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Im Praxistext: Say my name

Im Praxistext: Say my name

Marcus Kemmerich

/ 4 Minuten zu lesen

In diesem Praxistext stellt der Autor Einsatzmöglichkeiten des Videoprojektes "Say my name" der Bundeszentrale für politische Bildung für den Unterricht vor, welches sich primär mit Rassismus-Erfahrungen junger Menschen aus Deutschland auseinandersetzt.

Alltagsrassismus kann eine lange Tradition haben. Er kann unsichtbar durch eine Gesellschaft wandern. Er kann aus verletzenden und boshaften Gründen genutzt werden, oder unbedarft und versehentlich. Die Umbenennung eines Lebensmittels in "Paprikasoße ungarischer Art" sorgte bei vielen Menschen in Deutschland für Kopfschütteln, da der vorherige Name als nicht diskriminierend angesehen wurde, obwohl er doch das Z-Wort enthielt, welches lange die rassistische Bezeichnung für Sinti und Roma war. Der Rat eben dieser ethnischen Minderheit forderte schon lange eine Umbenennung, während Lebensmittelhersteller mit der langen Tradition des Produktnamens argumentierten. Obwohl unsere moderne und aufgeklärte Gesellschaft häufig der Meinung ist, dass Rassismus in Deutschland kein Problem mehr darstellt, zeigen diese Beispiele, dass das Gegenteil der Fall ist. Umso wichtiger ist es, dass bereits in der Schule aufgezeigt wird, wo die Grenzen zum Rassismus und zur Diskriminierung verlaufen und wie schnell diese – manchmal auch unbemerkt – überschritten werden. "Sprechen Sie eigentlich Deutsch?" oder "Wo kommst du her? Also wo kommst du wirklich her?" Dies sind nur zwei O-Töne aus dem Videoprojekt Say my name der Bundeszentrale für politische Bildung, welches sich primär mit Rassismus-Erfahrungen junger Menschen aus Deutschland auseinandersetzt und die o.g. Probleme den Betrachter:innen aufzeigt.

Konzeption des Materials

Das Projekt hat seine Basis auf den Social Media Plattformen Instagram und YouTube – also der zweiten Heimat vieler Schüler:innen und jungen Erwachsenen. Die Clips entsprechen den gängigen Formaten von Content Creators und Influencern auf den Plattformen: kurze Teaser, Style & Talks, Interviews und persönliche Erfahrungsberichte. Die Länge der Clips ist, vor allem auf Instagram, recht kurzgehalten und reicht von 30 Sekunden bis ca. vier Minuten. Zu einige Videos finden sich Verlinkungen zu YouTube, wo die Videos ausführlicher und tiefgehender sind. Thematisch berichten verschiedene Blogger:innen über ihre persönlichen Erfahrungen rund um das Thema Alltagsrassismus. Die gezeigten jungen Menschen sind dabei keine Unbekannten, da sie Zahlen von 50.000 bis 350.000 Followern vorweisen können. Die Followerzahlen und Formate sind nur zwei Gründe, weshalb das Material einen sehr hohen Lebensweltbezug für die Zielgruppe hat. Hervorzuheben ist zudem, dass die Mehrheit der Content Creators PoC und weiblich sind. Neben den Videos bietet die Website der bpb pädagogische Begleitmaterialien , welche für Lehrkräfte die Einbindung in den eigenen Unterricht erleichtern können. So wird in den Materialien beispielsweise gezeigt, welche Formen von Rassismus-Erfahrungen vorkommen, wie die Gespräche in den Unterricht eingebunden werden, wie Massenmedien Teil und Lösung von Diskriminierung sein können, oder warum bei Islamismus und Rechtsextremismus teilweise ein identisches Frauenbild vorherrscht.

