Niederschlagung des Januaraufstands leisten sollte. Auch Alfred Hugenbergs nationalistische "Wirtschaftsvereinigung zur Förderung der geistigen Wiederaufbaukräfte" unterstützte Stinnes mit einem Millionenbetrag.

Am 10. April 1924 starb Hugo Stinnes nach einer Gallenoperation in Folge medizinischer Komplikationen im Alter von 54 Jahren. Sein Vermögen fiel der Hyperinflation zum Opfer, der von ihm mit so viel Geschick aufgebaute Konzern zerfiel nach seinem Tod rasch.

Im Süden, vor allem in Bayern, dominierte das katholische, agrarische Milieu, das seine politische Heimat beim Zentrum und der BVP hatte. Es gab aber auch eine katholische Arbeiterbewegung, vor allem im Rheinland, die mit ihren Führungspersonen Joseph Wirth und Adam Stegerwald den linken Flügel des Zentrums prägte. Die politische Heimat des liberalen Bürgertums war vor allem die DDP, deren Schicksal symptomatisch ist für den fragilen Grund, auf dem das Gebäude der Demokratie von Weimar stand. Erreichte die DDP bei der Wahl zur Verfassunggebenden Nationalversammlung im Januar 1919 18,5 Prozent, waren es bei den letzten freien Reichstagswahlen am 5. März 1933 gerade noch 0,9 Prozent der Stimmen.

Doppelte Frontstellung gegen die Demokratie

Von Anfang an stand die junge Republik in einem doppelten Abwehrkampf gegen die Feinde der Demokratie von rechts wie von links. Völkische und nationalistische Elemente bekämpften die Republik, weil sie die revolutionäre Umgestaltung der alten Verhältnisse ablehnten, und auch die alten, monarchistisch geprägten Eliten standen dem neuen Staat vielfach ablehnend gegenüber.

Die Kommunisten wiederum wollten eine Räteherrschaft errichten, die sich am sowjetischen Vorbild orientieren sollte, und lehnten Grundprinzipien der bürgerlichen Demokratie wie beispielsweise die Gewaltenteilung ab. Diese Frontstellung, die sich in der gewaltsamen Niederschlagung des Januaraufstands manifestierte, hatte die erbitterte Feindschaft zwischen den Arbeiterparteien SPD und KPD zur Folge.

Die harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrages mit Entmilitarisierung, Gebietsabtretungen und einem rigorosen Reparationsregime erschwerten die Position der Reichsregierung zusätzlich. Der Staatsgründung folgte eine überaus unruhige Zeit mit teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Bewaffnete Verbände stellten die staatliche Autorität grundsätzlich in Frage und bekämpften sich teilweise gegenseitig.

Das zeigte sich schon bei den Soldaten, die von der Front zurückgekehrt waren. Diejenigen, die der neuen demokratischen Ordnung feindlich gegenüberstanden, sammelten sich im "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten", der im Dezember 1918 gegründet wurde. Er bildete gewissermaßen den bewaffneten Arm der DNVP und stellte oftmals den Saalschutz für deren Versammlungen.

Juden war die Mitgliedschaft im "Stahlhelm" verwehrt. Sie gründeten im Februar 1919 den "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten", der zur größten jüdischen Organisation der Weimarer Republik wurde. 1920/21 entstand der "Republikanische Reichsbund", aus dem im Februar 1924 das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund republikanischer Kriegsteilnehmer" hervorging. Hier schlossen sich Anhänger von SPD, DDP und Zentrum zusammen, um die Republik gegen ihre Feinde zu verteidigen. Mit anderthalb Millionen Mitgliedern war das "Reichsbanner" damals die größte politische Massenorganisation.

Dolchstoßlegende
Bereits kurz nach Kriegsende war im Deutschen Reich die Legende vom sogenannten Dolchstoß aus den eigenen Reihen in den Rücken des unbesiegten deutschen Heeres entstanden. Vor allem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff, neben Hindenburg der populärste Heerführer des Ersten Weltkriegs, verbreiteten die Mär von einem im Felde unbesiegten Heer. Die Heimat sei diesem durch Friedensinitiativen, politische Agitation von links, Arbeitsniederlegungen und Sabotageakte in den Rücken gefallen. Damit wollten sie die Verantwortung für die Niederlage von sich abwenden und auf die politische Ebene verlagern, obwohl sie die Reichsregierung aufgefordert hatten, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen.

In einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung über die Ursachen des militärischen Zusammenbruchs im November 1919 gab Hindenburg zu Protokoll, die deutsche Armee sei "von hinten erdolcht worden".

Ludendorff war nach Kriegsende zunächst nach Schweden geflohen, um einer Anklage als Kriegsverbrecher zu entgehen. Seit Februar 1919 lebte er in München und war der populärste Repräsentant der konterrevolutionären Rechten, die von Anfang an zum Kampf gegen die Demokratie entschlossen war. Die Parteien der extremen Rechten nahmen die Legende – oder treffender Dolchstoßlüge – auf und hetzten insbesondere gegen Mitglieder und Anhänger von SPD und USPD, liberale Demokraten und Spartakisten. Vertreter der gemäßigten Linken machten dagegen die expansiven Kriegsziele der Rechten für die Niederlage verantwortlich.

Im Laufe der 1920er-Jahre gaben völkisch-nationalistische Agitatoren insbesondere den Juden die Schuld für den angeblichen Dolchstoß und die Kriegsniederlage Deutschlands und bezeichneten die Weimarer Republik fern aller Tatsachen als "Judenrepublik".

Anfänge der NSDAP
Diese Haltung vertrat auch eine neuartige Partei, die schon bald nach Kriegsende auf den Plan trat und an keine der politischen Formationen des Kaiserreichs anknüpfte. Am 5. Januar 1919 gründete eine kleine Gruppe von Männern in München die Deutsche Arbeiterpartei (DAP). Am 12. September des gleichen Jahres nahm erstmals auch Adolf Hitler an einer ihrer Sitzungen teil.

Aus dieser Zeit stammt ein Schlüsseldokument für die Geschichte des Nationalsozialismus. Hitler hatte in den Schulungskursen der Reichswehr als engagierter Diskussionsteilnehmer auf sich aufmerksam gemacht und war daraufhin selbst als Referent eingesetzt worden. Als einer der Zuhörer schriftlich um weitere Informationen zur Judenfrage bat, erhielt er mit Datum vom 16. September 1919 ein ausführliches Antwortschreiben Adolf Hitlers. Dieses erste politische Dokument aus seiner Feder zeigte bereits den Kern seiner Weltanschauung: Die Juden seien "unbedingt Rasse und nicht Religionsgemeinschaft", strebten mehr als alles andere nach Geld und Macht, seien skrupellos in der Wahl ihrer Mittel und erbarmungslos in ihrer Verwendung. Das angestrebte Ziel müsse "unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein". Die traditionell religiös grundierte Judenfeindschaft sollte nach Hitlers Überzeugung einem rassistischen Antisemitismus Platz machen. Ziel war nicht nur die Rückabwicklung der Judenemanzipation, also die Aberkennung ihres anerkannten Status als gleichberechtigte Staatsbürger, sondern ihre radikale Entfernung aus der Gesellschaft.

Quellentext

Jüdisches Leben

1871 hatte das neugegründete Deutsche Reich die gesetzliche Bestimmung des Norddeutschen Bundes übernommen, die alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse erwachsenden Beschränkungen aufgehoben hatte. Damit war die Emanzipation der Juden in Deutschland formal zum Abschluss gekommen.
Die der staatsbürgerlichen Gleichstellung folgende Integration in Staat und Gesellschaft war aber von Anfang an umstritten, wie nicht zuletzt der Berliner Antisemitismusstreit von 1879/81 belegt. Es gab mächtige Interessengruppen wie den Bund der Landwirte, den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband und vor allem den Alldeutschen Verband, die stark antisemitisch geprägt waren und die Emanzipation der Juden für einen verhängnisvollen Irrweg hielten. Es bildete sich ein "postemanzipatorischer Antisemitismus" (Andreas B. Kilcher) heraus, der weniger religiös als vielmehr politisch und kulturell motiviert war. 1912 wurde sogar ein "Verband gegen die Überhebung des Judentums" gegründet, der die deutsche Fassung des antisemitischen Pamphlets der "Protokolle der Weisen von Zion" herausbrachte. Dies, obwohl der ohnehin geringe jüdische Bevölkerungsanteil durch Verstädterung und den Rückgang der Kinderzahl, spätere Heirat, zunehmende Ehen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Personen und anhaltende Auswanderung zwischen 1871 und 1910 von 1,25 Prozent auf 0,95 Prozent zurückgegangen war.

Im Ersten Weltkrieg mussten die jüdischen Deutschen sehr ernüchternde Erfahrungen machen. Die erste Landmarke des deutsch-jüdischen Dissimilationsprozesses war die "Judenzählung" vom Oktober 1916. Obwohl sie mit großem Enthusiasmus zu den Fahnen geeilt waren, wurde den Juden böswillig unterstellt, dass sie sich vor dem Fronteinsatz drückten. Im April 1918 wurde unter dem Vorwand der Seuchenprävention eine Grenzsperre verhängt, die zur Abschiebung zahlreicher Juden, unter ihnen auch Zwangsarbeiter, nach Osten führte. Die Dolchstoßlegende, derzufolge die Juden Schuld an der Kriegsniederlage hatten, war dann eine weitere, ganz entscheidende Etappe in diesem sich immer mehr beschleunigenden Prozess der Entfremdung.

