Orientierung im Medienalltag

23.11.2017

"Big Data als Zeitenwende in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik und als Herausforderung für die Pädagogik"

Pädagogik ist ebenso wie Politik, Recht und Wirtschaft herausgefordert, auf die fortschreitende 'Datafizierung' und digitale Transformation unserer Gesellschaft zu reagieren. Harald Gapski nimmt in seinem Vortrag diese Herausforderung in den Blick.

Ein Bild von Harald GapskiDr. Harald Gapski


Zur Person: Dr. phil. Harald Gapski, Leitung Forschung und Projektleiter am Grimme-Institut in Marl. Studium der Kommunikationswissenschaft und Philosophie an den Universitäten Essen und Wien, Media Studies an der New School (New York).

Harald Gapskis aktuelle Arbeitsschwerpunkte liegen insbesondere in der Begleitung von Projekten am Grimme-Forschungskolleg an der Universität zu Köln. Seine Publikationen und Projekte befassen sich mit Medienbildung und Kompetenzen in der digitalen Welt.


Pädagogik ist ebenso wie Politik, Recht und Wirtschaft herausgefordert, auf die fortschreitende 'Datafizierung' und digitale Transformation unserer Gesellschaft zu reagieren. Harald Gapski nimmt in seinem Vortrag diese Herausforderung in den Blick. (© 2017 Bundeszentrale für politische Bildung)



Thesenpapier zum Vortrag:
  1. "Big Data" mag als Mode- und Hype-Begriff diskutiert werden; er verweist als Trend auf die digitale Transformation unserer Gesellschaft. Ein Kennzeichen sind exponentielle Entwicklungen im Hinblick auf Datenaufkommen und technologische Leistungssteigerungen.
  2. Diese digitale Transformation kann als komplexe Wechselwirkung zwischen einer sozial-kulturellen Ebene und einer digital-technologischen Ebene interpretiert werden (Mediatisierung). In dieser Wechselwirkung können vier technologische Treiber beschrieben werden: (a) Datafizierung und Digitalisierung, (b) Vernetzung und Interaktion, (c) Sensorisierung und Weltvermessung und (d) Algorithmisierung und Maschinenlernen.
  3. Medienkompetenz - im Sinne des selbstbestimmten, kritischen, sozial verantwortlichen und kreativen Umgangs mit Medien - ist seit Jahrzehnten ein schillernder Schlüsselbegriff in der Diskussion um Bildungsherausforderungen in einer mediatisierten Welt. Die öffentliche Aufmerksamkeit für Medienkompetenz steht in direktem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verbreitung des Internets seit den 1990er Jahren.
  4. Als ein Komplexbegriff transportiert der traditionelle Medienkompetenzbegriff Annahmen aus der traditionellen Medienwelt. Die digitale Transformation ("Big Data") stellt neuartige Herausforderungen an die Medienkompetenz bzw. "digitale Kompetenz" des Einzelnen. Diese lassen sich als "Verschiebungen" deuten:
    • Vom Werkzeuggebrauch zum Umweltverhalten: Das Leben in informatisierten, vernetzten Digitalwelten unterscheidet sich vom bewussten Griff zum Medium als ein technisches Werkzeug. Statt Nutzung und Beherrschung geht es um Aufenthalt und Verhalten; statt befristet reflektierter Zweck-Mittel-Einsatz ein andauerndes medien- und informationsökologisches Denken und Handeln.
    • Von der Datensparsamkeit zum Datenüberfluss: Im wachsenden Internet der Dinge führt die Handlungsmaxime der Datenvermeidung letztlich zum gesellschaftlichen Totalausstieg. Durch die veröffentlichten Daten von Dritten können mit Wahrscheinlichkeiten Persönlichkeitsmerkmale der eigenen Person erschlossen werden. Das Heft des eigenen datenkritischen Handelns halten ein Stück weit auch Andere (auch Algorithmen) in den Händen.
    • Von der vergangenen Vergangenheit und unbekannten Zukunft zur gegenwärtigen Vergangenheit und vorweggenommenen Zukunft: Durch hinterlassene Datenspuren befindet sich ein Abbild unseres vergangenen Lebens im potentiell ständigen Zugriff und Optionen des zukünftigen Handelns können mit Wahrscheinlichkeiten vorausberechnet oder vorweggenommen werden (predictive analytics).
    • Vom Manipulationsverdacht zur Algorithmentransparenz: Traditionell richtet sich pädagogische Medienkritik häufig auf die Bearbeitung eines Manipulationsverdachts. Hinzu tritt eine Rationalitätsunterstellung durch "Daten, die für sich sprechen", und "objektive Algorithmen", die schwer zu hinterfragen ist: das Vertrauen in Algorithmen einerseits und die Bekämpfung algorithmischer sozialer Spaltungen andererseits.
  5. Der digitalkompetente Einzelne kann durch Reflexion und "digitale Selbstverteidigung" allein keine umfassende Souveränität in der digitalen Welt erlangen. Es geht zusätzlich um die Gestaltung geeigneter rechtlicher, technischer, politischer Rahmenbedingungen, in denen ein souveränes und nicht "datengetriebenes" Leben möglich ist. Ein Bewusstsein für diese Rahmenbedingungen zu schaffen, ist ein Ziel politischer Bildung.
  6. Bildung in der digitalen Welt sollte insbesondere kritisches Denken und Sprachkompetenz, kulturelle, ethische und politische Bildung mit Bezug zur digitalen Transformation beinhalten.


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