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Im Praxistest "Die Politikstunde": Die Erdbebenkatastrophe im Spiegel der Berichterstattung | bpb.de

Im Praxistest "Die Politikstunde": Die Erdbebenkatastrophe im Spiegel der Berichterstattung Sendung vom 10.03.2023

Marcus Kemmerich

/ 5 Minuten zu lesen

Am 14. Mai 2023 werden in der Türkei Parlament und Präsident neu gewählt. Diese Wahl wird auch für Deutschland wichtig sein. Nicht nur, weil es um die Regierung eines wichtigen politischen Partners innerhalb der EU geht, sondern weil etwa 2,9 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln haben. Viele dieser Menschen werden in ihrem Generalkonsulat wählen gehen, weswegen Deutschland auch für den türkischen Wahlkampf nicht uninteressant ist. Nicht wenige „Auslandstürken“ in Deutschland sind schließlich Anhänger des aktuellen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die deutsch-türkische Beziehung ist von daher schon lange ein regelmäßiger und wichtiger Aspekt journalistischer Berichterstattung – in beiden Ländern.

Als es am 6. Februar 2023 zur Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien kam, gab es nicht nur aus humanitärer Sicht eine intensive mediale Berichterstattung. Das Erdbeben wurde auch Teil des Wahlkampfes der kommenden Wahlen. Dabei ist zu beachten, dass viele türkische Zeitungen und Medien in staatlicher Hand sind und entsprechend subjektiv berichten. Auch soziale Medien, insbesondere der Kurznachrichtendienst Twitter, werden regelmäßig zensiert oder blockiert. Das Online-Angebot Die Politikstunde widmete sich in der Ausgabe vom 10.03.2023 genau diesem Thema, nämlich der Frage, wie nach der Erdbebenkatastrophe in der Türkei und im Ausland über die Ursachen, die Schuldfrage, oder Folgen für die Regierung Bericht erstattet wurde und welche Auswirkungen dies möglicherweise auf den Wahlkampf um die Präsidentschaftswahl im Mai haben könnte.

Konzeption des Materials

Das Format Die Politikstunde der bpb ist noch verhältnismäßig neu, da es während der ersten großen Lockdownphase der Corona-Pandemie im Jahr 2020 als Homeschooling-Angebot ins Leben gerufen wurde. Verschiedene Gastlehrer:innen wie Hochschulprofessor:innen, YouTube-Stars oder Mitarbeitende von bpb-Projekten sprechen eine Schulstunde – sprich 45 Minuten – lang zu einem bestimmten politischen Thema. Auch nach Ende der Corona-Pandemie werden weiterhin zu besonderen Themen und Ereignissen neue Folgen produziert.

Das Prinzip der Politikstunde ist in den meisten Ausgaben recht ähnlich. Der Pressesprecher der bpb, Daniel Kraft, fungiert hier als Moderator, der mit verschiedenen Expert:innen zu einem Thema spricht, mit ihnen diskutiert, oder Sachverhalte erörtern lässt. Die Gäste sind in der Regel per Videocall zugeschaltet. Die Politikstunde wird zunächst immer als Livestream ausgestrahlt. Während diesem können Zuschauer:innen über eine Chatfunktion auf YouTube Fragen an den Moderator oder die Gäste stellen, die dann live gegebenenfalls aufgegriffen und beantwortet werden. Nach der Liveausstrahlung findet sich das Video im Onlineangebot der bpb. Insgesamt lässt sich der Aufbau einer Politikstunde mit einem klassischen Polit-Talk vergleichen, Grafiken oder andere kurze Clips werden jedoch nicht mit eingebunden, sondern es bleibt bei einem Gespräch zwischen Moderator und Gästen.