Sie trug ganz erheblich dazu bei, dass die ersten Jahre der Weimarer Republik von einem extremen Antisemitismus gekennzeichnet waren, der auch zu einer Vielzahl von Gewalttaten führte. In diesem Klima wurde auch die Politik der Abschiebung von Juden ohne deutsche Staatsangehörigkeit bruchlos fortgeführt. Dies galt insbesondere für Bayern, wo die Stimmung nach der Niederschlagung der Räterepublik und dem darauffolgenden weißen Terror besonders aufgeheizt war. Bevorzugtes Opfer des Regierungspräsidenten von Oberbayern Gustav von Kahr waren die etwa dreitausend in München lebenden polnischen Juden: "Da es aber gerade die Ostjuden sind, welche diejenigen Rasseeigenschaften am sinnfälligsten betätigen, die so vielen Deutschen unerträglich sind, und da es vielfach Ostjuden waren, welche in der Zeit der Räterepublik sich am meisten in der Aufstachelung der Massen hervorgetan haben, so richtet sich der vielfach bis zum Hass gesteigerte Unwille der Bevölkerung naturgemäß gegen diesen Teil der jüdischen Rasse."

Da es in Russland immer wieder zu schrecklichen Pogromen kam, waren viele Juden von dort geflohen, meist in die USA, aber einige Tausend auch nach Deutschland. Diese Ostjuden wurden von manchen deutschen Juden als Herausforderung und Gefährdung ihres erreichten sozialen Status wahrgenommen, von vielen anderen aber auch als Repräsentanten eines lebendigen, bewusst religiösen Jüdischseins. Die Reaktion auf die gescheiterten Assimilationsbestrebungen war eine "jüdische Renaissance", eine Begriffsprägung des Religionsphilosophen Martin Buber, der 1916 gemeinsam mit dem Kaufhausunternehmer, Verleger und Zionisten Salman Schocken die Zeitschrift "Der Jude" gründete, die bis 1928 erschien.

In den Jahren einer fragilen Stabilität nach 1923 trat der stets gewaltgeneigte Radauantisemitismus zunehmend in den Hintergrund. Gleichzeitig wuchs die Bedrohung durch die nationalsozialistische Bewegung, die einen noch viel radikaleren Antisemitismus als andere Organisationen vertrat, der auf "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" hinauslief. Adolf Hitler propagierte schon in seinem allerersten politischen Dokument vom 16. September 1919 einen "Antisemitismus der Vernunft", dessen letztes Ziel "unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt" sein müsse.

Von den etwa 560.000 in Deutschland lebenden Juden engagierten sich nicht weniger als 70.000 in dem schon 1893 gegründeten Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Sie kämpften, so gut sie es vermochten, gegen den wachsenden Antisemitismus. In nichtjüdischen Kreisen fanden sie dabei nur wenig Unterstützung.

Schon bald spielte Hitler eine zentrale Rolle in der DAP. Am 24. Februar 1920 stellte er im vollbesetzten Festsaal des Hofbräuhauses München das erste richtige Parteiprogramm vor. Nationalistische und sozialistische Forderungen hielten sich bei den 25 Programmpunkten in etwa die Waage. Nationalistisch orientiert waren Forderungen wie der Zusammenschluss aller Deutschen, ein völkisches Staatsbürgerrecht, die Schaffung einer "deutschen" Presse ohne jüdische Redakteure, die Ablösung des römischen Rechts durch ein germanisches und die Verhinderung der Einwanderung Nichtdeutscher.

Sozialistisch orientiert waren das völkisch-antisemitische Wirtschaftskonzept zur "Brechung der Zinsknechtschaft" sowie Forderungen nach Verstaatlichung der Konzerne, dem Ausbau der Altersversorgung, der Hebung der Volksgesundheit und nach einer Bodenreform, mit der Boden für gemeinnützige Zwecke entschädigungslos enteignet werden konnte. Das Programm der Partei, die sich nun in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte, war im Wesentlichen ein Konglomerat bekannter Postulate des völkisch-antisemitischen Spektrums, geschickt vermischt mit Kampfparolen der Arbeiterbewegung.

Die Basis der NSDAP war und blieb mittelständisch, auch wenn sie sich Arbeiterpartei nannte. Nicht nur bei den Funktionären, auch bei den Mitgliedern und der Wählerschaft waren die Arbeiter immer unterrepräsentiert, wenn auch in zunehmend schwindendem Maße; ihren "Mittelstandsbauch" (Jürgen Falter) überwand die Partei zu keiner Zeit. In München waren in den 1920er-Jahren nur 6,6 Prozent der Mitglieder ungelernte Arbeiter, ebenso viele wie Universitätsstudenten, aber 15,2 Prozent waren Kaufleute und 19 Prozent Angestellte. Es war das durch die revolutionären Ereignisse in seinen Lebensentwürfen zutiefst verunsicherte kleine und mittlere Bürgertum, das von der neuen Partei besonders angezogen wurde.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch und seine Folgen

Zu den vielen Beschränkungen seiner Wehrhaftigkeit, die der Versailler Friedensvertrag ab Juni 1919 dem Deutschen Reich auferlegte, gehörte auch die Begrenzung der regulären Heeresstärke auf 100.000 Mann und die Auflösung der Freikorps. Diese militärischen Verbände waren durch das "Gesetz über die Vorläufige Reichswehr" vom 6. März 1919 gerade erst in die Reichswehr überführt worden, die so rund 400.000 Mann umfasste und nun massiv verkleinert werden musste.

Der Oberbefehlshaber der Vorläufigen Reichswehr in Berlin und Umgebung, General Walther von Lüttwitz, war ein entschiedener Gegner des Versailler Vertrages und lehnte die Verkleinerung des gerade neu formierten Heeres vehement ab. Im Oktober 1919 ging aus der inzwischen aufgelösten Deutschen Vaterlandspartei eine "Nationale Vereinigung" hervor, die Pläne für einen gewaltsamen Umsturz schmiedete. Bei den von der Entlassung bedrohten Freikorpsoffizieren stießen solche Überlegungen auf Resonanz. Alle diese Kräfte unterstützten einen Putschversuch, zu dem es dann sehr bald auch kam.

An der Spitze des militärischen Flügels der Putschisten stand neben General Lüttwitz der Marineoffizier Hermann Ehrhardt, Anführer der etwa 6000 Mann starken Marine-Brigade Ehrhardt, aus der später der rechtsradikale Geheimbund Organisation Consul hervorging. Den zivilen Flügel der Verschwörung bildeten Politiker der extremen Rechten, darunter viele Vertreter des ostelbischen Großgrundbesitzes, an ihrer Spitze der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, der von den Putschisten als neuer Reichskanzler vorgesehen war. Nachdem ihre ultimativ vorgetragenen Forderungen nach einer grundlegenden Umbildung der Reichsregierung und der Rücknahme des Auflösungsbefehls für die Freikorps von Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske abgelehnt worden waren, besetzten Truppen des seines Amtes enthobenen Generals von Lüttwitz in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 die Reichshauptstadt.

Die Reichswehrgeneralität, die mehrheitlich mit den Putschisten sympathisierte, verweigerte der Reichsregierung ihre Unterstützung. General Hans von Seeckt, Chef des Generalstabs und Chef des Truppenamts, rechtfertigte diese Haltung mit den immer wieder zitierten Worten "Truppe schießt nicht auf Truppe". Formal vertrat er das Prinzip einer Neutralität der Reichswehr, die sich nicht in innenpolitische Auseinandersetzungen hineinziehen lassen sollte. Dieser Anschein der Neutralität wurde auch dadurch verstärkt, dass aktive Soldaten ihr Wahlrecht nicht ausüben durften. Die Reichswehr wurde in der Ära Seeckt der parlamentarischen Kontrolle mehr und mehr entzogen und entwickelte sich zu einem zunehmend eigenständigen "Staat im Staate".

Die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregierung verließen am 13. März 1920 Berlin und flohen nach Dresden, Ebert und Noske reisten von dort weiter nach Stuttgart. Die sozialdemokratischen Reichsminister, der SPD-Vorstand und die Gewerkschaften ADGB und AfA riefen einen Generalstreik aus. Auch die KPD schloss sich dem Aufruf etwas später an, ebenso der Deutsche Beamtenbund, sodass es zu einer umfassenden Arbeitsniederlegung kam.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch war der erste ernsthafte Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die verhasste Demokratie wieder abzuschaffen. In der Reichswehr und der Beamtenschaft herrschten durchaus Sympathien für diese Absicht. Aber man fürchtete dort auch einen Gegenschlag der Linken. Außerdem waren die Erfolgsaussichten des Putsches erkennbar gering. Angesichts der Weigerung der Regierungsbeamten, den Anordnungen der Putschisten zu gehorchen, und des entschlossenen Widerstands der Arbeiterschaft brach er innerhalb von fünf Tagen zusammen.

Gustav von Kahr und die "Ordnungszelle Bayern"
Etliche Reichswehrbefehlshaber hatten dem Putsch ablehnend gegenübergestanden. Das galt auch für den bayerischen General Arnold Ritter von Möhl. Gleichwohl verlangte er – von nationalistischen Kräften dazu gedrängt – von der Bayerischen Staatsregierung unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann (SPD) die Übertragung der vollziehenden Gewalt, da angeblich nur so die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu gewährleisten sei.

