Selbstenttarnung des NSU - Bildergalerie
Enver Şimşek gilt als erstes Todesopfer der rassistisch motivierten Mordserie des NSU.
Er war Blumenhändler und Vater von zwei Kindern. 1961 im türkischen Şarkikaraağaç geboren, kam er 1985 nach Deutschland und baute hier Mitte der 1990er-Jahre seinen Blumengroßhandel auf. Am 9. September 2000 vertrat der damals 38-Jährige einen Angestellten an einem mobilen Blumenstand in Nürnberg. Gegen Mittag wurde er von mehreren Kugeln niedergeschossen. Zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Obwohl seine Familie schon früh den Verdacht äußerte, die Tat könne einen rechtsextremen Hintergrund haben, verfolgten die Ermittler diese Möglichkeit kaum. Stattdessen konzentrierten sie sich auf vermeintliche Verbindungen Enver Şimşeks in die Organisierte Kriminalität und ins Drogenmilieu. Besonders belastend für seine Angehörigen war, dass auch sie von der Polizei verdächtigt wurden. Enver Şimşeks Tochter Semiya Şimşek erzählt heute als Autorin von der erlebten Gewalt und Ungerechtigkeit. Am 26. Todestag ihres Vaters in Nürnberg forderte sie mit anderen Angehörigen die weitere Aufklärung nach wie vor offener Fragen sowie nachhaltige Strukturen für Erinnerung und Aufarbeitung.
Abdurrahim Özüdoğru wurde 1952 in der türkischen Stadt Yenişehir geboren. 1972 kam er mit einem Stipendium nach Deutschland, wo er in Nürnberg Maschinenbau studierte. Nach dem Studium arbeitete er 25 Jahre lang als Maschinenführer bei der Firma Diehl in Nürnberg und baute mit seiner Frau eine Änderungsschneiderei auf. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter.
Am 13. Juni 2001 ermordeten NSU-Terroristen Abdurrahim Özüdoğru in seiner Schneiderei mit zwei Kopfschüssen aus nächster Nähe. Die Polizei ermittelte, wie in den anderen Fällen, die später dem NSU zugeordnet werden konnten, zunächst in seinem persönlichen Umfeld und vermuteten Verbindungen zur organisierten (Drogen-)Kriminalität. Seine Tochter Tülin kritisierte beim NSU-Prozess 2017 die unzureichende Aufklärung der NSU-Verbrechen und mahnte, dass deren Verdrängung und Verharmlosung das Vertrauen der Menschen in die Behörden und die Demokratie zerstören.
Habil Kılıç stammte aus Borçka, einer Stadt an der türkischen Schwarzmeerküste. Anfang der 1990er-Jahre ist er mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter nach München gezogen. Habil Kılıç arbeitete im Großmarkt und führte mit seiner Frau einen Lebensmittelladen. Am 29. August 2001 war er allein im Laden, seine Tochter und seine Frau waren im Urlaub in der Türkei. Er wurde hinter seiner Ladentheke durch zwei Kopfschüsse getötet. Er wurde nur 38 Jahre alt.
Nach seiner Ermordung gab seine Familie das Ladengeschäft auf und verließ das Viertel. Wie bei anderen Betroffen litten seine Angehörigen darunter, dass Polizei und Medien sie selbst in ein kriminelles Licht stellten und ihren Ruf beschädigten. Seine Familie lebt heute in der Türkei.
Der im kurdischen Kayalık in der Türkei geborene Mehmet Turgut, genannt „Memo“, war zuerst im Alter von 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Turgut wurde als Kurde in der Türkei verfolgt und stellte mehrere Asylanträge in Deutschland. Hier wollte er sich ein sicheres Leben und eine eine Zukunft aufbauen und seine Familie in der Heimat unterstützen.
Am 25. Februar 2004 arbeitete er in Rostock in einem vom Freund seines Vaters betriebenen Döner-Imbiss. Dort stand er hinter dem Tresen, als er von mehreren Schüssen getroffen wurde und wenig später starb. Mehmet Turgut wurde 25 Jahre alt. Seine Angehörigen setzen sich bis heute ein für die Umbenennung einer Straße in der Nähe des Tatorts zum Mehmet-Turgut-Weg – bisher erfolglos.
Süleyman Taşköprü wurde 1970 in Istanbul geboren und kam mit elf Jahren nach Deutschland. Er wurde Lebensmittelhändler und arbeitete im Obst- und Gemüseladen seines Vaters in Hamburg, als er dort am 27. Juni 2001 von drei Schüssen getroffen wurde. Sein Vater fand ihn schwer verwundet am Tatort. Er hinterließ eine dreijährige Tochter.
Obwohl Süleyman Taşköprüs Vater angab, bei seiner Ankunft im Laden zwei blonde Männer weglaufen gesehen zu haben, suchten die Ermittler weiter nach einem Täter mit Migrationshintergrund und gingen lange von einem kriminellen Hintergrund des Opfers aus. Seine Angehörigen kämpfen seit Jahren für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Hamburg. Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem es einen NSU-Mord, aber bisher keinen Untersuchungsausschuss gab.
