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Im Praxistest in der Willkommensklasse: Falter Extra – Grundrechte (deutsch-arabisch / deutsch-englisch) | bpb.de

Im Praxistest in der Willkommensklasse: Falter Extra – Grundrechte (deutsch-arabisch / deutsch-englisch)

Anne Krull

/ 4 Minuten zu lesen

Die im Grundgesetz festgehaltenen Grundrechte sind ein wichtiger Grundbaustein unserer demokratischen Gesellschaft, denn in ihnen sind die Grundsätze eines pluralen, respektvollen und friedlichen Zusammenlebens formuliert. Diese Grundsätze kennenzulernen, kann für Schülerinnen und Schüler einer Willkommensklasse ein wichtiges Element für das Verständnis ihrer neuen Heimat sein. Zumal viele der geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus autoritär bzw. totalitär geprägten Gesellschaften kommen. Das Kennenlernen der Grundrechte bzw. des deutschen Grundgesetztes ist für sie also gleichzeitig ein Kennenlernen einer neuen Staatsform – der Demokratie – und eine wichtige Grundlage, um diese zu verstehen, zu schätzen und am gesellschaftlichen Leben partizipieren zu können.

Konzeption der Materialien

Es handelt sich um ein zweiseitig bedrucktes, farbiges Plakat auf dem, im oberen Teil, Auszüge bzw. Absätze der Artikel 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8,10,13,16 und 20 abgedruckt und illustriert sind. Im etwas kleineren, unteren Teil des Plakates sind die Artikel 1-20 vollständig abgedruckt. Die eine Seite des Plakates ist auf Deutsch und auf Arabisch, während auf der anderen Seite die Grundrechte auf Deutsch und Englisch abgedruckt sind. Dabei sind die Auszüge bzw. Absätze der jeweiligen Artikel so gewählt, dass der zentrale Inhalt des jeweiligen Artikels deutlich wird. Dies wird auch dadurch verstärkt, dass wichtige Begriffe optisch hervorgehoben werden. Die Auswahl berücksichtigt außerdem mögliche Interessen von geflüchteten Kindern und Jugendlichen, so wird zum Beispiel Artikel 16a Absatz 1 (Asylrecht) dargestellt und illustriert.

Einsatzmöglichkeiten im Unterricht

Die Einsatzmöglichkeiten des Materials sind vielfältig. Es kann im Unterricht einer Willkommensklasse eingesetzt werden, aber auch, um Politik bzw. Sozialkunde in Regelklassen sprachsensibel zu unterrichten. Zunächst soll auf die Einsatzmöglichkeiten im Unterricht einer Willkommensklasse eingegangen werden. Hier bietet das Material die Möglichkeit, den Unterricht je nach Alter bzw. Bildungshintergrund der Schülerinnen und Schüler zu differenzieren. In beiden Fällen sollte das Plakat sichtbar im Klassenraum aufhängt werden.

Mit jüngeren Schülerinnen und Schülern bzw. solchen, die noch keine Vorstellung von abstrakten Begriffen wie Recht bzw. Grundrechte haben, bietet es sich an, einen Einstieg über die bestehenden Schul- bzw. Klassenregeln zu wählen. So kann zum Beispiel eine Mind-Map zum Thema "Regeln in der Schule" angefertigt werden. Die den Schülern bekannten Regeln können dann mit denen auf dem Plakat verglichen werden und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden. So finden sich z.B. in beiden Regelwerken Aussagen über ein respektvolles und friedliches Miteinander. Den Schülerinnen und Schülern wird so das Konzept des Rechts näher verdeutlicht, indem Sie verstehen, dass Gesetze bzw. Grundrechte Regeln sind, die für die ganze Gesellschaft gelten.