Hoffmann, der sich von seinem Kabinett im Stich gelassen sah, trat zurück. General von Möhl wurde zum Staatskommissar für München-Stadt und München-Land ernannt und übertrug die Verantwortlichkeit für "Sicherheitsmaßnahmen" dem Freikorpsführer Franz Ritter von Epp, der bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik unter dem Oberkommando von Möhl eine wichtige Rolle gespielt hatte. Am 16. März 1920 wurde der parteilose Monarchist Gustav von Kahr als Kandidat der BVP mit großer Mehrheit zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Die SPD war nicht mehr in der Regierung vertreten. Gustav von Kahr stützte sich vielmehr auf ein breites Bündnis aus bürgerlichen Kräften, Reichswehr, Einwohnerwehren und Nationalisten, auf ihn geht die Parole von der "Ordnungszelle Bayern" zurück. Sein Ziel war es, die demokratische Verfassung zu beseitigen, die Regierung der "Novemberverbrecher" in Berlin zu stürzen und die "alte Ordnung" wiederherzustellen.

München wurde in dieser Zeit zum Sammelbecken reaktionärer, antidemokratischer, militaristischer und nationalistischer Elemente, wozu die Münchner Polizei erheblich beitrug. Polizeipräsident war der Nationalsozialist Ernst Pöhner, Leiter der neuen "politischen Abteilung" war der spätere Reichsinnenminister Wilhelm Frick, auch er ein Nationalsozialist der ersten Stunde. Es wurden Akten gefälscht oder vernichtet, Anzeigen unterschlagen, die Angehörigen politischer Mordkommandos gedeckt.

Quellentext

Antisemitismus in Bayern

Bericht eines Vertrauensmanns des Auswärtigen Amtes an die Reichskanzlei vom 31. Oktober 1923

Am 17. Oktober 1923 erschienen früh morgens bei einer großen Zahl ostjüdischer Familien gleichzeitig 4 Kriminalbeamte zu Haussuchungen. Man ließ sich Wäsche, Kleider, Schmuck, Lebensmittel usw. zeigen. Auf die Haussuchungen erfolgte bisher in ca. 80 Fällen (Familien) die Ausweisung. Die Ausweisungsbefehle trugen ursprünglich schon das Datum vom 13. Oktober, waren also vor der Haussuchung ausgestellt, sodaß letztere nur eine Formalität war. Die Ausweisungsbefehle wurden vom 18. Oktober an zugestellt, die Ausweisungsfrist lautet überall auf 14 Tage.

Die Befehle sind alle nach demselben Schema angefertigt und haben folgenden Wortlaut:

Beschluß.

X wird hiermit mit seiner Frau, geb. X. und seinen Kindern … aus München und dem Freistaat Bayern ausgewiesen. Gebühren bleiben außer Ansatz, die Kosten des Verfahrens und der Ausweisung fallen dem Ausgewiesenen zur Last.

Gründe.

Es folgen dann irgendwelche beliebigen Scheingründe, z. B. irgendeine Polizeistrafe vor 15 oder 20 Jahren (etwa die Ordnungsstrafe der Tochter, die schon lange nicht mehr im Hause der Eltern lebt, Polizeistrafe wegen zu schnellen Radelns vor dem Krieg, Bestrafung mit 5,- M, weil der Ausgewiesene vor dem Kriege einem Beleidiger eine Ohrfeige gegeben hat und dergl.). Ein besonders krasser Fall: Der Betroffene war auf Grund einer Denunziation unter Raubmordverdacht gekommen. Der wirkliche Mörder wurde aber inzwischen gefaßt und verurteilt. Heute wird der Mann wegen eines inzwischen widerlegten Verdachtes ausgewiesen.

[…]

In München wohnen etwa 400 ostjüdische Familien. Auf Protest gegen die Ausweisungen wurde an zuständiger bayerischer Stelle erklärt, man müsse dankbar dafür sein, daß die Sache auf diese Weise erfolge. Bei Ausschreitungen wäre die Polizei vielleicht nicht imstande, die Juden zu schützen.

Zitiert nach: Die Erste Republik. Dokumente zur Geschichte des Weimarer Staates. Herausgegeben von Peter Longerich, Piper Verlag München 1992, S. 192 f.

Der in Berlin steckbrieflich gesuchte Brigadeführer Hermann Ehrhardt übersiedelte nach München und überführte die Reste seiner Marine-Brigade in die Organisation Consul, die zahlreiche Fememorde verübte und politische Gegner in einem Akt der Selbstjustiz umbrachte. So hatte der eigentlich gescheiterte Kapp-Lüttwitz-Putsch dennoch zu einer folgenschweren Kräfteverschiebung zugunsten des rechtsradikalen Lagers geführt.

Märzaufstand im Ruhrgebiet
Im Ruhrgebiet entwickelte sich aus dem Abwehrkampf gegen den Putschversuch von Kapp und Lüttwitz der "Märzaufstand". Zu ersten Großdemonstrationen kam es bereits am 13. März 1920. Am Tag darauf schlossen Vertreter von SPD, USPD und KPD bei einem Treffen in Elberfeld ein Bündnis und riefen zur "Erringung der politischen Macht durch die Diktatur des Proletariats" auf. Mancherorts übernahmen "Vollzugsräte" die politische Macht, die meist von der USPD dominiert waren.

Eine etwa 50.000 bewaffnete Arbeiter zählende "Rote Ruhrarmee" erzielte in heftigen Kämpfen mit Polizei- und Reichswehreinheiten erstaunliche Erfolge. Zur Koordination der verschiedenen Gruppen wurde in Essen ein Zentralrat der Arbeiterräte gebildet. Ein Ultimatum der wieder in Berlin amtierenden Reichsregierung wurde abgelehnt. Nach einem erneuten Generalstreik beherrschten die Arbeiter vorübergehend das gesamte Ruhrgebiet. Der Aufstand wurde schließlich von der Reichswehr im Verein mit den Freikorps niedergeschlagen. Dabei kämpften beide Seiten mit großer Härte, es kamen etwa 1000 Arbeiter und 200 Soldaten der Reichswehr ums Leben.

Reichstagswahlen 1920
Die politische Kräfteverschiebung zeigte sich auch bei den ersten regulären Reichstagswahlen am 6. Juni 1920. Die Parteien der Weimarer Koalition, die in der Verfassunggebenden Nationalversammlung eine überwältigende Mehrheit gehabt hatten, gewannen nicht einmal mehr eine einfache Mehrheit der Stimmen. Dafür wurden die Radikalen auf der Linken wie der Rechten massiv gestärkt. Politisch gewonnen hatten die Kräfte, die den Klassenkompromiss von 1919 nicht mitgetragen hatten.

Während das Zentrum ziemlich stabil blieb, verlor die DDP mehr als die Hälfte ihrer Stimmen und stürzte von 18,5 auf 8,3 Prozent ab. Die SPD kam nur noch auf 21,7 Prozent und verlor fast die Hälfte ihrer Wählerinnen und Wähler an die USPD, die mit 17,9 Prozent nunmehr die zweitstärkste Fraktion im Reichstag stellte. Für wenige Jahre war die USPD eine wichtige politische Kraft. Sie bot denjenigen, die von der reformistischen Politik der SPD in der Zeit des revolutionären Umbruchs enttäuscht waren, eine neue politische Heimat. Als die USPD sich 1922 spaltete, wandten sich viele ihrer Wählerinnen und Wähler der KPD zu, während die meisten Parteifunktionäre zur SPD zurückkehrten.

Die erstmals kandidierende KPD erhielt 2,1 Prozent. Die DVP erreichte 13,9 Prozent der Stimmen (nach 4,4 % im Jahr zuvor). Die DNVP legte von 10,3 Prozent auf 15,1 Prozent zu. Insgesamt kamen die republikfeindlichen oder zumindest -kritischen Parteien DVP, DNVP, USPD und KPD auf 49 Prozent der Stimmen. Nur anderthalb Jahre nach der Revolution von 1918 stand damit ein Großteil der Bevölkerung dem neuen Staat zumindest distanziert gegenüber. Die Parteien der Weimarer Koalition, die uneingeschränkt die Republik unterstützten, verloren die Mehrheit – und das, wie sich zeigen sollte, auf Dauer.

Die unklaren Mehrheitsverhältnisse im Reichstag führten zu langwierigen Verhandlungen. Schließlich kam eine Minderheitsregierung aus DDP, DVP und Zentrum zustande, nachdem die DVP zugesichert hatte, auf dem Boden der Verfassung zu agieren. Damit war erstmals eine Partei in der Regierung vertreten, deren Abgeordnete mehrheitlich dem neuen Staat skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Die SPD, die mit der DVP nicht zusammenarbeiten wollte, hatte eine Regierungsbeteiligung abgelehnt, tolerierte die neue Regierung aber. Reichspräsident Friedrich Ebert ernannte den Zentrumspolitiker Constantin Fehrenbach zum Reichskanzler, der sich aber nur ein knappes Jahr im Amt halten konnte. Ihm folgte Joseph Wirth vom linken Flügel der Zentrumspartei, der die Sozialdemokraten wieder in die Regierung holte, während die DVP ausschied. Wirth stand an der Spitze zweier aufeinanderfolgender Kabinette und konnte sich als Reichskanzler bis November 1922 halten.