Einsatzmöglichkeiten und Anregungen für den Unterricht

Beim Konzept der Politikstunde wird deutlich, dass es sich ursprünglich um ein reines Homeschooling- Format handelte. Eine ganze Schulstunde mit einem Gespräch zwischen Moderator und Gästen zu füllen dürfte wenig zielführend sein. Jedoch lassen sich einige Punkte der Politikstunde für den eigentlichen Politik- oder Gesellschaftslehreunterricht nutzen, wenn man nur einzelne Ausschnitte des Formats zeigt und in einem Unterrichtsgespräch bespricht. Die 58. Folge der Politikstunde hatte als Thema, wie bereits oben erwähnt, die Berichterstattung zur Erdbebenkatastrophe. Hier finden sich viele Verknüpfungspunkte für den aktuellen Politikunterricht, aber auch für das Erlernen einer kritischen Medienkompetenz. Als Impuls für den Unterricht könnte die Frage gestellt werden, inwiefern das Erdbeben vom 6. Februar die türkische Präsidentschafts- und Parlamentswahl 2023 beeinflussen könnte und welche Rolle Medien dabei spielen. Für eine vertiefende Arbeitsphase lässt sich die Website von eurotopics.net nutzen, einer Online-Presseschau, die ebenfalls aus dem Angebot der bpb stammt und einen Überblick über die medialen Debatten in Europa zeigt, indem Berichte aus europäischen Zeitungen übersetzt zusammengefasst werden. Ein Vertreter von eurotopics ist zudem in der hier rezensierten Ausgabe der Politikstunde einer der drei Gäste, was eine Nutzung des Angebots dort noch sinnvoller macht. So lassen sich nach wie vor verschiedene Externer Link: europäische Pressemeldungen zu der Erdbebenkatastrophe finden und vergleichen. Welche Unterschiede finden sich zwischen türkischer, regierungsnaher Presse und oppositionsnahen Medien? Wie berichtet das Ausland darüber? Spannend für eine Diskussion im Unterricht wäre dann auch ein Wortbeitrag aus der Runde der Politikstunde, in der über das Entstehen von Verschwörungstheorien durch schlechte, bzw. einseitige Berichterstattung gesprochen wird.

Aber auch zu anderen Begriffen aus der Medientheorie wie „Framing“ bieten sich Anknüpfungspunkte und Diskussionsgrundlagen, wenn z.B. die Türkei-Korrespondentin Kristina Karasu darüber berichtet, dass die Türkei nach der Katastrophe viel ausländische Hilfe bekommen hat, wodurch zahlreiche Menschen aus den Trümmern gerettet werden konnten, jedoch im türkischen Fernsehen dies regelmäßig dem – sehr kritisch beurteilten – türkischen Katastrophenschutz zugerechnet wurde.

Interessant für einen Alltagsbezug der Lernenden dürfte zudem die Funktion von Social Media während und nach dem Erdbeben sein. Ein Gast der Politikstunde berichtet darüber, dass für viele Verschüttete Twitter ein Kommunikationsmedium war, um Hilfe zu rufen. Von daher bietet sich auch hier eine ergiebige Diskussionsgrundlage, die Entscheidung der türkischen Regierung zu beurteilen, dass Twitter für einige Tage gesperrt wurde, um der Opposition keine Plattform zu bieten (auch wenn in dem Fall andere Gründe genannt wurden). Hier bietet sich auch das Material von Interner Link: Space Net an , ebenfalls ein Angebot der bpb, das sich mit Meinungsfreiheit in sozialen Medien beschäftigt und zwar Deutschland im Fokus hat, aber auch allgemein auf die Situation in der Türkei eingeht, was Zensur von Social Media betrifft.

Fazit

Das Video Die Politikstunde vom 10.03.2023 über die Erdbebenkatastrophe im Spiegel der Berichterstattung sollte nicht stumpf als stundenfüllender Ersatz angesehen werden. Dies würde für viele Lernende ermüdend sein, da die Informationsdichte zu hoch ist und keinerlei begleitende, visuelle Unterstützungen vorhanden sind. Zudem ist die Tonqualität einiger Gäste auf Grund der Videocalls teilweise minderwertig, weshalb ebenfalls ein 45-minütiger Einsatz anstrengend sein könnte. Nichtsdestotrotz bietet die Politikstunde eine wertvolle Quelle für Diskussionen und Unterrichtsgespräche zum Thema Medien im Wahlkampf, wie unterschiedlich über dasselbe Ereignis berichtet werden kann – eben je nach Intention des Autors. Die Moderation ist einfach genug, dass Lernende dem Gespräch gut folgen können, die Fragen und Aspekte tiefgründig genug, um wertvolle Diskussionsgrundlagen zu schaffen. Besonders positiv hervorzuheben ist zudem die vielfältige und authentische Besetzung der Gäste.

Zugriff

Externer Link: Politikstunde auf bpb.de

Fussnoten

Weitere Inhalte

Marcus Kemmerich ist Politik- und Geschichtslehrer in Münster.