Im Anschluss daran können die einzelnen Illustrationen des Plakates als Einstieg in eine Stunde über einen spezifischen Aspekt des deutschen Alltages genutzt werden. So kann zum Beispiel die Darstellung zu Artikel 7 (Schulwesen) genutzt werden, um über das deutsche Schulsystem ins Gespräch zu kommen oder Artikel 3 (Gleichheit) als Einstieg in eine Einheit über Geschlechterrollen bzw. Rollenbilder. Mit älteren Schülerinnen und Schülern bzw. solchen, die bereits Vorstellung von abstrakten Konzepten wie Recht und Gerechtigkeit haben, kann das Plakat als Einstieg in eine Einheit über Deutschlands politisches System und die Grundlagen einer Demokratie verwendet werden. Dabei sollte – in allen Schülergruppen – stets sensibel vorgegangen werden und immer wieder auch auf die Erfahrungen und Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden, um Ihnen nicht das Gefühl zu geben, man bringe Ihnen nun die „richtigen Vorstellungen über Politik“ bei.

In den meisten Schulen gehen die Schülerinnen und Schüler einer Willkommensklasse sukzessiv in den Unterricht einer Regelklasse über. Besonders in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern ist es dabei für die jeweiligen Fachlehrkräfte eine große Herausforderung, ihren Unterricht sprachsensibel zu gestalten.

Das Kennenlernen des Grundgesetzes ist ein zentrales Element von Sozialkunde- bzw. Politikunterricht in den Regelklassen fast jeder Schulform, in dem das besprochene Material gewinnbringend eingesetzt werden kann. So kann zum Beispiel eine Unterrichtseinheit zum Grundgesetz anhand dieses Plakates strukturiert werden, indem zum Beispiel zu jeder Illustration eine Unterrichtsstunde gestaltet wird. So entsteht eine Transparenz, die es den Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Muttersprache ermöglicht, dem Unterricht besser zu folgen. Gleichzeitig bietet das Plakat die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, indem die Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache anhand von ausgewählten Aspekten (z.B. Schulsystem, Geschlechterrollen etc.) über ihr Heimatland berichten. Dabei sollte jedoch darauf aufmerksam geachtet werden, Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung nicht zum Erzählen zu drängen – einige erzählen gerne über ihre Heimat, andere hingegen sind eventuell traumatisiert und möchten oder können nicht über ihre Vergangenheit sprechen.

Fazit und Anregungen

Das Material hat sich in unterschiedlichen Kontexten bewährt. Es ist optisch ansprechend und übersichtlich aufgebaut. Als sehr gewinnbringend hat es sich erwiesen, das Material nicht nur für eine Stunde zu nutzen, sondern als eine Art roten Faden zu einer Einheit über das Grundgesetz bzw. die Grundrechte.

Besonders ältere, politisch interessierte Schülerinnen und Schüler der Willkommensklassen waren dabei auch an der Geschichte des Grundgesetzes sehr interessiert und zeigten sich fasziniert von der Tatsache, dass auch Deutschland nicht immer eine Demokratie war, und dass das Grundgesetz aus den Erfahrungen einer gescheiterten Demokratie bzw. einer durchlebten Diktatur heraus geschaffen wurde. Bei jüngeren Schülerinnen und Schülern hat sich ein Einstieg über die Illustrationen und bereits bekannte Regeln und Absprachen sehr bewährt.

Schade ist lediglich, dass das Material nur auf arabisch und englisch zur Verfügung steht, da die Sprachvielfalt in Willkommensklassen diverser ist und das Material so nicht für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen verständlich ist. Weiterhin wäre es hilfreich, wenn es den Falter auch als etwas handlichere Version für die Schülerinnen und Schüler gäbe.

Zugriff

Interner Link: http://www.bpb.de/shop/lernen/falter/217202/grundrechte-deutsch-arabisch-deutsch-englisch

Fussnoten

Anne Krull ist Lehrerin an einer kooperativen Gesamtschule in der Region Hannover und dort u.a. für die Organisation der Sprachlernklassen verantwortlich. Sie unterrichtet eine Sprachlernklasse mit 24 Schülerinnen und Schülern. Über ihre Erfahrungen in der Praxis spricht sie Interner Link: hier.