Kommunistische Aufstandsversuche
Trotz gewaltsamer Auseinandersetzungen, die auf beiden Seiten viele Todesopfer gefordert hatten, gab es auch nach der Niederschlagung des Märzaufstands noch einen erheblichen Bestand an Waffen in den Händen der Arbeiter. Ein Jahr später kam es erneut zu schweren Kämpfen, diesmal in Mitteldeutschland. Im Dezember 1920 hatte sich der linke Flügel der USPD der 1919 in Moskau gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) und damit auch der KPD angeschlossen. Diese wurde von einem neuen, linksradikalen Vorstand geführt und spielte bei den Kämpfen die entscheidende Rolle.

Auf dem Höhepunkt dieser "Märzkämpfe" waren fast 200.000 Streikende, unter ihnen 3000 bewaffnete Kämpfer, an den Auseinandersetzungen beteiligt. Mit der Zerschlagung der letzten Truppe brach die Bewegung am 1. April 1921 zusammen. Damit fand der Aufstieg der KPD zur Massenpartei zunächst ein abruptes Ende. Der putschistische Kurs der Parteiführung hatte zu einem Desaster geführt. Die Komintern missbilligte ihn im Nachhinein, es gibt aber Hinweise darauf, dass die Moskauer Zentrale den Aufstandsversuch in krasser Verkennung des revolutionären Potenzials selbst initiiert hatte.

Attentate im Reich und ein außenpolitischer Erfolg

Politische Morde

Quellentext

Emil Julius Gumbel

Der 1891 in München geborene Emil Julius Gumbel studierte Mathematik und Nationalökonomie. Aus dem Ersten Weltkrieg kam er als Pazifist zurück. 1917 schloss er sich der USPD an, wechselte aber 1922 zur SPD. 1923 wurde er an der Universität Heidelberg habilitiert und war Privatdozent für mathematische Statistik. Gumbel war politisch engagiert, schrieb regelmäßig in der "Weltbühne" und trat bei politischen Kundgebungen auf.

Sehr bekannt wurde er durch seine Bücher "Vier Jahre politischer Mord" (1922), "Verschwörer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde" (1924) und "Verräter verfallen der Feme. Opfer/Mörder/Richter 1919–1929" (1929). Die von Gumbel erhobenen Zahlen demonstrierten eindrücklich die extreme politische Einseitigkeit der Justiz. Von 1919 bis 1922 wurden 354 politische Morde von rechts verübt, für die die Gerichte eine lebenslängliche Haftstrafe, Zeitstrafen von insgesamt 90 Jahren sowie eine geringfügige Geldstrafe verhängten. Viele Täter wurden, selbst wenn sie geständig waren, freigesprochen. In derselben Zeit gab es 22 Morde von links. Dafür wurden zehn Täter hingerichtet, drei zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und Zeitstrafen von insgesamt 248 Jahren und neun Monaten verhängt.

Gumbels Bücher erreichten hohe Auflagen, hatten großen Einfluss auf die politische Debatte und machten zugleich ihren Autor zu einer Hassfigur für das nationalistische Lager. Dies galt umso mehr, als eine von Reichsjustizminister Gustav Radbruch (SPD) in Auftrag gegebene Denkschrift 1924 die in "Vier Jahre politischer Mord" angegebenen Zahlen bestätigte, was die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im preußischen Landtag zur Folge hatte.

1930 verlieh der badische Kultusminister Willy Hellpach (DDP) gegen den Willen der in ihrer großen Mehrheit konservativ-monarchistischen Heidelberger Professorenschaft Gumbel den Titel eines außerordentlichen Professors. Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" gelangte Gumbel über Frankreich und Portugal 1939 in die USA, wurde Professor an der Columbia-Universität und blieb bis zu seinem Lebensende 1966 in seiner neuen Heimat.

Politische Morde von rechts und linksPolitische Morde von rechts und links (© bpb)

In den ersten, unruhigen Jahren der Weimarer Republik gab es nicht nur konterrevolutionäre Putschversuche, Arbeiteraufstände und antisemitische Gewalttaten. Charakteristisch für diese Zeit war auch eine Fülle politischer Morde und Attentate, die in den allermeisten Fällen von der politischen Rechten ausgingen. Am 15. Januar 1919 ermordeten Freikorpssoldaten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Mitbegründer der KPD, am 21. Februar 1919 fiel der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) einem Attentat zum Opfer. Am 10. März wurde auch Leo Jogiches ermordet, der nach dem Tod von Liebknecht und Luxemburg den Vorsitz der KPD übernommen hatte. Der Anarchist Gustav Landauer, der sich an der Münchner Räterepublik beteiligt hatte, wurde am 2. Mai 1919 von Freikorpssoldaten brutal umgebracht. Am 17. November 1919 tötete Johann Voß, ein angeblich geistesgestörter Lederarbeiter, den USPD-Vorsitzenden Hugo Haase. Am 9. Juni 1921 wurde Karl Gareis, Fraktionsvorsitzender der USPD im Bayerischen Landtag, vor seinem Wohnhaus von Angehörigen der Organisation Consul aus dem Hinterhalt erschossen.

Dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger wurde zum Verhängnis, dass er sich 1917 für die Friedensresolution des Deutschen Reichstags stark gemacht und am 11. November 1918 das Waffenstillstandsabkommen für Deutschland unterschrieben sowie die Annahme des Versailler Friedensvertrags befürwortet hatte. Angehörige der Organisation Consul ermordeten ihn am 26. August 1921. Auf Philipp Scheidemann, den ersten Regierungschef der Weimarer Republik, wurde am 4. Juni 1922 ein Säureattentat verübt, das er aber durch glückliche Umstände überlebte. Das Deutsche Reich befand sich in den ersten Nachkriegsjahren in einer bürgerkriegsähnlichen Situation. Große allgemeine Erschütterung löste die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 aus, wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Vertrags von Rapallo.

Quellentext

Matthias Erzberger

Matthias Erzberger kam 1875 als Sohn eines Schneiders im Königreich Württemberg zur Welt. Mit 19 Jahren legte er die Volksschullehrerprüfung ab, wurde aber neben der Arbeit als Lehrer schon bald in der katholischen Sozialbewegung aktiv und schloss sich der Zentrumspartei an. 1903 wurde er als jüngster Abgeordneter für den Wahlkreis Württemberg 16 in den Deutschen Reichstag gewählt. Durch seine einfache Herkunft war Erzberger zunächst ein Außenseiter in der Partei, er hatte nicht studiert und war zudem 20 Jahre jünger als die anderen Abgeordneten. In der Honoratiorenpartei war er einer der ersten, die den neuen Typus des Berufspolitikers verkörperten.

Erzberger entwickelte sich zum Experten für Militär-, Kolonial- und Finanzpolitik, wobei er nicht selten Positionen vertrat, mit denen er sich gegen die konservative Mehrheit der Partei stellte. 1912 rückte er in den Fraktionsvorstand auf, befürwortete die deutsche Rüstungspolitik, vertrat nach Kriegsausbruch zunächst expansive annexionistische Ziele zur Vergrößerung des Reiches und organisierte ein Büro zur Lenkung der deutschen Propaganda im neutralen Ausland.

Im weiteren Verlauf revidierte er seine Positionen allerdings grundlegend, warb für einen Verständigungsfrieden und war im Juli 1917 der Architekt der Friedensresolution des Deutschen Reichstags, was ihm die fortdauernde Feindschaft der Rechten einbrachte. Am 3. Oktober ernannte Reichskanzler Prinz Max von Baden Erzberger zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich. Am 6. November übernahm er die Leitung der Waffenstillstandskommission und fünf Tage später unterzeichnete er als Erster in Compiègne das Waffenstillstandsabkommen, wofür er als Zivilist eigentlich gar nicht zuständig war.

Nach der Wahl der Verfassunggebenden Nationalversammlung wurde Erzberger wiederum ins Kabinett berufen und war zunächst als Reichsminister ohne Geschäftsbereich für alle mit dem Waffenstillstand verbundenen Fragen zuständig. Da es keine realistische Alternative dazu gab, befürwortete er die Annahme des Versailler Friedensvertrags und festigte bei der Rechten dadurch weiter seinen Ruf als "Novemberverbrecher", "Volksverräter" und "Erfüllungspolitiker". Der frühere Vizekanzler Karl Helfferich (DNVP), der Erzberger besonders hasste, weil der ihm Mitverantwortung für die inflationäre Kriegsfinanzierung vorgeworfen hatte, startete in der ultrakonservativen "Kreuzzeitung" eine Rufmordkampagne und verfasste die Agitationsschrift "Fort mit Erzberger". Erzberger war der profilierteste Zentrumspolitiker in der Regierung, manchen galt er als heimlicher Reichskanzler, und Helfferichs Angriff sollte die Republik insgesamt treffen.

Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) ernannte Erzberger im Oktober 1919 zum Reichsminister der Finanzen. In seiner kurzen Amtszeit gelang ihm eine Reform der Reichsfinanzen, die als das umfangreichste Reformwerk der deutschen Steuer- und Finanzgeschichte gilt und das Steuersystem sowie das Steuerrecht bis heute prägt. Durch eine Fülle von Gesetzen wurde die Finanzpolitik vereinheitlicht und das Reich im Verhältnis zu den Ländern entscheidend gestärkt. Eine Reichsfinanzverwaltung wurde aufgebaut und drei Viertel des gesamten Steueraufkommens fielen künftig an das Reich.

