Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Leonhard Dobusch am 02.07.2015

Meinung: Geteilte Bildung ist doppelte Bildung

Warum der Bildungsbereich hochgradig von einer Kultur des Teilens profitiert

Der Austausch von Wissen ist für die Bildungsarbeit unverzichtbar und nur wenige Projekte verkörpern diese "Kultur des Teilens" so wie die Wikipedia, meint Leonhard Dobusch, Juniorprofessor für Organisationstheorie an der Freien Universität Berlin. Damit ganze Gesellschaften vom offenen Zugang zu Wissen profitieren können, fordert er ein Umdenken im Umgang mit offenen Lizenzen. 


Geteilte Bildung ist doppelte BildungGeteilte Bildung ist doppelte Bildung Lizenz: cc by/2.0/de

Prof. Dr. Leonhard DobuschProf. Dr. Leonhard Dobusch Lizenz: cc by-sa/2.0/de (Flickr)
"Stellen Sie sich eine Welt vor, in der das gesamte Wissen der Menschheit jedem frei zugänglich ist." Diese Vision ziert die Webseite der Wikimedia Foundation, der Organisation hinter der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia. Und tatsächlich ist es heute so, dass vier von fünf Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren das Online-Nachschlagewerk nutzen. Kein Vergleich zu der Zeit, als es noch sündhaft teure Enzyklopädien gab, gedruckte Staubfänger, die – selbst wenn vorhanden – kaum je genutzt wurden. Die Wikipedia ist hingegen die einzige gemeinnützige Plattform unter den 50 meistbesuchten Webseiten im Internet. Der gesellschaftliche Mehrwert einer derart offenen Wissensressource kann kaum hoch genug veranschlagt werden.

Teilen als Bildungsgrundlage

Wikipedia basiert dabei ganz grundlegend auf einer Kultur des Teilens. Menschen teilen ihr Wissen und ihre Werke wie Foto- und Videoaufnahmen mit anderen in einem nicht immer einfachen, kollaborativen Prozess. Aber nicht nur die Autorinnen und Autoren der Wikipedia teilen untereinander ihr Wissen. Auch das Ergebnis ihrer Anstrengungen steht wieder zur Weiternutzung zur Verfügung. Die offene Lizenz der Wikipedia macht das Teilen von Wissen nachhaltig. Und so finden sich beispielsweise Fotos aus der Wikipedia an den verschiedensten Ecken des Internets zur Bebilderung von Webseiten, in Vorträgen und wissenschaftlichen Arbeiten.

Die Wikipedia ist natürlich nur der jüngste Beleg für die allgemeine Regel, dass Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, ja die ganze Gesellschaft vom offeneren Zugang zu Wissen profitieren. Von der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und entsprechenden Investitionen in Schulen und Lehrkräfte über Lehr- und Lernmittelfreiheit bis hin zur Öffnung der Hochschulen lässt sich beobachten, wie Bildungsexpansion mit einer Zunahme an Wohlstand und Lebensqualität einhergeht.

Gerade im Bildungsbereich selbst ist es nun aber an der Zeit, die von Projekten wie der Wikipedia demonstrierten Potenziale von Internet und Digitalisierung auszuschöpfen. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Auch Schulen und Universitäten leben eine Kultur des Teilens. Der Sinn von Bildungseinrichtungen liegt genau darin, einen Ort für den Austausch – das Teilen – von Wissen, Erfahrungen und Meinungen, nicht zuletzt aber auch von Lehr- und Lernmaterialien bereitzustellen. Die Nutzung von offenen Lizenzen wie jene der Wikipedia auch für professionell erstellte Lernmaterialien würde das Teilen von Wissen und Erfahrungen über die Grenzen der Bildungseinrichtung hinaus erlauben. Wo heute wieder und wieder das Rad neu erfunden, dasselbe Arbeitsblatt neu zusammengestellt wird, könnten Lehrkräfte aus einer globalen Wissensallmende schöpfen und gleichzeitig ihre Erkenntnisse und Ideen beisteuern. Wissensallmende meint dabei den offenen, freien und gleichen Zugang zu Bildungsmaterialien, um diese zu nutzen, zu übersetzen, anzupassen, zu rekombinieren und mit anderen zu teilen. Im Ergebnis ginge es weniger darum, immer wieder Neues zu schaffen, sondern darum, etwas gemeinsam besser zu machen. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass jene öffentlichen Gelder, die heute schon in die Erstellung von Lehr- und Lernmitteln fließen, vermehrt offen lizenzierte Inhalte und deren kontinuierliche Weiterentwicklung und Aktualisierung finanzieren. Erforderlich ist dazu ein Umdenken von Politik und Verlagen, die bislang das analoge Modell von Schulbuchentwicklung und -vertrieb einfach in die digitale Welt fortschreiben. So unabdingbar die Verlagsfunktionen der professionellen Konzeption und Qualitätssicherung von Bildungsmaterialien auch in der digitalen Bildungswelt sind, so verzichtbar ist ein System das auf dem Passus "Alle Rechte vorbehalten" des herkömmlichen Urheberrechts aufsetzt.