İsmail Yaşar wurde 1955 im türkischen Dorf Alanyurt geboren und kam mit 23 Jahren nach Deutschland, wo er 1988 heiratete. Das Paar hatte einen Sohn und eine Tochter. Im Jahr 2000 eröffnete er gegenüber der Schule seines Sohnes in Nürnberg einen Dönerimbiss, bei seinen oft jungen Kunden aus der Schule war er äußerst beliebt.
Am 9. Juni 2005 wurde der damals 50-Jährige mit fünf Schüssen in seinem Imbiss getötet. Die Polizei wusste durch einen Projektilvergleich, dass İsmail Yaşar durch Schüsse aus derselben Waffe getötet worden war, die auch bei den vorangegangenen Taten zum Einsatz gekommen war. Sie hielten jedoch an ihren Ermittlungen in Richtung einer Verbindung zu türkischen Mafiastrukturen fest. Sogar der Imbiss wurde durch die Ermittler weiterbetrieben, um Hinweise auf eine Verstrickung in die organisierte Drogenkriminalität zu erhalten. Die Schule gegenüber des Tatorts erinnert bis heute an İsmail Yaşar. Neben dem Imbiss richtete die Stadt Nürnberg den İsmail-Yaşar-Platz als Ort der Begegnung und Zeichen für Toleranz ein.
Der 1964 geborene Theodoros „Theo“ Boulgarides stammte aus dem griechischen Dorf Triantafyllia. Als Neunjähriger kam er zusammen mit seinem Bruder nach München, wo ihre Eltern sich bereits eine Existenz aufgebaut hatten. Nach dem Abitur und einem Wehrdienst in Griechenland machte er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Anschließend arbeitete er für Siemens, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder. Später war er mehr als zehn Jahre bei der Deutschen Bahn angestellt.
Im Juni 2005 eröffnete er mit einem Freund einen Schlüsseldienst. Nur zwei Wochen später, am 15. Juni 2005 wurde er in dem Laden erschossen. Auch nach diesem Mord ermittelte die Polizei in Richtung krimineller Milieus. Wie an anderen Tatorten kämpfen Angehörige bis heute um Aufklärung – etwa darüber, wer den NSU vor Ort unterstützte.
Mehmet Kubaşık wurde 1966 in der südtürkischen Gemeinde Pazarcık geboren und kam 1991 mit seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter nach Dortmund. Als Angehörige der kurdisch-alevitischen Minderheit wurde die Familie in der Türkei verfolgt und erhielt 1993 Asyl in Deutschland. In den folgenden Jahren wuchs die Familie um zwei Söhne und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Mehmet Kubaşık arbeitete als Obsthändler, Dachdecker und bei einem Paketservice, bis er 2004 einen Kiosk in der Dortmunder Nordstadt eröffnete. Dort erschossen ihn am 4. April 2006 die Täter des NSU. Seine Tochter Gamze Kubaşık engagiert sich heute als politische Bildnerin gegen rechtsextreme Gewalt.
Halit Yozgat wurde 1985 in Kassel geboren. Er begeisterte sich für Technik und eröffnete als 19-Jähriger mit seinem Vater ein Internetcafé in Kassel. Parallel bereitete er sich in der Abendschule auf das Abitur vor. Am 6. April 2005 betraten Mitglieder des NSU das Café und töteten ihn mit zwei Kopfschüssen. Die Polizei vermutete auch hier die Verwicklung des Opfers in die organisierte Kriminalität, statt einen rechtsextremen Hintergrund in Erwägung zu ziehen.
Eine Besonderheit dieses neunten der bekanntgewordenen NSU-Morde war, dass sich während der Tat mit Andreas Temme ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz in dem Internetcafé aufgehalten hatte. Kurz nach der Tat verließ er das Lokal. Von der Tat, behauptete er später, habe er nichts mitbekommen. Seine Akte wurde zunächst mit einer außergewöhnlich langen Sperrfrist von 120 Jahren belegt. Diese wurde später auf 30 Jahre verkürzt und läuft demnach 2036 aus. In der Nähe des Tatorts hat die Stadt Kassel 2012 den Halitplatz eingeweiht, allerdings ohne die Angehörigen zu beteiligen. Der Wunsch der Familie Yozgat war es gewesen, die Holländische Straße am Tatort in Halitstraße umzubenennen.
Die 1984 in Neuhaus in Thüringen geborene Michèle Kiesewetter wollte schon als Kind Polizistin werden. Am 25. April 2007 machte sie gerade mit ihrem Kollegen am Rande der Heilbronner Theresienwiese bei geöffneten Wagentüren ihres Dienstfahrzeuges Mittagspause, als die Täter Schüsse auf die beiden richteten und ihre Dienstwaffen an sich nahmen. Eine Passantin entdeckte die beiden Beamten, die schwer verletzt neben ihrem Fahrzeug lagen.
Michèle Kiesewetter, die an dem Tag eigentlich dienstfrei gehabt hätte, wenn sie nicht für einen Kollegen eingesprungen wäre, starb noch vor Ort. Ihr Kollege überlebte den Anschlag, konnte sich an den Tathergang später aber nur bruchstückhaft erinnern. Die bei der Tat entwendeten Dienstwaffen wurden später in dem ausgebrannten Wohnmobil gefunden, in dem sich Mundlos und Böhnhardt das Leben genommen hatten. Nur so konnte dieser Mord mit dem NSU in Verbindung gebracht werden. Auch die Hintergründe dieser Tat sind bis heute nicht restlos aufgeklärt.