Das gefiel nicht jedem und brachte Erzberger weitere Feindschaften ein. Helfferich warf ihm eine "unsaubere Vermischung politischer Tätigkeit und eigener Geldinteressen" vor, woraufhin Erzberger einen Prozess wegen Beleidigung anstrengte. Am 12. März 1920 verurteilte das voreingenommene Gericht Helfferich zu einer äußerst geringen Geldstrafe von 300 Mark und bescheinigte ihm, er habe aus "vaterländischen Gründen" gehandelt und im Wesentlichen keine unwahren Behauptungen verbreitet. Erzberger sah sich durch den Prozess so stark diskreditiert, dass er noch am selben Tag zurücktrat.

Am 26. August 1921 wurde Matthias Erzberger auf einem Spaziergang von zwei ehemaligen Marineoffizieren und Mitgliedern der Organisation Consul bei Bad Griesbach (Schwarzwald) erschossen. Den Mordauftrag hatte Kapitänleutnant Manfred von Killinger erteilt. Das Verbrechen wurde durch den badischen Generalstaatsanwalt aufgeklärt, aber die beiden Attentäter konnten mit Hilfe von Killinger ins Ausland flüchten. 1933 kehrten sie aus Spanien nach Deutschland zurück und wurden nach der neuen Straffreiheitsverordnung begnadigt, die Strafen, die für Verbrechen beim Aufbau des Nationalsozialismus verhängt worden waren, aufhob.

Das Abkommen von Rapallo
Nach der Niederlage im Weltkrieg war Deutschland zunächst weithin isoliert gewesen. Ähnlich galt das auch für die Russische Föderative Sowjetrepublik, die aus dem Zarenreich hervorgegangen war. Russland hatte 1917 dem Willen Lenins entsprechend kapituliert. Während andere Bolschewiki, wie beispielsweise Nikolai Bucharin und Leo Trotzki, darauf setzten, dass durch die Fortsetzung des Krieges der revolutionäre Funke auf die Gesellschaften der Mittelmächte überspringen könne, wollte Lenin selbst um den Preis sehr harter Friedensbedingungen den Krieg beenden, um die Herrschaft der Bolschewiki zu stabilisieren. Dennoch war Russland bei den Friedensverhandlungen in Versailles nicht vertreten, weil unklar war, wer im Russischen Bürgerkrieg die Oberhand behalten würde.

So war es für beide Staaten ein Befreiungsschlag, als sie am 16. April 1922 in Rapallo, am Rande einer im nahen Genua tagenden Finanz- und Wirtschaftskonferenz, einen Vertrag schlossen. Der deutsche Außenminister Walther Rathenau und sein russischer Amtskollege Georgi Tschitscherin vereinbarten die Wiederaufnahme der seit dem Krieg unterbrochenen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Die beiden Staaten verzichteten wechselseitig auf den Ersatz von Kriegsschäden, obwohl Russland solche Ansprüche im Versailler Vertrag in Abwesenheit zugestanden worden waren.

Deutschland verzichtete im Gegenzug auf Wiedergutmachungsansprüche für die von den Sowjets vorgenommenen Enteignungen deutschen Eigentums und verpflichtete sich unter anderem, Industrieanlagen zur Ausbeutung der russischen Ölfelder zu liefern. Das sollte dazu beitragen, die deutsche Abhängigkeit von der britischen und amerikanischen Ölindustrie zu vermindern. Vorausgegangen war diesen Vereinbarungen 1921 bereits ein Handelsvertrag.

Das Abkommen schuf außerdem den vertraglichen Rahmen für eine weitreichende geheime Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee, die mit dem Austausch von Offizieren und rüstungswirtschaftlicher Zusammenarbeit bereits 1920 in Gang gekommen war. Die Deutschen lieferten moderne Technologie und erhielten dafür die Möglichkeit, auf russischem Boden ihre Soldaten an schweren Waffen auszubilden und eine getarnte Fliegerausbildung zu betreiben, was beides nach dem Versailler Friedensvertrag nicht erlaubt war. Die Aktivitäten liefen zu Tarnungszwecken über Privatfirmen, deren Aufwendungen aber aus dem Etat des Reichswehrministeriums gedeckt wurden. In der Nähe von Moskau wurde eine Flugzeugfabrik errichtet, außerdem wurden Testgelände für Giftgas und Panzer geschaffen.

Mit dem Vertrag von Rapallo tat Deutschland einen ersten großen Schritt hin zur Wiedergewinnung einer normalen Position innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft. Die Westmächte, die davon überrascht wurden, reagierten mit großem Misstrauen. Sie argwöhnten, Deutsche und Russen, die in den vergangenen Jahrhunderten über weite Strecken enge Beziehungen gepflegt hatten, würden sich wieder einmal auf Kosten Polens verständigen. Der Staat war 1919 gerade erst wieder gegründet worden und das Deutsche Reich hatte einige Gebiete an Polen abtreten müssen, was von vielen Deutschen als schmerzlich und ungerecht empfunden wurde und Ausgangspunkt für Revisionsforderungen war.

Die Ermordung von Walther Rathenau
Am 1. Februar 1922 wurde der Industrielle Walther Rathenau (DDP), der sich im Ersten Weltkrieg große Verdienste um die Organisation der deutschen Kriegswirtschaft erworben hatte, von Reichskanzler Joseph Wirth zum Reichsaußenminister ernannt. Sein Ziel war es, Deutschland wieder aus der Isolation herauszuführen, an die früheren internationalen Verbindungen anzuknüpfen, die harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrages durch neue Verhandlungen zu mildern und Deutschland auch wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen. Trotzdem wurde er von Nationalisten und Antisemiten mit großem Hass verfolgt und als "König der in Deutschland lebenden Juden" und "Gerichtsvollzieher der Entente" diffamiert. Auf seine Ernennung zum Außenminister reagierte der antisemitische Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund mit der Broschüre "Der Kandidat des Auslands".

Am 24. Juni 1922 verübten Angehörige der Organisation Consul in der Nähe seines Hauses in Berlin-Grunewald ein Attentat auf Rathenau. Der von fünf Schüssen tödlich Getroffene starb innerhalb weniger Minuten. Dieser Anschlag löste eine außerordentliche Erschütterung aus. Inmitten einer Serie von Gewalttaten und blutigen Auseinandersetzungen hielt das Land den Atem an. Schockartig wurde vielen klar, was um sie herum passierte. Millionen von Menschen versammelten sich in allen Städten des Reiches zu Trauerumzügen und Protestmärschen. Der ADGB führte am Tag der Trauerfeier einen landesweiten Proteststreik durch, dem sich die preußische Regierung mit all ihren Behörden anschloss.

Rathenau war das Objekt irrwitziger antisemitischer Hetzkampagnen gewesen. Doch nun waren viele erschrocken, dass die immer wieder geäußerten Drohungen Realität geworden waren. Am Tag darauf fand im Reichstag eine Debatte statt, die der SPD-Vorsitzende Otto Wels mit einer kämpferischen Rede eröffnete, in der er Rathenau als wahren deutschen Patrioten würdigte. Höhepunkt der Sitzung aber war die Rede von Reichskanzler Joseph Wirth, die er, zur rechten Seite des Plenums gewandt, beendete: "Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!"

Quellentext

Otto Wels (SPD) zur Ermordung von Walther Rathenau im Deutschen Reichstag, 25. Juni 1922

Meine Damen und Herren! Eine Welle der Empörung und leidenschaftlichen Erregung geht über unser Land.

Zu Wut und Haß von der Tribüne des Reichstags aufgerufen, haben organisierte Mörderbanden ein Menschenleben gefällt, das sich opferwillig ganz in den Dienst seines Volkes und Vaterlandes gestellt hat. (Lebhafte Zustimmung links.)

Die deutschvölkische Hetze zeigt ihre Erfolge, und die Bevölkerung unseres Landes sieht das Unkraut hoch emporwuchern, das jene in das von uns in harter Arbeit und mit ganzer Hingabe zum Nutzen unseres unglücklichen Volkes bestellte Ackerland gesät haben. Die wüste Rassenhetze der christlichen Gewaltanbeter, soweit sie sich nicht zum teutonischen Wodansglauben bekennen, offenbart sich als eine Gefahr für die Zukunft unseres Staatswesens, daß sich uns allen der Gedanke aufdrängt: es ist genug; bis hierher und nicht weiter. (Lebhafte Zustimmung links.)

All den Provokateuren aber sage ich das eine: Dieser Jude, den sie gefällt haben, er war ein so guter Deutscher, wie nur je einer im deutschen Land einmal geboren worden ist. (Sehr wahr! links.)

[…]

Die Deutschnationale Partei hat niemals eine Grenzlinie gegen die sogenannte deutschvölkische Bewegung gezogen, bei der die Mörder zu suchen sind. (Sehr wahr! links und bei den Deutschen Demokraten.)

Die deutschvölkische Bewegung ist heute noch ein Teil und, soweit es uns nach außen erscheint, sogar der einflußreichste Teil der deutschnationalen Bewegung. […]

Darum, nicht etwa weil wir glauben, daß die offiziellen Führer der Deutschnationalen Partei den politischen Mord begünstigten, machen wir die Deutschnationale Partei für den Mord an Rathenau verantwortlich. (Lebhafte Zustimmung links.)
[…]
Ihre Partei, die Deutschnationale Partei, bildet für die Mörder das schützende Dach. (Stürmische Zustimmung links.) […]

Zitiert nach: Die ungeliebte Republik. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918–1933. Herausgegeben von Wolfgang Michalka / Gottfried Niedhart, dtv-Dokumente, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG München 1980, S. 83 f.