Politische Unterstützung für offene Lizenzen

Die Chancen der Digitalisierung für offeneren Zugang zu Wissen und Bildung lassen sich nicht realisieren, wenn aus gedruckten Schulbüchern einfach nur E-Books werden. Mehr noch, die Chancen liegen zu einem großen Teil gerade nicht im verstärkten Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Die größte Chance der Digitalisierung für den Bildungsbereich ist verbunden mit dem einfachen und kostenlosen Teilen von Wissen im Allgemeinen und Lernmaterialien im Speziellen. Der in Bildungseinrichtungen ohnehin vorhandenen Kultur des Teilens mit digitalen Technologien und offenen Lizenzen zum allgemeinen Durchbruch zu verhelfen, ist deshalb das politische Gebot der Stunde.

Gegenposition - Geteilte Bildung ist halbe Bildung


Dr. David KlettDavid Klett (Kooperative Berlin) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Nichts passt so gut zu einer "Kultur des Teilens" wie "Open Educational Resources" (kurz: OER, oft übersetzt mit "Freie Bildungsmaterialien"). OER entstehen durch das Teilen von Wissen, Ideen und Inhalten und vereinfachen zugleich das Teilen. Hört sich in der Theorie gut an, funktioniert in der Praxis aber nicht, meint Dr. David Klett, Geschäftsführer von Klett MINT. Denn vor allem fehlt die Basis: die Bereitschaft, zu teilen.

Zum Beitrag "Geteilte Bildung ist halbe Bildung"

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Kommentare anderer Nutzer

Martin Lindner | 03.07.2015 um 17:22 [Antworten]

Der Begriff des Teilens ist zu schwammig

"Teilen" funktioniert nicht als übergreifendes Prinzip, weil es viele verschiedene Sorten von Teilen umfasst:

Bei Wikipedia teilt man eigentlich gar nicht. Man baut, man steuert bei, man nimmt an etwas teil, dass größer ist als man selbst. Man spürt Selbstwirksamkeit. Und das einem umgekehrt Würde gibt.

Wissenschaft: Das ist wohl schon Teilen. Man gibt etwas hinein, damit a Resonanz, Anreicherung, Aufwertung entsteht und b damit so etwas angestoßen wird, von dem man selber wieder profitieren will. Das funktioniert nicht bei OER, weil es darin gar nicht um Wissen geht, außer man ist selbst Didaktiker oder Uni-Pädagoge.

Communities of Practice teilen: Da geht es um das Gemeinschaftsgefühl, die wechselseitige Anerkennung als Praktiker. Auch um das reale Lösen von Problemen. Apprenticeship ...
Quora wäre ein Beispiel, oder Fachforen von Programmierern.

Netz-Communities teilen Materialien: Das müsste man auf Sammler-und Fan-Communities, bis hin zu Porno-Foren. Warum teilen die? Was treibt sie an? Wieviel Anteil hat das Design der Community Software? Das sind keine Wikis.

Uber funktioniert wieder anders. Das klassische Commons-Beispiel, die Allmende-Weide, funktioniert wieder ganz anders. Usw., usw.


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