Einsatzmöglichkeiten und Anregungen für den Unterricht

Das Projekt Say my name lässt sich auf vielfältige Weise und in unterschiedlichen Fächern in den Unterricht und Schulalltag einbinden. Logische Anknüpfungspunkte finden sich sinnvollerweise in den Fächern Politik, Sozialwissenschaft, Geschichte, Religion oder Gesellschaftslehre, wo die Themen Rassismus und Diskriminierung ohnehin in den Lehrplänen verankert sind. Da aber auch immer mehr Schulen in Deutschland das Siegel Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage tragen und entsprechende Projektarbeiten und -tage oder Workshops durchführen, bietet sich auch dort Say my name als wertvolle Quelle an. Denkbar wären klassische Gruppenarbeiten, in denen sich die Schüler:innen beispielsweise mit den einzelnen Content Creators auseinandersetzen und deren Portraits vorstellen, oder aber die unterschiedlichen Formen von Rassismus auf dieser Basis präsentieren. Gleichzeitig bietet sich parallel eine Sensibilisierung für das Thema Rassismus im Alltag an. So können Schüler:innen über eigene Erfahrungen berichten – ein entsprechendes Vertrauen vorausgesetzt – oder lernen, wie man couragiert einschreiten kann oder andere auf (unbewusstes) rassistisches Verhalten hinweist.

Die mit Say my name verknüpften Videos bieten zudem auch Inhalte und Gesprächsanlässe, die über den eigentlichen Bildungsauftrag hinausgehen: Die Content Creators berichten nicht nur über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, sondern zeigen auch Wege auf, wie sie im Alltag mit ihrem "Anderssein" umgegangen sind, bzw. noch immer umgehen. Sie zeigen jungen Menschen, dass man auf seine Wurzeln stolz sein sollte – Stichworte für den Unterricht wären in dem Zusammenhang black pride, Asian pride, aber auch gay pride. Sie zeigen jungen Menschen, dass ein Kopftuch nichts an der Persönlichkeit ändert, und geben Betroffenen Strategien, um Rassismus zu begegnen und die eigene Persönlichkeit dabei zu entfalten. In diesem Zusammenhang fällt in vielen Videos der Begriff "Empowerment", welcher auch in der Schule eine wichtige Rolle spielt.

Zudem bieten die Videos viele Diskussionsanlässe, um über die Zusammenhänge von Klischees, Rassismus, Privilegien und Gesellschaft zu sprechen. So berichtet beispielsweise die YouTuberin Amira, dass es für viele Menschen in Ordnung scheint, wenn Putzfrauen Kopftücher trügen, es aber befremdlich sei, wenn Frauen mit Kopftuch Karriere machen wollten. Die beiden Muslima Iman und Kübra wiederum erzählen über ihre Erfahrungen als muslimische Feministinnen und dass ihre Art des Feminismus, nämlich mit dem selbstbewussten Tragen eines Kopftuches, gleichermaßen von traditionellen (männlichen) Muslimen kritisch gesehen wird, aber ebenso von weißen Feministinnen. Hier zeigen sich erneut die eingangs genannten, häufig unsichtbaren, Grenzen des Alltagsrassismus, über die in besonderem Maße aufgeklärt werden muss.

Fazit

Insgesamt bietet das Projekt Say my name einen modernen, schüler:innennahen Zugang und kann bei einer tiefgründigen Bearbeitung im Unterricht für einen nachhaltig anhaltenden Effekt sorgen, der auch den Alltag junger Menschen mitbestimmt. Das Projekt bietet daher die Möglichkeit, das Thema Rassismus über den Bildungsauftrag der Schule hinaus zu thematisieren und ist daher als besonders wertvoll anzusehen - Diese Art der Persönlichkeitsentfaltung und des Lernens gesellschaftlicher Verantwortung ist schließlich eine der Grundideen der politischen Bildung.

Zugriff

Interner Link: https://www.bpb.de/lernen/bewegtbild-und-politische-bildung/saymyname, letzter Zugriff am 08.07.2022.

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