Wirths Rede wurde gemäß Reichstagsbeschluss im ganzen Land als Plakat öffentlich angeschlagen und schon am folgenden Tag erließ Reichspräsident Friedrich Ebert eine Notverordnung zum Schutz der Republik, der wenig später, am 21. Juli 1922, das Republikschutzgesetz folgte. Dieses Gesetz war das Ergebnis parlamentarischer Kompromisse, weil man, um die bürgerliche Mitte zu gewinnen, eine Mehrheit ohne die USPD finden musste und deshalb die DVP brauchte. Das Gesetz sollte einen besseren Schutz der verfassungsmäßigen republikanischen Ordnung gewährleisten, politische Straftaten sollten strenger bestraft werden. In Leipzig wurde ein eigener Staatsgerichtshof beim Reichsgericht errichtet.

In den folgenden Jahren fand das Gesetz allerdings eher Anwendung gegen die politische Linke als gegen die Rechte, was vor allem an der reaktionären und zum Teil offen republikfeindlichen Justiz lag. Der Bayerische Landtag hob das Republikschutzgesetz schon einen Tag nach seiner Verabschiedung durch den Reichstag wieder auf und beging damit einen klaren Verstoß gegen die Reichsverfassung. An Stelle des Gesetzes traten Strafvorschriften des Freistaates, deren wichtigste Besonderheit war, dass bayerische Straftäter dem Leipziger Staatsgerichtshof entzogen werden und stattdessen weiterhin in Bayern vor Gericht kommen sollten. Von dieser Bestimmung profitierten im Jahr darauf die Teilnehmer am Hitler-Ludendorff-Putsch (siehe weiter unten).

Den Attentätern, die Rathenau ermordet hatten, gelang die Flucht. Sie wurden aber gefasst und von dem neu gebildeten Staatsgerichtshof zu vergleichsweise hohen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht achtete allerdings sorgfältig darauf, dass der organisatorische Hintergrund, die Organisation Consul, bei den Verhandlungen nicht zur Sprache kam.

Krisenjahr 1923

Besetzung des Ruhrgebiets
Nach vier aufreibenden Jahren stand der Weimarer Republik das schwierigste Jahr erst noch bevor. Am 11. Januar 1923 marschierten französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein – als Reaktion auf relativ geringfügige Lieferrückstände Deutschlands bei den im Friedensvertrag festgelegten Reparationsverpflichtungen. Diese harte Entscheidung mag auch durch die französischen Irritationen über den Vertrag von Rapallo beeinflusst gewesen sein.
Das Krisenjahr 1923Das Krisenjahr 1923 (© mr-kartographie, Gotha 2021)

Der seit November 1922 amtierende, parteilose Reichskanzler Wilhelm Cuno, der zuvor Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie (Hapag) gewesen war und nun einem Kabinett vorstand, dessen politische Gewichtung sich im Vergleich zur Regierung Wirth deutlich nach rechts verschoben hatte, rief zum "passiven Widerstand" auf. Diese Politik der Verweigerung wurde von der Bevölkerung mit großem Nachdruck unterstützt.

Unternehmer und Gewerkschaften verständigten sich auf einen Generalstreik, Gruben und Hütten wurden stillgelegt, Züge und Schiffe nicht mehr abgefertigt. Daneben gab es auch kleine Gruppen militanter Aktivisten, die Attentate verübten. Zu ihnen gehörte der Freikorpssoldat und Nationalsozialist Albert Leo Schlageter, der von den Franzosen am 26. Mai 1923 hingerichtet und in der NS-Zeit als "erster Soldat des Dritten Reiches" wie ein Märtyrer verehrt wurde.

Der passive Widerstand brachte das Deutsche Reich allerdings bald in wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Inflation erreichte astronomische Ausmaße. Die Spitzenbeamten des Reichsfinanzministeriums und der Reichsbank hatten diese Entwicklung zunächst bewusst in Kauf genommen, um die Kriegsschuldenlast des Reiches zu reduzieren. Als sich die Inflation jedoch zu einer unkontrollierbaren Hyperinflation steigerte, erwies sich die Hoffnung auf eine gesteuerte Staatsentschuldung durch Geldentwertung als Illusion.

Zu den Leidtragenden der Kriegsfinanzierung und der anschließenden Inflation gehörte vor allem die bürgerliche Mittelschicht, die einen großen Teil ihres Vermögens in Kriegsanleihen angelegt hatte und keine wertbeständigen Anlagen in Immobilien und Aktien besaß. Sie verlor durch die Inflation ihre gesamten Kapitalanlagen – Anleihen, Lebensversicherungen und Ersparnisse.

Auf Grund des "Kriegsschuldartikels" des Versailler Friedensvertrages war das Deutsche Reich zur Zahlung von Reparationen verpflichtet, deren Höhe der Vertrag aber nicht festlegte. Eine Reparationskommission der Alliierten übermittelte dem Deutschen Reich im Mai 1921 eine Forderung über die immens hohe Summe von 132 Milliarden Goldmark. Es war zunächst unklar, mit welchem Geld die Deutschen die Reparationen bezahlen sollten, denn der Krieg hatte die Staatsfinanzen nachhaltig zerrüttet.

Die umlaufende Geldmenge hatte sich von 1914 bis 1918 verfünffacht, die Golddeckung der Mark war aufgegeben worden und zur Banknotendeckung hatte die Regierung staatliche Schuldverschreibungen ausgegeben. Mit fortschreitender Inflation verloren diese ihren Wert, was das Vertrauen der Menschen in den Staat enorm schädigte. Die nach dem Krieg immer schneller galoppierende Inflation vernichtete alle Ersparnisse und stürzte viele Millionen in bittere Armut. Was über Generationen angespart worden war, zerrann in nichts, sicher geglaubte Zinserträge waren plötzlich völlig wertlos.

Gleichzeitig sank der Reallohn auf weniger als die Hälfte des Vorkriegsniveaus. Und die Kriegsfolgekosten waren nur durch neue Schulden zu bewältigen, was die Inflation weiter anheizte. Zugleich profitierte der Staat von der Inflation. Die gesamten Kriegsschulden von 164 Milliarden Mark waren nach dem Währungsschnitt vom 15. November 1923, der die Inflation beendete, nur noch 16,4 Pfennige wert.

Am 26. September 1923 verkündete der seit wenigen Wochen amtierende, neue Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann, der einer großen Koalition aus SPD, DDP, Zentrum und DVP vorstand, das Ende des passiven Widerstandes. Er musste sich dabei der französischen Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation beugen. Der Realpolitiker Stresemann hatte auch den Mut zu einem zweiten Befreiungsschlag: Unter seiner Regierung wurde das Ende der Inflation herbeigeführt, indem die Papiermark durch die "Rentenmark" ersetzt wurde. So war die Rückkehr zu einer wertbeständigen und goldgedeckten Währung möglich.

Die Reparationszahlungen wurden wieder aufgenommen, zugleich versuchte die Regierung über eine Reduzierung der Zahlungsverpflichtungen zu verhandeln, was zunächst von den Siegermächten strikt abgelehnt wurde. Nun fanden sich auch wieder Käufer für deutsche Reichsanleihen. Da die Inflation einen großen Teil des gesparten Kapitals vernichtet hatte, musste das Deutsche Reich allerdings einen großen Teil seines Kapitalbedarfs im Ausland decken.

Quellentext

Hjalmar Schacht über die Geldwertstabilisierung 1923

Im Sommer des Jahres 1923 stieg das Inflationselend in Deutschland auf seinen Höhepunkt. Fünf Jahre nach Beendigung des ersten Weltkrieges wand sich Deutschland in einem Fieber, das seine letzten Kräfte zu verzehren drohte. In Sachsen, Thüringen und Bayern flammten überall Unruhen auf. […] Seit drei Jahren diskutierte man die verschiedensten Geldstabilisierungspläne, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Das Kabinett Stresemann faßte endlich den Entschluß, den Ruhrkampf abzubrechen und den Versuch der Geldstabilisierung zu machen.

Das politische Verdienst Stresemanns in diesem Spätsommer 1923 kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Mit der Auswahl theoretischer Stabilisierungsvorschläge hielt er sich nicht lange auf. Ihm lag daran, die innerpolitische Konstellation zu schaffen, die eine ausreichende Majorität für eine Stabilisierung ermöglichen würde. Darüber hinaus gelang es ihm, die Alliierten für eine Mitwirkung an der Ordnung der finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zu interessieren. Diese Mitwirkung führte zu der Einberufung des Gremiums von internationalen Experten, das im Januar 1924 zusammentrat und unter dem Namen Dawes-Komitee bekanntgeworden ist. [...]

Hjalmar Schacht, 76 Jahre meines Lebens, Bad Wörishofen 1953, zitiert nach: Die ungeliebte Republik. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918–1933. Herausgegeben von Wolfgang Michalka / Gottfried Niedhart, dtv-Dokumente, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG München 1980, S. 119 f.

Quellentext

Gustav Stresemann

Gustav Stresemann war vom 13. August bis zum 23. November 1923 nur 100 Tage Reichskanzler gewesen und hatte zwei verschiedenen Kabinetten vorgestanden. Die von ihm geführte Regierung zerbrach schließlich, weil die Sozialdemokraten aus Protest gegen die Ungleichbehandlung der Unruhen in Sachsen, Thüringen und Bayern ihre Minister aus dem Kabinett zurückzogen. Daraufhin stellte Stresemann im Reichstag die Vertrauensfrage. Die Abstimmung ging verloren und es folgte ihm als Reichskanzler der Zentrumspolitiker Wilhelm Marx. Gleichwohl hatte es Stresemann in kurzer Zeit vermocht, in vielen Fragen der Innen- und Außenpolitik wichtige Weichenstellungen vorzunehmen.

Im Ersten Weltkrieg hatte Stresemann einen annexionistischen Kurs vertreten, an dem er – anders als etwa Matthias Erzberger – bis zum bitteren Ende festhielt. Innenpolitisch war er liberaler eingestellt und befürwortete eine moderate Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Aber nach dem Krieg sah Stresemann sich in der Opposition. Er vertrat die Überzeugung, dass ohne Novemberrevolution ein günstigerer Friedensschluss möglich gewesen wäre.

Den Versailler Friedensvertrag lehnte er ab, aber ihm war zugleich klar, dass die Nichtunterzeichnung unweigerlich eine militärische Intervention der Alliierten nach sich gezogen hätte. Eine Revision der Regelungen hielt Stresemann als Realpolitiker nur auf der Basis des Friedensvertrages für möglich. Als die DVP nach der Reichstagswahl 1920 die Zahl ihrer Reichstagsmandate von 19 auf 65 steigern konnte, übernahm er neben dem Partei- auch den Fraktionsvorsitz und wurde außerdem Vorsitzender des Reichstagsausschusses für auswärtige Angelegenheiten. Bald schon galt er als Kanzlerkandidat, hatte aber die weit rechts stehende Mehrheit seiner Partei gegen sich.

Stresemann amtierte nur dreieinhalb Monate als Reichskanzler, gehörte aber bis zu seinem Tod allen weiteren Reichsregierungen als Außenminister an. Rasch wuchs er in die Rolle des weltgewandten Diplomaten hinein und pflegte insbesondere gute Beziehungen zu den Botschaftern der Westalliierten. Sein Ziel war die Überwindung der Konfrontation mit den Westmächten, eine Neuregelung der Reparationsverpflichtungen und die Schaffung neuer Grundlagen für die deutsche Außenpolitik.

In die Ära Stresemann fallen die Konferenz von Locarno und die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Stresemann konnte als Außenminister erstaunlich viel erreichen: Die Räumung des Ruhrgebiets und die vorzeitige Beendigung der Rheinland-Besetzung, die wirtschaftliche Stabilisierung des Deutschen Reiches, die Aufhebung der alliierten Militärkontrolle und die Aufnahme in den Völkerbund. Vielen gilt er heute als der bedeutendste Staatsmann der Weimarer Republik. Am 3. Oktober 1929 verstarb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Eine weitere Belastungsprobe für die Regierung Stresemann waren separatistische Gruppierungen, die im Rheinland und auch in der Pfalz öffentliche Gebäude besetzten, teils mit stillschweigender Duldung, teils mit Unterstützung der französischen Besatzungsmacht. Am 21. Oktober 1923 wurde in Aachen eine autonome "Rheinische Republik" ausgerufen. Die Franzosen erhofften sich von einem rheinisch-pfälzischen Pufferstaat den Zugriff auf wirtschaftliche Ressourcen des Deutschen Reiches.

Die Reichsregierung konnte im entmilitarisierten Rheinland gegen die Putschisten militärisch nicht intervenieren. Aber die Pläne scheiterten an der Ablehnung und dem entschlossenen Widerstand der rheinischen und der pfälzischen Bevölkerung. In der "Schlacht bei Aegidienberg" brachten Bergleute und Bürgerwehren den Separatisten am 16. November 1923 eine empfindliche Niederlage bei. Daraufhin brach die "Rheinische Republik" zusammen und die französischen Besatzer entzogen den Separatisten ihre Unterstützung.

Deutscher Oktober – kommunistische Umsturzversuche
1918 glaubten viele Kommunisten, die russische Revolution könne auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn es auch in Deutschland, dem industriell am weitesten entwickelten europäischen Land, zu einer Revolution käme. Mit dieser Idee scheiterten sie mehrfach. Zuerst im Januar 1919, als der von Teilen der gerade gegründeten KPD mitgetragene Aufstand binnen weniger Tage zusammenbrach. Auch die zweite – von der KPD dominierte – Räterepublik in München hielt sich nur wenige Wochen.

Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen im März 1920 und im März 1921 konnten die Kommunisten wiederum nur kurzfristige Erfolge verbuchen. Im Herbst 1923 erlebte die Weimarer Republik ihre schwerste Krise. Während nationalistische Politiker, Unternehmer und Militärs über den erneuten Versuch nachdachten, eine Diktatur zu errichten, plante das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Komintern), der 1919 gegründeten Vereinigung aller kommunistischen Parteien, einen "Deutschen Oktober": Die Staatskrise der Weimarer Republik sollte für einen revolutionären Umsturz in Deutschland genutzt werden.

Grigori Sinowjew, Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und Chef des Exekutivkomitees der Komintern, publizierte im August 1923 die Leitsätze "Die Lage in Deutschland und unsere Aufgaben". Darin hieß es, dass die zweite, die proletarische Revolution in Deutschland unmittelbar bevorstehe. Eine erfolgreiche Revolution in der trotz der Kriegsniederlage immer noch mächtigsten Industrienation auf dem europäischen Kontinent sollte auch dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion helfen. Stalin formulierte es so: "Entweder scheitert die Revolution in Deutschland und erschlägt uns oder die Revolution gelingt dort, alles läuft gut und unsre Lage ist gesichert."

Die Sowjets stellten der KPD 400.000 Dollar für den Kauf von Waffen zur Verfügung. Der KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler, der der Idee eines Aufstands zunächst skeptisch gegenübergestanden hatte, behauptete nun, mehr als 250.000 Kommunisten stünden in Proletarischen Hundertschaften bereit, um in den Kampf zu ziehen. Tatsächlich verfügten diese Einheiten, denen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder angehörten, nur über 50–60.000 Mann, die überdies ungenügend bewaffnet waren.

Am 10. Oktober 1923 trat die KPD in die von der SPD geführte Regierung des Landes Sachsen ein, am 16. Oktober auch in die ebenfalls sozialdemokratisch geführte Regierung des 1920 gebildeten Landes Thüringen. Diese beiden Einheitsfrontregierungen, die gegen den massiven Widerstand des Parteivorstands zustande kamen, waren ein großes Problem für die SPD, die im Reich und in Preußen mit den gemäßigten bürgerlichen Kräften koalierte.

Der KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler wurde für kurze Zeit Leiter der sächsischen Staatskanzlei. Nachdem die Landesregierung Anweisungen der Reichsregierung, die Proletarischen Hundertschaften aufzulösen, ignoriert hatte, wurde auf Grund einer Notverordnung von Reichspräsident Ebert die Reichswehr entsandt und die sächsische Landesregierung am 29. Oktober 1923 für abgesetzt erklärt, um einen befürchteten kommunistisch orientierten Umsturz zu verhindern.

Am 6. November rückte die Reichswehr in Mittel- und Ostthüringen ein und erzwang auch dort die Auflösung der Proletarischen Hundertschaften. Die thüringische SPD beugte sich dem Druck aus Berlin und kündigte die Koalition mit der KPD auf, die daraufhin ihre beiden Minister zurückzog. Der Leitende Staatsminister August Fröhlich (SPD) blieb als Chef einer Minderheitsregierung aber noch bis Februar 1924 im Amt.

Damit scheiterte die Idee einer deutschen Oktoberrevolution ehe der Versuch ihrer Umsetzung recht begonnen hatte. Die Führer der KPD, denen die Führung der Komintern die Schuld am Scheitern gab, wurden ihres Amtes enthoben. Brandler und seinen Mitstreitern wurde die Zusammenarbeit mit der SPD vorgeworfen. Sie galten als Parteirechte und wurden durch die linke Opposition um Ernst Thälmann ersetzt. Brandler musste nach Moskau emigrieren, wo die Komintern ihn unter Kontrolle nahm.

Die KPD wurde nach dem Experiment des Deutschen Oktobers für einige Wochen verboten, danach brachte Ernst Thälmann, der von 1925 bis 1933 ihr Vorsitzender war, die Partei auf einen stalinistischen Kurs. Thälmann sorgte für eine Reorganisation der Partei nach den Vorgaben der Kommunistischen Internationale und ordnete sich den Direktiven Stalins vollkommen unter.

Hitler-Ludendorff-Putsch
Die Beendigung des passiven Widerstands gegen die Besetzung des Ruhrgebiets im September 1923 nahm der bayerische Ministerpräsident Eugen von Knilling (BVP) zum Vorwand, in Bayern den Ausnahmezustand auszurufen und den früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr (siehe auch weiter oben) zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten zu ernennen. Dies bedeutete den offenen Bruch mit der Reichsregierung.

Die von Reichskanzler Stresemann angestrebte Reichsexekution gegen Bayern kam nicht zustande, weil die Reichswehr es, anders als in Sachsen und Thüringen, ablehnte, gegen Bayern vorzugehen. Der republikfeindlich eingestellte Kahr unterstellte die in Bayern stationierten Truppen seinem Kommando, übernahm die gesamte vollziehende Gewalt, verbot zahlreiche linksgerichtete Zeitungen, brach die diplomatischen Beziehungen zur sozialistisch geführten Regierung von Sachsen ab und hob die bayerische Durchführungsverordnung für das Republikschutzgesetz auf.

Auf der anderen Seite weigerte sich Kahr, das von Reichswehrminister Otto Geßler verfügte Verbot der nationalsozialistischen Tageszeitung "Völkischer Beobachter" umzusetzen, die den Reichskanzler in maßloser Weise angegriffen hatte. Als Geßler deshalb den bayerischen Wehrkreiskommandeur Otto von Lossow seines Postens enthob, setzte Kahr ihn wieder ein.

Kahr konnte bei all diesen Aktionen auf die Unterstützung von Oberst Hans von Seißer, dem Chef der Bayerischen Landespolizei, zählen. Das bayerische Triumvirat (Dreimännerbündnis) Kahr, Lossow und Seißer pflegte intensive Kontakte zu antidemokratischen Kräften in Norddeutschland, zu Hitler und Ludendorff, die zu einem radikalen Umsturzversuch entschlossen waren, und zur rheinischen Schwerindustrie.

Beim weiteren Vorgehen gegen die Reichsregierung bevorzugte das Triumvirat einen "kalten Staatsstreich" ohne militärische Auseinandersetzungen. Dieser sollte erfolgen, nachdem Industrie und Landwirtschaft die Reichsregierung durch ökonomische Pressionen zu Fall gebracht hatten. Hitler war dabei lediglich die Rolle eines Propagandisten zugedacht, doch das entsprach nicht mehr seinem Selbstverständnis. Statt Trommler für die nationale Sache zu sein, wollte er nun selbst als Führer der Bewegung zur Restitution von nationaler Einheit und Größe auftreten.

Als am 2. November die Sozialdemokraten das Kabinett Stresemann verließen, stieg die Spannung weiter an. Viele erwarteten eine Militärdiktatur unter Generaloberst Hans von Seeckt, dem Chef der Heeresleitung der Reichswehr. In Bayern sammelten sich bereits paramilitärische Verbände an der Grenze zu Thüringen zum "Marsch auf Berlin". Immer mehr Stimmen forderten, jetzt loszuschlagen. Im Deutschen Reich sollte, ähnlich dem bayerischen Modell, ein Direktorium die Macht übernehmen, während die Nationalsozialisten nach dem Sturz der Reichsregierung selbst die neue Staatsführung stellen wollten. Kahr setzte nach wie vor auf eine bayerische Rechtsdiktatur zur Restitution der Monarchie. Er, Lossow und Seißer zögerten allerdings weiterhin, zur Aktion zu schreiten, da ihnen die Erfolgsaussichten zu ungewiss schienen.

Hitler dagegen wollte mit dem Putsch nicht länger warten. Dieser sollte in München erfolgen, flankiert durch eine parallel stattfindende Machtübernahme in allen großen bayerischen Städten. Frick, nach wie vor Chef der politischen Abteilung der Münchner Polizeidirektion, sollte dafür sorgen, dass die Polizei nicht intervenierte. Zur Niederhaltung der Bevölkerung waren Standgerichte vorgesehen.

Am Abend des 8. November bot eine Kundgebung der Vaterländischen Verbände und der Bayerischen Volkspartei im Münchner Bürgerbräukeller Gelegenheit zur Aktion. Fast das gesamte Kabinett war anwesend und Kahr hatte gerade mit einer Rede zur politischen Lage begonnen, als bewaffnete Nationalsozialisten den restlos überfüllten Saal abriegelten. Hitler drang bis zur Rednertribüne vor und nötigte Kahr, Lossow und Seißer, mit ihm in einen Nebenraum zu gehen.

Die drei widersetzten sich anfangs dem Putschplan, weshalb Hitler allein in den Saal zurückkehrte, wo er nur einen kleinen Teil des Publikums auf seiner Seite hatte. Daraufhin drohte er mit Waffengewalt und betonte, sein Vorgehen richte sich in keiner Weise gegen Kahr. Es müsse aber eine neue Reichsregierung gebildet werden, deren politische Leitung er für sich selbst beanspruchte. Ludendorff solle Führer einer "Nationalarmee" werden, Lossow "militärischer Diktator", Seißer "Reichspolizeiminister" und der Münchner Polizeipräsident Pöhner bayerischer Ministerpräsident. Kahr sollte stellvertretend für die bayerische Monarchie provisorisch das Amt des Königs ausüben.

Der anwesende Ministerpräsident Knilling wurde zusammen mit seinen Ministern gefangen gesetzt. Am nächsten Morgen begann am Bürgerbräukeller der Marsch auf Berlin. An der knapp drei Kilometer entfernten Feldherrnhalle, wo die Landespolizei wartete, war er allerdings schon wieder zu Ende. Bei einem Schusswechsel kamen vier Polizisten und 16 Putschisten ums Leben. Unter ihnen war Theodor von der Pfordten, Richter am Obersten Bayerischen Landesgericht, in dessen Tasche man einen Entwurf für eine neue Verfassung fand, der dem, was nach 1933 in Deutschland Wirklichkeit wurde, schon recht nahekam.

Andere wurden verwundet wie beispielsweise Hermann Göring, der einen Schuss ins Bein erhielt. Hitler selbst blieb unverletzt und floh in die Villa seines späteren Pressechefs Ernst Hanfstaengl in Uffing am Staffelsee. Dort wurde er wenig später verhaftet. Ludendorff und weitere Personen kamen ebenfalls in Haft. Andere Putschisten, darunter Hermann Göring, flohen ins Ausland, die meisten über die grüne Grenze nach Österreich. Außerhalb Münchens blieb die Lage, abgesehen von einem kurzen Erhebungsversuch in Regensburg, völlig ruhig.

Der Putsch war so kläglich gescheitert, dass er im Nachhinein wie eine Farce wirkte. Die Weimarer Republik hatte sich, wie es schien, als wehrhaft erwiesen. Dennoch begann die Verklärung der Ereignisse bereits unmittelbar danach. Hitler war für viele ein Held, der etwas gewagt hatte und die vorübergehenden Verbote von NSDAP und KPD standen dem weiteren Wirken dieser Parteien nicht im Wege.

Hitler-Ludendorff-Prozess
Am 26. Februar 1924 begann vor dem bayerischen Volksgericht in München der Prozess gegen Adolf Hitler, Erich Ludendorff und acht weitere Angeklagte. Hitler nutzte den Prozess geschickt als Agitationsbühne für seine politischen Ziele. Das Verfahren steigerte seine Popularität enorm. Die "Münchner Neuesten Nachrichten" schrieben zur Urteilsverkündung: "Wir machen keinen Hehl daraus, dass unsere menschlichen Sympathien auf Seiten der Angeklagten in diesem Prozess und nicht auf Seiten der Novemberverbrecher vom Jahre 1918 stehen."

Am 1. April 1924 erging das Urteil, es war die Karikatur einer Entscheidung nach einem rechtsstaatlichen Verfahren. Hitler und drei weitere Angeklagte wurden als Haupttäter eingestuft und erhielten eine fünfjährige Haftstrafe, nicht Gefängnis, sondern die als ehrenvoll angesehene Festungshaft. Fünf Angeklagte wurden zu einem Jahr und drei Monaten Festungshaft verurteilt, Ludendorff freigesprochen. Mit den verhängten Strafen ging das Gericht an die unterste Grenze des Strafrahmens. Zusätzlich bewilligte es aus "all den zugunsten der Verurteilten sprechenden Gründen" den nur zu einem Jahr und drei Monaten verurteilten Angeklagten für die Reststrafe eine Bewährungsfrist, sodass sie als freie Männer den Gerichtssaal verließen. Schließlich sah der Gerichtshof von der zwingend vorgeschriebenen Ausweisung des Ausländers Hitler ab, denn: "Auf einen Mann, der so deutsch denkt und fühlt wie Hitler, kann nach Auffassung des Gerichts die Vorschrift des Republikschutzgesetzes ihrem Sinne und ihrer Zweckbestimmung nach keine Anwendung finden."

Tatsächlich wurde Hitler bereits am 20. Dezember 1924 auf Bewährung entlassen, suchte am 4. Januar 1925 den bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (BVP) auf und erreichte, dass zwei Tage nach der Aufhebung des Ausnahmezustands am 16. Februar 1925 auch das Verbot der NSDAP und des "Völkischen Beobachters" endete. Zehn Tage später berief Hitler im Bürgerbräukeller eine erste große öffentliche Massenversammlung der NSDAP ein, bei der er über "Deutschlands Zukunft und unsere Bewegung" sprach. Obwohl der Saal mehrere Tausend Menschen fasste, war der Andrang so groß, dass fast ebenso viele vor der Tür bleiben mussten.

Die Kunde von Hitlers erfolgreichem zweiten Start als Parteiführer verbreitete sich rasch. Die verschiedenen Nachfolgeorganisationen, die sich nach dem Verbot der NSDAP gebildet hatten, lösten sich auf. Dadurch kam qualifiziertes Personal in die Parteizentrale der NSDAP. Zu nennen sind insbesondere der erste Schatzmeister der Partei Franz Xaver Schwarz, der Geschäftsführer Philipp Bouhler, der den Neuaufbau der Partei organisierte, und Max Amann, der die Leitung des Eher Verlags übernahm und ihn zum Zentralverlag der NSDAP ausbaute. Dort erschienen nicht nur der "Völkische Beobachter", sondern die meisten Zeitungen der Partei und ihrer Untergliederungen und auch die Publikationen der Parteiführer, allen voran Hitlers Bekenntnisbuch "Mein Kampf", dessen ersten Band er in der Haft geschrieben hatte.